"Der Wunderkasten". Ein literaturdidaktisch geeignetes Werk zum Erwerb der interkulturellen Kompetenz?


Essay, 2018
13 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserklärung

3. Die Konstruktion von Interkulturalität im Kinderbuch ״Der Wunderkasten“
3.1. Fremdheit
3.2. Postkoloniale Theorieansätze
3.2.1. Orientalismus
3.2.2. Kulturelle Identität

4. Gesellschaftskritik

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Folgenden wird das Bilderbuch ״Der Wunderkasten“[1], welches im Jahr 1990 in Zusammenarbeit zwischen dem syrisch-deutschen Kinderbuchautoren Rafik Schami, bürgerlich Suheil Fadél, und dem Kunstillustrator Peter Knorr entstanden ist, im Sinne der interkulturellen Hermeneutik[2] hinsichtlich seiner interkulturellen Phänomene analysiert. Spezifisch soll das interkulturelle Potenzial[3] des Werkes, also inwiefern Fremdheit bzw. kulturelle Differenzen zwischen verschiedenen Kulturen sowohl vom Autoren als auch vom Künstler literaturästhetisch, vor allem in Bezug auf die postkolonialen Theorieansätze[4], wie etwa bei der Konstruktion des Orientalismus im ״dritten Raum“, inszeniert wurden, wissenschaftlich untersucht werden.[5] Als wichtige einführende Sekundärliteratur, die zur Bearbeitung dieses Portfolios ausgewählt wurde, ist das Einführungswerk: ״Interkulturelle Literaturwissenschaft“ von Michael Hofmann zu nennen. Die von Heidi Rösch geschriebene Monographie ״Bilderbücher zum interkulturellen Lernen“[6] gilt hierbei ebenfalls als wichtiger Sekundärtext, in dem sich schon dezidiert mit den Werken des Autors Rafik Schami auseinandergesetzt wurde und somit in gewisser Weise als Grundgerüst für die Analyse des Bilderbuches ״Der Wunderkasten“ gelten könnte. Die Zitation folgt dem Schema des gemianistischen Hilfswerkes ״Arbeitstechniken Literaturwissenschaft“.[7] Nach einer Begriffserklärung der Interkulturalität soll dann mittels einer Analyse die übergeordnete Kernfrage beantwortet werden, inwiefern das Kinderbuch überhaupt Interkulturalität konstruiert und den Schülerinnen und Schülern[8] der Primarstufe bzw. Sekundarstufe I.[9] zum Erwerb der Interkulturellen Kompetenz verhelfen kann.

2. Begriffserklärung

Bevor die mögliche Konstruktion von Interkulturalität in der zu erforschenden Literatur diskutiert werden kann, müsste erstmal eine grundlegende Definitionen getätigt werden, die diesen sehr weit umfassten Begriff, der auf zahlreichen diametralen und teils problematischen Konzeptionen[10] beruht und sich durch die Emanzipation der ehemaligen Kolonialstaaten im Zuge der Globalisierung, also im Sinne einer immer weiter vernetzten Welt, als progressiv zu betrachten ist.

Der Begriff ״Kultur“ entstammt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich unter anderem: ״Landbau“[11]. Der Naturrechtsphilosophen Samuel von Pufendorf hat den Begriff in der frühen Aufklärung aus Ciceros antiken Werken rezipiert, welcher dann vom wichtigen Vertreter der Kulturphilosophie der Weimarer Klassik, Johann Gottfried Herder, als ״allgemeiner Begriff für die Gesamtheit der geistigen und artistischen Leistangen einer Gemeinschaft, die für die Ausbildung ihrer Identität als sozialer Gruppe als konstitutiv angesehen“[12] wurde. Daraus entwickelten sich die Modelle des Essentialismus und des Kulturalismus, wobei diese Modelle[13] den Begriff der Kultur mit ihren Eigenschaften in Zusammenhang mit gesellschaftlicher Homogenität verbinden, was aus heutiger Forschungssicht als problematisch[14] gilt, da die Konstellation der kollektiven Gesellschaftsmodelle der Modeme die gesellschaftliche Vielfalt bzw. die Pluralität der Ideologien, Schichtzugehörigkeiten und Interessen der globalisierten, heterogenen Gesellschaft der Postmoderne widersprechen. Insofern würde ich mich, hinsichtlich der Definition des Begriffes ״Interkulturalität“, Hofmanns elaborierter These anschließen, die die älteren Konzepte kritisch dekonstmiert und die Interkulturalität als kulturelle Differenz zwischen Völkern und Gemeinschaften sieht, die aus erkenntnistheoretischer Perspektive das Ergebnis einer Erkundung, die sich aus interkulturellen Begegnungen erst vollzieht und mit welcher Differenzen überhaupt erst erzeugt werden. Die Interkulturalität bezieht sich demnach auf die Konstellation der Begegnung mehrer Subjekte, die im Austausch erst die kulturelle Differenz in ihrer spezifischen Relevanz konstituieren.[15] Der Kommunikationsakt zwischen den Subjekten findet sozusagen in einem neuen dritten Raum statt, in dem feste Grenzen verschwinden und dazwischen (״Inter“) neue Grenzen verhandelt werden.

