Der Einfluss akuter sexueller Erregung auf das sexuelle Interesse


Bachelorarbeit, 2015

72 Seiten, Note: 2.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund
Sexuelles Verlangen (Libido; eng.: „sex drive“)
Sexuelle Erregung
Direkte und indirekte Messverfahren
Sexuelles Verlangen & WMC

3. Hypothesen
Untersuchung explorativen Forschungsfragen
Zusammenhang zwischen dem Nutzen pornographischen Seiten und verlängerte Reaktionszeiten bei visuellen Stimuli (unabhängig von Gruppen)

4. Methodik
Operationalisierung der Hypothesen
Durchführung
Stichprobenbeschreibung
Untersuchungsmaterial

5. Ergebnisse
Datenauswertung
Deskriptive Statistik
Inferentielle Statistik

6. Diskussion
Interpretation der Ergebnisse
Kritik & Einschränkungen
Ausblick
Fazit

7. Literaturverzeichnis
Tabellenverzeichnis

8. Anhang
Tanner Kategorien
Manipulation

Abstract

Research has examined the influence of sexual arousal on different concepts, like rape myth acceptance and child abuse. However, such studies had their focus on clinical or forensic samples. The aim of this study was to show if sexual arousal has an influence on sexual interest in a non-clinical sample. Additionally, the relation between sexual arousal and sexual interest, moderated by sexdrive has been assessed. 62 participants were randomized into the one control group (manipulation by roller coaster story) and one experimental group (manipulation by erotic story). Participants had to fill up questionnaires about their sexual orientation, use of pornography and sexual desire. Implicit measures have been used, like the Implicit Association Test (IAT), a Stroop test and a second (after the manipulation) IAT. Then, Viewing Times were used, where the latencies and the ratings of the sexual attractiveness of the stimuli were assessed. Finally, participants had to indicate the probability that an average man finds a 12 year old girl sexually attractive. Results could show significant group differences for this specific question. Additionally, in both groups, more positive results were found during the second IAT. Both hypotheses could be completely neither rejected nor adopted. Afterwards, the discussion has been made, whether to replicate these findings on a sample with women or not.

Zusammenfassung

Die Forschung befasste sich schon längere Zeit mit dem Einfluss akuter sexueller Erregung auf unterschiedliche Konzepte wie Vergewaltigung und Kindesmissbrauch. Jedoch fokussieren sich die meisten Studien auf klinischen oder forensischen Stichproben. Das Ziel der vorliegenden Studie war, herauszufinden, ob eine akute sexuelle Erregung das sexuelle Interesse in einer nicht-klinischen Stichprobe beeinflusst. Zusätzlich wurde untersucht, ob den Zusammenhang zwischen sexueller Erregung und sexuellem Interesse durch sexuelles Verlangen moderiert wird. Insgesamt nahmen 62 Probanden an dieser Studie Teil, wobei die eine Hälfte in der Experimentalgruppe (Manipulation durch eine erotische Geschichte) und die andere Hälfte in der Kontrollgruppe (Manipulation durch eine Achterbahngeschichte) randomisiert zugeteilt wurden. Die Probanden mussten Fragen bezüglich ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Nutzung von Internetseiten pornographischen Inhalts und ihrem sexuellen Verlangen ausfüllen. Dann wurde ein erster impliziter Assoziationstest (IAT-Durchgang) durchgeführt gefolgt von einem Stroop Test und eines zweiten IAT-Durchganges nach einer entsprechenden Manipulation. Anschließend wurden Viewing Times (VT) durchgeführt, wobei die Reaktionszeiten und die Bewertungen der sexuellen Attraktivität, der Stimuli, erfasst wurden. Probanden mussten schlussendlich angeben, wie groß die Wahrscheinlichkeit sei, dass ein durchschnittlicher Mann eine 12-Jährige sexuell attraktiv finden würde. Die Ergebnisse zeigten signifikante Gruppenunterschiede für die letzte Frage. Zusätzlich weisen die Ergebnisse daraufhin, dass der erste IAT Durchgang einen signifikanten Effekt auf den zweiten Durchgang hatte. Die Hypothesen konnten jedoch weder angenommen, noch ganz abgelehnt werden. Abschließend wurde darüber diskutiert, ob die Ergebnisse unter anderem an weiblichen Probanden repliziert werden sollte.

Danksagung

Zuerst möchte ich mich bei meinem Betreuer, Herrn Dr. Alexander Schmidt bedanken, der mich während meiner Bachelorarbeit unterstützt hat. Dank anschaulichen Erklärungen konnte ich mich, was die statistischen Auswertungen angeht, verbessern. Bezüglich dieser Thematik hat sich mein Interesse an der psychologischen Forschung ebenfalls vergrößert.

Während diesen drei Jahren möchte ich besonders meiner Mutter danken, die mich moralisch unterstützt hat.

Ich möchte mich ebenfalls bei meinen Freunden, Alina Hock, Franziska Gundlach, Djenna Hutmacher, Marie Nesser, Nadia Risch und Laure Impens bedanken, die mir bei der Rekrutierung meiner Probanden sehr weitergeholfen haben und mich zusätzlich auch moralisch unterstützt haben.

Ein besonderes Dankeschön an meinem Freund, der mir ebenfalls sehr für die Rekrutierung meiner Probanden und mich persönlich während meiner Bachelorarbeit unterstützt hat.

Ein Dankeschön geht auch an meiner Kollegin Frau Annika Schuh, die mich ebenfalls unterstützt hat.

Ein letztes Dankeschön geht an alle, die ich jetzt noch vergessen habe, aber die mich unterstützt haben, die mir bei der Rekrutierung geholfen haben und denen ich einfach nur Danke sagen möchte!

1. Einleitung

Der Einfluss akuter sexueller Erregung auf die sexuelle Enthemmung wurde in einer nicht-klinischen männlichen Stichprobe in einer Studie von Ariely & Loewenstein (2006) untersucht. Nachdem sexuell erregende Stimuli präsentiert worden waren, konnte gezeigt werden, dass neben der sexuellen Enthemmung damit auch ein erweitertes sexuelles Interesse einhergeht (Ariely & Loewenstein, 2006). Darunter versteht man, dass die Bereitschaft, sich in risikogefährdete sexuelle Beziehungen zu involvieren durch den Einfluss sexueller Erregung gesteigert wird. Dementsprechend wird in dieser Studie angenommen, dass eine situative, akute sexuelle Erregung als ein Faktor für ein gesteigertes, atypisches Interesse (hier: sexuelles Interesse an Kinder) angesehen werden kann.

