Bewertende Konzepte des kommunikativen Verhaltens in Bezug auf geschlechtsspezifische Stile im Gespräch


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

31 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Bewertende Konzepte des kommunikativen Verhaltens in Bezug auf geschlechtsspezifische Stile im Gespräch
1.1 Begriffsklärung der BKKV
1.2 Grundsätzliches zu den geschlechtsspezifischen Stilen im Gespräch
1.3 Einführende Worte zum Bewertungsbogen und methodischem Vorgehen

2. Auswertung
2.1 Allgemeine Auffälligkeiten und Unterschiede
2.2 Interaktion 1
2.3 Interaktion 2
2.4 Interaktion 3
2.5 Interaktion 4
2.6 Interaktion 6

3. Zusammenfassende Erkenntnisse der Auswertung

4. Literaturverzeichnis

5. Anhang
5.1 Fragebogen
5.2 Auswertung: Tabelle

1. Bewertende Konzepte des kommunikativen Verhaltens in Bezug auf geschlechtsspezifische Stile im Gespräch

1.1 Begriffsklärung der BKKV

Jede Sprache verfügt über bestimmte Konzepte, die kommunikative und soziale Verhaltensweisen bewerten. Dabei handelt es sich weitgehend um Begriffe, die das Phänomen der Höflichkeit in der Kommunikation umschreiben: beispielsweise höflich, zuvorkommend, frech, etc. Der in der deutschen Terminologie eher problematische Begriff Höflichkeit wird in der Wissenschaft als Oberbegriff, in der Alltagssprache wird er dagegen als Einzelbegriff verwendet. Daher führte man einen Alternativbegriff ein; den der bewertenden Konzepte des kommunikativen Verhaltens, der sowohl positive als auch negative Bewertungen mit einschloss, also ein völlig neutraler Terminus.

BKKV ist ein Phänomen, das sich in verschiedenen Sprachgemeinschaften vor einem soziokulturellen Hintergrund unterschiedlich entwickelt hatte. Das heißt, BKKV können erstens von Sprache zu Sprache unterschiedlich sein, zweitens können sie zwischen verschiedenen sozialen Gruppen unterschiedlich sein, und sich drittens innerhalb einer sozialen Gruppe voneinander unterscheiden.

Eine Möglichkeit, BKKV zu untersuchen, ist die statistische Methode. Auf diese Art und Weise befragt man kompetente Sprecher nach ihrem Wissen über diese bewertenden Konzepte.

Wie schon erwähnt, gibt es unterschiedliche Bewertungen des kommunikativen Verhaltens innerhalb einer Sprachgemeinschaft. Diese Unterschiede hängen vor allem von den spezifischen Stilen im Gespräch ab. Diese Unterschiede herrschen zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen, bezüglich eines Generationsunterschiedes, und, ganz besonders, zwischen den Geschlechtern.

1.2 Grundsätzliches zu den geschlechtsspezifischen Stilen im Gespräch

Zwischen den Geschlechtern wird der Unterschied der gegensätzlichen Stile im Gespräch besonders deutlich. Männer richten sich nach dem System des „report talk“, Frauen dagegen nach dem System des „rapport talk“.

Das Hauptaugenmerk des „report talk“ liegt allein auf dem Informationsaustausch. Das heißt, der Sprecher gibt in seiner Rede nichts anderes preis als eine einfache Information, die pure Aussage eines Satzes. Wichtig dabei ist noch eine gewisse Macht. Männer versuchen, im Gespräch ihre Macht auszudrücken und zu bewahren. Frauen hingegen legen mehr wert auf Gefühle. Der „rapport talk“ gibt dem Zuhörer wesentlich mehr Informationen über den Sprecher, sowie über den Gegenstand des Gesprächs selbst. Dies geschieht überwiegend auf einer reinen Gefühlsebene. Ziel dieser Taktik der Gesprächsführung ist stark harmonisierend, ganz im Gegenzug zur Machtbesessenheit des männlichen Sprechers. Daher sind Missverständnisse im Gespräch unumgänglich.

