Medikalisierung des Lebens - Zu: Illich, Ivan Die Nemesis der Medizin


Rezension / Literaturbericht, 2005

26 Seiten, Note: 1


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.0. Klinische Iatrogenesis
1.1. Der Erfolg der Ärzte – eine Illusion
1.1.1. These zu 1.1.
1.2. Nutzlose ärztliche Behandlung
1.2.1.-1.2.4. Thesen zu 1.2
1.3. Schädigung durch den Arzt
1.3.1.-1.3.2. Thesen zu 1.3.
1.4. Wehrlose Patienten
1.4.1. These zu 1.4.

2.0. Soziale Iatrogenesis – Die Medikalisierung des Lebens
2.1. Soziale Iatrogenesis
2.1.1. These zu 2.1.
2.2. Monopol der Ärzte
2.2.1.-2.2.4. Thesen zu 2.2.
2.3. Wertfreie Behandlung?
2.3.1. These zu 2.3.
2.4. Die Medikalisierung der Finanzen
2.4.1.-2.4.2. Thesen zu 2.4.
2.5. Die pharmazeutische Invasion
2.5.1. These zu 2.5.

3.0. Kulturelle Iatrogenesis
3.1. Das Abtöten von Schmerz
3.1.1.-3.1.2. Thesen zu 3.1.
3.2. Erfindung und Beseitigung von Krankheit
3.2.1.-3.2.2. Thesen zu 3.2.
3.3. Tod kontra Tod
3.3.1.-3.3.2. Thesen zu 3.3.

4.0. Fazit

Einleitung

Ivan Illich wurde 1926 als Sohn eines katholischen Kroaten und einer deutschen, lutherischen getauften Jüdin mit spanischen und amerikanischen Vorfahren in Wien geboren. Er studierte Naturwissenschaften und Philosophie in Florenz. An der Gregoriana in Rom studierte er anschließend Theologie und promovierte in Geschichte in Salzburg. Er war zunächst als Seelsorger in den New Yorker Slums tätig und leitet von 1956 - 1960 die Universität von Puerto Rico. Illich lehrte an verschiedenen Universitäten z.B. in Berkeley und an der Universität von Pennsylvania sowie als Gastprofessor an der Gesamthochschule in Kassel und an den Universitäten Marburg und Bremen. Seine Veröffentlichungen zum Gesundheitssystem, Bildungswesen und zu modernen Informationstechnologien weisen ihn als einen der bedeutendsten Querdenker, Analytiker und sprachmächtigsten Zivilisationskritiker unserer Zeit aus. Das Buch „Nemesis der Medizin" erschien erstmalig 1975 unter dem Titel „Die Enteignung der Gesundheit" und verursachte bei den Lesern Schock und Provokation zugleich. Er zeigt auf wie Interessengruppen und deren Ideologien den Patienten zum abhängigen Verbraucher machen und die Medizin zum Verbrauchsgut werden lassen (vgl. Illich 1995, S.3). In diesem Manuskript werde ich die Aspekte der Klinischen, Sozialen und Kulturellen Iatrogenesis schildern und mit den anhängigen Thesen kritisch beleuchten. Diese sollen zur Diskussion anregen und klären, inwieweit Illich heute noch gültige oder nicht mehr haltbare Auffassungen vertritt.

1.0 Klinische Iatrogenesis - Die Pestilenz der modernen Medizin

Die im Westen verbreiteten Krankheiten haben sich in den letzten drei Generationen verändert. Poliomyelitis, Diphtherie und Tuberkulose sind fast besiegt und Lungenentzündung und Syphilis sind mit Antibiotika heilbar. Massenseuchen sind soweit unter Kontrolle gebracht das zwei Drittel aller Todesfälle durch Altersleiden bedingt sind. Es lässt sich jedoch keine direkte Verbindung zwischen dem Wandel der Krankheitsbilder und dem medizinischen Fortschritt nachweisen.

Eher sind sie Folge von politischen und technologischen Umwälzungen und haben wenig mit den Aktivitäten der Gesundheitsberufe zu tun. Ganz im Gegenteil sind Krankheiten, mit denen man heute zu tun hat, Folgen der ärztlichen Eingriffe an gesunden oder kranken Menschen (vgl. Illich 1995, S.17/18).

