Wie lassen sich die Bildungsungleichheiten von Migranten beim Übergang an die weiterführenden Schulen in die Sekundarstufe 1 erklären?


Term Paper (Advanced seminar), 2016
18 Pages, Grade: 1,3

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Inhaltsverzeichnis

1. Bildungsungleichheiten bei Migranten

2. Theorien
2.1 Der primäre und sekundäre Herkunftseffekt
2.2 Institutionelle, statistische und präferenzbasierte Diskriminierung

3. Können die Theorien zur Erklärung der Bildungsungleichheiten der Migranten beitragen?
3.1 Empirische Ergebnisse der Herkunftseffekte
3.2 Befunde zur ethnischen Diskriminierung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Bildungsungleichheiten bei Migranten

Laut Ausländerzentralregister gab es im Jahr 2014 8.314.689 Millionen Ausländer in Deutschland. Im Vergleich dazu, waren es im Jahr 2009 6.694.776 Millionen Ausländer, hier fällt ein enormer Zuwachs auf (Das Bundesamt in Zahlen 2014, 103). Gerade in der heutigen Zeit, durch die Zuwanderung mehrerer Millionen Flüchtlingen ist das Thema der Integration von Migranten vermehrt in den Fokus der Gesellschaft gerückt. Deutsch- land steht vor der Herausforderung Migranten zu integrieren und ihnen ein attraktives Leben in Deutschland zu ermöglichen. Umso bedeutender scheint es gerade in dieser Zeit, schon bei den Kleinsten zu beginnen und Kindern Bildung zu ermöglichen, sodass die Eingliederung der Migranten in die Gesellschaft komplikationslos verläuft. Ansatzpunkt ist, dass eine Chancengleichheit für jeden gleichermaßen besteht (vgl. Becker, 2011, 88). Es stellt sich die Frage, wie die Chancen von Migranten im deutschen Bildungssystem stehen.

Bei der Beschäftigung mit dieser Problematik wird offensichtlich, dass Kinder mit Mig- rationshintergrund, im Vergleich zu in Deutschland geborenen Kindern, geringere Chan- cen haben, später einen guten Beruf auszuüben und hohe Bildungstitel zu erlangen (vgl. Neugebauer, 2010, 1). Nicht nur Migrantenkinder spüren diese Benachteiligung, auch Kinder aus der unteren Sozialschicht kämpfen mit den Ungleichheiten im deutschen Bil- dungssystem (vgl. Relikowski et al., 2010, 144) Man kann daraus schließen, dass Mig- ranten einer „doppelten Benachteiligung“ (vgl. Relikowski et al., 2010, 147) ausgesetzt sind, dadurch, dass sie aus einem anderen Land immigriert sind und zusätzlich häufig der unteren Sozialschicht mit wenig ökonomischen Mitteln angehören. „[.] (Es) besteht eine soziale Ungleichheit von Bildungschancen zwischen den Sozialschichten.“ (Becker, 2011, 85). Kinder aus Migrantenfamilien haben schlechte Voraussetzungen, um Karriere zu machen. Sie kämpfen mit der neuen Sprache, müssen sich an eine neue Umgebung gewöhnen, lernen eine neue Kultur, andere Verhaltensweisen und Traditionen kennen. „Denn aus der Lebensverlaufsforschung wissen wir bereits, dass in Bezug auf Bildung bereits relativ kleine Niveauunterschiede am Anfang des Bildungsverlaufs oftmals in gro- ßen Disparitäten der daran geknüpften Lebenschancen im weiteren Lebensverlauf enden“ (Becker 2010, 12). Die ungünstigen Voraussetzungen von Migranten, im Vergleich zu den einheimischen Schulkindern, haben Auswirkungen auf ihren weiteren Bildungsweg.

Sie werden durch die Benachteiligung ihres Schuleinstiegs geprägt und die anfangs klei- nen Differenzen weiten sich im schulischen Werdegang aus (vgl. Becker und Schuchart, 2010, 482).