Spokes, Hine, Marks, Quain & Lykins fanden 2014 heraus, dass die „Working Memory Capacity“ (WMC) die Beziehung zwischen physiologischer Erregung und dem Treffen sexueller Entscheidungen moderiert (Spokes et al., 2014). So zeigte sich, dass bei Männern mit einer hohen WMC keine Beziehung zwischen der physiologischen Erregung und dem Treffen sexueller Entscheidung bestand, während dies bei Männern mit einer niedrigen WMC sehr wohl der Fall war. Die folgende Studie konzentriert sich auf eine ausschließlich nicht-klinische männliche Stichprobe. Anhand indirekter reaktionsbasierter Messverfahren (Impliziter Assoziationstest (Greenwald, McGhee, & Schwartz, 1998) & Viewing Time Messungen) wird der Zusammenhang zwischen dem Einfluss akuter sexueller Erregung auf das sexuelle Interesse, sowie der Einfluss von WMC auf diesen Zusammenhang untersucht. Zusätzlich wird in dieser Studie getestet (aus methodischer Perspektive) inwiefern ein IAT zum relativen Verhältnis von sexuellen Interesse von Erwachsenen an Kinder durch den situativen Faktor der sexuellen Erregung beeinflussbar ist. Ähnliche Studien aus dem Bereich der Aggressivität haben gezeigt, dass akut gesteigerte Aggressivität nach gewalthaltigen Videospielen das Selbstkonzept bezüglich der Aggression beeinflusst (Bluemke, Friedrich & Zumbach, 2009). In forensischen Studien konnten ähnliche Ergebnisse gefunden werden. Hermann, McPhail, Nunes & Sewell (2010) untersuchten bei Vergewaltiger die Einflüsse akuter sexueller Erregung auf die Einstellung gegenüber Vergewaltigung. In dieser Studie konnte bei beiden Gruppen (Experimentalgruppe und Kontrollgruppe) herausgefunden werden, dass nach akuter sexueller Erregung, die Vergewaltigung als „weniger negativ“ eingeschätzt wird.

2. Theoretischer Hintergrund

Sexuelles Verlangen (Libido; eng.: „sex drive“)

Ob Männer tatsächlich eine größere Libido als Frauen haben und somit „trieborientiert“ denken (aber nicht unbedingt so handeln), wird in der Gesellschaft stark debattiert. In der Forschung wurde viel darüber erforscht, inwiefern es tatsächlich signifikante Geschlechterunterschiede gibt was das sexuelle Verlangen und das Verhalten bezüglich sexueller Erregung angeht. Sexuelles Verlangen wird in der Forschung als ein Konstrukt beschrieben, das mit den Antrieben Lust und Bindung in Verbindung gesetzt wird (Fisher, 2004). Wie vorhin bereits angedeutet, ist das sexuelle Verlangen ein menschlicher Trieb, vergleichbar mit dem Nahrungstrieb zum Beispiel.

Eine Person mit einer erhöhten Libido (Englisch: „sex drive“) denkt öfter an Sex als eine Person mit geringerer Libido. (Baumeister, Catanese & Vohs, 2001). Die Autoren untersuchten anhand verschiedenen Studien, ob beide Geschlechter sich in sexuellem Verlangen signifikant unterscheiden und welche Zeichen für das Erforschen von „sex drive“ geeignet wären, wie zum Beispiel die Masturbation oder das Verlangen, ein sexuelles Bedürfnis zu befriedigen (Baumeister et al., 2001).

Byers, Purdon, & Clark (1998) fanden heraus, dass männliche Studenten mehr aufdringliche und unerwünschte Gedanken über Sex berichteten als Studentinnen. Männer haben mehr Gedanken an Sex, sogar wenn sie nicht darüber denken wollen.

Eine Meta-Analyse von Leitenberg & Henning (1995) stellten fest, dass Männer wesentlich öfter und mehr sexuelle Fantasien erleben als Frauen, wobei der Bereich der sexuellen Fantasien noch wissenschaftlich weiter erforscht werden sollte. Ob es ein Zusammenhang gibt zwischen sexuellem Verlangen und sexuellen Fantasien wird in folgender Studie nicht erfasst, sondern der Einfluss akuter sexueller Erregung auf sexuelles Interesse von Männern an Kindern. In einer nächsten Phase wird darüber diskutiert, ob sexuelles Verlangen den Zusammenhang zwischen akuter sexueller Erregung und sexuelles Interesse moderiert.

Ein weiteres Index zum „sex drive“ ist die Häufigkeit, in der eine Person das Verlangen verspürt, ihr sexuelles Bedürfnis zu befriedigen (Baumeister et al., 2001).

Smith, Lyons, Ferris, Richters et al. (2011) zeigten, dass Männer in einer heterosexuellen Beziehung über eine geringere Zufriedenheit in ihrem Sexualleben berichteten. 46% der befragten Männer berichteten, dass sie mit ihrem Sexualleben in ihrer Partnerschaft zufrieden sind, doch die Mehrheit der Männer wünschte sich mehr Sex. In dieser Studie war das Alter jedoch ein signifikanter Faktor. Die 35-44 Jährigen waren am wenigsten zufrieden mit der Häufigkeit sexueller Aktivitäten in deren Partnerschaft. Man könne sich überlegen, ob Männer, die in einer heterosexuellen Beziehung weniger zufrieden sind, oder ihr sexuelles Bedürfnis in der Partnerschaft subjektiv gesehen nicht genug befriedigt wird, mehr sexuelles Verlangen spüren (Smith et al., 2011).

Buss & Schmitt (1993) konnten signifikante Unterschiede zwischen den Geschlechtern aufzeigen was das sexuelle Verlangen nach mehreren Partnern angeht, was gleichzeitig nach Baumeister et al. (2001) ein anderes Zeichen für sexuelles Verlangen wäre.

Ein bekanntes Zeichen für die Erforschung von „sex drive“ ist die Masturbation. Männer, die höheres sexuelles Verlangen haben, haben ein erhöhtes Interesse an Sex und masturbieren mehr als Männer mit niedrigerem sexuellem Verlangen (Abramson, 1973).

Ein anderer, signifikanter Test zur Libido wäre die Aufopferung für sexuelle Befriedigung. Hierbei wird angenommen, dass Personen mit höherem sexuellem Verlangen eher dazu bereit sind einiges aufzuopfern, besonders finanzielle „Aufopferung“ um sexuell befriedigt zu werden. So geben Männer mehr Geld aus in pornografischen und allgemein erotischen Bild-oder/und Filmmaterialien um sexuell befriedigt zu werden (Laumann, 1994). Pornografische Bild-und/oder Audiomaterialien können somit als sexuelle Stimuli angesehen werden, die Männer sexuell erregen.

