Fitness Tracker, Diät Apps und Beauty Blogs. Körperkult, Selbstüberwachung und Sportkultur in Zeiten neuer Medien


Bachelorarbeit, 2016
34 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Körperkult
1.1 Der Kult um die Schönheit
1.2 Körperbewusstsein in Zeiten der Massenmedien
1.3 Wirtschaftsfaktor Schönheit
1.4 Körper als Statussymbol

2. Sportkultur
2.1 Bedeutung von Sport in der Gesellschaft gestern und heute
2.2 Fitnesswelle und Gesundheitswahn
2.3 Sport als Kultur
2.4 Mediensport

3. Kultur der neuen Medien
3.1 Neue Medien
3.2 Kommunikation in Zeiten des Internets
3.3 Mobile Medien, mobile Menschen
3.4 Wearable media

4. Kontrolle durch Technik: Fitness Tracker
4.1 Mensch-Medien-Hybride
4.2 Selbstvermessung durch Fitness Tracker
4.3 Der gläserne Mensch

Fazit

Quellenverzeichnis

Einleitung

Mach dich krass “, „ Mach dich leicht “, „ I make you sexy “, „ Abnehmen mit Sophia Thiel “ - Mitdiesen Aufforderung zur Verbesserung des Selbst werden wir konfrontiert, wenn wirnach Feierabend gemütlich auf dem Sofa unsere Lieblingssendung im TV sehen wollenund in der Werbepause gerade auf dem Weg zum Kühlschrank sind. Gymondo will es uns leichter machen und bietet uns das Training von Zuhause aus anund auf Vitafy.de können wir uns Chia-Samen bestellen, die unser Leben gewiss verbessern. Mit dem richtigen Trainingsoutfit von Fabletics.de kann dem Fitnesstraining nunwirklich nichts mehr im Wege stehen.

Angebote wie diese scheinen 2016 wie Unkraut aus der Medienlandschaft zu schießen.Nun sollen wir nicht mehr nur Actimel trinken und Activia essen, um in Schwung zubleiben, wir sollen jetzt auch Yoga machen, um im Gleichgewicht zu sein und mindes-tens drei Mal die Woche ein Workout mit Sophia Thiel oder Daniel Aminati machen. Au-ßerdem Mitglied in einem Fitness Studio werden, Superfood essen und Smoothies trin-ken.

Dass sich die Werbung zu Beginn jeden Jahres unsere guten Vorsätze zu Nutzenmacht, ist ja nichts Neues. Im Januar beschließt schließlich die Mehrheit von uns, absofort ein besseres Leben zu führen. Laut Statistiken sind Sport und Ernährung dieTop Themen der guten Vorsätze zum Jahreswechsel.[1] Das weiß die Kosmetik-, Le-bensmittel- und Gesundheitsindustrie nur zu gut und beglückt uns jedes Jahr mit vielenneuen Produkten.

Jedoch scheint sich in den letzten Jahren ein besonderer Trend zur Fitness und Gesundheit entwickelt zu haben.

Früher bedeutete „Luxus“ Markenklamotten zu tragen und teure Autos zu fahren, heute gelten auch grüner Saft, ein fitter Körper, Health und Wellness als Aushängeschilder. „In Form sein, sich gut zu ernähren, den eigenen Körper bestmöglich pflegen - das ist, kurz gesagt, das Statussymbol der Stunde.“[2]

Für unseren Körper und die Gesundheit geben wir gerne Geld aus und fühlen uns da-bei nicht einmal schlecht. Denn „Wellness-Konsum ist Konsum ohne schlechtes Ge-wissen, und kann vor anderen viel besser dargestellt werden. Egal, wie viel man ver-prasst, am Ende hat man etwas für sich getan - etwas, das über puren Genuss weithinausgeht.“[3]

So fällt es auch viel leichter, den Kauf der neuen teuren Sportschuhe zu rechtfertigen. Ist schließlich eine Investition für das Leben.

Auch den Green-Bio-Smoothie mit Spinat, Matcha und Apfel für 3,99 Euro kaufen wir ohne mit der Wimper zu zucken und tun so, als schmecke er viel besser als ein Latte Macchiato mit Keks.

Wenn die nötige Motivation für ein gesundes Leben mal fehlt, haben die AppEntwickler die Lösung für uns: Fitness Apps mit vielen Übungen, Lauf Apps mit GPS und Motivation im Ohr, Kalorienzähler und Ernährungs-Apps.

Auch auf Youtube findet man unzählige Videos rundum das Thema Fitness und Ernährung.

