Flanerie, Zeitvertreib und Müßiggang in der Literatur. Zu Heinrich Heines "Lutezia"


Essay, 2014
6 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

„Der Anblick derselben kann dem müßigen Flaneur den angenehmsten Zeitvertreib gewähren; (…)“[1]

In diesem Zitat aus Heinrich Heines „Lutezia“ geht es um den individuellen Flaneur, der sein „elitär-moralisches Überlegenheitsgefühl“[2] gegenüber der Masse aus dem Bewusstsein zieht, nach schönen (ästhetischen) Werten bei seinen müßigen Spaziergängen durch die Passagen der vorweihnachtlich geschmückten Stadt mit den mannigfaltigen Schaufenstern in den überdachten Geschäftsstraßen und aus seiner Eleganz und Stilsicherheit zu urteilen. Walter Benjamin hat in seinen Fragmenten über Baudelaire darauf hingewiesen, dass die Flanerie sich zu ihrer Bedeutung schwerlich ohne die Passagen“ hätte entwickeln können.[3] Doch hat dieser freie Müßiggang, der als Zeitvertreib und Inszenierung des Privatlebens in der Öffentlichkeit dient, wirklich eine negative Konnotation und ist mit Zeitvertreib wirklich das sinnlose Totschlagen von Zeit gemeint? Oder wird hier nicht auch eine Art Sinn geschaffen?

Im Folgenden soll dieser Zusammenhang zwischen Flanerie, Zeitvertreib und Müßiggang erörtert werden. Ich beziehe mich dabei hauptsächlich auf Heinrich Heines „Lutezia“.

Der Begriff „flanieren“ wurde im 19. Jahrhundert von dem französischen Wort „flâner“ entlehnt und bedeutet „umherstreifen/-treiben“ oder „umherschlendern“. Der „Flaneur“ schweift bei seinen Spaziergängen also im Prinzip mehr oder weniger planlos umher.[4]

Dieser Flaneur, der sich hier beobachtend durch die Pariser Passagen (Räume) bewegt, kümmert sich scheinbar wenig um die „Nuance Dufaure und Passy“[5], sondern um die Miene des anonymen Volkes auf den Gassen zwischen den Kaufmannsläden, die ihre Waren in den Schaufenstern anpreisen, denn auf dieses Volk – zumindest als Publikum seiner Selbstinszenierung – ist der Flaneur angewiesen. Durch dieses Erregen von Aufsehen und der Gewinnung von Beachtung steigt sein Selbstwert. Der Flaneur sehnt sich nach Anerkennung und Wertschätzung – ohne „dazu gehören“ zu wollen.[6] Letzterer - als Antiheld des Konsums - identifiziert sich also wenig mit der Politik Frankreichs und mit dem exklusiven, gehobenen und wohlhabenden Bürgertum in dieser „vornehmen Welt.“ [7] Unter die Flaneure mischen sich auch eilige Passanten, die ihren Geschäften nachgehen. Wenn sich das gemeine Volk unter die Flaneure mischt, dann bedeutet dies keinen Widerspruch. Man muss jedoch genau beachten, dass die Flanerie sich im Laufe des 19. Jahrhunderts auch verändert hat und nicht mehr nur ein adliges Privileg war. In Bezug auf das Publikum beziehungsweise Volk auf den Gassen betont Heines Flaneur, dass diese Menschen einem mit ihren geballten Fäusten plötzlich dreinschlagen möchten.[8] In Frankreich herrscht „Not“ und droht „Gefahr“.[9] Gerade der Flaneur, der oftmals zur unteren Klasse gehört, leidet stark unter der Politik. Es gibt keine „Gleichheit der Rechte“[10], sondern eine ungleiche Verteilung der Güter. Die „Idee der absoluten Gleichheit“(„Kommunismus“[11] ) ist jedoch das Ziel, das verfolgt werden soll. Heines Flaneur ist eine geschilderte und schildernde Zeiterscheinung in einer Welt mit großen gesellschaftlichen „Klüften“.

Im oben stehenden Zitat ist die Rede vom „müßigen Flaneur“ . Damit ist der müßige[12] Spaziergänger auf den Pariser Boulevards und in den Passagen gemeint, der keiner geregelten Arbeit nachgeht und sich langweilt. Dieser Flaneur verfügt über freie Zeit und sticht - wenn er von Adel ist (Dandy) - durch Reichtum und vor allem durch geschmackvolle Kleidung, durch seine Körperhaltung und Selbstrepräsentation von der Großstadtmasse ab. Sobald zunehmend auch die bürgerlichen Boulevardiers und Journalisten die adligen Flaneure zahlenmäßig übertrafen, wurde die Materialbeschaffung zum Schreiben in Verbindung mit Müßiggang allerdings wichtiger, als auf den Straßen gesehen zu werden.

