Remigration oder weiterleben im Exil? Ruth Klüger und ihre Wiener Neurosen


Hausarbeit, 2015
13 Seiten, Note: 3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil

2.1. weiter leben. Eine Jugend: Kindheitserinnerungen an Wien

2.2. unterwegs verloren. Erinnerungen: Rückkehr in die Geburtsstadt

3. Resümee

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich komme nicht von Auschwitz her – ich stamm' aus Wien “, so lautet einer der wohl einprägsamsten Sätze Ruth Klügers. Die 1931 in Wien geborene Literaturwissenschaftlerin überlebte drei Konzentrationslager und wanderte schließlich in die USA aus. Die Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft, der Vertreibung aus der Heimat sowie später der Entschluss, ihrem Geburtsland den Rücken zu kehren, sollen Thema der vorliegenden Arbeit sein.

Im Mittelpunkt werden dabei die beiden autobiographischen Bücher weiter leben. Eine Jugend und unterwegs verloren. Erinnerungen stehen, die hinsichtlich des Wien-Bilds, das die Schriftstellerin in diesen Texten zeichnet, analysiert werden sollen. Neben einer Untersuchung dessen, wie die österreichische Hauptstadt dargestellt wird und welche Rolle sie in Klügers Leben spielte bzw. immer noch spielt, soll auch erörtert werden, warum sie sich – anders als viele andere im Zweiten Weltkrieg Vertriebene – nach Kriegsende gegen eine Remigration in ihre Heimat entschied.

Folgende Fragen gilt es dabei zu beantworten: welches Bild zeichnet Ruth Klüger von Wien, und inwiefern handelt es sich hier um eine subjektive Darstellung? Verändert sich der Blick der Autorin auf die Stadt nach ihrer Deportation – gibt es Unterschiede zwischen dem Wien der Kindheit und dem Wien, das Klüger später als Touristin besucht, und wenn ja, welche? Inwieweit wird Wien an sich bzw. die Abkehr von der Geburtsstadt in ihren Werken thematisiert, und was sind die Gründe dafür?

2. Hauptteil

2.1. weiter leben. Eine Jugend: Kindheitserinnerungen an Wien

Ruth Klüger thematisiert in ihren autobiographischen Schriften die „Schuld“ der nachfolgenden Generation und versucht, ihre eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Für sie ist diese Vergangenheit etwas, das nie gänzlich abgeschlossen sein wird, weil die Möglichkeit, sie vollkommen aufzuarbeiten, nicht besteht.[1]

Der Umgang mit den historischen Ereignissen bedingt auch Klügers Auseinandersetzung mit ihrer Heimatstadt Wien, in der sie ihre ersten elf Lebensjahre bis zu ihrer Deportation im Jahr 1942 verbringt. 1947 emigriert die Autorin in die USA und studiert in New York Bibliothekswissenschaften und Germanistik an der University of California, Berkeley; nach Europa und insbesondere nach Wien kehrt sie später nur noch für Gastaufenthalte im Rahmen ihrer Tätigkeit als Germanistin zurück. Ihre ambivalente Beziehung zu ihrer Geburtsstadt und die Frage nach einer Rückkehr reflektiert sie in mehreren ihrer autobiographischen Bücher, vor allem aber in dem 1992 erschienenen Werk weiter leben. Eine Jugend, in dem sie sich mit ihrer Kindheit und Jugend unter der NS-Herrschaft beschäftigt.

