Institutionalisierung des Lebenslaufs


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
18 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Individualisierung und seine Folgen für den Lebenslauf

2. Institutionalisierung von Biographiemustern
2.1 Theoretischer Ansatz
2.2 Die Phasen der Erwerbstätigkeit
2.2.1 Berufswahl
2.2.2 Berufliche Sozialisation
2.2.3 Das Rentenalter

3. Wahlbiographien

4. Literaturverzeichnis

1. Individualisierung und seine Folgen für den Lebenslauf

Im Laufe des vorigen Jahrhunderts gewann die Biographieforschung in der Soziologie immer mehr an Bedeutung. Die Biographie der verschiedenen Individuen einer Gesellschaft gilt als zentrale Regulationsgröße, mit und in der die Individuen selbst die Kontinuitätsbrüche synthetisieren müssen, die sich aus der behaupteten Auflösung von Klassen- und Schichtenlagen, Familienformen und Normallebensläufen und den damit verbundenen Handlungs- und Orientierungsverbindlichkeiten ergeben.[1] Anhand der Biographieforschung lassen sich das Verhalten der Mitglieder einer Gesellschaft und deren Reaktionen auf einen gesellschaftlichen Wandel aus erster Hand identifizieren und erläutern. Durch diese wichtige Rolle innerhalb der Forschung rückt also die Biographie und somit das Individuum selbst in den Mittelpunkt des Interesses. Es ist daher so, dass der Mensch aus den starren Sozialformen seines früheren Lebens herausgelöst, freigesetzt, wird, und seine Lebensführung als Aufgabe in das eigene Handeln gelegt wird. Biographie wird zum sozialen Phänomen. Im Zuge dieser Biographisierung des Lebenslaufs nehmen die Individualisierung sowie die Individualisierungssuche mehr und mehr zu. Dadurch, dass die starre Zugehörigkeit zu Klasse, Familie, Schicht und zu Geschlechtslagen von Männern und Frauen für den Menschen wegfällt, zieht das weitreichende Folgen, sowohl für das Individuum selbst, als auch für die Gesellschaft, in der es lebt, nach sich. Im Hinblick auf die Erwerbstätigkeit bedeutet das, dass der Mensch immer mehr auf sich selbst und sein individuelles Arbeitsmarktschicksal verwiesen wird, mit all seinen Risiken, Chancen und Widersprüchen. Es entsteht dabei allerdings eine neue, nicht weniger schwierige Art von sozialer Ungleichheit. Beispielsweise bleiben die Abstände in der Einkommenshierarchie gleich, die Bindung an soziale Klassen rückt dagegen in den Hintergrund. Stattdessen ist eine Tendenz nach individualisierten Existenzformen sichtbar geworden. Die Verschärfung und die Individualisierung von sozialer Ungleichheit greifen ineinander; das bedeutet, am Beispiel der Massenarbeitslosigkeit, dass Systemprobleme in persönliches Versagen abgewandelt und politisch abgebaut werden. Es entsteht eine neue Unmittelbarkeit von Individuum und Gesellschaft. „Gesellschaftliche Krisen erscheinen als individuell und können in ihrer Gesellschaftlichkeit nur noch sehr bedingt und vermittelt wahrgenommen werden.“[2] Der Prozess der Individualisierung greift auch innerhalb der Familienstrukturen. Durch die Aufweichung der Grenzen der Geschlechtslagen und der damit verbundenen veränderten Lage von Frauen entsteht der Typus der so genannten Verhandlungsfamilie auf Zeit. Man kämpft im Grunde ständig mit der Organisation von auseinander strebenden Mehrfachkombinationen und –verpflichtungen, wie zum Beispiel Berufserfordernissen, Bildungszwängen, Kinderverpflichtungen und Haushaltsführung. Die Gestaltung und Organisation des Familienlebens unterliegt nicht mehr starren gesellschaftlichen Regeln, es wird ausschließlich den Individuen selbst überlassen, jeder kann frei über sein Leben und seine Lebensführung entscheiden.

Im Verlauf des Modernisierungsprozesses findet man eine Steigerung der Individualisierung. Diese vollzieht sich hauptsächlich in den Konsequenzen des individualisierten Lebens. Der Einzelne selbst wird zur lebensweltlichen Reproduktionseinheit des Sozialen. Das heißt, die Individuen werden innerhalb und außerhalb der Familie zum Akteur ihrer marktvermittelten Existenzsicherung und der darauf bezogenen Biographieplanung und –organisation. Der Mensch wird arbeitsmarktabhängig, bildungsabhängig und konsumabhängig. Es tritt die Tendenz der Institutionalisierung und Standardisierung der Lebenslagen auf. Der Lebenslauf wird zur sozialen Tatsache und somit zur sozialen Institution. Er ist ein Regelsystem, das die zeitliche Dimension des individuellen Lebens ordnet und ein eigenständiges Vergesellschaftungsprogramm konstituiert.[3] Der Modernisierungsprozess und der damit verbundene Individualisierungsschub ist demnach der Übergang von einem Muster der Zufälligkeit der Lebensereignisse zu einem des vorhersehbaren Lebenslaufs. Es bildet sich ein Normaltypus des Lebenslaufs aus. Der Prozess der Institutionalisierung des Lebenslaufs stellt den vorläufigen Höhepunkt der Individualisierung dar. Wie die Folgen dieses Vorgangs im Konkreten aussehen, welche Tendenzen der Biographie und Lebensführung für die Zukunft zu erkennen sind und inwiefern die Lebensführung und die fortschreitende Individualisierung Einfluss auf gesellschaftliche Vorgänge und soziale Ereignisse haben kann, soll im Laufe des folgenden Textes geklärt werden.