Brand, Laier, Pawlikowski, Schächtle et al. (2011) zeigten, dass sexuelles Verlangen unter anderem in Zusammenhang mit der Abhängigkeit zu pornographischen Internetseiten steht. In der folgenden Studie soll unter anderem die Nutzungsbereitschaft pornographischer Seiten bei den Probanden erfasst werden, um eventuelle sexuelle Dysregulationen herauszufinden. Brand et al. (2011) fanden so beispielsweise heraus, dass die alltäglichen Schwierigkeiten von Probanden stark von ihrer Nutzung von Pornoseiten abhängen. Die Probanden mussten selbst ihre sexuelle Erregung bewerten, während sie pornographisches Material zu sehen bekamen. So beschrieben Autoren, dass Probanden, die länger benötigten ihre sexuelle Erregung bei Stimuli zu bewerten eine größer Abhängigkeit zu Pornoseiten besitzen. In der folgenden Studie müssen sich die Probanden visuellen Stimuli aussetzen und diese auf ihre sexuelle Attraktivität bewerten (Später werden die verschiedenen Messverfahren genauer beschrieben). Man könne sich ein Zusammenhang vorstellen, zwischen dem Nutzen pornographischen Seiten und – unabhängig von den Gruppen (Experimentalgruppe und Kontrollgruppe)- verlängerte Reaktionszeiten bei visuellen Stimuli, die erwachsene Frauen zeigen. Diese verlängerten Reaktionszeiten wären dann auf das häufige Nutzen pornographischen Seiten zurückzuführen. Zusätzlich könnte die Hypothese formuliert werden, dass Männer, mit erhöhtem sexuellem Verlangen eher pornographische Seiten besuchen. Dieses hohe sexuelle Verlangen führt dann ebenfalls zu leichtere sexuelle Erregbarkeit. Das Nutzen pornographischen Internetseiten wird unter anderem als eins der Indikatoren für sexuelles Verlangen benutzt (Laumann, 1994).

Unter Aufopferung versteht man nicht nur die finanziellen Kosten und die Zeit, die man auf pornographischen Internetseiten verbringt, sondern auch das Risiko der Aufopferung einer Partnerschaft. Dies ist insofern zu verstehen, dass Männer eher dazu bereit sind, außerehelichen Sex zu haben, um ihrer sexuellen Befriedigung nachgehen zu können (Lawson & Samson, 1988).

Zusammenfassend kann somit festgestellt werden, dass Männer öfters an Sex denken und ihren „sex drive“ höher bewerten. Des Weiteren wünschen sie sich mehrere Partner/innen, masturbieren öfters und können nicht über einen längeren Zeitraum ohne Sex. Männer opfern demgegenüber mehr zur Stimulation ihrer sexuellen Befriedigung undsind dadurch eher bereit, andere sexuelle Aktivitäten einzugehen somit öfters eine sexuelle Erregung zu erleben (Baumeister et al., 2001).

Diese Ergebnisse lassen sich wahrscheinlich durch das Hormon Testosteron erklären, das in höheren Mengen bei Männern vorliegt, als bei Frauen. „Sex drive“ und allgemein sexuelle Erregungen (Beispielsweise, die Erektion) werden unter anderem durch Testosteron gesteuert (Zeitlin & Rajfer, 2000).

Eine forensische Studie von Malamuth, Feshbach & Jaffe (1977) beschrieben, dass ein hohes sexuelles Verlangen bei Sexualstraftätern den Zusammenhang zwischen sexueller Erregung und Aggressionsbereitschaft moderieren könnte. Es konnte herausgefunden werden, dass Sexualstraftäter sexuell erregter werden als Nichttäter. Beim Betrachten von pornografischem Videomaterial (unter anderem Vergewaltigungsszenen), konnte gezeigt werden, dass Sexualstraftäter dadurch erhöht sexuell erregt werden (Malamuth, Feshbach & Jaffe, 1977).

Dieser Einfluss akuter sexueller Erregung auf sexuelles Interesse soll in der folgenden Studie innerhalb einer nicht-klinischen Stichprobe bestehend aus volljährigen, heterosexuellen Männern untersucht werden

Nachdem sich dieses Kapitel mit Libido auseinandergesetzt hat, werden in den nächsten Kapiteln Studien über sexueller Erregung und indirekte reaktionsbasierte Messverfahren zur Erfassung von sexuellem Interesse näher beschrieben.

Sexuelle Erregung

Unter sexueller Erregung versteht man eine physiologische Reaktion auf ein, meist erotischer Stimulus (Freund, 1978). Nach Freund (1978) hängt die sexuelle Erregung vom Stimulus ab. Besonders wichtig hier, ist es, wie stark sexuell attraktiv dieser Stimulus für ein Individuum ist, beziehungsweise wie dieser bewertet wird. Das Vorhandensein eines sexuell anziehenden Stimulus, kann die Stärke der sexuellen Erregung zusätzlich mit sogenannten „sexuellen kompatiblen“ Verhaltensweisen beeinflussen (Freund, 1978). Unter dem Begriff „sexuell kompatibel“ versteht man allgemein Verhaltensweisen, die bezüglich der sexuellen Erregung kongruent sind. Somit wird eine Person, die von einem sexuell anziehenden Stimulus auch sexuell erregt wird, spezifische, mit der Situation kongruente Verhaltensweisen aufzeigen. Die sexuelle Erregung kann jedoch auch durch Ablenkung reduziert werden. In dem Fall wird von sogenannten „sexuell neutrale“ oder „sexuell inkompatibel“ Verhaltensweisen gesprochen. Darunter versteht man eine Situation, in der ein Individuum ein sexueller Stimulus vor sich hat, jedoch eine neutrale oder eher ablehnende Verhaltensweise zeigt (Freund, 1978).

Singer (1984) versuchte anhand eines Modells, zu erklären wie Menschen allgemein auf sexuelle Erregungen reagieren. Diese Reaktionen werden in diesem Modell als Antworten bezeichnet, die sich in drei verschiedenen Komponenten klassifizieren lassen. Die erste Komponente wird als „ästhetische Antwort“ bezeichnet und kennzeichnet eine emotionale Reaktion, in dem ein Individuum ein attraktiver Stimulus wahrnimmt und sich somit auch die Kopf-und Augenbewegungen in Richtung Stimulus richten. Die zweite Komponente ist die sogenannte „approach response“ in der die Individuen körperliche Annäherung in Richtung des sexuell attraktiven Stimulus aufsuchen. Die letzte Komponente ist die „genitale Antwort“ (Darunter versteht man zum Beispiel die Erektion beim Mann oder die Befeuchtung der Vagina), die durch die sexuelle Annäherung mit dem sexuell, attraktiven Stimulus einhergeht. Singer (1984) betont unter anderem, dass die „genitale Antwort“ (bei Männern) am besten zu messen ist, und dadurch als eine reliable Messung für Laborexperimente angesehen werden kann. Die „genitale Antwort“ kann man in Laborexperimenten mit Phallographie/ Phallometrie (Englisch: penile plethysmography (PPG)) messen, während denen aufgezeichnet wird, ob männliche Probanden eine Erektion bekommen oder nicht (Kalmus & Beech, 2005).