Der Übergang an die weiterführende Schule bildet eine bedeutende Weichenstelle in den Leben der Kinder (vgl. Relikowski et al., 2010). Es spielen nicht nur die individuellen Leistungen und Noten der Kinder eine große Rolle bei dem Übergang in die Sekundarstufe 1, vielmehr liegt es an den Eltern und ihrer Einschätzung und Entscheidung (vgl. Dollmann, 2016, 519). An dieser Stelle im deutschen Bildungssystem fällt auf, dass Migrantenkinder vermehrt niedrigere Bildungswege einschlagen (vgl. Relikowski et al., 2010, 146). Deutsche Schulkinder hingegen sind vorwiegend an Gymnasien angesiedelt und erhalten eine höhere Bildungsempfehlung (Becker und Schubert, 2011, 176). Deutsche Schulkinder aus hoher Sozialschicht haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, später eine erfolgreiche Karriere einzuschlagen (vgl. Becker, 2011, 85).

Diese Ungleichheiten von Migranten im Bildungssystem geben Anlass zur Auseinander- setzung. Inwiefern ist die Übergangsentscheidung von sozialer Herkunft oder Ethnie ge- prägt? Werden die Bildungsempfehlungen gerecht verteilt? Wie kommen die Bildungs- ungleichheiten zustande? Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden. Zuerst werden Theorien vorgestellt, die zur Erklärung der Bildungsungleichheiten beim Über- gang an die weiterführenden Schulen von Migranten beitragen sollen. Diesen Theorien, dem primären und sekundären Herkunftseffekt und der ethnischen Diskriminierung (prä- ferenzbasierte, institutionelle und statistische Diskriminierung) werden empirische Be- funde gegenübergestellt, verglichen und diskutiert. Anschließend werden die Ergebnisse prägnant zusammengefasst.

2. Theorien

Es gibt zahlreiche Modelle und Theorien, mit denen die Benachteiligung der Migranten verdeutlicht werden können. Der Fokus dieser Arbeit liegt auf dem primären und sekun- dären Herkunftseffekt von Boudon (1974) und der institutionellen, statistischen und prä- ferenzbasierten Diskriminierung (Arrow, 1973). Diese sollen im Folgenden erläutert wer- den, um im nächsten Schritt auf die empirischen Ergebnisse bezüglich der einzelnen The- orien einzugehen.

2.1 Der primäre und sekundäre Herkunftseffekt

Die Bildungsungleichheiten sollen mithilfe des strukturell-individualistischen Erklä- rungsmodells von Boudon (1974) erläutert werden. Der Effekt der Herkunft auf die Bil- dungsungleichheiten ist eine zentrale Theorie in der Verdeutlichung des Ursprungs der Bildungsungleichheiten. Boudon (1974) geht von einem primären und einem sekundären Herkunftseffekt aus.

Der primäre Herkunftseffekt fokussiert die Leistungsentwicklungen des Kindes in der Schule und die schulischen Voraussetzungen (vgl. Dollmann, 2015). Dieser Effekt ist nachhaltig (Becker, 2010, 169). Kinder aus niedrigeren sozioökonomischen Lagen haben vermehrt Probleme mit der Sprache und sie erhalten durch ihre Eltern kaum Unterstüt- zung oder Förderung, da die Eltern meist ebenso Sprachprobleme haben. Migrantenkin- der haben dadurch häufig schlechtere Noten, haben Probleme dem Unterricht zu folgen und zeigen ein niedrigeres Leistungsniveau (vgl. Relikowski et al. 2010, 144). Die schu- lischen Voraussetzungen von Migranten oder Kindern aus sozial schwächeren Familien ist deshalb niedrig (vgl. ebd., 144). Folge davon ist, dass die Migranten eine schlechte Bildungsempfehlung erhalten und die Chancen einen hohen Bildungsweg einzuschlagen schwinden. Der primäre Herkunftseffekt enthält die Entwicklung der Anstrengungen in der Schule, gezielt geht es um die Leistung in der Schule (vgl. Dollmann, 2016, 520).

