Chinua Achebe’s "Things Fall Apart". Translinguale Praxis in der afrikanischen englischsprachigen Literatur


Seminararbeit, 2014
14 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Exophonie/Anderssprachigkeit in der Literatur: Überblick
2.2. Postkoloniale Literatur und ihre Sprache
2.3. Zentrum Nigeria: Chinua Achebe

3. Resümee

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Denn unter Anderssprachigkeit sei hier zunächst der Sachverhalt beschrieben, dass Autoren nicht – oder nicht ausschließlich – in der Sprache schreiben, die sie als erste gelernt haben. Exophonie , ein Terminus der (außer in der Ortsnamenkunde) gelegentlich benutzt wurde, um afrikanische Literaturen in europäischen Sprachen zu charakterisieren, kann zunächst als Synonym von Anderssprachigkeit fungieren , entwickelt aber andere Valenzen.“[1]

Das vorliegende Zitat zeigt, wie vielschichtig und wenig konkret die Definition des Begriffs der Exophonie noch immer ist. Anderssprachigkeit – was ist das überhaupt, und wie äußert sie sich literarisch? Dieser und anderen Fragen gilt es in dieser Arbeit nachzugehen.

Nach einem Überblick über das Phänomen der Anderssprachigkeit in der Literatur im Allgemeinen soll der Stellenwert dieser Erscheinung im Kontext des postkolonialen Afrika im Speziellen erörtert werden. Neben der Frage, ob und wie afrikanische Literatur überhaupt zu definieren ist, wird vor allem die Überlegung, warum sich gerade afrikanische SchriftstellerInnen in der literarischen Produktion so häufig der Sprache ihrer (ehemaligen) UnterdrückerInnen bedienen, im Vordergrund stehen. Der Fokus wird dabei auf Nigeria als einem der Zentren afrikanischer Literatur und insbesondere dem Autoren Chinua Achebe, der diesen Aneignungsprozess in den Mittelpunkt seiner Argumentation gestellt hat, liegen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei seinem Roman Things Fall Apart aus dem Jahr 1958, der in Hinblick auf Besonderheiten und Auffälligkeiten untersucht und analysiert werden soll.

Folgende Fragen gilt es dabei zu beantworten: wie manifestiert sich die Mehrsprachigkeit des Autors in seinem Werk? Wird das Schreiben in der Fremd-Sprache gerechtfertigt oder diskutiert, und wenn ja, wie? Auf welche Weise wird die Konfrontation der Igbo-Kultur und der (dem Autor fremden) westlichen Kultur im Roman geschildert?

2. Exophonie/Anderssprachigkeit in der Literatur: Überblick

Bevor die Analyse einzelner Texte vorgenommen werden kann, ist zunächst einmal das Verständnis der Ausdrücke „Exophonie“ bzw. „Anderssprachigkeit“ wichtig.

Der Begriff „Exophonie“ stammt aus dem griechischen und leitet sich von exo = hinaus und phono = Stimme ab und umfasst im weitesten Sinne AutorInnen, die nicht oder nicht nur in ihrer Muttersprache schreiben und publizieren. Während eine „ein-eindeutige Zuordnung der Faktoren Sprache, Literatur und Nation“[2] in früheren Jahrhunderten noch möglich und üblich war, ist Anderssprachigkeit heute, wo „die Globalisierung in ihre dritte Beschleunigungsphase eingetreten ist, in der sich neben der supranationalen Ökonomie auch eine transnationale Kultur ausbildet, […] schwerlich noch als Ausnahme von der Regel zu beschreiben“.[3]

Im Kontext der Sprachdiskussion in Afrika, wo die bereits erwähnte „ein-eindeutige Zuordnung von Sprache und Territorium ebenso durcheinander gebracht [wurde] wie diejenige von Sprache und >Nation<“[4] und die in dieser Arbeit im Vordergrund stehen soll, ist der Begriff der Exophonie noch einmal unter ganz speziellen Gesichtspunkten zu betrachten. Wichtig ist in diesem Zusammenhang das Phänomen der doppelten Fremdsprachigkeit: es handelt sich hier oft um SchriftstellerInnen, die „die >Zweitsprache< in der sie schreiben, nicht als gänzlich fremde, und umgekehrt die >Muttersprache<, in der sie zu sprechen gelernt haben, nicht als gesicherten Hort […] beschreiben, an dem sich schriftstellerisch festhalten oder in den sich jederzeit einfach zurückkehren ließe.“ Mehr noch als „Anderssprachigkeit“ handelt es sich hier um „Andersschriftlichkeit“. Im Vergleich zu anderen Literaturen kommt die Migrationsliteratur hier außerdem nicht additiv zur Nationalliteratur hinzu, sondern vielmehr wird die Nationelliteratur von innen heraus verändert. Es existieren quasi keine scharfen Grenzen zwischen Sprachen, zu denen sich etwas exophon oder endophon verhalten könnte – „[n]icht umsonst ist daher die Frage, in welcher Sprache jemand schreibt, in Afrika Gegenstand nicht abreißender und zweitweise besonders hitzig geführter Diskussionen.“[5] Der hier gesetzte Fokus auf diese in Afrika allgegenwärtigen Sprachdiskussionen soll nicht nur dazu dienen, afrikanische Literatur(en) besser zu verstehen, sondern auch das Bewusstsein stärken, „dass es sich auch unter europäischen Verhältnissen keineswegs immer von selbst versteht, wer in welcher Sprache schreibt“ und, vielleicht noch wichtiger, „dass es zwischen Exil, Migration und Diaspora, zwischen politischer Verfolgung, ökonomischer Not und kultureller Neugierde fließende Übergänge gibt“.[6]