Die Phallographie/ Phallometrie (PPG) wurde öfters in mehreren Studien benutzt, als direkte Messung um sexuelle Erregung und sexuelles Interesse zu erfassen. Die PPG wird besonders in Nord Amerika benutzt, um sexuelle Erregung und Interesse in Kindern bei sexuell devianten Männern zu untersuchen. Da die PPG jedoch unterschiedliche Einschränkungen aufweist, besonders was die Ethik und die Validität angeht, wird diese nicht in europäischen Ländern durchgeführt (Babchishin, Nunes & Hermann, 2013).

Messverfahren, die in den meisten europäischen Ländern benutzt werden sind indirekte Messverfahren, wie der Implizite Assoziationstest (IAT) oder Viewing Time Messungen. Eine bekannte und für die folgende Arbeit, relevante Studie, zur Erfassung der sexuellen Erregung, ist die Studie von Ariely & Loewenstein (2006), die den Einfluss akuter sexueller Erregung auf sexuelle Entscheidungen in unterschiedlichen Aktivitäten untersucht. Zusätzlich untersuchte diese Studie anhand von „self-reports“ („Selbstberichte“) die Bereitschaft anhand fragwürdiger Methoden sexuelle Beziehungen zu erzwingen sowie die Bereitschaft, sich in risikoreichen, sexuellen Aktivitäten zu engagieren (Beispiel: Eine sexuelle Beziehung ohne Kondom eingehen oder außerehelicher Sex.).

Die Probanden in Ariely & Loewenstein`s Studie (2006) der Experimentalgruppe mussten in dieser Studie vor sexuell expliziten Bildern masturbieren. Diese sexuell expliziten Bilder wurden ihnen auf einem Bildschirm präsentiert. Die Kontrollgruppe bekam keine sexuell expliziten Bilder zu sehen und dazu die Instruktion nicht zu masturbieren. In beiden Gruppen mussten die Probanden gleichzeitig auf Fragen antworten, in denen es um die Attraktivität von sexuellen Aktivitäten, Verhaltensweisen gegenüber sexuellen Risiken und wie weit ein Proband gehen würde um sexuelle Beziehungen einzugehen.

Die Probanden, die sexuell explizite Bilder zu sehen bekamen und dazu masturbieren mussten, waren eher dazu bereit, diese verschiedenen Verhaltensweisen aufzuzeigen als nicht- sexuell erregte Probanden. Männer, die akut sexuell erregt wurden, zeigten sexuelle, enthemmte Verhaltensweisen, wie ein größeres, breiteres sexuelles Interesse.

Ergebnisse aus der Studie von Both, Spiering, Everaerd & Laan (2004), die für die folgende Studie relevant ist, fanden eine hohe Korrelation zwischen der Erregbarkeit der Probanden und der Bewertung der Attraktivität der sexuellen Stimuli. Dieser Zusammenhang zwischen sexueller Erregung und Bewertung der Stimuli wurde nur innerhalb der Experimentalgruppe gefunden (Probanden mussten sich einen erotischen Film ansehen) (Both, Spiering, Everaerd & Laan, 2004). Both, Spiering, Everaerd & Laan (2005) diskutierten anschließend darüber, inwiefern sexuelles Verlangen einen Zusammenhang zwischen sexueller Erregung und Bewertung sexueller Stimuli moderieren würde. Es ist also für die folgende Studie relevant, den Einfluss akuter sexueller Erregung auf sexuelles Interesse zu erforschen und zusätzlich die Moderatorvariable von sexuellem Verlangens mit einzubeziehen.

Jedoch konnten in Ariely und Loewenstein`s Studie (2006) mehrere Einschränkungen gefunden werden. Eine der mehreren Einschränkungen war unter anderem, dass eine geringe Kontrolle über das Experiment stattfand. Ob die Instruktionen der Aufgaben mit Gewissenhaftigkeit gelesen und verstanden worden sind, konnte nicht garantiert werden, da die Probanden ein großer Teil der Studie allein zu hause durchgeführt haben. Eine weitere Einschränkung, die von den Autoren genannt wurde, ist dass die Ergebnisse nicht auf Frauen generalisiert werden können. Falls man bei Frauen die gleichen Effekte der sexuellen Erregung (also, dass sexuelle Erregung die sexuelle Entscheidungen beeinflusst), könnte man dies auf der gesamten Population verallgemeinern. Doch gibt es Autoren, die anhand mehreren Theorien erklärten, dass Männer eine höhere und intensivere sexuelle Motivation haben als Frauen, und somit, dass Frauen weniger von der sexuellen Erregung beeinflusst werden in ihren sexuellen Entscheidungen als Männer (Baumeister et al. 2001). Kurzfassend konnten Ariely & Loewenstein (2006) aufzeigen, dass die sexuelle Erregung Menschen sehr beeinflussen kann und dass man mit dem sogenannten „heat of moment“ (ein Moment, in dem man akut sexuell erregt wird/ist) gut überlegen, wie man darauf reagieren sollte.

Unter kontrollierten Laborbedingungen replizierten Imhoff & Schmidt (2014) die Studie von Ariely und Loewenstein (2006). Unter anderem wurden die Effekte der akuten sexuellen Erregung zwischen beiden Geschlechter untersucht und ob sich diese Effekte ebenfalls auf nicht-sexuell enthemmte Verhaltensweisen verallgemeinern lassen. Anhand Selbstberichte konnte herausgefunden werden, dass die sexuelle Erregung, wobei diese anhand erotischen Geschichten manipuliert wurde, eine Wirkung auf sexuell enthemmte Verhaltensweisen aufzeigt (Beispiel für sexuelle Enthemmung: Sexuelle Aktivität ohne Kondom). Die Autoren konnten die Effekte der sexuellen Erregung auf die sexuellen Verhaltensweisen bei beiden Geschlechtern aufweisen. So zeigten Männer höhere Werte als Frauen bei sexuellen und nicht-sexuellen Enthemmungen (Beispiel für nicht-sexuelle Enthemmung: Langeweile spüren beim Zuhören von Problemen von Freunden) (Imhoff & Schmidt, 2014). Diskutiert wurde jedoch darüber, dass die Konsequenzen der sexuellen Erregung auf das Verhalten beider Geschlechter eher eine Wirkung auf Frauen hat (Beispiel: ungewollte Schwangerschaft), aber dass die sexuelle Erregung ein Risikofaktor für negatives sexuelles Verhalten bei Männer darstellen könnte (Beispiele: sexuelle Interaktionen mit Minderjährigen, Vergewaltigung). Sexuelle Erregung könnte somit als Risikofaktor für sexuell unadaptierte Verhaltensweisen angesehen werden. Ob dies doch der Fall ist für folgende Studie wird später diskutiert.

Direkte und indirekte Messverfahren

In dem folgenden Kapitel sollen die Vor-und Nachteile direkter und indirekter Messverfahren, ihren Nutzung in zahlreichen forensischen Studien in Bezug auf akute sexuelle Erregung und Interesse, näher erläutert werden. Nebenbei soll auch die Relevanz unterschiedlicher Studien für die Generierung der Fragestellungen für die vorliegende Arbeit beschrieben. So werden die Themen der Prävalenz des sexuellen Interesses von Männern, aus einer nicht-klinischen Stichprobe, an Kindern und das konkrete Erfassen der sexuellen Erregung und des sexuellen Interesses anhand unterschiedlicher Messverfahren behandelt.

