Kommunikationsstörungen in Interviews


Hausarbeit, 2017

21 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Normen, Regeln und Entstehung von Störungen in Interviews
2.1 Welche formalen Regeln gibt es in Interviews?
2.2 Welche Abweichungen gibt es in Interviews und wie gehen die Teilnehmer damit um?
2.3 Wie entstehen Störungen?

3. Wie können Störungen gelöst werden?

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Anlagen

1. Einleitung

Störungen in Interaktionsprozessen passieren ständig. Im Alltag, sowie auch im institutionellen Rahmen. Häufig machen wir uns darüber keine weiterführenden Gedanken, es gehört eben einfach dazu. Ich finde das Thema sehr interessant und möchte mich im Folgenden näher mit solchen Störungen beschäftigen. Dabei konzentriere ich mich auf Kommunikationsstörungen in Interviews. Dazu ist es sicherlich sinnvoll, zunächst einmal zu definieren, was ich unter Kommunikationsstörungen verstehe, da der Begriff doch einen relativ großen Bedeutungsspielraum zulässt. Laut Wikipedia ist eine Kommunikationsstörung die Unfähigkeit mit anderen Menschen zu sprechen oder zu ihnen eine Beziehung aufzubauen. Bergmann (2012) spricht von „Störungen in der Interaktion“ und meint damit Störungen von außerhalb, die die Beteiligten von ihrem eigentlichen Gesprächsthema ablenken können. Es gibt auch Störungen, die in der Kommunikation zwischen zwei Menschen auftreten können, weil sich mindestens ein Teilnehmer nicht an die konventionellen Normen und Regeln, die für das jeweilige Gesprächsformat gelten, hält. Diese Störungen sind auf den ersten Blick manchmal gar nicht offensichtlich, da sie oft auf der para- oder nonverbalen Ebene transportiert werden und von den Teilnehmern gut versteckt werden. Mit der zuletzt erwähnten Auffassung von Kommunikationsstörungen möchte ich mich in dieser Arbeit beschäftigen. Dabei unterscheide ich zwei Arten von Störungen: erstens semantische Verständigungsprobleme und zweitens Probleme, bei denen die Zuordnung der Bedeutung gelingt, aber sich unterschiedliche Interessen und Positionen gegenüberstehen. Die zweite Art ist häufig in Politiker-Interviews zu finden. Dort wird grundsätzlich keine Übereinkunft angestrebt. Die Grenzen der beiden Arten von Störungen sind fließend. (vgl. Fiehler 1998, 12) Außerdem existieren auch stärkere Formen von Störungen: dies sind dann Konflikte oder Konfrontationen. In dieser Arbeit werde ich mich allerdings auf den Umgang mit einfachen Störungen beschränken.

Nun, da die Definitionsfrage geklärt ist, können wir zu den Zielen der Arbeit übergehen. Meine Leitfragestellung befasst sich mit der Frage, ob Interviews durch ihren sehr begrenzten Rahmen besonders anfällig für Kommunikationsstörungen sind. Oder aber ob sie, wie Bergmann (vgl. 2012, 7) vermutet, im Vergleich zu geselligen Gesprächen gerade durch den begrenzten Rahmen eher weniger anfällig für Störungen sind.

Um diese Frage abschließend beantworten zu können, werde ich im ersten Teil zunächst einmal darauf eingehen, wie Kommunikationsstörungen überhaupt entstehen. Was veranlasst die Teilnehmer dazu, die konventionellen Regeln eines Gesprächs, oder spezifischer der Gattung des Interviews, zu verletzen? Sind Kommunikationsstörungen immer beabsichtigt oder können sie auch unbewusst entstehen? Dazu schaue ich mir zwei Ausschnitte aus zwei verschiedenen Interview-Gattungen an. Danach, und das ist eng verbunden mit dem ersten Thema, werde ich mich darauf konzentrieren zu beobachten und zu analysieren, wie die Interviewteilnehmer mit solchen Störungen umgehen. Wie reagieren sie auf Abweichungen vom normalen Schema? Sind hier Tendenzen zu erkennen? Zuletzt werde ich mich damit beschäftigen, wie auftretende Kommunikationsstörungen gelöst oder beseitigt werden können. Bieten die Interaktanten selbst Möglichkeiten zur Problemlösung an? Mit welchen Mitteln können Störungen verhindert werden? Auch hier werde ich die Frage anhand eines Beispiels genauer betrachten.