Hinzu kommt das Verhalten beider Geschlechter im Gespräch. Männer sind immer die dominierenden Teilnehmer eines kommunikativen Aktes. Sie behaupten sehr stark, unterbrechen sehr oft und geben zusätzlich kaum oder verspätet „backchanel“. Frauen hingegen geben ihr Rederecht schnell auf, lassen sich also gerne unterbrechen und behaupten weit weniger stark als ihr männlicher Gegenüber. Der verspätete „backchanel“ des Mannes vermittelt dem harmoniebedürftigen „rapport talker“ den Eindruck, der andere höre nicht zu, worauf er seine Rede sofort unterbricht. Aus diesen und noch einigen weiteren Gründen gibt es nicht selten Störungen in der Kommunikation zwischen den Geschlechtern.

Der extreme Unterschied zwischen den jeweiligen Stilen im Gespräch entsteht zunächst vor dem Hintergrund einer sozio – kulturellen Entwicklung, die ihre Begründung in der Erziehung findet. Das bedeutet also, Männer und Frauen werden von Kindesbeinen an zu „report“ bzw. „rapport talker“ erzogen.

Doch wie wirkt sich nun das Phänomen der geschlechtsspezifischen Stile im Gespräch auf das Thema der bewertenden Konzepte des kommunikativen Verhaltens aus? Beurteilen Frauen bestimmte Situationen einer Interaktion anders als Männer? Falls es so ist, wie groß ist der Unterschied in den Einschätzungen? Anhand von Interviews sollen diese Fragen beantwortet werden.

1.3 Einführende Worte zum Bewertungsbogen und methodischem Vorgehen

Die Untersuchung der BKKV in bezug auf geschlechtsspezifische Stile im Gespräch wird repräsentativ innerhalb der sozialen Gruppe Studenten durchgeführt, wobei die Gruppe der Befragten zu einer Hälfte aus Männern und zur anderen Hälfte aus Frauen besteht.

Den Befragten werden verschiedene Interaktionen vorgestellt, die sie am Ende bewerten sollen. Man erhält also den Auftrag, gegebene Interaktionen mit Hilfe eines vorher zusammengestellten Wortfeldes zu beurteilen. Das Wortfeld beschränkt sich auf Begriffe der Höflichkeit mit negativer Konnotation. Aus diesem Grund sind auch die Interaktionen auf diese Konnotation begrenzt. Dies geschieht durch die Verletzung gesellschaftlicher Normen, wie zum Beispiel Missachtung des Generationsunterschiedes, Missachtung der sozialen Distanz, etc.

Die Liste der im Wortfeld enthaltenen Adjektive beinhaltet zwei verschiedene Fragestellungen: Es soll entschieden werden, ob das jeweilige Adjektiv auf die betreffende Interaktion definitiv zutrifft oder aber definitiv nicht zutrifft. Auf diesem Wege kann sichergestellt werden, dass sich der Befragte genauestens mit der Interaktion sowie mit dem gegebenen Wort auseinandersetzt.

Die Auswertung der Fragebögen konzentriert sich vornehmlich auf die Differenzierung der Geschlechter der Befragten und gestaltet sich in dem Sinne, dass jede Situation für sich betrachtet werden soll. Dadurch erreicht man, dass der geschlechtsspezifische Unterschied in der Bewertung einer Kommunikation situationsbezogen analysiert werden kann. Das bedeutet schlichtweg, dass untersucht werden kann, inwiefern der Grad der Unhöflichkeit – wie soziale Distanz oder der Generationsunterschied - Einfluss auf geschlechtsspezifische BKKV nimmt.

Dieser Unterschied wurde auch festgestellt. Manche Interaktionen weisen kaum geschlechtsspezifische Unterschiede auf, andere enorm. Weitere Unterschiede sind auch in der Wortwahl zu beobachten; es stellte sich heraus, dass Frauen und Männer bestimmte Worte auf verschiedene Art und Weise verstehen und auch verwenden. Näheres soll nun im Laufe der Arbeit erläutert und anhand von Diagrammen dargelegt werden.

2. Auswertung

2.1 Allgemeine Auffälligkeiten und Unterschiede

Grundsätzlich ist festzustellen, dass tatsächlich Parallelen zwischen geschlechtsspezifischen Stilen im Gespräch und Bewertenden Konzepten des kommunikativen Verhaltens existieren.