Um das sexuelle Interesse zu erfassen, gibt es Selbstberichte, diese werden anhand von Fragebögen erhoben. Es handelt sich hierbei um eine sogenannte direkte Messung. Ein Problem dieser Messung bildet jedoch die Tatsache, dass die Ergebnisse leicht zu verfälschen sind. Indirekte Messungen sind reaktionsbasierte Messungen, die auf Bewertungen, Kategorisierungen oder ähnliche Aufgaben basieren, in denen die Probanden visuelle Stimuli bekommen und diese dann aussortieren müssen. Anhand indirekten Messverfahren können Probanden weniger manipulieren, da die Testpersonen weniger bewusst die Messungen verändern können. Diese Messungen kann man nicht absichtlich bewusst kontrollieren.

Wie vorhin beschrieben, gibt es unterschiedliche Messverfahren, die die sexuelle Erregung und das Interesse erfassen können. Eine, die am meistbenutzten Methoden ist die Phallographie/ Phallometrie (Englisch: (Englisch: penile plethysmography (PPG)). Dieses Messverfahren wird öfters im Bereich der Forensik benutzt, um mögliche Veränderungen des Volumens des Penis während des Betrachtens von visuellen oder akustischen Stimuli, wie Erwachsenen- oder/und Kinderfotos (Schuster, 2014).

In folgender Studie wird sich auf eine nicht-klinische Stichprobe von Männern fokussiert. Es wird also vorerst nicht angenommen, dass unter dieser Stichprobe sich Männer mit potenziellen pädophilen Interessen befinden, unabhängig vom Einfluss akuter sexueller Erregung. Doch konnten diesbezüglich vorherige Studien erfassen, dass eine gewisse Anzahl an Männer, aus einer nicht-klinischen Stichprobe, nach phallometrischen Messungen, sexuelle Interessen für Kinder aufwiesen. Mussack (1987) untersuchte dieses Phänomen anhand der Phallometrie. Er erklärte seine Ergebnisse wie folgt:

Die “Normalen” (…) könnten während der psychophysiologischen Erregungs-Feststellung der sexuellen Interessen grössere Angst als die Sexualmissbraucher haben, wenn sie Stimuli ausgesetzt sind, zu denen auch Kinder gehören, wegen des Fehlens von persönlicher Erfahrung einer sexuellen Beziehung mit einem Kind, der Angst vor latenten devianten Tendenzen oder Aversion zu diesen Stimuli. Wenn eine normale Versuchsperson zum Beginn der Untersuchung feststellt, dass sie durch Kinder-Stimuli erregt wird, könnte eine künstliche Reduzierung der Erregung während der folgenden Repräsentationen der devianten Stimuli auftreten wegen der Sorge, die während der Messung der sexuellen Erregung zugenommen hat, was die Messergebnisse verzerren könnte. (…) Es wurde versucht, das Angstlevel der normalen erwachsenen Untersuchungsteilnehmer zu reduzieren, indem ihnen explizit die Erlaubnis gegeben wurde, durch jeden präsentierten Stimulus erregt zu werden und durch die Klarstellung, dass eine Reaktion auf welchen der Stimuli auch immer nicht als Indikator für ein unnormales sexuelles Interesse betrachtet werden sollte.” (Mussack (1987) S.80, Übersetzung von Schuster (2014))

Dass laut Mussack (1987) auch bei “normalen” Männern eine erhöhte sexuelle Erregung bei Kinderfotos aufgezeigt wurd, lässt sich dadurch erklären, dass diese Stimuli als neuartig wirkten und somit eine sexuelle Erregung mit sich brachte, die eigentlich auf dem ganzen erotischen Inhalt der Studie basierte.

Ob die Ergebnisse von Mussack (1987) repräsentativ für die Gesamtpopulation sind, bleibt unklar. Weitere Studien haben sich mit dem Thema der sexuellen Erregung und Interesse von Männern an Kindern, aus einer nicht-klinischen Stichprobe, auseinandergesetzt.

Hall, Hirschmann & Oliver (1995) untersuchten sogenannte „normale“ Männer anhand der Phallographie/ Phallometrie. Die Autoren zeigten, dass 33% (26 von 80 männlichen Probanden) genauso stark von Kinderfotos wie von Erwachsenenfotos sexuell erregt wurden. Um diese Ergebnisse erklären zu können, wurde sich auf unterschiedliche Aspekte fokussiert. Es gibt Menschen, die danach suchen, sexuelle Stimulationen zu erleben und andere hingegen, versuchen sich an sogenannte „sexuelle Normen“ der Gesellschaft zu halten. Dieser „Faktor“ kann also erklären, dass die Erhöhung der sexuellen Erregung der Männer durch Kinderstimuli nur diesen Allgemeinzustand der sexuellen Erregung erfasste. Für die folgende Studie könnte man also auch annehmen, dass Männer, die seit langem ihr sexuelles Bedürfnis nicht mehr befriedigen konnten, und dann sexuellen Stimuli ausgesetzt werden (sei es durch Fragen, die die Sexualität betreffen, oder der Konsum von pornographischen Seiten), in einen allgemeinen Zustand der sexuellen Erregung fallen, und somit bereits vor dem eigentlichen sexuellen Stimulus (Beispiel: sexuell erregende Geschichte) , beim Anschauen von Kinderfotos gleichermaßen sexuell erregt werden wie beim Betrachten von Erwachsenenfotos.

Hall et al. (1995) erklärte zusätzlich, dass:

Die Hypothese, dass sexuelle Erregung durch pädophile Stimuli eine Funktion des Faktors der generellen sexuellen Erregbarkeit ist, wurde gestützt durch eine positive Korrelation von pädophiler mit erwachsener heterosexueller Erregung, insbesondere bei den physiologischen Daten. (….) Das Zeigen von Erregung durch pädophile Stimuli könnte in jedem Individuum zumindest teilweise eher eine Funktion der generellen sexuellen Erregbarkeit sein als ein Anzeichen einer sexuellen Devianz.“

(Hall et al. (1995) S. 690, Übersetzung von Schuster (2014))

Es gibt Studien, die das sexuelle Interesse an Kindern in nicht-forensischen männlichen Stichproben erfasst haben. Eine konkrete Prävalenz gibt es jedoch noch nicht.

Nach Ogas & Gaddam (2012) ist das englische Wort „preteen“ der dritthäufigste Begriff, der von Männern in Beziehung zu Pornoseiten im Internet benutzt wird (N> 3, 000,000 individual searches; Ogas & Gaddam, 2013). 20.5% der Suche im Internet zielte auf präpubertäre Kinder unter 12 Jahren (Dombert, Schmidt, Banse et al., 2015)). Nach Dawson, Bannerman, & Lalumière (2014) berichten 9% der Männer, dass eine sexuelle Beziehung mit einem Kind oder das Anschauen kinderpornografischen Materials sexuell erregend sei. Eine finnische Studie (Sariola & Uutela, 1994) berichtete über eine Prävalenz von 3.5% bei sexuellen Fantasien oder Verhaltensweisen mit Kindern unter 16 Jahren bei Männern.