Der sekundäre Herkunftseffekt hingegen beschreibt den Kosten-Nutzen Effekt bezüglich der Bildungsentscheidung (vgl. Relikowski et al., 2010, 145). Dieser Effekt äußert sich temporär (vgl. Becker, 2010, 170). Die Eltern der Kinder müssen die Leistung abschätzen und für ihr Kind entscheiden, welchen Bildungsweg es einschlagen soll. Da zu diesem Zeitpunkt die Kinder noch nicht selbst ihre Entscheidung treffen können, liegt diese Ent- scheidung bei den Eltern (vgl. Relikowski et al., 2010). Die Wahl beim Übergang an die weiterführende Schule ist eine bedeutende Schnittstelle in den Leben der Kinder (vgl.

Relikowski et al., 2010, 146). Diese entscheidet mit, wie der weitere Lebensweg der Kin- der verläuft und ist richtungsweisend. Migranteneltern und Eltern niedriger Sozialschicht bewerten die Entscheidung für das Gymnasium mit langfristig höheren Kosten und nimmt längere Zeit in Anspruch (vgl. Ditton, 2011, 247). Sozial höher gestellte Eltern legen Wert darauf, dass ihre Kinder einen hohen Bildungsweg einschlagen, um die hohe Klassenlage weiterhin beizubehalten (vgl. ebd., 247). Der sekundäre Herkunftseffekt beinhaltet die „Bildungsentscheidungen“ (Dollmann, 2016, 520). Es lässt sich sagen, dass die soziale Herkunft und die Klassenlage eine zentrale Rolle bei der Entscheidung des Übergangs an die weiterführende Schule und den Bildungsweg der Kinder einnehmen (vgl. Becker, 2011).

2.2 Institutionelle, statistische und präferenzbasierte Diskriminierung

Auch die ethnische Diskriminierung dient der Erklärung von Bildungsungleichheiten. Diskriminierung lässt sich in mehrere Aspekte untergliedern. Die institutionelle Diskriminierung meint, dass sich aus Rahmenbedingungen, Vorschriften, Strukturen, Anweisungen und Regeln der Institutionen negative oder positive Aspekte für Migranten ergeben (vgl. Ditton und Aulinger, 2011, 102).

Die statistische Diskriminierung geht davon aus, dass bei exakt identischer Leistung zweier Kinder in der Schule, die Anstrengung des Migrantenkindes schlechter gewertet wird, aufgrund der Tatsache, dass es immigriert ist und einen Migrationshintergrund hat (vgl. Arrow 1973, zitiert nach Becker und Beck, 2012). Je später Migrantenkinder in das deutsche Schulsystem eintreten, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Lehrer auf- grund der geringen Kenntnisse und des Wissens über die Leistung des neuen Schülers diese falsch einschätzen und diese Diskriminierung auftreten kann (vgl. Becker und Beck, 2012, 140). Die Lehrkräfte nehmen dann Mittelwerte von ähnlichen Schülern bei der Leistungsbeurteilung zu Hilfe (vgl. Arrow, 1973, zitiert nach Becker und Beck, 2012, 140).

Die präferenzbasierte Diskriminierung gegenüber Migranten ist gekennzeichnet durch „[…] Vorurteile() von Lehrkräften gegenüber bestimmten sozialen oder ethnischen Be- völkerungsgruppen, die schlechtere Schulnoten oder ungünstigere Bildungsempfehlun- gen erhalten“ (Arrow, 1973, zitiert nach Becker und Beck, 2012, 140). Das bedeutet, dass Lehrkräfte voreingenommen gegenüber Migrantenkinder sind, sie diese schlechter be- werten und geringere Bildungsempfehlungen erhalten, aufgrund der Tatsache, dass die Lehrkräfte allgemein abgeneigt sind gegenüber Migranten/Ausländern. Diese Diskrimi- nierung kommt eher selten vor und kann nicht ausreichend zur Erklärung der Ungleich- heiten beitragen (Sprietsma, 2009). Aus diesem Grund ist diese Form der Diskriminierung hier nebensächlich.