Exophone Literatur ist demnach nicht nur für die Literaturwissenschaft per se interessant, sondern kann auch für viele andere Bereiche wie beispielsweise die Kultursoziologie, die Migrationsforschung etc. aufschlussreich sein.

2.2. Postkoloniale Literatur und ihre Sprache

Wie aus der bisherigen Darstellung hervorgeht, handelt es sich bei afrikanischer exophoner Literatur also offensichtlich um einen Sonderfall, dessen spezielle Umstände bei der Analyse berücksichtigt werden müssen.

„In the 1950s African writing in European languages raised the questions: Had the African author writing in English or French betrayed his homeland to become an assimilé? Or had the writer wrested the blade of language from the colonizer and submitted it to his own needs and those of his people?”[7] Diese Debatte stand lange im Zentrum der Diskussion über afrikanische postkoloniale Literatur. Während das Schreiben in der Kolonialsprache lange als „politisch falsch“ und „fatal“ galt[8], tendiert man heute eher dazu, jedem/r AutorIn die Freiheit zu lassen, in der jeweils gewünschten Sprache zu schreiben; außerdem ist evident, dass sich „Englisch, Französisch und Portugiesisch zweifellos als (Literatur-)Sprachen Afrikas etabliert“[9] haben und oft sogar als „die einzige Literatursprache eines Autors oder einer Autorin“[10] fungieren. Dies geschieht allerdings auf sehr komplexe Weise, und die jeweilige Kolonialsprache wird dabei bestimmten Transformations- und Aneignungsprozessen unterzogen. Bevor diese Prozesse genauer erörtert werden sollen, stellt sich an dieser Stelle zunächst die Frage, wie und warum es überhaupt zu diesem Phänomen kommt.

2.2.1. Schreiben in der Sprache der UnterdrückerInnen

Wie bereits beschrieben ist linguistische Diversifizierung in fast allen afrikanischen Ländern präsent und alltäglich. Die Wurzeln liegen klarerweise im Kolonialismus und den dort vorherrschenden Machtstrukturen: „One of the main features of imperial oppression is control over language. The imperial education system installs a ‚standard‘ version of the metropolitan language as the norm, an marginalizes all ‚variants‘ as impurities.“[11] Vielerorts wurden Menschen hier so zu „doppelt Fremdsprachigen“ – „erst im Verhältnis zur Kolonialsprache, später auch im Verhältnis zur dominanten autochthonen Sprache des eigenen >Staates<.“[12] Die Macht dieser einstigen Sprachpolitik verschwindet allerdings auch im postkolonialen Afrika keineswegs; die Idee von eindeutig zuzuordnender Nationalliteratur scheint also abwegig. Nicht zuletzt deshalb „existiert kaum ein afrikanischer Autor, der nicht mindestens einmal die Frage beantworten musste, warum er in der Sprache schreibe, in welcher er schreibt.“[13] Die Antworten der SchriftstellerInnen fallen unterschiedlich aus; einheitlich hervor geht aber eigentlich aus allen, dass den meisten AutorInnen der (Kolonial-)Sprache, in der sie schreiben, mindestens seit der Schulzeit vertraut ist und sie deshalb nicht auf so starke Sprachbarrieren stoßen wie solche, die in einer tatsächlichen Fremd-Sprache schreiben.[14]

Wichtig ist an dieser Stelle, Afrika nicht als geschlossene Einheit zu betrachten – „to keep in mind that not all African[s] have the same cultural background or experience, but that they do have similar histories of enslavement and oppression within the dominant white culture […]”.[15] Was jedenfalls alle diese Gruppen gemeinsam haben, ist die Erfahrung des “Andersseins” in der dominanten Kultur, aber teilweise eben auch innerhalb der eigenen Traditionen.