2. Normen, Regeln und Entstehung von Störungen in Interviews

Um zu verstehen, wie Störungen in Interviewsituationen entstehen, ist es sinnvoll, sich zuerst anzuschauen, wie ein Standardinterview aufgebaut ist und welche formalen Regeln es dabei einzuhalten gilt. Des Weiteren sollte man sich anschauen, was man unter Kommunikationsstörungen im Allgemeinen versteht und welche dieser Störungen in Interviews vornehmlich auftreten.

2.1 Welche formalen Regeln gibt es in Interviews?

Im Allgemeinen gibt es einige Regeln, die für alle Interviewtypen gelten. Darunter fallen zum Beispiel Interviews in Talkshows, in Sportsendungen oder Interviews, die mit Menschen auf der Straße geführt werden. Davon abzugrenzen ist das Nachrichten-Interview, für das einige spezielle Regeln gelten. Das sogenannte „Turn-taking system“, das den Sprecherwechsel in Gesprächen reguliert, ist in Interviews durch ein ganz bestimmtes Prinzip geregelt: nämlich der „question-answer rule“ zwischen Interviewer und Interviewtem. Diese ist eine soziale Norm, an die sich die Teilnehmer halten sollten. (vgl. Heritage and Ruth 1995 zit. n: Clayman 2012, 631). Sowohl Fragen als auch Antworten fallen in Interviews häufig sehr ausführlich aus (vgl. Clayman 2012, 631). Oft gehen die Fragen auch mit einem gewissem Unterton einher. Dieser kann zum Beispiel aggressiv, spöttisch oder provozierend sein. (vgl. Clayman 2012, 632) Bei einem Sprecherbeitrag eines Interviewers kann es auch vorkommen, dass dieser nicht nur aus Fragen besteht (vgl. Clayman 2012, 632). Solche Beiträge dienen häufig als Vorbereitung auf die eigentliche Frage, zum Beispiel durch Nennung von Hintergrundinformationen für das Fernsehpublikum (vgl. ebd.). Interviewte unterbrechen einen solchen Redebeitrag normalerweise nicht, weil auch sie das Frage-Antwort-Prinzip kennen (vgl. Clayman 2012, 632 + 633). Ein wichtiges Merkmal für Nachrichten-Interviews ist, dass in der Regel keine Hörerrückmeldungen gegeben werden, weder von Seiten des Interviewten noch von Seiten des Interviewers (vgl. Clayman 2012, 632). In allen übrigen Interviewtypen können sie durchaus auftreten. Außerdem ist es üblich, dass geschlossene Fragen, bei denen ein Ja oder Nein als Antwort ausreichen würde, nicht nur mit einem Wort beantwortet werden (vgl. Clayman 2012, 633). Teilweise kommt es vor, dass Interviewteilnehmer die Frage vorerst mit einer einfachen Zustimmung oder Ablehnung beantworten, aber danach noch eine Begründung in einem längerem Redebeitrag hinzufügen (vgl. ebd.). Genauso wie die interviewte Person den Interviewer nicht unterbricht, bis dieser eine Frage formuliert hat, unterbricht der Interviewer den Interviewten bei seinen Ausführungen in der Regel nicht, da er ausführliche Antworten als den Standardfall ansieht (vgl. Clayman 2012, 633). Wann der Sprecherbeitrag des Interviewten beendet ist, ist allerdings nicht immer ganz eindeutig (vgl. ebd.). Ein Hinweis dafür kann aber das Wiederholen von bestimmten lexikalischen Elementen aus der Frage sein (vgl. Schegloff, 2011 zit. n. Clayman 2012, 633). Abgesehen von der Eröffnungsphase werden die Zuschauer in der Regel nicht explizit angesprochen (vgl. Clayman 1990 zit. n. Clayman 2012, 636). Während des Interviews adressieren die Beteiligten ihre Aussagen jeweils an den Partner (vgl. Clayman 2012, S. 636). Formulierungen, die das Gesagte noch einmal zusammenfassen, sind bei Nachrichteninterviews nicht unüblich (vgl. Clayman 2010c; Heritage, 1985 zit. n. Clayman 2012, 636). Sie reflektieren das Gesagte und machen die Orientierung des Interviewten den Zuschauern deutlich (vgl. Clayman 2012, 636). In einigen Situationen beziehen sich die Interviewer auch direkt auf die Zuschauer. Dies hat den Vorteil, dass die Beiträge in offene Fragen münden und die Frage gleichzeitig neutralisiert und legimitiert wird. (vgl. Clayman 2012, 637) Bei Beendigung des Interviews wird der Interviewte noch einmal mit vollem Namen genannt (vgl. Clayman 1989 zit. n. Clayman 2012, 637). Dies soll als Information für Zuschauer dienen, die eventuell später zugeschaltet haben oder die die Identität der Person nicht erfasst haben (vgl. Clayman 2012, 637). Des Weiteren sollten Journalisten ihre eigene Meinung in den Fragen nicht zum Ausdruck bringen (vgl. ebd.). Sie sollten sich an das Gebot der Neutralität halten, da sie den Gast stellvertretend für das Publikum befragen (vgl. Clayman 2012, 647). Sie agieren also im öffentlichen Interesse (vgl. Clayman 2002c zit. n. Clayman 2012, 647). Eine weitere journalistische Norm ist nach Clayman (2012) „adversarialness“, also das Prinzip, das Interviewer immer eine gegnerische Meinung haben sollten (vgl. Clayman 2012, 640). Dazu gehört, dass Moderatoren die Themen, die im Interview angesprochen werden, selbst aussuchen dürfen. Darüber hinaus können sie in ihren Fragen Vorannahmen machen, die nicht unbedingt stimmen müssen. Außerdem können sie schon in der Frage versuchen, die Antwort in eine bestimmte Richtung zu lenken oder zumindest die Antwortmöglichkeiten stark einzuschränken. (vgl. Clayman 2012, 640 + 641)