3. Können die Theorien zur Erklärung der Bildungsungleich- heiten der Migranten beitragen?

Inwiefern lassen sich mithilfe der Theorien die Ungleichheiten der Migranten beim Übergang in die Sekundarstufe 1 erklären?

Zentrale Rolle bei den empirischen Befunden spielen die Bildungsempfehlung, die Noten und die individuellen Leistungen. Zum einen soll mithilfe des strukturell-individualisti- schen Erklärungsmodell (Boudon, 1974) erörtert werden, ob die soziale Herkunft und die elterliche Bildungsentscheidung einen Einfluss auf den Bildungsweg der Migranten hat. Zum anderen soll beurteilt werden, inwiefern die Übergänge an die weiterführende Schule von ethnischer Diskriminierung geprägt sind. Die Befunde werden entgegengesetzt und diskutiert.

3.1 Empirische Ergebnisse der Herkunftseffekte

Das BiKs-Projekt von Relikowski et al. (2010) bestätigte, dass Migrantenkinder und Kin- der, deren Eltern ein niedrigeres Bildungsniveau besitzen, schlechtere Ergebnisse in der Schule erbringen. Es wurde nachgewiesen, dass der primäre Herkunftseffekt eine große Rolle beim Übergang an die weiterführende Schule spielt. Der sekundäre Herkunftseffekt konnte bei Relikowski et al. (2010, 164) für Migranten nicht festgestellt werden. Jedoch sei die Bildungsentscheidung von einheimischen, deutschen Familien stark vom sekun- dären Herkunftseffekt geprägt. Eine wichtige Rolle spielen die Bildungsniveaus der El- tern der Schulkinder, durch diese kommen ebenfalls Differenzen in der Bildung zustande (vgl. ebd., 159). Festgestellt wurde außerdem, dass Migrantenfamilien weniger auf die Kosten des Bildungsweges fokussiert sind, sondern wichtiger sei die „Humankapitalres- source“ (vgl. ebd., 164). Migranten wechseln bei schlechterer Leistung häufiger auf das Gymnasium, als einheimische Kinder der unteren sozialen Klasse (vgl. Relikowski et al., 2010, 156).

Becker und Beck (2012) kommen zu ähnlichen Ergebnissen wie Relikowski et al. (2010). Sie untersuchten mithilfe der ELEMENT-Studie von Lehmann und Nikolova (2005). Sie fokussierten neben der Leistung die soziale Herkunft als Ursache für die Benachteiligun- gen von Kindern mit Migrationshintergrund und bildungsschwächeren Familien (vgl. Be- cker und Beck, 2012, 151). Der Migrationshintergrund sei hintergründig (vgl. ebd., 153).

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Details

Title
Wie lassen sich die Bildungsungleichheiten von Migranten beim Übergang an die weiterführenden Schulen in die Sekundarstufe 1 erklären?
College
University of Kaiserslautern
Grade
1,3
Author
Year
2016
Pages
18
Catalog Number
V436943
ISBN (eBook)
9783668771475
ISBN (Book)
9783668771482
File size
445 KB
Language
German
Tags
bildungsungleichheiten, migranten, übergang, schulen, sekundarstufe, soziologie, herkunftseffekt, diskriminierung, statistische diskriminierung, präferenzbasierte diskriminierung, institutionelle diskiminierung, primärer herkunftseffekt, sekundärer herkunftseffekt, kinder mit migrationshintergrund, benachteiligung, ungleichheit, deutsches bildungssystem, soziale herkunft, chancengleichheit
Quote paper
Laura Hartmann (Author), 2016, Wie lassen sich die Bildungsungleichheiten von Migranten beim Übergang an die weiterführenden Schulen in die Sekundarstufe 1 erklären?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436943

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