Dombert, Schmidt, Banse et al. (2015) untersuchten anhand Selbstberichte in einer Online Studie das sexuelle Interesse in Kindern bei deutschen Männern. Die Stichprobe bestand aus 8,718 männliche Probanden zwischen 18 und 89 Jahren (M= 43.5, SD= 13.7). Die Probanden mussten Fragen über sexuelle Fantasien und Verhaltensweisen mit präpubertären Kindern, Nutzen kinderpornografischem Material und sexuelle Orientation beantworten. Anschließend mussten die Probanden eine Viewing Time Aufgabe machen, die aus dem Explicit and Implicit Sexual Interest Profile (EISIP; Banse, Schmidt & Clarbour, 2010) entnommen wurde. Die Viewing Time Aufgabe sowie das EISIP werden in späteren Abschnitten genauer beschrieben. Nach der Viewing Time Aufgabe wurden Fragen über Ekelsensibilität, sexuelles Verlangen und unter anderem auch über individuelle sexuelle Viktimisierung während der Kindheit (<14 Jahren) und der Fragebogen Explicit Sexual Interest Questionnaire (ESIQ; Banse et al., 2010) wurde ebenfalls benutzt. Die Online Studie endete mit einem modifizierten „snake in the grass paradigm“, eine indirekte reaktionsbasierte Messung um sexuelles Interesse für Kindern zu erfassen, entwickelt von Öhman, Flykt, & Esteves (2001).

Die Ergebnisse zeigten, dass 5.5% (n= 482) aller Probanden eins der Indikatoren für ein pädophiles sexuelles Interesse (Beispiele: Fantasien, Verhaltensweisen, Nutzen von kinderpornografischem Material) aufzeigten. 4.2% (n= 358) berichteten über sexuelle Fantasien mit präpubertären Kindern, wobei die meisten Probanden über Mädchen fantasieren (68.4%; n= 245). Es konnte in dieser Studie also ein sexuelles Interesse in Kindern bei Männern aus einer nicht-kriminellen Stichprobe gefunden werden.

Ob diese Ergebnisse anhand von reaktionsbasierten Messverfahren, wie den Impliziten Assoziationstest (IAT) oder Viewing Time (VT) repliziert werden können bleibt unklar, besonders weil die Phallometrie/ Phallographie (PPG) doch nicht die beste Möglichkeit ist, sexuelles Interesse zu messen, weil wenig Standardisierung vom Stimulusmaterial vorhanden ist. Es konnte eine diskriminante Validität gefunden werden, aber dafür kleine Retest Reliabilitäten in früheren Studien, und, obwohl es sich um einer physiologischen Messung handelt, besteht doch eine hohe Gefahr an Verfälschbarkeit.

Wie anfangs erwähnt, werden solche Messungen meistens in forensischen Studien benutzt, besonders wenn es darum geht, das sexuelle Interesse zu erfassen. Das sexuelle Interesse anhand von Phallometrie oder Selbstberichte zu erfassen ist schwierig, eben wegen des Risikos der Verfälschbarkeit.

Rosenzweig (1942) beschrieb erstmal die Viewing Time Messungen (Banse, Gykiere, Mann, Schmidt & Vanhoeck, 2013). Gress & Laws (2009) beschrieb, dass Bilder, mit sexuell attraktiven Individuen länger angeschaut werden als weniger attraktiven Individuen. In ein typisches Viewing Time müssen Probanden die sexuelle Attraktivität der Bilder bewerten. Die Viewing Time Messungen können als indirekte Indikatoren sexueller Interessen genutzt werden. Beim Viewing Time können die Latenzen, also die Reaktionszeiten implizit gemessen werden.

In einer Studie von Imhoff, Schmidt, Nordsiek, Luzar et al. (2010) konnte gezeigt werden, dass sexuell attraktive Stimuli längere Reaktionszeiten hervorrufen. Diese verlängerten Reaktionszeiten für sexuell attraktive Stimuli konnten auch bei der sogenannten „speeded binary decision task“ beobachtet werden. Es konnte gezeigt werden, dass Reaktionszeiten die gleichen waren bei Aufgaben in denen man den ganzen Körper sowie auch nur den Kopf der Stimuli bewerten musste.

In einer Viewing Time Aufgabe werden die Probanden gefragt, Bilder von Personen zu bewerten auf einer Skala der sexuellen Attraktivität. Die Reaktionszeit (die Latenzen, eng.: „latencies“) bei der Bewertung wird dabei gemessen, ohne dass die Probanden dies wissen. Eigentlich gibt es nicht sehr viel Wissen über diese verlängerten Reaktionszeiten bei sexuell attraktiven Stimuli. In dieser Studie wurden vier spezifische Erklärungen beschrieben wieso sexuell attraktive Stimuli länger angeschaut werden.

Die erste Erklärung wäre, dass sexuell attraktive Stimuli länger angeschaut werden, weil diese neuronale Aktivitäten in Hirnregionen verursachen. Personen haben also bewusst eine längere Reaktionszeit, weil sie den sexuell attraktiven Stimulus auch länger anschauen möchten. Singer (1984) hatte bereits erklärt, dass die Augenbewegungen sich eher und länger auf sexuell attraktive Stimuli richten. Personen kontrollieren absichtlich wie lange sie die Bilder ansehen, weil diese sexuell attraktiv sind. Das Anschauen sexuell attraktiven Bildern gibt ein angenehmes Gefühl, das durch das weitere Betrachten dieser Bildern erhalten bleibt.

Die zweite Erklärung konzentriert sich auf die Aufmerksamkeit der Probanden. Sexuell attraktive Stimuli dekonzentrieren Probanden, sodass diese ihre ganze Aufmerksamkeit auf diese spezifische Stimuli richten.

Als dritte Erklärung wurde beschrieben, dass das Vorhandensein sexueller Stimuli zu Verunsicherungen führen können, was die sexuellen Entscheidungen einer Person betrifft. Diese Erklärung ist also eher evolutionsbiologisch geprägt. Als vierte und letzte Erklärung wäre die sogenannte „mate identification“.

Die Studie wurde also in vier Experimente aufgeteilt. Für jede der vier Erklärungen wurden dann vier verschiedene Hypothesen für diese Experimente aufgestellt. Für die vier Experimente wurde eine Zusammenfassung der Ergebnisse beschrieben. Probanden zeigten also bei subjektiv sexuell attraktiveren Bildern verlängerte Reaktionszeiten, sogar wenn die Präsentation dieser Stimuli sehr kurz war und die Zeit, die Bilder zu bewerten, reduziert war („speeded responding“).

