Wird das Problem der Armut in Deutschland verharmlost und verdrängt, oder ist es ein ernstzunehmendes Problem das bekämpft werden muss?

Vergleich der beiden Bücher "Armut in Deutschland" (Georg Bremer) und "Armut in einem reichen Land" (Christoph Butterwegge)


Hausarbeit, 2017

12 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition des Begriffes der Armut

3. Formen der Armut
3.1. Absolute Armut
3.2. Relative Armut

4. Risikogruppen der Armut
4.1. Arbeitslose
4.2. Alleinerziehende
4.3. Menschen mit Migrationshintergrund sowie Ausländer

5. „Armut in Deutschland“ (Georg Cremer)
5.1. Position des Autors
5.2. Einkommensungleichheit - Spaltung zwischen Ost und West?
5.3. Hartz IV - Armut per Gesetz
5.4. Stellt die Altersarmut ein zukünftiges Problem dar?

6. „Armut in einem reichen Land“ (Christoph Butterwegge)
6.1. Position des Autors
6.2. Vergleich deutscher Armutsprobleme mit den Armutsproblemen der Dritten Welt
6.3. Fälschliche Darstellung der Massenmedien am Beispiel der Währungsreform 1948
6.4. Hartz IV - Menschenwürdiges Existenzminimum oder anstrengungsloser Wohlstand?

7. Gegenüberstellung der beiden Positionen

8. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Deutschland. Eines der reichsten Länder weltweit.

Mit einem nominalen Bruttoinlandsprodukt von etwa 3,4 Billionen USD im Jahr 2015 ist Deutschland die größte Volkswirtschaft Europas und die viertgrößte der Welt. Die Bundesrepublik ist am Warenwert gemessen der drittgrößte Importeur und Exporteur der Welt und gilt als hochentwickeltes Land, das sich besonders durch seinen hohen Lebensstandard auszeichnet.1

Doch wie kann es sein, dass in einem solch reichen Land rund 16,1 Millionen Menschen von Armut betroffen sind? Ist die Armut in Deutschland demnach ein ernstzunehmendes Problem das bekämpft werden muss, oder wird das Problem verharmlost und verdrängt?

2. Definition des Begriffes der Armut

„Der Entwicklungsausschuss der OECD (DAC) versteht unter Armut verschiedene Arten von Entbehrungen im Zusammenhang mit der Unfähigkeit, menschliche Grundbedürfnisse zu befriedigen.

Zu diesen Bedürfnissen gehören vor allem der Konsum und die Sicherheit von Nahrungsmitteln, Grundversorgung, Bildung, Ausübung von Rechten, Mitsprache, Sicherheit und Würde sowie menschenwürdige Arbeit. […] Armut ist ein dynamisch- er Prozess und keine Eigenschaft. In der Regel sind es einschneidende familiäre Ereignisse […] die Menschen in Armut stürzen. Vielen gelingt es jedoch, ihre Lebensumstände so zu verbessern, dass sie sich aus der Armut befreien können.“2

3. Formen der Armut

Im Wesentlichen kann zwischen der Form der absoluten- und der relativen Armut unterschieden werden. Diese beiden Formen sollen im Folgenden erläutert werden.

3.1. Absolute Armut

Unter absoluter Armut versteht man ein Leben am äußersten Rand der Existenz. Den betroffenen Menschen fehlen wichtige, für das alltägliche Leben als notwendig angesehene Güter. Sie leiden unter schwerwiegenden Entbehrungen und müssen permanent um ihr Überleben kämpfen.3

Indikator für die Bestimmung absoluter Armut ist hierbei die Verfügbarkeit von $1.90 für die Befriedigung der Lebensbedürfnisse.

Im Jahr 2013 waren 767 Millionen Menschen weltweit von absoluter Armut betrof- fen.4

Da diese Form der Armut vorwiegend in Entwicklungsländern vorzufinden ist, werde ich mich in meiner Facharbeit auf die Form der relative Armut konzentrieren.

3.2. Relative Armut

Relative Armut bedeutet Armut im Vergleich zum jeweiligen sozialen Umfeld eines Menschen. Darunter versteht man die Unterversorgung an materiellen und immateriellen Gütern sowie eine Beschränkung der Lebenschancen im Vergleich zum Wohlstand der jeweiligen Gesellschaft. Von relativer Armut betroffene Menschen besitzen demnach deutlicher weniger als die meisten anderen. Ihr Einkommen reicht in vielen Fällen nicht aus, um ein annehmbares Leben zu führen.