Man sagt auch manchmal: „ Müßiggang ist aller Laster Anfang“ – Doch stimmt das wirklich? Offensichtlich wird Müßiggang oft mit Faulheit, Passivität und Nichtstun assoziiert. Der Flaneur kann aber seinen Müßiggang auch legitimieren, in dem er zum Detektiv wird und, man kann diesen demonstrativen Müßiggang auch als eine Art „Entschleunigung“ in einer schnelllebigen Großstadtwelt sehen und vielleicht auch als eine Suche nach der Muße/Muse[13]. Auch der „Heilige Hieronymus im Gehäus“ in Albrecht Dürers Kupferstich zeugt beispielsweise von der „vita contemplativa“ des melancholischen Mönches, der durch Studium und Mediation zur Weisheit gelangt. Müßiggang und allseitige Bildung, der Sinn für das Schöne und für den Genuss, seien – so Sylvia Stöbe – charakteristisch für den Flaneur und den englischen Dandy.[14] Ich möchte an dieser Stelle jedoch betonen, dass es sich in Heines „Lutezia“ jedoch sicherlich nicht um einen Dandy handeln kann, da dieser Flaneur nicht von Adel ist.

Ein weiteres Beispiel dafür wäre Marcel Prousts „À la recherche du temps perdu“, in dem die Erinnerung oder Imagination (Einbildungskraft/ Phantasie auch bei Charles Baudelaire) eine große Rolle spielt und in dem das Motiv „Zeit“ mehrere Bedeutungen hat: Die Zeit, die der Erzähler vergeudet hat, die schwermütige Sehnsucht nach vergangenen Zeiten, die vielleicht besser waren und die Erinnerungen, die bestimmte Dinge hervorrufen. Letzteres zeigt sich auch bei Heine, denn beim Flanieren „steigen (…) auch manchmal Gedanken auf“ [15] und man sucht Ablenkung, Spaß, Vergnügen und Zerstreuung – Zeitvertreib also.

Auch in Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ sind Muße und Müßiggang wichtige Motive. Der flanierend reflexive Müßiggänger verarbeitet dort seine Eindrücke der Großstadt auf eine melancholische Art und Weise. Müßiggang wirkt nämlich auf den äußeren Betrachter auf den ersten Blick negativ, aber dennoch scheint es bei dem Müßiggänger eine innere Aktivität zu geben. Der Müßiggänger ist also nicht völlig ziellos, sondern strebt durch eine kurzweilige Pause, in der er sich selber zu finden sucht, nach Selbstverwirklichung. So ergeht es auch dem Schriftsteller/Dichter oder Maler (Künstlertum im Allgemeinen). Müßiggang bedeutet also geistiger Genuss, Inspiration, Ideensuche und das Vergnügen schlechthin.

[...]


[1] Heine 1988, S. 139.

[2] Keidel 2006, S. 14.

[3] Die Horen 2000, S. 52.

[4] Kluge 2011, S. 300.

[5] Heine 1988, S. 139.

[6] Anmerkung: Bei den heutigen Stars mit dem Ziel, gesehen zu werden, ist das jedoch etwas anderes.

[7] Heine 19888, S. 139.

[8] Heine 1988, S. 139.

[9] Heine 1988, S. 140.

[10] Heine 1988, S. 140.

[11] Heine 1988, S. 140.

[12] Kluge 2011, S. 642: von „Muße“; ursprüngliche Bedeutung „Gelegenheit, Möglichkeit“.

[13] Kluge 2011, S. 642: Name der griechischen Göttinnen der Kunst (und Wissenschaft). Heute meist für die Inspiration des Dichters gebraucht (die Muse hat ihn geküsst u.ä.).

[14] Stöbe 1998, S. 2.

[15] Heine 1988, S. 139.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Flanerie, Zeitvertreib und Müßiggang in der Literatur. Zu Heinrich Heines "Lutezia"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Flanerie in der Literatur
Note
1.0
Autor
Jahr
2014
Seiten
6
Katalognummer
V436810
ISBN (eBook)
9783668775756
Sprache
Deutsch
Schlagworte
flanerie, zeitvertreib, müßiggang, literatur, heinrich, heines, lutezia
Arbeit zitieren
B.A. Elisabeth Monika Hartmann (Autor), 2014, Flanerie, Zeitvertreib und Müßiggang in der Literatur. Zu Heinrich Heines "Lutezia", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436810

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