Hannah Arendts Macht- und Gewaltkonzept am Beispiel des "Bloody Sunday 1965"


Hausarbeit, 2016
11 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

2 Theoretischer und konzeptioneller Rahmen
2.1 Machtbegriff nach Arendt
2.2 Macht und Gewalt als Gegensätze

3 Hannah Arendt und der „Bloody Sunday“

3.1 Die Gewaltanwendung der Trooper samt ihrer Folgen

4 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

7. März 1965, die Alabama State Trooper des US-Bundestaats Alabama stürzen sich auf der Edmund Pettus Bridge mit Tränengas und Knüppel auf die rund 600 unbewaffneten afroamerikanischen Demonstranten des Selma-nach-Montgomery-Marschs, welche ein Zeichen gegen die diskriminierenden Vorbedingungen bezüglich der schwarzen Minderheit bei der Aufnahme ins Wahlregister setzen wollten (vgl. Vaughn/Davis 2006: 229; Garrow 1978: 73 ff.). Dieser vom gewaltbereitem Sheriff Jim Clark aufgegebene Angriffsbefehl, sorgt für eine Auflösung der Demonstration und hinterlässt viele verletzte Afroamerikaner auf offener Straße. Der Tag geht als „Bloody Sunday“ in die US-Geschichte ein (vgl. Garrow 1978: 77).

Nur 20 Tage später findet der letzte von insgesamt drei Marschversuchen statt. Dieser weist diesmal über 25.000 Mitstreiter auf und erreicht ohne größere Komplikationen sowie unter Schutz von Soldaten der US-Army erfolgreich die Hauptstadt Montgomery in Alabama (vgl. Vaughn/Davis 2006: 233 f.).

Präsident Johnson unterzeichnet lediglich 5 Monate später den „Voting Rights Act of 1965“ und ruft damit ein Wahlrechtsgesetz hervor, welches jedem US-Bürger und damit auch der schwarzen Minderheit eine gleichberechtigte Aufnahme in das Wahlregister bieten soll (vgl. Garrow 1978: 181).

Diese innerhalb von nur 5 Monaten in die US-Geschichte eingegangenen Veränderungen von Macht- und Gewaltverhältnissen, implizieren somit folgende zu klärende Forschungsfrage:

Wie ist nach Hannah Arendts Macht- und Gewaltkonzept das veränderte Macht- und Gewaltverhältnis zwischen den Alabama State Trooper und der schwarzen Minderheit als eine Folge des „Bloody Sunday“ 1965 zu begründen?

Da Hannah Arendts Ansichten bezüglich des Macht- und Gewaltbegriffs in Anlehnung verschiedener Studentenrebellionen und Bürgerrechtsbewegungen 1970 publiziert wurden, eignen sich diese aufgrund des zeitlichen und inhaltlichen Rahmens hervorragend zur Beantwortung der vorliegenden Forschungsfrage.

Ziel der Beantwortung dieser Fragestellung ist es außerdem, bei vergleichbaren Demonstrationen ähnlich auftretende Macht- und Gewaltstrukturen durch Arendts Machtkonzept transparenter nachzuvollziehen.

Genau genommen beschäftigt sich diese Arbeit also schwerpunktmäßig mit Arendts Konzept von Macht und Gewalt unter Verwendung des „Bloody Sunday“ als Anwendungsbeispiel.

Zur sinnvollen Beantwortung der Forschungsfrage bedarf es in der Hausarbeit daher einer gezielten Vorgehensweise. Auf der Einleitung aufbauend, wird im zweiten Kapitel zunächst Arendts Verständnis von Macht und Gewalt wiedergegeben. So ist vorerst eine Basis geschaffen, auf der die Korrelation von Macht und Gewalt im Anwendungsbeispiel analytisch aufgefasst werden kann.