Für ständige Kontrolle und mehr Motivation gibt es jetzt noch ein weiteres Tool: denFitness Tracker. Dieser erlebte im Jahr 2015 einen regelrechten Boom auf dem Technikmarkt.

Da ich mich selbst inmitten des Fitness Lifestyle befinde, im Fitness Studio arbeite, jeden Tag Sport treibe, mich gesund ernähre und das auch regelmäßig in dem Sozialen Netzwerk Instagram mit anderen teile, interessiert mich dieses Gadget und die Thematik der Selbstkontrolle und des Körperkults besonders.

Ich wählte das Thema „ Fitness Tracker, Di ä t Apps und Beauty Blogs. Körperkult, Selbstüberwachung und Sportkultur in Zeiten neuer Medien“ für meine Bachelorarbeit, weil mich die Beziehung zwischen Mensch und Medien fasziniert und ich diesen modernen Lebensstil, der auch mein eigener ist, objektiv betrachten möchte.

Um tiefer in die Thematik Fitness Tracker einzutauchen, beschloss ich mir vor dieser Arbeit selbst ein Gerät zuzulegen, um Erfahrung mit der digitalen Selbstvermessung zu sammeln. Die Liste der verschiedenen Hersteller ist so lang, dass ich vor dem Kauf meines Activity Trackers vorerst eine Recherche im Netz starten musste.Fitbit, Jawbone, Garmin, Samsung, Nike, Polar, Runtastic, ... und sogar eine glitzernde Version von Swarowski standen auf der langen Liste meines Suchergebnisses.Ich beschloss die Schönheit des Gerätes in den Hintergrund zu stellen und entschied mich für ein funktionelles Gerät: Den Garmin vivosmart HR.

Was der kann? Einfach alles! Ich trage ihn wie eine Uhr am Handgelenk und sehe auf einem Display Uhrzeit und Datum. Per Touch- Funktion kann ich weitere Details ablesen. Die gezählten Schritte und die Etagen und Kilometer, die ich zurücklege. Außerdem meine Herzfrequenz und verbrauchte Kalorien. Per Bluetooth kann ich ihn mit meinem Smartphone verbinden und in der App alle Einstellungen regeln. Auf dem sogenannten Dashboard werden in verschiedenen Diagrammen und Darstellungen meine Aktivitäten und Werte bilddidaktisch dargestellt.

Wenn ich möchte, kann ich das Band dauerhaft in Verbindung mit dem Smartphonelassen und empfange dann alle Nachrichten auf meinen Fitness Tracker. Auch das Wet-ter kann übertragen werden und ich kann abgespielte Musik über das Display steuern.Das wird mir dann aber doch zu viel, da das Band bei jeder Nachricht vibriert.

Das Band wird nie abgelegt, auch nicht nachts. Denn dann misst es meinen Schlaf: eserkennt, wann ich einschlafe, ob und wie lange ich nachts wach bin, Bewegung undTief- und Leichtschlafphasen. Morgens kann ich mich durch Vibration vom Trackerwecken lassen.

Dann begleitet es mich den ganzen Tag und wenn ich Sport treibe, starte ich eine Akti-vität. Nach einem Lauf kann ich dann zum Beispiel am Smartphone eine vollständigeAuswertung sehen: Zurückgelegte Kilometer, Zeit, Kalorien, Pace, Geschwindigkeitund die Höhe meines Pulses im Durchschnitt und im ausführlichen Diagramm. In derApp gibt es noch weitere Funktionen wie verschiedene Statistiken und Kalender undBestenliste und vieles mehr. Weiterhin besteht die Möglichkeit, diese App mit einerKalorienzähler-App zu verbinden. Auch das ist mir dann aber zu viel des Guten.

Anfangs beschäftigte ich mich noch viel mit meinem neuen Armband und spielte oft inder App herum. Im Laufe der Zeit wurde das ständige Checken meines Verbrauchsjedoch weniger und mittlerweile lese ich vor allem die Uhrzeit ab und bis zu sechs Malam Tag meinen Kalorienverbrauch und die zurückgelegten Schritte. Mit der App syn-chronisiere ich es nur ein bis zwei Mal am Tag, um die Auswertung anzusehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Beispiele des Dashboards aus der Garmin Connect App

Bald stellte ich dann fest, dass ich zu meinem Fitness- Tracker eine genauso enge Beziehung führe, wie zu meinem Smartphone. Es ist mir unangenehm, wenn der Akku nach ca. drei Tagen leer ist und ich es für eine Stunde abnehmen muss, um es ans Ladegerät anzuschließen.