Während ihrer Kindheit in Wien erlebt Klüger die zunehmenden Einschränkungen und Verbote als starke Einengung des Lebensraumes und des sozialen Umfelds:

„Ich kenne die Stadt meiner ersten elf Jahre schlecht. Mit dem Judenstern hat man keine Ausflüge gemacht, und schon vor dem Judenstern war alles Erdenkliche für Juden geschlossen, verboten, nicht zugänglich.“[2]

Später heißt es:

„Wir wohnten im 7. Bezirk, Neubau. Es war im November ’38. Auf der Mariahilferstraße hat er [Klügers Vater] mir die zerbrochenen Fenster der Geschäfte gezeigt, fast schweigend, nur immer mit kurzen Hinweisen: “Da kann man jetzt nicht mehr einkaufen. Das ist geschlossen, das siehst du ja. Warum? Die Leut, denen das gehört, sind Juden wie wir.“[3]

In Wien aufwachsend, hat Ruth nicht die Gelegenheit, die Stadt wie andere Gleichaltrigre kennenzulernen und dort eine normale Kindheit zu verbringen:

„Was alle älteren Kinder in der Verwandtschaft und Bekanntschaft gelernt und getan hatten, als sie in meinem Alter waren, konnte ich nicht lernen und tun, so im Dianabad schwimmen, mit Freundinnen ins Urania-Kino gehen oder Schlittschuh laufen. Schwimmen hab ich nach dem Krieg in der Donau gelernt […] ; aber nicht bei Wien, auch Fahrradfahren anderswo […] .“[4]

Stattdessen verbringt sie ihre frühen Lebensjahre isoliert und flüchtet sich in die Lektüre von Gedichten: „In Wien musste ich die ganze Zeit im finstren Zimmer sitzen und lesen, in meiner Not habe ich Unmengen von Gedichten auswendig gelernt.“[5]

Dies führt bald dazu, dass die junge Ruth ihre Heimatstadt als „Gefängnis“ wahrnimmt: „Dieses Wien, aus dem mir die Flucht nicht geglückt ist, war ein Gefängnis, mein erstes, in dem ewig von der Flucht, das heißt vom Auswandern die Rede war.“[6] Im Gegensatz zu Ruth und ihrer Mutter gelingt dem Vater die Flucht nach Italien und weiter nach Frankreich, von wo aus er später nach Auschwitz abtransportiert und vermutlich sofort vergast wird, während seine Frau und seine Tochter den Krieg und die Lager überleben. Es dauert später noch lange, bis Ruth glaubt, dass der Vater tatsächlich vergast worden ist: „Darum habe ich auch jahrelang, nein, jahrzehntelang nicht glauben wollen und können, daß [sic!] er wirklich vergast worden ist.“[7]

Während der Vater sich auf der Flucht befindet, verschlechtert sich die Lebenssituation Klügers in Wien zunehmend:

Als Kind in Wien habe ich in drei, vier Wohnungen gelebt, eine bedrückender als die andere, als die Nazis verzweifelnde Menschen in enge und engere Wände zusammenpferchten. Damals war der Umzug jedes Mal eine Fahrt nach unten, in eine noch nicht ganz erkennbare Unterwelt.“[8]

Gleichzeitig entwickelt sich im Wien ihrer Kindheit das jüdische Selbstbewusstsein der Schriftstellerin, genauso wie Sympathien für die zionistische Idee; außerdem kehrt Klüger ihrem Namen Susanne den Rücken zu und nennt sich selbst in Ruth um: „Und nun, als mein ungefestigter Glaube an Österreich ins Schwanken geriet, wurde ich jüdisch in Abwehr. Bevor ich sieben war […] legte ich meinen bisherigen Rufnamen ab.“[9] Festzuhalten ist an dieser Stelle, dass dieses neue jüdische Selbstbewusstsein aber keineswegs mit zunehmender Religiosität einhergeht; vielmehr fühlt sich die Heranwachsende bei den verschiedenen rituellen und symbolischen Akten unwohl:

„Ich muß gestehen, daß [sic!] ich tatsächlich eine sehr schlechte Jüdin bin. Ich kann mich an kein Fest erinnern, bei dem mir wohl gewesen wäre. Ich denke hier vor allem an die Seder-abende in Wien. Diese rituale Mahlzeit, überfrachtet mit poetischen und symbolischen Bedeutungen, war sehr aktuell, denn sie feiert die Erlösung des Volkes durch Flucht und Auswanderung.“[10]