Im dritten Kapitel soll dann Hannah Arendts Macht- und Gewaltkonzept mit dem „Bloody Sunday“ verknüpft werden, um zu einer transparenten Beantwortung der Forschungsfrage zu führen.

Im Schlussteil werden letztlich die Kernelemente zur Beantwortung der Forschungsfrage zusammengefasst aufgegriffen. Die Fragestellung soll somit abgerundet beantwortet werden.

2 Theoretischer und Konzeptioneller Rahmen

In diesem Kapitel wird nun die Bedeutung des Macht- und Gewaltbegriffs nach Hannah Arendt aufgegriffen. Wichtig ist hierbei zu wissen, dass nicht die gesamte Spannweite des Macht- und Gewaltbegriffs samt ihrer verschiedenen Erklärungsmöglichkeiten aufgefasst werden, da nur die Punkte zu berücksichtigen sind, die auch für die Verknüpfung mit dem Anwendungsbeispiel im dritten Kapitel von Relevanz sein könnten. Alles andere würde den Rahmen der Arbeit sprengen.

Zudem wird zunächst mit einer Definition Arendts von Macht eingestiegen, um direkt im Kern der Materie anzudocken.

2.1 Machtbegriff nach Arendt

Macht entspricht der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln. Über Macht verfügt niemals ein Einzelner; sie ist im Besitz einer Gruppe und bleibt nur so lange existent, als die Gruppe zusammenhält.“ (Arendt 1987: 45)

Nach dieser Definition Arendts besitzt Macht eine konstruktive Dimension, da diese aus dem Zusammenleben der Menschen entspringt und dort benötigt wird, wo eine politische Öffentlichkeit über die gemeinsamen Angelegenheiten offen und frei diskutiert, also handelt (vgl. Schönherr-Mann 2006: 143). Die Gemeinschaft ist somit ein Teil der Macht, da Macht selbst eine Gruppe zusammenhält. (vgl. Hammer et al. 2013: 41).

„Was den Institutionen und Gesetzen eines Landes Macht verleiht, ist die Unterstützung des Volkes, die wiederum nur die Fortsetzung jenes ursprünglichen Konsens ist, welcher Institutionen und Gesetze ins Leben gerufen hat.“ (Arendt 1970: 42)

Macht entsteht also nach Arendt, wenn z.B. Bürger freiwillig und zustimmend einer Regierung oder Verwaltung folgen. Die Zustimmung also aus einer Gruppe her erfolgt, welche sich „der Kommunikation unter den Mitgliedern verdankt“ (Schönherr-Mann 2006: 140). Zudem zerfällt die Macht, sobald die Gruppe oder Menge auseinandergeht (vgl. Schönherr-Mann 2006: 140).

Auf den Nenner gebracht ist neben dem Handeln, also der gemeinsamen öffentliche Kommunikation (vgl. Schönherr- Mann 2006: 136), die Existenz einer Gruppe oder Gemeinschaft ebenfalls von Relevanz für Macht (vgl. Hammer et al. 2013: 42).

Zugleich sollte an dieser Stelle erwähnt werden, dass die Macht nach Arendt zwar durch den Zusammenschluss einer Gruppe entsteht, ob aus dieser jedoch Freiheit oder Repression folgt, hängt wiederum von anderen Bedingungen ab (vgl. Hammer et al. 2013: 44). Macht ist also ein Beziehungsbegriff und ist nicht einem Individuum zuzuordnen (vgl. Hammer et al. 2013: 44), womit wir auch gleich bei der nächsten Komponente der Macht nach Hannah Arendt wären:

„Zu den entscheidenden Unterschieden zwischen Macht und Gewalt gehört, dass Macht immer von Zahlen abhängt, […]“ (Arendt 1987: 43).

Für die Existenz von Macht bedarf es also mindestens zweier Personen (vgl. Hammer et al. 2013: 43). Ein rein zufälliges Treffen dieser zwei Personen erzeugt jedoch nicht automatisch Macht, erst durch gemeinsame Kommunikation und Organisation sowie durch eine existierende Relation zwischen den Personen kann von Macht im Sinne Arendts gesprochen werden (vgl. Hammer et al. 2013: 49).