2.2 Welche Abweichungen gibt es in Interviews und wie gehen die Teilnehmer damit um?

Wo Normen und Regeln bestehen, gibt es immer auch Abweichungen und Regelbrüche. Diese Abweichungen von Normen können zu Störungen in der Interaktion führen. Im Folgenden werde ich beispielhaft einige Verhaltensweisen zeigen, die Störungen in der Kommunikation beschleunigen.

Die Norm, dass Antworten ausführlich sein sollten, ist eine sehr stark bindende Regel (vgl. Clayman 2012, 633). Interviewer reagieren auf Abweichungen von dieser Norm, also auf minimale und kurze Antworten, sehr überrascht und sehen sie als unzureichend an. Im weiteren Gesprächsverlauf versuchen sie, ihrem Gegenüber durch offener und oft auch feindlicher gestellte Fragen weitere Informationen zu entlocken. Außerdem wirken sie in höchstem Maße unkooperativ. (vgl. Clayman 2012, 634) Das wohl bekannteste und eindrucksvollste Beispiel dafür ist das Interview des „sportstudio“-Moderators Rainer Günzler mit dem Boxer Norbert Grupe aus dem Jahr 1969. Nach einer Niederlage bei einem Boxwettkampf wird dieser zu seinem Gesundheitszustand und zu einigen Details des Kampfes befragt. Zuerst antwortet dieser sehr einsilbig und geht dabei nicht auf die eigentliche Frage ein. Der Moderator reagiert darauf, indem er die spärlichen Antworten des Boxers wiederholt. Die darauffolgenden Fragen beantwortet der Interviewte gar nicht mehr, sondern schweigt nur noch und lächelt. Daraufhin entsteht ein langes Schweigen. Nach einiger Zeit beantwortet der Moderator die Frage selbst, in dem er hinzufügt, dass Grupe ihm dies schon vorher erzählt habe. Als der Boxer ihm auch auf die nächste Frage nicht antwortet, spricht er ihn direkt auf sein Schweigen an, was dieser wiederum mit Schweigen quittiert. Bei einer weiteren Frage wertet der Moderator das Schweigen als Ablehnung. Danach beendet er das Interview und bedankt sich ironisch bei seinem Gast für sein Kommen. Hier sieht man sehr stark, dass minimale bzw. im extremsten Fall überhaupt keine Antworten sozial bedeutungsvolle Handlungen sind und das Interview in hohem Maße steuern können (vgl. Clayman 2012, 634). Knappe Antworten können aber auch eine Methode sein, um stillschweigende Ablehnung gegenüber der Richtung, in die das Interview geht, zu signalisieren (vgl. ebd.). In diesem Beispiel tritt klar eine Kommunikationsstörung auf, da die Frage-Antwort-Regel nicht erfüllt wird und eine Kommunikation bzw. Interaktion immer aus mehreren Beteiligten bestehen muss.