Die Armutsgefährdungsschwelle liegt laut EU-Definition bei 60 Prozent des Medianeinkommens der Gesamtbevölkerung eines Landes.5

Im Jahr 2015 lag das Medianeinkommen für Alleinlebende in Deutschland bei 12.401 Euro/Jahr.6 Einer Statistik zufolge waren in diesem Jahr ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland, damit rund 16,1 Millionen Menschen von relativer Ar- mut betroffen.7

4. Risikogruppen der Armut

Aus der soziodemografischen Struktur der Armutsbevölkerung, welche die Bundeszentrale für politische Bildung für den Datenreport 2013 berechnete, geht hervor, dass vor allem Arbeitslose, Alleinerziehende sowie Menschen mit Migrationshintergrund und Ausländer einem erhöhten Armutsrisiko unterliegen.8

Im „Bericht zur Armutsentwicklung in Deutschland 2016“ des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes e.V. werden die Gründe für das erhöhte Armutsrisiko der genannten Bevölkerungsgruppen wie folgt erläutert:9

4.1. Arbeitslose

Arbeitslose bilden mit einem Anteil von 57,6 Prozent den größten Teil der von Armut betroffenen Menschen. Ursache hierfür ist vor allem das Abzielen der sogenannten Hartz-Gesetze auf eine aktivierende Arbeitsmarktpolitik. Das heißt, die Leistungen der Grundsicherung für Arbeitssuchende werden danach ausgerichtet, dass für Ar- beitslose ein möglichst großer finanzieller Anreiz besteht eine Arbeitsstelle anzunehmen. (Vgl. „Bericht zur Armutsentwicklung in Deutschland 2016“, S. 42 - 45)

4.2. Alleinerziehende

Auch Alleinerziehende unterliegen einem erhöhten Armutsrisiko. Ihr Risiko in Einkommensarmut zu geraten lag im Jahr 2015 bei 41,9 Prozent. Gründe hierfür sind die Arbeit der Mütter in frauentypischen Bereichen, welche häu- fig von geringen Löhnen geprägt sind, Arbeit in Teilzeit, die steigenden Kosten nach einer Trennung oder Scheidung, fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten sowie die unzureichende Ausgestaltung monetärer familienpolitischer Leistungen für Alleinerziehende.

Das Zusammenspiel dieser Faktoren führt häufig zu einer Erhöhung des Armutsrisikos für Alleinerziehende. (Vgl. „Bericht zur Armutsentwicklung in Deutschland 2016“, S. 27 - 29)

4.3. Menschen mit Migrationshintergrund sowie Ausländer

Mit einer Armutsriskoquote von über 30 Prozent unterliegen auch Menschen mit Mi- grationshintergrund beziehungsweise Ausländer einem erhöhten Armutsrisko. Diese Personengruppe besitzt statisch gesehen oft geringere (oder nicht anerkan- nte) Qualifikationen im Vergleich zur restlichen Bevölkerung. So sind sie öfter in un- sicheren Arbeitsverhältnissen oder Wirtschaftssektoren mit hoher Fluktuation beschäftigt. (Vgl. „Bericht zur Armutsentwicklung in Deutschland 2016“, S. 57 - 60)

5. „Armut in Deutschland“ (Georg Cremer)

5.1. Position des Autors

Georg Cremer, Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes e.V. vertritt den Standpunkt die Armut in Deutschland sei ein drängendes Problem das bekämpft werden muss.

In seinem Buch „Armut in Deutschland“ erläutert er dies anhand der Aspekte der Einkommensungleichheit, dem umgangssprachlich unter dem Begriff Hartz IV bekannten Arbeitslosengeld II und der Altersarmut sehr deutlich.

5.2. Einkommensungleichheit — Spaltung zwischen Ost und West?

Georg Cremer stellt in seinem Buch die These auf, ein Grund für das Problem der Armut in Deutschland sei die starke Zunahme des Armutsrisikos seit der deutschen Wiedervereinigung und die hiermit verbundene Einkommensungleichheit. Um dies begreifen zu können, lohnt sich ein Blick auf die Entwicklung der Armutsriskoquote, welche den prozentualen Anteil der armutsgefährdeten Personen angibt.10

Unmittelbar nach der Wiedervereinigung war die ostdeutsche Armutsrisikoquote extrem hoch, da die niedrigen Einkommen der ehemaligen DDR am gesamtdeutschen Medianeinkommen gemessen wurden. Im Konvergenzprozess nach der Wiedervereinigung stiegen die niedrigen Löhne der ehemaligen DDR auf etwa ³/₄ des Westniveaus und die ostdeutschen Renten näherten sich dem westdeutschen Rentenniveau. In dieser Zeit näherten sich auch die Quoten zwischen Ost und West, doch eine Diskrepanz blieb bestehen.

Zwischen den Jahren 1998 und 2005 stieg die Armutsriskoquote erneut stark an.