Seit ich es besitze, trage ich es jeden Tag. Und obwohl ich mich auch ohne Fitness Tra-cker schon viel bewegt habe, achte ich jetzt noch mehr darauf, die Treppen statt demAufzug zu nehmen oder kleine Strecken zu laufen, für die ich sonst das Auto nehmenwürde.

Eine hohe Kalorienzahl am Abend gibt mir Bestätigung und funktioniert wie ein Lobfür meine Anstrengungen. Genauso fühle ich mich etwas schlecht, wenn ich dasSchrittziel nicht erreicht habe oder mehr gegessen als verbraucht habe.

Im Großen und Ganzen ist der Tracker eine gute Motivation für mehr Bewegung imLeben und ein Mittel zur Selbstkontrolle. Durch das Dashboard, das Feedback und dieAuszeichnungen, die man erhält, wird der Alltag gewissermaßen zum Spiel.

Das kann Spaß machen. Allerdings hat mir die Erfahrung einer Nacht, in der ich vonKalorienzahlen und Schritten geträumt habe, auch etwas zu Bedenken gegeben.

In der folgenden Arbeit möchte ich mich zunächst näher mit dem Körperkult beschäftigen, dessen Entstehung und den Einfluss der Medien auf das Körperbild betrachten und sehen, warum wir gerne so viel in unser Äußeres investieren.

Im nächsten Punkt geht es um die Bedeutung von Sport in der Gesellschaft gesternund heute; wie Sport zu Kultur wurde und seine enge Freundschaft mit den Medien. Indiesem Zusammenhang werden auch die Fitnesswelle und der aktuelle Gesundheitswahn thematisiert.

Im zweiten Teil der Arbeit dreht sich dann alles um die neuen Medien. Wie hat sich die Kommunikation durch das Internet verändert? Welche Bedeutung haben die sozialen Netzwerke im Zusammenhang mit der Thematik Körperkult und Fitness?

Außerdem geht es um die Mobilisierung der Kommunikation und wearable media, also Medien, die wir immer bei uns am Körper tragen.

Dieses Thema wird im letzten Punkt noch vertieft und betrachtet, welche Rolle Technik in unserem Leben heutzutage spielt. Es geht um Mensch-Maschine-Hybride und speziell um Fitness Tracker. Um Selbstvermessung, -Kontrolle und die Problematik des Datenschutzes in Zeiten neuer Medien.

Die zentrale Frage dieser Arbeit soll sein, wie die neuen Medien den menschlichen Drang zur k ö rperlichen Perfektion unterst ü tzen und eine neue Dimension der Kontrolle erschaffen.

1. Körperkult

1.1 Der Kult um die Schönheit

„Hinsichtlich unserer Körper sind wir zu Unternehmerinnen und Unternehmern geworden, zu Gestaltern unseres Selbst. Am Körper leben wir unseren Schaffensdrang aus, über Körperlichkeit verleihen wir unserer Persönlichkeit Ausdruck. Menschen managen heute nicht nur ihr Leben, sie managen auch ihren Körper.“[4]

Der Kult des Körpers ist heute für uns zur Selbstverständlichkeit geworden. Das Aus-sehen ist das Offensichtlichste an einem Menschen und deshalb ausschlaggebend fürden Eindruck, den er oberflächlich gesehen auf einen anderen Menschen hinterlässt.Aus diesem Grund gestalten wir unser Äußeres meist nicht nur so, wie es uns gefällt,sondern auch, wie wir gesehen werden möchten. Figur, Frisur, Kleidung, Make-Up,Schmuck und Tattoowierungen sind Möglichkeiten, dem Körper Ausdruck zu verleihenund Persönlichkeit zu übermitteln.

Laut Waltraud Posch wurde der Körper schon immer „auch als Ausdrucks- und Positi-onierungsmittel eingesetzt. Durch die Zunahme und Verfügbarkeit invasiver Körper-technologien sowie medialer Inszenierung erhielt Körperlichkeit jedoch eine neue Di-mension.“[5]

Früher spielte die Schönheit eine weniger große Rolle, denn sie war ja lange Zeit schwerzu kontrollieren. Ohne großflächige Spiegel, Körperwaage, Fotografie und Film konnteman den Körper nur begrenzt beobachten. Erst diese technischen Neuerungen „er-möglichten visuelle Selbstreflexion und damit den Aufbau einer neuen Körperidenti-tät.“[6]

Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts gewann der Körper für die bürgerliche Gesellschaft an Bedeutung. Durch Industrialisierung und Technisierung hatte ein neues Zeitalter begonnen und das Menschenbild sowie die Lebensführung änderte sich. Themen wie Ernährung, Kleidung, Körper- und Gesundheitspflege wurde mehr Aufmerksamkeit geschenkt.[7] Der Mensch wandte sich immer mehr ab von dem Glauben der göttlichen Determiniertheit und begriff, dass man die „körperliche Konstitution des Menschen selbst bestimmen oder ändern konnte.“[8]

Im 21. Jahrhundert wird die Individualität der Person durch die vielseitige Beschäftigung mit Körperlichkeit immer bedeutsamer. Die moderne Gesellschaft hat ein neuesSchönheitsideal und die körperliche Erscheinung spielt eine große Rolle im gesellschaftlichen Leben.