Störungen können aber auch auftreten, wenn der Interviewte sich nicht daran hält, abzuwarten, bis der Interviewer eine Frage stellt, sondern ihn während seines einleitenden Redebeitrags unterbricht (vgl. Clayman 2012, 634). In dieser Situation ist nicht die fehlende Antwort das Problem, sondern, im Gegenteil, das verfrühte Antworten. Oft gehen solche Unterbrechungen mit Fragen nach der Erlaubnis zu sprechen einher, ohne jedoch auf eine Einwilligung zu warten (vgl. Clayman 2012, 635). Im extremsten Fall bestätigt oder verneint der Interviewte jede einzelne Aussage des Interviewers. Dabei verpacken die Interviewten diese Abweichungen als Antwort und berufen sich auf den Frage-Antwort-Rahmen. Ein solches Verhalten kann in Interviews schnell einen aggressiven Charakter annehmen, da die Teilnehmer sich um ihr Rederecht streiten müssen. (vgl. ebd.)

Neutralität ist für Journalisten eines der obersten Gebote (vgl. Clayman 2012, 637). Dieses vernachlässigen sie vor allem dann, wenn sie ein Gegenargument bringen müssen, um eine Balance herzustellen (vgl. Clayman 2012, 640) oder, um sich selbst gegen Attacken zu schützen (vgl. Clayman & Heritage 2002a zit. n. Clayman 2012, 640).

Außerdem dürfen Interviewer ihre Fragen nicht so stellen, dass sie zwar grammatikalisch gesehen als Ja-Nein Fragen gelten, aber de facto so sehr eine der beiden Möglichkeiten bevorzugen, dass sie eher einem Standpunkt bzw. einer Aussage gleichkommen (vgl. Clayman & Heritage 2002a: 217-21; Heritage, 2002c zit. n. Clayman 2012, 645). Darüber hinaus dürfen keine Fragen, die mit Vorwürfen oder Vorurteilen beladen sind, gestellt werden, da sie zwar rein formal nach einer Erklärung verlangen, aber schon implizieren, dass es keine ausreichende Erklärung für das Handeln der jeweiligen Person gibt (vgl. Clayman 2012, 645). Ein gutes Beispiel für diese Art Fragen zu stellen, ist der Journalist und Moderator Klaus Kleber. Dies hängt aber natürlich nicht nur von dem Journalisten ab, sondern auch von der Nachrichtensendung. Das heute-journal, das er moderiert, stellt grundsätzlich schärfere Fragen und beschränkt sich nicht so sehr auf das Neutralitätsgebot, wie die Tagesschau oder andere 20 Uhr-Nachrichtenformate. In einem Interview mit dem CSU-Vorsitzendem Horst Seehofer wird dies besonders deutlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kleber bezieht sich hier zuerst auf eine Aussage der Kanzlerin. Diese stellt er als Fakt dar, obwohl die Kanzlerin nur „verspricht“ (Z.1), dass Deutschland sich nicht verändern wird. Danach zählt er alle positiven Dinge auf, die getan werden, damit alles so bleibt wie bisher. Die nachfolgenden Frage „wo ist ihr Problem?“ (Z.5) impliziert den Vorwurf: „Es wird doch schon alles dafür getan, dass die Zahl der Flüchtlinge sinkt. Was wollen Sie mehr?“. Auch an Klebers Tonfall wird deutlich, dass dies keine einfache Frage nach Informationen ist, sondern, dass er einen konfrontativen Kurs einschlägt (vgl. Clayman 2012, 646). Eine plausible Antwort auf die Frage kann es demnach gar nicht geben. Seehofer ist von der Frage merklich überrumpelt. Dies ist an der langen Schweigephase und dem Zeitfüller „äh“ (Z.7) zu erkennen. Im Folgenden greift er Klebers Formulierung „unser Problem“ (Z.7) zwar auf, inhaltlich geht es in seiner Aussage aber gar nicht um ein Problem, sondern eher um ein Ziel oder eine Forderung.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Kommunikationsstörungen in Interviews
Hochschule
Universität Siegen
Veranstaltung
Linguistische Analyse von Gesprächen im Fernsehen
Note
1,3
Jahr
2017
Seiten
21
Katalognummer
V436456
ISBN (eBook)
9783668767997
ISBN (Buch)
9783668768000
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kommunikation Störungen Interview
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Kommunikationsstörungen in Interviews, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436456

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