Macht kann sich nach Arendt außerdem nur da bilden und entfalten, wo Menschen durch das Handeln, also durch die öffentliche Kommunikation, Unwahrheiten durchschauen und aufdecken. Macht als Ergebnis öffentlicher Kommunikation beruht also auf den Wahrheitsgehalt der Kommunikation (vgl. Schönherr-Mann 2006: 140).

So schreibt Arendt zur Entstehung von realisierter Macht in Vita activa:

„[…] wo Worte nicht mißbraucht werden, um Absichten zu verschleiern, sondern gesprochen sind, um Wirklichkeiten zu enthüllen, und wo Taten nicht mißbraucht werden, um zu vergewaltigen und zu zerstören, sondern um neue Bezüge zu etablieren und festigen, und damit neue Realitäten schaffen.“ (Arendt 2006: 252)

Zusammengefasst beruht Macht also auf Mehrheitsverhältnisse. Sie ist an eine wahrheitsbehaftete sowie öffentliche und freiwillige Kommunikation und Interaktion gebunden (vgl. Martinsen et al. 2014: 20). Zudem ist Macht abhängig von Zahlen und nur existent, solange die Gruppe besteht.

Doch wie sieht es mit der Gewalt aus, kann nicht diese auch eine Form der Macht sein? Etwas die Macht aufbauendes und schützendes? Bildet diese nicht einen Vorläufer für Macht und geht mit dieser Hand in Hand bei einer Machtausweitung einher?

Um zu einem sinnvollen Analyseraster zur Beantwortung der ursprünglichen Forschungsfrage zu kommen, muss also im folgenden Kapitel zunächst noch das Verhältnis zwischen Macht und Gewalt nach Arendts Konzept analytisch aufgefasst werden.

2.2 Macht und Gewalt als Gegensätze

Während die Macht, wie im letzten Kapitel beschrieben, von Zahlen abhängt und nicht einem Individuum zuzuordnen ist, bildet Gewalt im Sinne Arendts eine zahlenunabhängige Dimension. Gewalt könnte also auch von einer einzigen Person ausgeübt werden, wenn genügend Mittel bestehen um gegen die Anderen vorzugehen (vgl. Hammer et al. 2013: 43):

„Zu den entscheidenden Unterschieden zwischen Macht und Gewalt gehört, daß Macht immer von Zahlen abhängt, während die Gewalt bis zu einem gewissen Grade von Zahlen unabhängig ist, weil sie sich auf Werkzeuge verläßt. […] der Extremfall der Gewalt [existiert] in der Konstellation: Einer gegen Alle.“ (Arendt 1987: 43).

Gewalt besitzt also einen stark instrumentellen Charakter im Gegensatz zur Macht, denn sie kann als wortloses Mechanismus eingesetzt werden, um jemanden zu einem bestimmten

Willen zu zwingen (vgl. Martinsen et al. 2014: 20). Gewalt ist nach Arendt also im Gegensatz zur Macht immer physischer Art und nicht psychischer (vgl. Schönherr-Mann 2006: 139).

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Hannah Arendts Macht- und Gewaltkonzept am Beispiel des "Bloody Sunday 1965"
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Sozialwissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
11
Katalognummer
V436466
ISBN (eBook)
9783668768031
ISBN (Buch)
9783668768048
Dateigröße
683 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hannah Arendt, Macht, Gewalt, Macht und Gewalt, Bloody Sunday, 1965, Martin Luther King, Selma, Montgomery, Märsche, Politische Philosophie
Arbeit zitieren
Haci Yunus Erdal (Autor), 2016, Hannah Arendts Macht- und Gewaltkonzept am Beispiel des "Bloody Sunday 1965", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436466

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