2. Institutionalisierung von Biographiemustern

2.1 Theoretischer Ansatz

Im Laufe der Individualisierung entstehen für den Menschen neue Abhängigkeiten; sie vollzieht sich unter den Rahmenbedingungen eines Vergesellschaftungsprozesses, der eine individuelle Gestaltung der Lebensführung geradezu unmöglich macht. An die Stelle traditionaler Bindungen und Sozialformen treten sekundäre Instanzen und Institutionen, die den Lebenslauf des Einzelnen prägen. Die früher ständisch geprägten, klassenkulturellen oder familialen Lebensablaufmuster werden durch institutionelle Ablaufmuster überlagert. Diese findet man beispielsweise im Bildungssystem, der Erwerbsarbeit, in den sozialpolitischen Fixierungen des Rentenalters, im Längsschnitt des Lebenslaufs und selbstverständlich im täglichen Zeitrhythmus und Zeithaushalt. Der Mensch ist sozusagen einer starken Steuerung von außen ausgeliefert, die sich durch eine herausragende Eigenschaft auszeichnet: All diese institutionellen Prägungen sind eng verzahnt mit den verschiedenen Stationen im Lebenslauf des Menschen. Auf diese Weise werden – durch institutionelle Festlegungen – Eingriffe im Lebenslauf des Menschen vollzogen; Lebensläufe und Lebenslagen werden politisch gestaltbar.

Doch wie tritt in der individualisierten Gesellschaft das institutionell geprägte Kollektivschicksal im Lebenszusammenhang des Menschen ein? Wie wird es wahrgenommen? Wie verarbeitet?

Der institutionalisierte Lebenslauf gibt dem Menschen ein äußeres Ablaufmuster vor, an dem er sich orientieren kann. Es entstehen sozusagen Bausätze biographischer Kombinationsmöglichkeiten. Die Institutionalisierung des Lebenslaufs bedeutet auf der einen Seite eine notwendige Entlastung. Sie gibt der Lebensführung ein festes Gerüst vor und setzt Kriterien dafür, was erreichbar ist und was nicht.

Dem Prozess der Institutionalisierung des Lebenslaufs liegen einige wichtige Prinzipien zugrunde: Kontinuität, Sequenzialität und Biographizität. Kontinuität meint eine abgesicherte Lebensspanne, Sequenzialität zielt auf den geordneten Ablauf der Lebensereignisse ab, Biographizität wiederum beinhaltet die persönliche Entwicklung des Menschen. Werden diese Prinzipien erfüllt, vollzieht sich der Prozess der Institutionalisierung des Lebenslaufs, wobei eine Selbst- und Weltauffassung entsteht, die vom Ich aus strukturiert und verzeitlicht wird. Der Lebenslauf wird in diesem Kontext als Regelsystem betrachtet, das die zeitliche Dimension des individuellen Lebens ordnet. So bildet sich der Normaltypus des Lebenslaufs heraus.

Wie schon erläutert, stellt der Typus der Normalbiographie eine notwendige Entlastung für die Lebensführung dar. Auf der anderen Seite jedoch wirkt dieses äußere Ablaufmuster als sehr verbindlich, starr und einengend. Vom Menschen wird Widersprüchliches erwartet: Zum einen ist er regelrecht dazu verpflichtet, sich in ein standardisiertes Ablaufprogramm einzugliedern, zum anderen wird das Leben als selbst zu gestaltende Aufgabe zum individuellen Projekt betrachtet. Daraus entsteht die Dynamik des modernen Lebenslaufregimes. Es geht dabei um das Verhältnis von System- und Handlungsebene, also um das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum.

[...]


[1] Vgl.: Siebers, Ruth. Zwischen Normalbiographie und Individualisierungssuche. Empirische Grundlagen für eine Theorie der Biographisierung. Münster/New York 1996. Seite 24.

[2] Beck, Ulrich. Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne.. Frankfurt am Main 1986. Seite 117.

[3] Vgl.: Siebers, Ruth. Zwischen Normalbiographie und Individualisierungssuche. Empirische Grundlagen für eine Theorie der Biographisierung. Münster/New York. 1996. Seite 28.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Institutionalisierung des Lebenslaufs
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Individuum Sein in einer Gesellschaft der Individuen
Note
2,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V43669
ISBN (eBook)
9783638414159
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Institutionalisierung, Lebenslaufs, Individuum, Sein, Gesellschaft, Individuen
Arbeit zitieren
Christina Zopp (Autor), 2004, Institutionalisierung des Lebenslaufs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43669

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