Neben dem Begriff der Interkulturalität existierten noch weitere konkurrierende Modelle: die Transkulturalität und die Multikulturalität.[16] Die Transkulturalität setzt auf die Aufhebung von bestehenden kulturellen Differenzen, hin zu etwas auf Gemeinsamkeiten berufenden ״Neuem“, das sich vom dichotomischen Denken zwischen den Kulturen, das sich aus Herders monolithischen Kugelmodell der Kulturen ergeben hat, abgrenzt.[17] Die Multikulturalität beschreibt hingegen den Zustand eines vielkulturellen Zusammenlebens unterschiedlicher Individuen, Gruppen und Lebensweisen in einer Gesellschaft.[18]

3. Die Konstruktion von Interkulturalität im Kinderbuch ״Der w underkasten“ 3.1 Fremdheit

Die Fremdheit definiert sich nicht als objektive Eigenschaft eines Fremden, sondern gilt in der Analyse der interkulturellen Literatur als ein ״relationaler Begriff‘[19] zwischen den verschiedenen Konstituenten und gibt eben die Erfahrung wieder, die den Erfahrungszusammenhang und Erwartungshorizont des jeweiligen Betrachters widerspiegelt.[20] Als topografischer Aspekt ist das Fremde als etwas zu definieren, das außerhalb des eigenen Habitus[21] vorkommt und alteritär zur eigenen Identität sein kann. Insofern entstehen Fremdheitserfahrungen beim Auszug aus der vertrauten Umgebung, beispielsweise im Kontext einer Reise, der Kolonialisierung oder bei Kriegszügen.

Das Fremde kann außerdem in seinem Wesen als grundsätzlich verschieden von dem Subjekt betrachtet werden, von dem die Bestimmung ausgeht. Allerdings ist die Erfahrung von Fremdheit komplex und ambivalent[22], denn das Unbewusste kann auch als das fremde Eigene in jedem Betrachter definiert werden, der wiederum für einen anderen Betrachter als fremd gelten kann, und somit eine differenzierte Betrachtung notwendig ist.

Im Werk ״Der Wunderkasten“ wurde Fremdheit auf vielen Ebenen gestaltet. Einmal zwischen den Gesellschaftsschichten, also zwischen dem armen Hirtenjungen Sami, der sich in die aus der wohlhabenden Familie stammenden Leila verliebte. Auch die Räuber, die dem wohlhabenden Vater das Mädchen rauben, sind sich gegenseitig fremd (S.8). Es wird also einerseits die Fremdheit innerhalb der Gesellschaft Syriens dargestellt. Durch die Doppelsträngigkeit der Erzählung versucht der Autor die Veränderung in der syrischen Gesellschaft vor und zu Zeiten der Amerikanisierung darzustellen. In diesem Fall wird Fremdheit durch vielerlei Faktoren erzeugt, beispielsweise durch den westlichen Touristen mitten in Damaskus (S.29), der Konsumindustrie (Werbung, Autos etc.) (S. 30fi), die zwar stereotypisch auch die Fremdheit zwischen den Kulturen darstellt, aber eben in erster Linie die Transfomiation der Gesellschaft im Hinblick auf Interkulturalität anspricht, die im Folgenden mittels der postkolonialen Theorieansätze adäquater beschrieben werden können.

3.2 Postkoloniale Theorieansätze

Das Märchen wurde in der Heimat des Autors, Syrien, konstruiert und spiegelt zwei Zeiträume wider: Das Syrien, welches vor der Amerikanisierung existierte und dieses, welches sich im Prozess des Wandels befand, um 1990. Es spiegelt aber nicht die Zeit Syriens unter der Kolonialmacht Frankreichs wider von 1920 bis 1946 wider. Doch das muss es als fiktionales Werk auch nicht, vielmehr gilt es zu analysieren, wie die künstliche Welt des Autors aufgebaut worden ist. Die Amerikanisierung Syriens einerseits und die orientalischen Stereotype können beispielsweise analysiert werden. Insofern treffen nicht alle Konzepte, die sich wissenschaftlich mit der Wechselbeziehung zwischen Kolonialmacht und Kolonie auseinandersetzen, wie beispielsweise zwischen dem Vereinigtem Königreich und Indien, auf Rafik Schamis Kinderbuch zu. Eher sollten amerikanisierende bzw.