Verlängerte Reaktionszeiten treten also ebenfalls auf, wenn die Bilder nicht mehr vorhanden sind, wenn die Antwortzeit reduziert ist und wenn die Stimuli keine primären und sekundären sexuellen Merkmale aufzeigen. Diese Studie konnte also zeigen, dass das Vorhandensein von Gesichtern genügt, sexuelle Präferenzen zu erfassen und somit können diese Ergebnisse unter anderem auch für forensische Studien sehr relevant sein.

Banse, Schmidt & Clarbour (2010) haben den sogenannten Explicit and Implicit Sexual Interest Profile (EISIP) entwickelt. Es beinhaltet direkte Messungen, also Selbstberichte („self-reports“) und indirekte Messungen in Form von Viewing Time Messungen (VT) und Impliziter Assoziationstest (IAT).

Es gibt im Moment nicht sehr viel Forschung über Reliabilität und Validität zu den indirekten reaktionsbasierten Messungen, die das sexuelle Interesse erfassen sollen, und genau dies war das erste Ziel der Studie. Die Autoren wollten hauptsächlich die Reliabilität und die Validität der direkten und indirekten Messungen des EISIP untersuchen (Banse et al., 2010). Die Stichprobe, bei der die Autoren diese untersuchen wollten bestand aus „child sex offender“, „offender“ und „non-offender“.

Zu den direkten Messungen des EISIP wurde der sogenannte „The Explicit Sexual Interest Questionnaire“, kurz „ESIQ“ benutzt. Dieser Fragebogen wurde spezifisch für diese Studie entwickelt und beinhaltet zwei Subskalen, die einmal das sexuelle Verhalten (5 Items) (Beispielitem: „I have sexually touched a…“) und die sexuelle Fantasien (ebenfalls 5 Items) (Beispielitem: „I get excited when I imagine that a…stimulates me“) erfasst. Diese zehn Items wurden jeweils mit vier verschiedenen Zielobjekten kombiniert („Mann“, „Frau“, „Junge“, „Mädchen“). Die Beantwortung der Fragen war dichotom („Ja“/ „Nein“).

Zu den indirekten Messungen des EISIP wurden vier unterschiedliche Viewing Time Messungen für das Erfassen der sexuellen Interessen in Männer, Frauen, Mädchen oder/und Jungen.

Die Probanden mussten die sexuelle Attraktivität dieser Stimuli auf einer fünfstufigen Likert-Skala bewerten (1= „sexually unexciting“ bis 5= „sexually very exciting“). Für diese Bewertung hatten die Probanden keinen Zeitlimit. Es wurden zusätzlich drei verschiedene IAT`s mit folgenden Kategorien benutzt: „man-woman“, „girl-woman“ und „boy-man“. Probanden mussten diese Stimuli in zwei Kategorien einteilen: „sexually exciting/ unexciting“. Die Stimuli, die beim IAT benutzt wurden, waren die gleiche wie bei der Viewing Time Messung. Das IAT wird also allgemein benutzt um Assoziationen zwischen zwei verschiedenen Konzepten und deren Bewertung oder Evaluation zu erfassen (Konzept wäre dann die „man-woman“, „girl-woman“, „boy-man“ und die Evaluationen wären die Attributionen von „sexually exciting/unexciting“. Die Stimuli wurden aus dem „Not-Real-People picture set A and B“(Pacific Psychological Assessment Corporation, 2004; Laws & Gress, 2004) ausgewählt. Diese Stimuli repräsentieren die verschiedenen Stadien der sexuellen Entwicklung von Individuen. Diese Stadien werden also in fünf Kategorien, in sogenannten „Tanner Categories“ genannt nach Tanner (1973). „Tanner Categories“ 1 bis 3 repräsentieren die Kategorie der Kinder, wobei die dritte Kategorie für „prepubescent children“ steht. „Tanner Category“ 4 repräsentiert die Kategorie der Jugendlichen und die fünfte Kategorie repräsentiert die Erwachsenen. Die Individuen wurden alle in Badeanzüge präsentiert. Die Tanner Kategorien 3-4 wurden für folgende Studie benutzt.

Die interne Konsistenz der acht Subskalen und der vier kombinierten Skalen des ESIQ waren zufriedenstellend, mit einem Wert zwischen .87 und .97. Für die Viewing Time Messungen waren die Reliabilitäten ebenfalls zufriedenstellend, bis sehr gut. Für die Viewing Time Messung von jüngeren Mädchen wurde ein Cronbach Alpha von .77 gefunden und für die interne Konsistenz ein Alpha-Wert von .85. Was die Reliabilitäten des IAT betrifft, waren die Ergebnisse sehr gemischt. Die IAT`s „man-woman“ und „girl-woman“ zeigten einen zufriedenstellenden Reliabilitätwert von .79, aber die IAT`s „boys-men“ zeigten einen unzufriedenstellenden Alpha-Wert von .65. Diese niedrige Reliabilität kann sich dadurch erklären lassen, dass es sehr wenige nicht-kriminelle homosexuelle Männer in der Stichprobe waren.

Zur konvergenten Validität vom IAT und der Viewing Time Messung wurde eine signifikante Korrelation nur für das „girl-woman“ IAT gefunden.

Zur Studie von Banse et al. (2010) kann man schlussendlich behaupten, dass die Testbatterie EISIP sehr gut geeignet ist für das sexuelle Interesse zu erfassen, und dies sowohl bei kriminellen, wie bei nicht-kriminellen Stichproben. Die Diskriminierung zwischen „offender“ und Nichtkriminellen wurde hier anhand der indirekten Messungen des EISIP besonders klar gemacht. Hauptziel dieser Studie war es, die Reliabilitäten und Validitäten zu den indirekten reaktionsbasierten Messungen zu erfassen, und was die Autoren herausgefunden haben, ist, dass die Viewing Time Messungen viel besser als die IAT`s diskriminieren konnten. Psychometrisch gesehen, waren die IAT`s also weniger zufriedenstellend als die Viewing Time Messungen. Anhand des EISIP konnte also herausgefunden werden, dass man anhand direkten und indirekten Messverfahren das sexuelle Interesse erfassen kann und dass diese Testbatterie für diagnostische Zwecke sehr wohl eingesetzt werden kann, da das sexuelle Interesse als Risikofaktor für rezidives kriminelles Verhalten bei Kindesmissbrauchern führen kann.

Für folgende Studie zeigt uns die Studie von Banse et al. (2010), dass die Nutzung von indirekten Messungen in Kombination mit direkten Messungen zur Erfassung von sexuellem Interesse reliabel, valide und anwendbar auf unterschiedliche Stichproben ist.

Diese Studien und Beobachtungen von Mussack (1987), Hall et al. (1995) und Banse et al. (2010) sind für folgende Studie allerdings von großer Bedeutung, da dies für eine indirekte, reaktionsbasierte Messung – in folgender Studie, das IAT und Viewing Time – solche Ergebnisse ebenfalls bestehen könnten.