Im Laufe der Untersuchung stellte sich heraus, dass Frauen in der Bewertung einer Kommunikation um einiges sensibler reagieren als Männer. In der Tabelle, welche die Ergebnisse der Frauen denen der Männer gegenüberstellt, sind Abweichungen festzustellen. Die Säulen der weiblichen Befragten weisen im Großteil der Fälle große Abweichungen im Vergleich zu den männlichen Befragten auf. Es tritt kaum eine Säule in den Diagrammen auf, die eine höhere Sensibilität der Männer beweisen würde. Betrachtet man sich einzelne Interaktionen und deren Bewertung isoliert, so ist sogar eine Differenz von hundert Prozent zwischen den Geschlechtern festzustellen. Auffällig ist aber auch, dass es Interaktionen gibt, die im Ausschlag des Diagramms eine relativ gleiche Sensibilität beim Mann sowie bei der Frau auftreten kann. Dabei liegt der Unterschied jedoch meist in der Wortwahl, die wiederum auf einen fast symptomatischen Unterschied in der Beurteilung schließen lässt.

Im Folgenden sollen diese allgemeinen Tendenzen näher erläutert und auch bewiesen werden.

2.2 Interaktion 1

Interaktion 1 beinhaltet soziale Distanz, also eine Kommunikationssituation, wobei ein Student eine etwas heikle Bitte vorträgt, die einen „face threatening act“ darstellt. Dabei geht es darum, zu beurteilen, inwiefern der Student sich des Problems der Unhöflichkeit der Situation bewusst ist, und ob er entsprechend reagiert. Es wurden zwei voneinander unabhängige Versionen gegeben, die Unterschiede im Grad der Unhöflichkeit vorweisen. In der ersten Version ist klar zu erkennen, dass der Betreffende sich der Situation und, damit zusammenhängend, der drohenden Gesichtsbedrohung bewußt ist. Die Unsicherheit des Studenten, diese Bitte sprachlich auszudrücken, ist überaus deutlich zu sehen. Die Bitte wirkt auf den Beobachter sehr holprig und steigert somit den Eindruck einer gewissen Unhöflichkeit der Äußerung. Dies macht sich natürlich auch im Ergebnis bemerkbar. Man erkennt eine deutliche Konzentration auf folgende Wörter des Wortfelds: unfreundlich, ungehörig, unhöflich, hochmütig, ungezogen, frech, unverschämt, überheblich, unangemessen flegelhaft, ungehobelt, ungeschliffen und dreist. Daran kann man erkennen, dass die Befragten sich der Gesichtsbedrohung auf Seiten des Professors durchaus bewusst sind, und die Kommunikationssituation als entsprechend negativ bewerten. Zum Unterschied zwischen männlich und weiblich kann festgestellt werden, dass die männlichen Befragten wesentlich differenzierter bewerten als ihr weibliches Pendant. Der Schwerpunkt der Antworten der Frauen liegt auf dem Adjektiv unangemessen. Bei den Männern liegt die Majorität dagegen bei fünf der genannten Adjektive: unhöflich, frech, flegelhaft, ungeschliffen und dreist. Diese differenzierte Sicht der Dinge, ganz im Gegensatz zu den Frauen, lässt auf eine höhere Sensibilität der Männer schließen, was Situationen betrifft, die sich auf den Begriff soziale Distanz beziehen.

Die zweite Version lässt im selben Kontext ganz andere Schlüsse zu und verbirgt in sich auch ganz andere Ergebnisse. In diesem Fall sieht man die selbstbewusste und auch ignorante Haltung des Studenten während des Gesprächs überaus deutlich. Im Ergebnis ist wiederum eine große Übereinstimmung der Antworten der Geschlechter zu finden. Einziger gravierender Unterschied ist lediglich die Verwendung des Adjektivs unhöflich. Männer messen diesem Wort augenscheinlich nicht die große Bedeutung bei der Bewertung bei als es Frauen tun. 100 % der Frauen verwenden unhöflich in diesem Zusammenhang, Männer tun dies nur zu 60 %. Geht es also um das Erkennen einer Kommunikation als bedenklich, so reagieren Männer und Frauen sehr ähnlich. Im Falle der ersten Version sind Frauen im Großen und Ganzen zwar nachsichtiger, neigen allerdings dazu, extremere Worte zu verwenden, während Männer dagegen ihren Schwerpunkt auf mehrere mittelmäßige, schwächere Adjektive legen. Man kann daher behaupten, dass es Parallelen zwischen dem Phänomen der geschlechtsspezifischen Stile im Gespräch und dem Phänomen der BKKV gibt. Männer behaupten stark, erkennen „gefährliche“ Kommunikationssituationen und ordnen sie einem Adjektiv zu, dass offensichtlich mittelmäßige Unhöflichkeit meint. Frauen erkennen diese Situationen ebenfalls, auffallend ist jedoch die Tatsache, dass Frauen einen anderen Umgang mit Adjektiven haben; für sie existieren kleinste Nuancen, die den Unterschied zwischen den Worten ausmachen; daher sieht man keine gravierenden Schwankungen bzw. Konzentrationen bei der Auswertung der weiblichen Befragten.