„Der Körper ist Ausdrucksmittel nicht nur der Platzierung eines Menschen in der Ge-sellschaft, sondern auch der Persönlichkeit, der Individualität und der Kreativität. Er istMedium der Formung des Selbst und damit gleichzeitig ein Medium der Identitäts-schaffung und Identitätsstabilisierung sowie ein Medium der sozialen Positionierung.“[9]

Vor allem in der Arbeitswelt wird heute das Aussehen als Aushängeschild für die Per-sönlichkeit und die Fähigkeiten einer Person angesehen. In allen Lebensbereichen wirdKontrolle gefordert, deshalb zeugt die Kontrolle über sich selbst und den eigenen Kör-per von einer guten Arbeitsmoral.10 Auch wenn das gewiss nicht immer zutrifft, werdengutaussehende Menschen von der Gesellschaft zum Teil als bessere Menschen angese-hen.

Aber was bedeutet eigentlich gutaussehend? Wer macht die Regeln für Schönheit?

Eine häufige Definition lautet, Schönheit sei etwas „Überdurchschnittliches, Herausra-gendes, Seltenes, etwas nicht für jeden Menschen Erreichbares“. Auch Philosophenbeschäftigten sich mit der Frage der Schönheit. Nach Kant ist das Schöne das, wasohne Begriffe allgemein gefällt und Schiller bezeichnet Schönheit als das Symbol dessittlich Guten.11

Fakt ist, dass die Vorstellung von Schönheit von Kultur zu Kultur und von Mensch zu Mensch verschieden ist. Es gibt verschiede Schönheitsideale, die sich auch mit den Jahren immer wieder verändern. Die Beschreibung der Schönheit als etwas Herausragendes, als etwas, das gefällt, trifft den Begriff also allgemein gesehen am Besten.

Was ebenso feststeht ist, dass fast jeder Mensch den Drang dazu besitzt, schön zu sein. Was auch immer das für ihn bedeutet.

Das Schönheitsideal, welches die Menschen wie ein Muster im Gehirn gespeichert ha-ben, entsteht wie all unser Wissen durch äußere Einflüsse. Was wir als Kinder darüberlernen und durch unser soziales Umfeld aufnehmen, beeinflusst unser Bild von Schönheit.

Nachdem der moderne Mensch einen Großteil seiner Informationen durch die Medien aufnimmt, tragen diese entscheidend zum Körperbild bei.

1.2 Körperbewusstsein in Zeiten der Massenmedien

Bikinimodels auf dem Cover von Zeitschriften, faltenlose Popstars in der Kosmetikwerbung, bildschöne Moderatorinnen der Nachrichten und muskulöse, sportliche Männerkörper auf Modeplakaten. In den Massenmedien scheint es nur so von schönen Menschen zu wimmeln.

Glaubt man der Fernsehwerbung oder Lifestyle-Magazinen, kann man nur glücklich werden, wenn man in shape, top gestyled, trendy und schön ist.

Auch wenn wir uns in Zeiten der Emanzipation befinden, sind „Frauen in den Medien noch immer vor allem schön und angepasst“12.

Schönheit ist in den Medien ein eng gefasster Begriff und bedeutet schlank und makellos zu sein, auch wenn dabei die Gesundheit gefährdet ist.

Wo in den 1940er und 1950er Jahren Frauen mit Kleidergröße 40/42 dem Schönheitsideal entsprachen13, sind es jetzt Frauen mit Größe 34/36.

Mode wird in den Medien fast nur von Size Zero - Models präsentiert und auch dieMehrheit der Personen des öffentlichen Lebens, ob Schauspieler oder Musiker, passensich dem Druck des mageren Ideals an. Sieht man sich während eines Einkaufsbummels in der Stadt einmal um, fällt jedoch sofort auf, dass die Realität ganz anders aussieht.