Interessant sind hier auch die Änderungen mancher Passagen in der Übersetzung ihres Buches weiter leben. Eine Jugend, die Klüger selbst vorgenommen hat. Sie übt damit auch Kritik an der Ignoranz mancher Amerikaner_innen:

The city of my first eleven years is not a place where I really know my way around. When I visit Vienna now, I walk the streets like a tourist, map in hand, and easily lose my way. “Oh you are from Vienna, “Americans like to say. “How lucky you are. What a charming city“. That’s what they said even in the late forties, as if they had promptly forgotten what the war was about, and I’d reply indredulously, „But I am Jewish“.[…] And nowadays they think of The Sound of Music and of Schwarzenegger. But with the yellow Jewish star on one’s coat, on didn’t go on excursions or into museums.”[11]

Rückblickend macht Klüger ganz klar deutlich, dass sie Wien nicht als ihre Heimatstadt ansieht, drückt aber auch ihr ambivalentes Verhältnis zu diesem Ort aus: „Wien ist Weltstadt, von Wien hat jeder sein Bild. Mir ist diese Stadt weder fremd noch vertraut, was wiederum umgekehrt bedeutet, dass sie mir beides ist, also heimatlich unheimlich.“[12]

Wien ist zwar ihre Geburtsstadt und der Ort, an dem Klüger die ersten elf Jahre ihres Lebens verbracht hat; trotzdem scheint die Schriftstellerin keinerlei heimatlichen Gefühle für die Stadt zu hegen, lehnt sogar die Bezeichnung „Heimat“ an sich ab: „ Ich mag das Wort Heimat nicht. Geburtsstadt.“[13] Das Wien ihrer Kindheit erscheint hier als ein Ort des Schreckens – Erinnerungen an ein Wien vor dem Nationalsozialismus sind offenbar nicht vorhanden und dementsprechend negativ und frei von jeglicher nostalgischer Verklärung fallen die Schilderungen der Stadt in Klügers ersten autobiographischen Werk aus.

[...]


[1] Vgl. Schmidtkunz, Renata: Im Gespräch – Ruth Klüger. Wien: Mandelbaum Verlag 2008, S. 20ff.

[2] Klüger, Ruth: weiter leben. Eine Jugend. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2009, S. 18.

[3] Klüger, Ruth: weiter leben. Eine Jugend. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2009, S. 20.

[4] Klüger (2009), S. 18.

[5] Zimmermann, Felix: Ich habe Füße, keine Wurzeln (2012), unter: http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/ artikel/?ressort=hi&dig=2012%2F11%2F03%2Fa0040&cHash=920b084851c49da4016ccc4c390528e5 (Stand: 28.10.2015)

[6] Klüger (2009), S. 45.

[7] Klüger (2009), S. 35.

[8] Klüger, Ruth: unterwegs verloren. Erinnerungen. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2010, S. 113.

[9] Klüger (2009), S. 41.

[10] Klüger (2009), S. 41.

[11] Klüger, Ruth: Landscapes of memory. A Holocaust girlhood remembered. London: Bloomsbury 2003, S. 16.

[12] Klüger (2009), S. 145.

[13] Zimmermann, Felix: Ich habe Füße, keine Wurzeln (2012), unter: http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/ artikel/?ressort=hi&dig=2012%2F11%2F03%2Fa0040&cHash=920b084851c49da4016ccc4c390528e5 (Stand: 28.10.2015)

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Details

Titel
Remigration oder weiterleben im Exil? Ruth Klüger und ihre Wiener Neurosen
Hochschule
Universität Wien
Note
3
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V436888
ISBN (eBook)
9783668773561
ISBN (Buch)
9783668773578
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
remigration, exil, ruth, klüger, wiener, neurosen, holocaust
Arbeit zitieren
Melanie Heiland (Autor), 2015, Remigration oder weiterleben im Exil? Ruth Klüger und ihre Wiener Neurosen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436888

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