In der folgenden Studie wird der Einfluss akuter sexueller Erregung auf das sexuelle Interesse erfasst. Studien aus dem Bereich der Aggressivität haben gezeigt, dass akut gesteigerte Aggressivität nach gewalthaltigen Videospielen das Selbstkonzept bezüglich der Aggression beeinflusst (Bluemke, Friedrich & Zumbach, 2009). Die Autoren haben die Beziehung zwischen aggressiven Computerspielen und der Aggressivität erforscht, indem sie implizte Messungen für die Aggressivität benutzten. Probanden wurden drei unterschiedlichen Gruppen zugeteilt. Die erste Gruppe musste ein aggressives Spiel spielen, in welchem manbeispielsweise Soldaten erschießen musste).Die zweite Gruppe wiederum hatte ein friedliches Spiel, in welchem der Spieler beispielsweiseBlumen gießen musste Die letzte Gruppe musste ein abstraktes Spiel spielen, in welchen der Spielerauf abstrakte Zeichnungen klicken musste. Nach fünf Minuten Spielzeit veränderte sich den „trait“ zu Aggression nicht, doch anhand des Impliziten Assoziationstests konnte im Selbstkonzept der Aggression eine Veränderung festgestellt werden. Nachdem ein aggressives Computerspiel gespielt wurde, erschien also eine signifikante Erhöhung des impliziten aggressiven Selbstkonzepts.

Ähnliche Ergebnisse konnten in forensischen Studien gefunden werden (bezüglich des Konzepts über Vergewaltigung). Hermann et al. (2010) untersuchten bei Vergewaltiger die Einflüsse akuter sexueller Erregung auf die Einstellung gegenüber Vergewaltigung. In dieser Studie konnte bei beiden Gruppen (Experimentalgruppe und Kontrollgruppe) herausgefunden werden, dass nach akuter sexueller Erregung, die Vergewaltigung als „weniger negativ“ eingeschätzt wurde.

Ariely & Loewenstein (2006) fanden bereits heraus, dass sexuell erregte Probanden eher dazu bereit sind, sich sexuell aggressiv zu verhalten. Die sexuelle Erregung spielt also eine Rolle bei sexuellen Übergriffen. Hermann et al. (2010) wollten also untersuchen, inwiefern die sexuelle Erregung die impliziten und expliziten Kognitionen gegenüber von Vergewaltigung bei Vergewaltigern und Nicht-Vergewaltigern einen Einfluss haben könnte. In der Experimentalgruppe mussten Probanden eine sexuell erregende Geschichte hören, die eine willentliche sexuelle Interaktion zwischen zwei heterosexuellen Personen beschrieb. In der Kontrollgruppe mussten die Probanden eine neutrale Geschichte anhören, über einen Mann, der einkaufen geht.

Die Ergebnisse zeigten, dass Probanden in der Experimentalgruppe (ob Vergewaltiger oder Nicht-Vergewaltiger) eine Vergewaltigung als weniger negativ einschätzten. Dieser Befund ist mit der Theorie konsistent, die besagt, dass die sexuelle Erregung eine Rolle in sexuellen Übergriffen spielt.

Sewell, Hermann, Nunes & McPhail (2010 Oktober) untersuchten die Einflüsse sexueller Erregung ebenfalls auf die impliziten und expliziten Einstellungen gegenüber sexuellen Missbrauchs von Kindern. Für diese Studien wurden Männern untersucht, die Kinder sexuell missbraucht haben. Zwei Gruppen wurden gebildet, wie bei Bluemke, Friedrich & Zumbach (2010). In der Experimentalgruppe hörten die Probanden eine sexuell erregende und in der Kontrollgruppe eine neutrale Geschichte.

Ergebnisse zeigten, dass die Werte des Impliziten Assoziationstests bei Männern, die Kinder sexuell missbraucht haben, nach sexueller Erregung signifikant positiver waren. Die implizite Einstellung wurde also positiver um sexuelle Beziehungen mit einem jungen Mädchen einzugehen, nach akuter sexueller Erregung.

Wie beschrieben gibt es viele unterschiedliche Studien, die das sexuelle Interesse anhand direkten und/ oder indirekten Messverfahren erfassen. Besonders in forensischen Studien wird der Einfluss akuter sexueller Erregung erforscht, aber in folgender Studie wird sich auf eine nicht-forensischen Stichprobe konzentriert. Gleichzeitig wird hier versucht zu zeigen, dass der Einfluss akuter sexueller Erregung anhand impliziter Messungen, wie das IAT und VT erfasst werden kann. Die Studien, die in folgendem Kapitel präsentiert wurden, hatten ihren Fokus stark auf die Einflüsse akuter sexueller Erregung auf unterschiedliche Konzepte. Die verschiedene Autoren erklären auch wie es zustande kommen könnte, aber bezüglich der impliziten Messungen, wie das IAT wird nicht deutlich hervorgebracht, ob den Einfluss akuter sexueller Erregung anhand dieser Verfahren untersuchen lässt. In vorliegender Studie werden also verstärkt implizite Messungen benutzt, um diesen Einfluss untersuchen zu können.

Sexuelles Verlangen & WMC

Es wurde bereits angenommen, dass WMC ein Moderator für sexuelle Entscheidungen sei. Somit wäre eine Erklärung für sexuelle Dysregulationen bei verschiedenen Individuen gewährleistet (Ariely & Loewenstein, 2006). Studien zeigten, dass ein niedriger WMC als Art „Risikofaktor“ angesehen werden kann, weil einen Zusammenhang zwischen niedrigem WMC und impulsive und aggressive sexuelle Aktivitäten einhergingen (Finn & Hall, 2004). Somit kann ein niedriger WMC bei einem Individuum mit deviantem sexuellem Interesse als ein erhöhter Risikofaktor für sexuell delinquente Verhaltensweisen angesehen werden (Finn, Mazas, Justus & Steinmetz, 2002).

Kognitive Komponenten beim Treffen sexuellen Entscheidungen seien also nicht auszuschließen, wie es bereits kurz im Modell der dualen Kontrolle beschrieben wird (Janssen & Bancroft, 2007).

Spokes et al. fanden 2014, dass die „Working Memory Capacity“ (WMC) die Beziehung zwischen physiologischer Erregung und dem Treffen sexueller Entscheidungen moderiert (Spokes et al., 2014).

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Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss akuter sexueller Erregung auf das sexuelle Interesse
Hochschule
Université du Luxembourg
Note
2.3
Autor
Jahr
2015
Seiten
72
Katalognummer
V436775
ISBN (eBook)
9783668863811
ISBN (Buch)
9783668863828
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einfluss, erregung, interesse
Arbeit zitieren
Emeline Mertens (Autor), 2015, Der Einfluss akuter sexueller Erregung auf das sexuelle Interesse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436775

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