In Fernsehen, Werbung oder Printjournalismus wird nie objektiv die Wirklichkeit widergespiegelt. Auch wenn manche Beiträge noch so wertfrei und realistisch erscheinen, zeigen sie die Wirklichkeit nur aus einem bestimmten Blickwinkel.14 Aber „gerade weil Medien so perfekt die Wirklichkeit vorgaukeln, beeinflussen sie unsere Alltagswelt.“15 Das bedeutet nicht, dass wir immer alles glauben, was wir in den Medien sehen, aber unser Gehirn speichert die Informationen ab und so entsteht beispielsweise ein unterbewusstes Schönheitsideal.

Wie Posch erklärt, wäre es zu einfach mal wieder die Medien für alles verantwortlich zumachen und zu sagen, sie hätten Schuld an dem Stress mit der Schönheit. „Aber siehaben ihren Anteil daran, ein absurdes Ideal in Umlauf zu setzen, aufrecht zu erhaltenund zu verzerren.“16

Wenn wir zum Beispiel das Covergirl einer Zeitschrift betrachten, bewundern wir ihreSchönheit, ihre makellose Haut, ihre Figur und ihr tolles Haar. Dabei denken wir zu-nächst nicht darüber nach, wie viele Schnappschüsse nötig waren, um diese eine perfek-te Pose zu finden und wie stark das Foto mit Photoshop bearbeitet wurde.

Dass wir nicht aussehen wie ein Schauspieler, weil wir keinen Personal Trainer, Make-Up-Artist oder Stylisten haben, ist uns nicht bewusst, wenn wir in die Welt eines Filmseintauchen. Wenn wir uns in der medialen Wirklichkeit befinden, vergessen wir leicht,dass dies nicht der Realität entspricht.

Aber die Medien zeigen uns nicht nur, was als schön gilt, sondern konfrontieren uns auch permanent mit Methoden, wie wir dieses Schönheitsideal erreichen können.

Ohne sie wären wir wohlmöglich glücklich mit unserem Aussehen. Aber die permanente Bilderflut schafft es, Bedürfnisse in uns zu wecken, die angeblich nur die präsentierten Produkte und Dienstleistungen stillen können.17

1.3 Wirtschaftsfaktor Schönheit

„Schönheit bedeutet Konsum, und die Erschaffung des Traumkörpers muss entsprechend entlohnt werden. Eine riesige Schönheitsindustrie beteuert uns allgegenwärtig die Machbarkeit von Jugend, Schlankheit und Fitness. Mit einem nicht enden wollenden Ideenreichtum wird körperliche Schönheit vermarktet. Für Industrie und Handel ist der Schönheitskult vor allem eins: ein Bombengeschäft.“18

Die Allgegenwärtigkeit der Schönheitsindustrie kann man sich an einem einfachen Tagesablauf bewusstmachen.

Vor allem Frauen benutzen morgens zunächst mindestens 3 verschiedene Kosmetika,bevor sie das Haus verlassen. Auf dem Weg in die Arbeit erreichen uns die ersten Werbebotschaften auf Plakaten oder im Radio, die uns daran erinnern, was wir noch nichthaben. „Repariertes, glänzendes Haar nach nur einer Wäsche!“ Und auch bei der Recherche im Internet bleiben wir nicht verschont von Aufforderungen, unser Lebendurch Kosmetika oder Lebensmittel zu verbessern. „Mit der Nudeldiät von Brigitte 5Kilogramm in 4 Wochen abnehmen! Jetzt im neuen Heft!“ Nach der Arbeit beim Einkaufen überflutet uns dann die Welle von Produkten. Hunderte Sorten von Shampoo,Duschgel oder Körpercreme; Bio-Schlank-Müsli, Fettreduzierte Chips, vegane Gummibärchen und Detox-Tee. Wer schön sein will muss kaufen.

Abends beim Fernsehen wird der Blockbuster von etlichen Werbepausen unterbrochen. Dann wird um die Wette geworben: Haarpflegeprodukte, Make-Up, Deodorant,Parfum, Nagellack, Cremes etc. und für die schlanke Linie gibt es Super-fitness-food,Onlinefitness, Abnehm-Drinks und Diät-Apps. Sogar Schönheitskliniken machen bereits Fernsehwerbung.

Die Produkte rundum das Thema Schönheit scheinen unendlich. Ob Körperpflege, Ernährung, Fitness oder Technik - den Ideen der Hersteller sind keine Grenzen gesetzt. Und die Konsumenten reagieren auf die Produktneuheiten. Denn „Körper und Schönheit haben Konjunktur. Der Schönheitskult hat heute alle Merkmale einer >technologisch und massenmedial gestützten Hochkonjunktur< erreicht. Ganz entgehen kann dem Schönheitsideal niemand.“19 Um dem Ideal näher zu kommen kann man beispielweise auch Beauty Apps nutzen, mit denen man seinen Teint verschönern oder Lippenstift nachträglich durch Filter auftragen kann.