1.1. Der Erfolg der Ärzte – eine Illusion

Nach der Untersuchung verschiedener Krankheiten in den letzten hundert Jahren zeigt sich, dass der Einfluss der Ärzte auf Epidemien kein größerer ist als der der Priester in früheren Zeiten. Hier wäre z.B. die Tuberkulose zu nennen, die in New York im Jahr 1812 zu einer geschätzten Todesrate von mehr als 700 pro 10000 Einwohner führte. Als Robert Koch erstmals den Krankheitserreger isolierte waren die Todesfälle bereits auf 370 pro 10000 Einwohner zurückgegangen. Die Rate sank 1910 als das erste Sanatorium eröffnet wurde auf 180 pro 10000 Einwohner. Die Schwindsucht hielt zu der Zeit den zweiten Platz auf den Sterbetabellen. Nach dem zweiten Weltkrieg, aber noch bevor die Antibiotika-Therapie routinemäßig eingesetzt wurde sank die Rate auf 48 pro 10000 Einwohner und die Krankheit belegte auf den Sterbetabellen den 11. Platz. Hier sanken die Todesfälle zunehmend ohne ärztliches Tun genauso wie bei Cholera, Ruhr und Typhus. Später büßten diese Krankheiten viel von ihrer Gefährlichkeit und sozialen Bedeutung aufgrund der Erkenntnis über Ätiologie und spezifischer Therapie ein. Auch bei Scharlach, Diphterie, Keuchhusten und Masern reduzierte sich die Mortalität noch vor der Einführung der Antibiotika Therapie und Schutzimpfungen. Gründe dafür sind als wichtigster Faktor bessere Ernährung und damit eine höhere Resistenz des menschlichen Körpers, bessere Wohnbedingungen und eine geringere Virulenz der Mikro-Organismen. Dies scheint umso wahrscheinlicher, da in ärmeren Ländern unabhängig von der ärztlichen Versorgung Diarrhoe und Atemwegsinfektionen häufiger auftreten, länger dauern und in Regionen in der die Ernährung schlecht ist zu einer höheren Sterblichkeit führen. Heute haben wir mit modernen Epidemien wie Koronarerkrankungen, Emphysemen, Bronchitis, Fettleibigkeit, Bluthochdruck, Krebs, Arthritis, Diabetes und den so genannten psychischen Krankheiten zu kämpfen. Trotz intensiver Erforschung der Ursachen für diese Veränderung ist die Ätiologie nicht vollständig zu klären. Bei der Analyse der Krankheitstrends für mehr als ein Jahrhundert zeigt sich jedoch das die Umwelt die ausschlaggebende Determinante des allgemeinen Gesundheitszustands jeder Bevölkerung ist. Die Medizingeografie, die Geschichte der Krankheiten, die medizinische Anthropologie und die Sozialgeschichte der Einstellung zur Krankheit haben gezeigt, dass die Beschaffenheit von Nahrung, Wasser und Luft - in Korrelation mit dem Grad soziopolitischer Gleichheit und den Kulturmechanismen, die eine stabile Bevölkerungszahl ermöglichen - entscheidend bestimmen, wie gesunde erwachsene Menschen sich fühlen und in welchem Alter sie für gewöhnlich sterben. So ist festzustellen das die alten Krankheitsursachen schwinden und moderne Epidemien die auf Fehlernährung beruhen auf dem Vormarsch sind.

Ein Wandel der ebenfalls zu Verbesserung der allgemeinen Gesundheitsbedingungen beigetragen hat ist oft von Ärzten propagiert worden, jedoch mussten sie um optimal wirksam zu werden zum Bestandteil der Umwelt und der Kultur werden. Als Beispiele hierfür sind z.B. die Wasseraufbereitung und Abwasserbeseitigung, gewisse antibakterielle und insektizide Verfahren, Verwendung von Seife und Verwendung von Entlausungsmittel zu nennen. Diese Hilfsmittel und Verfahren sind mittlerweile auch in die Laienkultur eingegangen und führten zu einer Verschiebung der Mortalität von jüngeren zu älteren Bevölkerungsgruppen.

Im dem Gegensatz zu diesen Verbesserungen der Umweltbedingungen und modernen, nicht ärztlichen Gesundheitsmaßnahmen steht die spezifische medizinische Behandlung, die nicht in einem deutlichen Zusammenhang mit dem Rückgang der Krankheitslast oder dem Anstieg der Lebenserwartung in Verbindung zu bringen ist (vgl. Illich 1995, S.18ff).

1.1.1. These 1 zum Punkt 1.1.

Die Auffassung von Illich ist auch heute noch gültig. Eine der Auffassungen lässt sich z.B. durch die Fehlernährung, die in Entwicklungsländern zu Mangelernährung, in Industrieländern zu Fettleibigkeit führt, nachzuvollziehen. Ein weiterer Beleg sind zudem Krankheiten, die psychisch bedingt sind wie z.B. Anorexia nervosa und Bulimie.

1.2. Nutzlose ärztliche Behandlung

Die heutige Medizin verwendet Formen der Diagnose und Therapie, die teuer ist, und deren Wirksamkeit zweifelhaft ist. Um diesen Sachverhalt klarer herauszustellen, unterscheidet Illich zwischen infektiösen und nichtinfektiösen Krankheiten. Bei den infektiösen Krankheiten spielt die Chemotherapie eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung von Lungenentzündung, Gonorrhoe und Syphilis. Bei der Behandlung der Lungenentzündung gingen nach der Einführung des Antibiotika jährlich um 5-8 Prozent zurück. Auch sind Erfolge bei Malaria und Typhus zu verzeichnen, wobei die Malaria wieder im Vormarsch begriffen ist, was nicht an unwirksamen Medikamenten sondern an pestizidresistenten Moskitos liegt. Impfungen haben dazu beigetragen das Poliomyelitis eine in entwickelten Ländern ausgerottete Krankheit ist. Dies ist bei Masern und Keuchhusten ähnlich und scheint den Glauben an den medizinischen Fortschritt zu bestätigen. Doch bei vielen übrigen Infektionskrankheiten ist kein vergleichbarer Erfolg nachzuweisen. So ist durch medikamentöse Behandlung von Tuberkulose, Tetanus, Diphterie zwar die Todesrate gesunken, doch die Chemotherapie spielt beim Gesamtrückgang der Mortalität und Morbidität eine geringe bzw. untergeordnete Rolle.