2.3 Interaktion 2

Die zweite Interaktion beruht auf Unhöflichkeit unter „Gleichen“; es herrscht also weder ein Altersunterschied, noch eine größere soziale Distanz vor. Inwiefern existieren nun bei diesem Modell Unterschiede zwischen den Geschlechtern? Sind Männer und Frauen auch in diesem Punkt sensibel genug, um die Unhöflichkeit in der Kommunikation zu erkennen?

Interaktion 2 beinhaltet keinen „face-threatening act“, sondern beruht in Grunde auf einem wichtigen zwischenmenschlichen Konflikt; es geht um die Absage einer Verabredung. Diese Art der Kommunikationsaufgabe erfordert Sensibilität und Einfühlungsvermögen, da es hauptsächlich darum geht, die Gefühle des Gegenübers nicht zu verletzen. In Version a) geht der Sprechende folgendermaßen mit seiner kommunikativen Herausforderung um: er ist sich der Schwierigkeit der Situation zwar bewusst, seine Äußerung fällt allerdings sehr kurzangebunden aus und gibt dem Gegenüber in keinem Fall die benötigte Anzahl an Informationen, die er als Freund verdient hätte. Diese Gefühlsverletzung erkennen überwiegend Frauen, Männer empfinden dies scheinbar als völlig normal, da dem Mann weder Machtverlust droht, noch der Informationsaustausch fehlerhaft durchgeführt wurde. Die meist genannten Adjektive in diesem Zusammenhang lauten: ruppig, taktlos, unaufmerksam, unhöflich, kränkend, überheblich, unangemessen, beleidigend, egoistisch und kühl. Die genannten Worte tauchen in der Auswertung der weiblichen Befragten mit einer Häufigkeit von über 50% auf. Meistgenanntes Wort war unhöflich. Die Auswertung der Männer ergab eine prozentuale Häufung der Adjektive abweisend, unhöflich und egoistisch, die leider nie über 40% betrug. An diesem Ergebnis ist klar zu erkennen, dass die Sensibilität der Frauen in Puncto Gefühlsverletzung um einiges ausgeprägter ist als die der Männer. Das mag dran liegen, dass der Gesprächsstil der Frau immer auf eine emotionale Ebene abzielt, der Stil des Mannes sich lediglich auf Informationsaustausch beruft. Im Falle der wenig begründeten Absage, die in ihrer Sprache auch als äußerst bedenklich einzustufen ist, vollzieht sich eine Art der Identifikation mit dem Sprechenden. Die männlichen Befragten reagieren zum großen Teil mit Gleichmut, der allerdings in Version b) nicht mehr aufrecht erhalten werden kann. Version b) stellt eine extreme Verschärfung von Version a) dar. Der Sprechende ist sich, so hat man den Eindruck, der Unhöflichkeit seiner kommunikativen Aufgabe keineswegs bewusst und äußerst sich auch dementsprechend. Aus den Reaktionen der Befragten kann man überaus deutlich lesen, dass diese Lösung der kommunikativen Aufgabe auf alles andere als auf Zustimmung stößt. Weibliche und männliche Befragte sind sich einig in Bewertung und Wortwahl.

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Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Bewertende Konzepte des kommunikativen Verhaltens in Bezug auf geschlechtsspezifische Stile im Gespräch
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Höflichkeit: soziale und interkulturelle Aspekte des kommunikativen Verhaltens
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
31
Katalognummer
V43668
ISBN (eBook)
9783638414142
ISBN (Buch)
9783638657204
Dateigröße
713 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bewertende, Konzepte, Verhaltens, Bezug, Stile, Gespräch, Höflichkeit, Aspekte, Verhaltens
Arbeit zitieren
Christina Zopp (Autor), 2002, Bewertende Konzepte des kommunikativen Verhaltens in Bezug auf geschlechtsspezifische Stile im Gespräch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43668

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