Die vielen Produkte und die Weiterentwicklung des Marktes rund um Schönheit zeigen,wie wichtig dieses Thema in der Gesellschaft heute ist. Denn wenn uns etwas ohne vielAufwand schöner macht - und das versprechen vor allem Kosmetika - dann wollenwir es unbedingt haben. Auch wenn wir wissen, dass in Sachen Kosmetik oft das einziginnovative die Verpackung ist, lässt sich ein Großteil der Konsumgesellschaft immerwieder um den Finger wickeln.

Die Hersteller wissen, dass das Versprechen von Schönheit eine Goldgrube ist. Denn gutes Aussehen ist und bleibt ein Aushängeschild für den Menschen.

1.4 Körper als Statussymbol

Der Körper eines Menschen spiegelt sein Inneres wider. Er ist das Spiegelbild seines Lebensstils, seiner Vorlieben und seiner persönlichen Einstellung.

Diese Aussage werden viele Menschen für oberflächlich und primitiv halten. Aber indiesem Fall geht es nicht direkt um Schönheit, sondern darum, wie Persönlichkeit nachAußen hin sichtbar wird. Denn Menschen setzen bewusst oder unbewusst Zeichendurch ihr Aussehen. Durch Kleidung, Frisur, Make-Up, Schmuck oder ihren Körper.Und ihre Mitmenschen deuten diese Zeichen, um sich ein erstes Bild von ihrem Ge-genüber zu machen. Ob Aussehen und Persönlichkeit am Ende wirklich übereinstimmen, sei dahingestellt. Aber unsere erste Wahrnehmung der Dinge passiert nun einmalzu einem großen Teil visuell.

Der Körper wird somit zum „Medium der sozialen Positionierung“20. Laut Posch warder Körper schon immer ein Mittel des Ausdrucks und der Positionierung, nur erhältdie Körperlichkeit mit der Zunahme von Körpertechnologien und medialer Inszenierung eine neue Dimension.21 So kann Reichtum beispielsweise nicht mehr nur durchteure Kleidung ausgedrückt werden, sondern auch durch die Verschönerung des Körpers. Ob Behandlungen im Schönheitssalon oder beim Schönheitschirurg - wer diefinanziellen Mittel hat, kann den eigenen Körper nach Belieben verändern. Auf dieseWeise schaffen es die Stars und Sternchen, ihre Körper dem Schönheitsideal entsprechend zu formen und üben damit einen gewissen Druck auf den Rest der Gesellschaftaus.

Wer schön und schlank ist, zeigt damit, dass er in sein Äußeres investiert und erhält dadurch Status. Und wer einen gut geformten, sportlichen Körper hat, zeigt damit, dass er Zeit und Energie aufwendet, diszipliniert und ehrgeizig ist. Der besondere Wert im schlanken und muskulösen Körper liegt darin, „dass es sich nicht kaufen lässt, sondern in harter Körperarbeit verdient werden muss.“22

„Sportlich, fit und gesund bedeutet auch leistungs- und belastungsfähig, diszipliniertund arbeitsfreudig, und dies wiederum bedeutet beruflich und gesellschaftlich erfolg-reich, anerkannt und integriert. Über die Verknüpfung von persönlicher und sozialerVerantwortung seiner Gesundheit gegenüber wird der trainierte, sportliche Körpernicht nur zu einer Metapher für Disziplin und Selbstkontrolle, sondern auch für dentadellosen Charakter und die Integrität einer Person. Sportlichkeit und Attraktivit ä t sind zur Leitw ä hrung geworden.“23

So lässt sich erklären, warum der Körper etwas über uns Menschen aussagt. Er kann aussagen, dass man Schokolade oder Pizza etwas zu sehr liebt, oder dass man etwas zu viel Wert auf sein Äußeres legt. Jeder kann zu einem gewissen Grad selbst bestimmen, wie er aussieht. Ob durch Kleidung, Schminke, Ernährung, Sport oder operative Eingriffe. Der Körper ist formbar und dadurch ein Ausdrucksmittel.

Welches Schönheitsideal man selbst hat, oder was Status für einen selbst bedeutet, entscheidet jeder für sich. Die Geschmäcker der Menschen werden nie die Gleichen sein, deshalb wird die Botschaft, die man mit seinem Körper senden will auch nicht bei Jedem gleich ankommen. Aber irgendeine Botschaft wird gewiss vermittelt. Und dadurch wird irgendein Status entstehen.