Bei nicht infektiösen Krankheiten ist die Wirksamkeit ärztlicher Maßnahmen noch fragwürdiger. Prävention wie z.B. bei Karies durch Fluoridierung des Trinkwassers ist sehr umstritten. Die Subventionstherapie mit Insulin verringert die unmittelbaren Beschwerden bei Diabetes, dies allerdings nur kurzfristig. Auch überleben Menschen die mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert werden durch intravenöse Ernährung, Bluttransfusionen und chirurgische Techniken aber die Überlebensraten für die häufigsten Formen von Krebs - die 90 Prozent aller Fälle ausmachen sind in den letzten 25 Jahren nahezu unverändert geblieben. So beträgt die Fünfjahres-Überlebensrate bei Brustkrebs 50 Prozent, ungeachtet der Häufigkeit von ärztlichen Untersuchungen und der eingeschlagenen Therapie. Auch die Intensivtherapie von Herzleiden sowie die Behandlung von kardiovaskulären Erkrankungen sind nur dann wirksam, wenn ganz ungewöhnliche Umstände zusammentreffen, die sich der Kontrolle des Arztes entziehen. So ist auch die medikamentöse Behandlung von Bluthochdruck mit Risiken verbunden, die den tatsächlichen Nutzen überwiegt (vgl. Illich 1995, S.21ff).

1.2.1. These 1 zum Punkt 1.2.

Die Ausführungen sind nachvollziehbar, so führte z.B. der unreflektierte Einsatz von Antibiotika zu Resistenzbildungen. Auch wird in anderen Gebieten wie der Tierzucht und bei genmanipulierten Pflanzen Antibiotika eingesetzt die sich auf den Menschen schädlich auswirken können.

1.2.2. These 2 zum Punkt 1.2.

Der Einsatz von Insulin als Therapie von Diabetes dient nur der Symptombehandlung und führt nicht zur Verbesserung der Grunderkrankung. Dadurch wird keine ursächliche Krankheitsbehandlung durchgeführt und gerät auch für den Patienten aus dem Fokus.

1.2.3. These 3 zum Punkt 1.2.

Die Krebsbehandlung ist z.B. bei Brustkrebs nicht viel effizienter geworden und die fünf Jahre Überlebensrate ist etwa auf 70 Prozent angestiegen. Dies ist jedoch auch mit längeren Krankenhausaufenthalten, Chemotherapie mit ihren Auswirkungen und schweren chirurgischen Eingriffen verbunden.

1.2.4. These 4 zum Punkt 1.2.

Die Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist heute mutmaßlich besser geworden, da eine schnellere Behandlung von z.B. Herzinfarkten durch Notarzteinsätze und Behandlung auf der Intensivstation möglich ist, unter der Voraussetzung das der Patient diese Möglichkeit frühzeitig wahrnimmt.

1.3. Schädigung durch den Arzt

Vergebliche aber ansonsten harmlose Behandlung ist noch die am wenigsten schädliche Auswirkung, die ein moderner Medizinbetrieb der Gesellschaft zufügt. Nach Illich laufen die Leiden, Arbeitsunfähigkeit, Schwäche und Qual der Morbidität durch Verkehrs- und Arbeitsunfälle und sogar der kriegsbedingten Morbidität den Rang ab und werden somit zur am schnellsten um sich greifenden Epidemie. Die iatrogene Krankheit entsteht einerseits durch unkorrekte oder nicht angezeigte ärztliche Behandlung und andererseits allgemeiner gefasst durch die klinischen Zustände, die durch Heilmittel, Ärzte oder Krankenhäuser bei Patienten hervorgerufen werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Medikalisierung des Lebens - Zu: Illich, Ivan Die Nemesis der Medizin
Hochschule
Hochschule Ludwigshafen am Rhein
Veranstaltung
Sozialmedizin
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
26
Katalognummer
V43654
ISBN (eBook)
9783638414012
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Setzt sich mit dem folgenden Werk auseinander: Illich, Ivan Die Nemesis der Medizin, Verlag C.H.Beck, 1995 4. überarbeitete und ergänzte Auflage, erstmals erschienen 1975 unter dem Titel 'Die Enteignung der Gesundheit', Rowohlt Verlag
Schlagworte
Medikalisierung, Lebens, Illich, Ivan, Nemesis, Medizin, Sozialmedizin
Arbeit zitieren
Dipl. Pflegewirt (FH) Martin Römer (Autor:in), 2005, Medikalisierung des Lebens - Zu: Illich, Ivan Die Nemesis der Medizin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43654

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