Wichtigster Grund hierfür war die wachsende Spreizung der Einkommen aus un- selbstständiger Arbeit. Durch die Wiedervereinigung und die hiermit verbundene plötzliche Öffnung der Volkswirtschaften Osteuropas wurden die Beschäfti- gungsverhältnisse Deutschlands unter starken Wettbewerbsdruck gesetzt. Außer- dem traf Deutschland eine enorme Steuern- und Abgabenbelastung. Die Lohnverhandlungen unterlagen in dieser Zeit einer starken Dezentralisierung. Verhandlungen wurden verstärkt auf Unternehmens- und weniger auf Branch- enebene geführt. Dies verbesserte zwar die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Un- ternehmen, führte allerdings gleichzeitig zu sinkenden Löhnen, vor allem am un- teren Ende der Lohnskala.

Auch 27 Jahre nach der Wiedervereinigung unterscheiden sich die Armutsriskoquoten Ostdeutschlands (19,9 Prozent) und Westdeutschlands (14,1 Prozent) noch deutlich. (Vgl. Cremer 2016, S. 30 - 39)

5.3. Hartz IV — Armut per Gesetz

Cremer kritisiert in seinem Buch, die Grundsicherung (Arbeitslosengeld II und Sozialhilfe) werde inakzeptabel berechnet. Um dies nachvollziehbar darzustellen, werfen wir einen Blick in die Berechnung der Grundsicherung.

Bis Anfang der 1990er Jahre wurde ein Warenkorb zusammengestellt, der die Güter enthielt, die als erforderlich angesehen wurden, um das soziokulturelle Existenzmin- imum zu sichern. Das soziokulturelle Existenzminimum beschreibt hierbei ein Einkommen, welches mindestens notwendig ist, um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Diese Form der Berechnung erforderte allerdings eine Vielzahl normativer Entscheidungen. Im heutigen Statistikmodell wird der Regelbedarf davon abgeleitet, was Menschen mit niedrigem Einkommen aber oberhalb des Grund- sicherungsbezuges (Referenzgruppe) für Güter ausgeben, die dem soziokulturellen Existenzminimum zugeordnet sind.

In den vergangenen Jahren gab es allerdings immer wieder politische Eingriffe in die Berechnung der Grundsicherung. Zum Einen die Verkleinerung der Referenz- gruppe im Jahr 2010. In den vorangegangenen Jahren bestand die Referenzgruppe aus den unteren 20 Prozent der nach ihrem Einkommen geschichteten Haushalte (ohne Grundsicherungsempfänger). Bei der Neuberechnung wurde die Referenz- gruppe auf die unteren 15 Prozent verkleinert. Außerdem wurden Alkohol und Tabak nicht mehr als bedarfsrelevant anerkannt. Natürlich sind Alkohol und Tabak keine Güter, die zwingend zum soziokulturellen Existenzminimum gehören, doch beispiel- sweise die Kosten für Medikamente, die nicht von der Krankenkasse übernommen werden, treffen Grundsicherungsempfänger sehr unterschiedlich.

[...]


1 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/157841

2 https://www.bmz.de/de/service/glossar/A/armut.html

3 Fratzscher, Marcel: Verteilungskampf. München: Carl Hanser Verlag, 2016, S. 103 - 105

4 http://www.worldbank.org/en/topic/poverty/brief/global-poverty-line-faq

5 http://www.armut.de/definition-von-armut_relative-armut.php

6 https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/EinkommenKonsumLebensbedingungen/ LebensbedingungenArmutsgefaehrdung/Tabellen/EUArmutsschwelleGefaehrdung_SILC.html

7 https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2016/11/PD16_391_634.html

8 http://www.bpb.de/izpb/198010/armut-und-prekaritaet?p=1

9 http://www.der-paritaetische.de/uploads/media/ab2016_komplett_web.pdf

10 http://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/DE/Indikatoren/Armut/Armutsrisikoquote/armutsrisiko- quote.html

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Wird das Problem der Armut in Deutschland verharmlost und verdrängt, oder ist es ein ernstzunehmendes Problem das bekämpft werden muss?
Untertitel
Vergleich der beiden Bücher "Armut in Deutschland" (Georg Bremer) und "Armut in einem reichen Land" (Christoph Butterwegge)
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
2,0
Jahr
2017
Seiten
12
Katalognummer
V436900
ISBN (eBook)
9783668771109
ISBN (Buch)
9783668771116
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Armut, Deutschland, Politk, Sozialkunde, Georg Cremer, Christoph Butterwegge
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Wird das Problem der Armut in Deutschland verharmlost und verdrängt, oder ist es ein ernstzunehmendes Problem das bekämpft werden muss?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436900

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