2. Sportkultur

2.1 Bedeutung von Sport in der Gesellschaft gestern und heute

„Schwitzen ist zur Qualität geworden. In einer Gesellschaft, in der traditionelle Sinngebungsinstanzen an Bedeutung verlieren, erhält der Sport neue Funktionen. In der individualisierten Erlebnisgesellschaft geht es im Sport nicht einfach um Leistung und Gesundheit. Sport ist Erlebnisraum, Selbstverwirklichungsinstanz, Sinnstifter, Religionsersatz und Geschäft. Aus einer Nebensache ist eine Hauptsache geworden. Kurzum: Sport heute - das ist Kultur und das ist Kommerz.“24

Wo die körperliche Arbeit im Berufsleben und im Haushalt früher noch alltäglich war,werden heute immer mehr Berufe mit wenig körperlichem Einsatz praktiziert. Durchdie fortschreitende Technisierung gibt es immer mehr Berufe die im Sitzen - amSchreibtisch oder an einer Maschine - ausgeübt werden. Auch in den anderen Lebensbereichen ist Bewegung nicht mehr selbstverständlich. Der Weg in die Schule oder zurArbeit wird von den Wenigsten zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt. Das Auto istdas beliebteste Transportmittel und wer kein Auto hat, fährt längere Strecken mit Busund Bahn.25

Die Technik erleichtert uns Arbeit und Alltag und wir werden immer bequemer. Jedoch ist der Mensch nicht für das ständige Sitzen geschaffen. Bei fehlender Bewegung rächt sich unser Körper durch Rückenschmerzen und andere gesundheitliche Beschwerden. Deshalb wird die körperliche Betätigung in der Freizeit immer wichtiger. Um die fehlende Bewegung auszugleichen gibt es immer mehr Sportangebote, die in der Gesellschaft ein hohes Ansehen genießen.

Denn Sport dient der Gesundheit und das ist ein Thema mit dem sich die Menschen seit der Entstehung zahlreicher Zivilisationskrankheiten wie „Erkrankungen des Bewegungsapparates, psychische Störungen, Diabetes, Hypertonie, Fettstoffwechselerkrankungen sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen“26 immer mehr beschäftigen.

„Die Einsicht, dass die Verantwortung für Gesundheit und Krankheit beim Einzelnen liegt, hat die Nachfrage für Gesundheit und gesundheitssichernden Aktivitäten erhöht. [...] Die Gesundheit repräsentiert das höchste Gut. Sie ist Ausdruck für die individuelle Glücksfähigkeit eines Menschen und avanciert zum Statussymbol.“27

Aber nicht nur Gesundheit, sondern Sportlichkeit per se ist heute ein Statussymbol. Sport ist zu einem Element des modernen Lebensstils geworden, er zeigt Identität und ist Ausdruck des individuellen Lifestyles.

Schon in der Schule waren die sportlichen Kinder die coolen Kinder. Vergleichbar läuft es heute auch in der Erwachsenenwelt. Du bist noch keinen Marathon gelaufen? Hast noch nie Yoga oder Qigong ausprobiert? Bist nicht einmal Mitglied in einem Fitnessstudio? Dann bist du nicht im modernen Lifestyle angekommen.

Der Sport erlebte im 20. Jahrhundert einen regelrechten Boom. „Eine ‚moderne’ Welt-anschauung mit den Eckpfeilern Rationalität, individuelles Leistungsstreben und Fort-schrittsglaube“ und die „systematischen Versuche, die ‚überschüssige Energie’“ jungerMenschen in kontrollierte zivilisierte Bahnen zu lenken“ sowie weitere Voraussetzun-gen förderten die „Entwicklung und Ausbreitung des modernen Sports im zwanzigstenJahrhundert“ und führten seit den 1960er Jahren zu einem Sportboom.28

Im 21. Jahrhundert scheint Sport und Fitness noch weiter an Bedeutung zu gewinnen. Fitness gehört zum Schönheitsideal und bedeutet körperliche Flexibilität, fit zu sein für die Aufgaben des Alltags und einen wohl geformten Körperbau zu haben.29 Obwohl der Körper in der Arbeit heute weniger gebraucht wird, als früher, wird sich heute bedeutend mehr um sein Wohlbefinden gekümmert.

„Es gibt also eine paradoxe Doppelgesichtigkeit moderner Körperlichkeit, die von Dis-tanzierung geprägt ist, gleichzeitig aber auch zu einer Aufwertung des Körpers geführthat. Die Abwertung von Körperlichkeit durch eine Bedeutungsabnahme des physi-schen Körpers findet vorwiegend im Erwerbsarbeitsbereich statt und die teilweise zum

Kult aufgewertete Pflege und Inszenierung des Körpers vorwiegend im Freizeitbe-reich.“30

Die Pflege und Inszenierung des Körpers, sowie das Streben nach Gesundheit gewinntin der Gesellschaft immer mehr an Bedeutung und wird in den Medien geradezu pro-pagiert. Es scheint, dass gesund und körperbewusst zu leben zur Ideologie unserer Zeitwird.