[...]


[1] Vgl. Schami, Rafík; Knorr, Peter: Der Wunderkasten. Weinheim: Beltz & Gelberg 1990.

[2] Vgl. Leskovec, Andrea: Einführung in die interkulturelle Literaturwissenschaft. Darmstadt: WGB 2011, s. 29; s. 86-92. Interkulturelle Hermeneutik als Teilbereich der philosophischen Hermeneutik und Teil der Xeno logie für das Verstehen von Alt erität.

[3] Vgl. Mecklenburg, Norbert: Das Mädchen aus der Fremde. Germanistik als interkulturelle Literaturwissenschaft. München: Iudicum2008, s. llf, s. 182-185.

[4] Vgl. Blumentrath, Hendrik; Bodenburg, Julia; Hillmann, Roger u.a.:Transkulturalität. Türkisch­deutsche Konstellation in der Literatur und Film. Münster: Aschendorff 2007, s. 18-29.

[5] Allerdings können auf Grund der Kürze des Portfolios nur dezidiert auf Ausschnitte des Textes bzw. des Bildes eingegangen werden. Natürlich wird sich bemüht, die wichtigsten Merkmale zu analysieren.

[6] Vgl. Rösch, Heidi. Bilderbücher zum interkulturellen Lernen. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag. Hohengehren 1997, s. 45-54.

[7] Vgl. Moennighoff, Burkhard; Meyer-Krentler, Eckhardt: Arbeitstechniken Literaturwissenschaft. 14. Auflage. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag 2010. Um Irrttimer zu vermeiden, werden die Fußnoten, sofern es keine Wiederholungen sind, komplett ausgeschrieben.

[8] Im Folgenden abgekürzt: SuS.

[9] Gemeint ist die Klassenstufe 4 der Primashife, bzw. die Klassenstufe 5 der Sekundarstufe I.

[10] Vgl. Hofmann, Michael: Interkulturelle Literaturwissenschaft. Eine Einführung. Paderborn. Wilhelm Fink Verlag 2006, s. 9-12.

[11] Vgl. Klein, Gabriele: Kultur. In: Handbuch Soziologie. Hrsg, von Nina Baur et.al. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. 2008, s. 238.

[12] Vgl. Hofmann, s. 9-12.

[13] Ebd. Essentialismus: Das Hypothese, die Kultur einer Gemeinschaft lasse sich über eine Nation definieren. Kulturalismus: Die Hypothese, bestimmte Kulturen ließen sich in Abgrenzung zu anderen Kulturen feste Eigenschaften zuordnen.

[14] Ebd.

[15] Vgl. Hofmann, S.12.

[16] Vgl. Rösch, Heid: Deutschunterricht in der Migrationsgesellschaft. Eine Einführung. Stuttgart: J.B. Metzler 2017, s. 127f.

[17] Vgl. Welsch, Wolfgang: Transkulturalität. Realität - Geschichte - Aufgabe. Wien: nap new academic press 2017, s. 10-13.

[18] Vgl. Schröer, Norbert: Interkulturelle Kommunikation. Einführung. Essen: Oldib 2009, s. 47.

[19] Vgl. Hofmann, S.14.

[20] Ebd.

[21] Vgl. Hofmann, Michael; Pátrat, Iulia-Karin: Einführung in die interkulturelle Literatur. Darmstadt: WGB 2015, s. 12-14.

[22] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
"Der Wunderkasten". Ein literaturdidaktisch geeignetes Werk zum Erwerb der interkulturellen Kompetenz?
Hochschule
Universität Paderborn  (Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaften Neuere Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Literatur unterrichten in sprachlich und kulturell heterogenen Kontexten
Note
2,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
13
Katalognummer
V436651
ISBN (eBook)
9783668770935
ISBN (Buch)
9783668770942
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rafik Schami, Der Wunderkasten, Interkultureller Deutschunterricht, Heterogene Gesellschaft, Postkoloniale Theorieansätze, Interkulturalität, Interkulturelle Literaturwissenschaft, Orientalismus, Kulturelle Identitä
Arbeit zitieren
Marvin Weber (Autor), 2018, "Der Wunderkasten". Ein literaturdidaktisch geeignetes Werk zum Erwerb der interkulturellen Kompetenz?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436651

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