Zeitgenössische afrikanische SchriftstellerInnen stehen also oft zwischen zwei Kulturen, von denen sie keiner hundertprozentig angehören; das Schreiben in der Kolonialsprache, hier Englisch, kann also durchaus auch als Strategie angesehen werden, sich in dieser Position zurechtzufinden: „They [the writers] have recovered the past and revised it to suit their purposes of inventing a cultural space from which to speak […]; they have revealed the oppression they have experienced at the hands of […] the dominant culture […]; and they have spoken to the world to revise their own history […].“[16] Zu beachten ist auch, dass viele SchriftstellerInnen die Entscheidung, nicht in ihrer eigenen indigenen Sprache zu schreiben und publizieren, zumindest ursprünglich nicht freiwillig getroffen haben: „[the] oppressed group […] has been forced to use the language and ideology oft he dominant culture“.[17] Auch im postkolonialen Afrika bedienen sich viele von ihnen also ganz bewusst der Sprache ihrer (ehemaligen) UnterdrückerInnen – „ the […] writers had to speak from the patriarchal and imperialist ideology that they lived in and by which they were appropriated […], [they] had to use the platform of imperialist literature in order to revise the history of Africans as written in literature in English“[18] – weil sie dies als die einzige Möglichkeit sehen, gehört zu werden: „[they] had to speak from the milieu of […] dominance in order to have their postmodern voices heard.“[19] Das Entstehen einer solchen postmodernen oder postkolonialen Stimme kann dahingehend ein Mittel sein, sich gegen die Repression eines (einst) imperialistischen Staates zu wehren: „Language becomes the medium through which a hierarchal structure of power is perpetuated, and the medium through which conceptions of ‚truth‘, ‚order‘, and ‚reality‘ become established. Such power is rejected in the emergence of an affective post-colonial voice.”[20] Das Schreiben in der Kolonialsprache stellt in diesem Sinne also eine Taktik dar, einen kulturellen Raum zu schaffen, aus dem heraus der oder die jeweilige SchriftstellerIn für sich sprechen – und vor allem auch Kritik am unterdrückenden System – kann: „[e]ach writer uses that space to find a voice with which to critique the oppressive culture.“[21]

2.2.2. Verfahren der Dekolonisierung

Laut der VerfasserInnen von The Empire Writes Back, die sich mit der „Theory and practice of postcolonial literature“ auseinandergesetzt haben, gibt es zwei Vorgehensweisen, die eine solche Post-Kolonialsprache – in diesem Fall Englisch – ermöglichen: zum Einen die sog. abrogation oder denial, also Aufhebung bzw. Ablehnung der „metropolitan power over the means of communication“[22], d.h. bestimmter festgeschriebener ästhetischer oder kultureller Werte; und zum Anderen die „appropriation and reconstitution oft he language of the center“,[23] also das Aneignen und die Neukonstituierung der englischen Sprache. Beide Strategien bedingen sich wechselseitig: abrogation bzw. denial als „refusal of the categories of the imperial culture, ist aesthetic, ist illusory standard of normative or ‚correct‘ usage“[24] schafft die Voraussetzungen für die appropriation und reconstitution, die es postkolonialen (afrikanischen) SchriftstellerInnen ermöglicht, der Kolonialsprache andere bzw. eigene kulturelle Erfahrungen und Bedeutungen einzuschreiben.[25] Diese Afrikanisierung bzw. Dekolonisierung der englischen Sprache kann anhand verschiedener Techniken und Vorgehensweisen realisiert werden; auf eine detaillierte Erörterung dieser Verfahren muss im Rahmen dieser Arbeit verzichtet werden.

[...]


[1] Arndt (2007), S. 8.

[2] Arndt (2007), S. 7.

[3] Arndt (2007), S. 8.

[4] Arndt (2007), S. 9.

[5] Arndt (2007), S. 9.

[6] Arndt (2007), 11-12.

[7] Makayiko (2013), S. 27.

[8] vgl. Arndt (2007), S. 149.

[9] Arndt (2007), S 149.

[10] Arndt (2007), S 149.

[11] Ashcroft (1989), S. 7.

[12] Arndt (2007), S. 9.

[13] Arndt (2007), S. 9.

[14] Vgl. Arndt (2007), S. 10.

[15] Daniels (2002), S. 7.

[16] Daniels (2002), S. 3.

[17] Daniels (2002), S. 4.

[18] Daniels (2002), S. 4.

[19] Daniels (2002), S. 4.

[20] Ashcroft (1989), S. 7.

[21] Daniels (2002), S. 5.

[22] Ashcroft (1989), S. 38.

[23] Ashcroft (1989), S. 38.

[24] Ashcroft (1989), S. 38.

[25] Vgl. Ashcroft (1989), S. 39.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Chinua Achebe’s "Things Fall Apart". Translinguale Praxis in der afrikanischen englischsprachigen Literatur
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V436889
ISBN (eBook)
9783668781641
ISBN (Buch)
9783668781658
Sprache
Deutsch
Schlagworte
chinua, achebe’s, things, fall, apart, translinguale, praxis, literatur, mehrsprachigkeit, anderssprachigkeit
Arbeit zitieren
Melanie Heiland (Autor), 2014, Chinua Achebe’s "Things Fall Apart". Translinguale Praxis in der afrikanischen englischsprachigen Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436889

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