Doch was soll daran schlecht sein? Ein gesundes Leben hat ja noch keinem geschadet, oder etwa doch?

2.2 Fitnesswelle und Gesundheitswahn

Der Wirtschaftswissenschaftler Carl Cederström sieht in der Fitnessbewegung, die zur„einschüchternden Ideologie“ wird, eine Gefahr. Seiner Meinung nach ist Wellness zu„einem Zeichen moralischer Überlegenheit geworden“. „Gesund leben, das bedeutetein guter Mensch zu sein. Ungesund zu leben heißt im Umkehrschluss, ein schlechterMensch zu sein.“31

Seiner Meinung nach geht es mit dem Fitness-und Wellnesstrend zu weit. Er wird zu einer Besessenheit, zu einem Muss. Jeder der nicht mithält, sich nicht gesund ernährt, keinen Sport treibt und am Ende auch noch raucht, werde von der Gesellschaft geradezu ‚geächtet’. Geht es nach Cederström, ist der Wellnesswahn gefährlich, denn laut ihm offenbare dieser „zunehmend totalitäre Züge“.32

„Fitness wird zu einem sozialen Bezugswert, an dem wir uns fortwährend messen, in allen Bereichen unseres Daseins. Selbst das Essen ist zu einer paranoiden Aktivität geworden, die Aufnahme gesunder Nahrungsmittel ein Nachweis unseres Gutseins. Wurst oder Salat - naiv, wer das noch für eine Geschmacksfrage hält.“33

Bezogen auf das, was man in den Medien sieht und im Fitnessstudio mitbekommt,könnte man ihm Recht geben und sich vor der kommenden Wellnesswelle fürchten. Ein Einkauf im Supermarkt und der Blick auf die Einkaufswägen und die Menschenum mich herum beruhigt mich dann aber schnell wieder. Es mag Ansichtssache sein,aber ich denke dem Großteil der Gesellschaft schadet ein körper- und gesundheitsbewusstes Leben nicht.

Zumal eine neue globale Studie besagt, dass es weltweit mittlerweile mehr übergewichtige als untergewichtige Menschen gibt. 13 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung sind fettleibig und sollte sich an der gegenwärtigen Lebens- und Ernährungsweise nichts ändern, könnten es im Jahr 2025 über 20 Prozent sein.34

[...]


1 Statista (2016).

2 Eube, Anna (2015). Grüner Saft und Yogamatten sind jetzt Statussymbole. In: Die Welt.

3 Ebd.

4 Posch (2009, S.11).

5 Ebd.

6 Posch (1999, S.26).

7 Vgl. Dilger (2008, S. 53f.).

8 Ebd.

9 Posch (2009, S.11f.).

10 Vgl. Lamprecht & Stamm (2002, S.75).

11 Posch (2009, S.19).

12 Posch (1999, S. 100).

13 Posch (2009, S.91).

14 Vgl. Posch (1999, S.101).

15 Ebd.

16 Ebd. (S.100).

17 Posch (1999, S.101).

18 Vgl. Ebd. (S.178).

19 Posch (2009, S.19)

20 Posch (2009, S.11f.).

21 Ebd.

22 Lamprecht & Stamm (2002, S.8).

23 Lamprecht & Stamm (2002, S.74f.).

24 Ebd. (S. 8).

25 Vgl. Posch (2009, S.125).

26 Zarotis (1999, S. 26.)

27 Ebd. (S. 26f.).

28 Lamprecht & Stamm (2002, S.21).

29 Vgl. Posch (2009, S.125ff.).

30 Posch (2009, S.127).

31 Cederström, Carl (2016, S.89).

32 Vgl. Ebd.

33 Ebd.

34 NTV Online (2016).

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Fitness Tracker, Diät Apps und Beauty Blogs. Körperkult, Selbstüberwachung und Sportkultur in Zeiten neuer Medien
Hochschule
Universität Regensburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
34
Katalognummer
V436981
ISBN (eBook)
9783668835856
ISBN (Buch)
9783668835863
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fitness, tracker, diät, apps, beauty, blogs, körperkult, selbstüberwachung, sportkultur, zeiten, medien
Arbeit zitieren
Mirjam Zeitler (Autor), 2016, Fitness Tracker, Diät Apps und Beauty Blogs. Körperkult, Selbstüberwachung und Sportkultur in Zeiten neuer Medien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436981

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