Auf der Suche nach einer aktuellen Definition für Volkskultur, die ich an den Beginn meiner Arbeit stellen könnte, wurde ich in einem Artikel des Tiroler Landesrates Fritz Astl in der Zeitschrift Tiroler Volkskultur fündig.
"Sie lautet: 'Volkskultur ist die Gesamtheit der überlieferten, aus der Tradition sich entwickelnden, aber auch neuen gegenwärtigen kulturellen Äußerungen einer bestimmten Region. Sie ist an Gemeischaft und Tradition gebunden und von Lebensraum und Zeitverhältnissen beeinflußt.' mit dem Zusatz: 'Ihre Förderung in ideeller und materieller Hinsicht dient zugleich der Stärkung des Heimatbewußtseins.'"
Diese Erklärung für Volkskultur schlägt mit ihrer allgemein gehaltenen und doch klaren Aussage eine Brücke zwischen alten und neuen Ansichten in der Volkskulturforschung. Mit ihr könnten, meines Erachtens, die meisten Volkskundler der letzten 50 Jahre, von Haberlandt bis Bausinger durchaus einverstanden sein.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 DAS BILD DER VOLKSKULTUR - EIN FACHHISTORISCHER ABRIẞ
2.1 ALTE ANSÄTZE
2.2 NEUE SICHTWEISEN
3 BEDEUTUNG DER VOLKSKULTUR HEUTE
3.1 AUSWIRKUNGEN DES FREMDENVERKEHRS
3.2 VOLKSKULTUR UND HOCHKULTUR - EIN ZWIESPÄLTIGES VERHÄLTNIS
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht den Bedeutungswandel des Volkskulturbegriffs sowie dessen heutige Wahrnehmung in der Gesellschaft und Wissenschaft. Ein zentraler Fokus liegt dabei auf der kritischen Hinterfragung idealisierter Bauernkultur-Modelle und der Analyse, wie Volkskultur durch Tourismus und moderne Medien instrumentalisiert wird.
- Historische Entwicklung des Volkskulturbegriffs und dessen Verwissenschaftlichung.
- Die Problematik der bäuerlich-ländlichen Idealisierung in der Forschung.
- Einfluss von Tourismus und Kommerzialisierung auf traditionelle Bräuche.
- Wechselwirkungen und Abgrenzungsproblematik zwischen Volks- und Hochkultur.
Auszug aus dem Buch
3.1 Auswirkungen des Fremdenverkehrs
Während die sogenannte Hochkultur aufgrund der internationalen Beziehungen ihrer Förderer (z.B. Heiratspolitik des Adels) und Träger eine zumindest europaweite Verbreitung erfuhr, blieb die Volkskultur in der Regel sozial und vorallem regional verankert. Wurden und werden einerseits Stücke z.B. von Beethoven oder Mozart weltweit zur Aufführung gebracht, so finden andererseits die meisten Volkslieder schon aufgrund des in der Regel verwendeten Dialektes und der überwiegend mündlichen Überlieferung nur geringe Verbreitung.
Erst durch den Fremdenverkehr und später durch die Medien haben auch viele Dinge der „niederen Kultur“ eine größere Bekanntheit erlangt und sogar einen nicht zu unterschätzenden wirtschaftlichen Stellenwert erhalten. Mit der Zunahme des Bekanntheitsgrades verloren jedoch viele Bräuche ihre ursprüngliche Funktion und Kernaussage und verkamen besonders in Fremdenverkehrsgebieten häufig zur bloßen Touristenattraktion oder zum kuriosen klischeehaften Werbegag der Fremdenverkehrswerbung. So gibt es heute kaum einen Fremdenverkehrsprospekt, in dem nicht mit irgendeinem Bild oder Versatzstück aus dem volkskulturellen Bereich geworben wird.
Diese Schaffung von Klischees (schuplattelnde Tiroler und Bayern, Alphorn blasende Schweizer) und arrangiertem Volks- und Brauchtum (z.B. Tirolerabende und diverse Umzüge) findet sich aber nicht nur in der alpenländischen Tourismusindustrie, sondern ist ein weltweit beobachtbares Phänomen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung definiert den Begriff der Volkskultur als ein durch Tradition und Gemeinschaft geprägtes Phänomen und betont die Notwendigkeit einer Brücke zwischen alten und neuen Forschungsansätzen.
2 DAS BILD DER VOLKSKULTUR - EIN FACHHISTORISCHER ABRIẞ: Dieses Kapitel erläutert die Entstehung des Volkskulturbegriffs um die Jahrhundertwende und kritisiert die veraltete, idealisierte Sichtweise einer statischen Bauernkultur.
3 BEDEUTUNG DER VOLKSKULTUR HEUTE: Hier wird untersucht, wie Volkskultur durch den Tourismus kommerzialisiert wird und in welchem komplexen, oft wechselseitigen Verhältnis sie zur sogenannten Hochkultur steht.
Schlüsselwörter
Volkskultur, Volkskunde, Bauernkultur, Tradition, Fremdenverkehr, Tourismus, Hochkultur, Identität, Heimat, Klischee, Brauchtum, Bedeutungswandel, Urbanisierung, Sozialgeschichte, Kulturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet die historische Entwicklung und den modernen Bedeutungswandel des Begriffs der Volkskultur, insbesondere im Kontext österreichischer Forschung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Kritik am idealisierten Bauernkulturbild, den Einfluss des Fremdenverkehrs auf Brauchtum sowie die Interaktion zwischen Volks- und Hochkultur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen wissenschaftlichem Verständnis und der gesellschaftlichen, oft klischeebehafteten Wahrnehmung von Volkskultur aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine fachhistorische Analyse, den Vergleich volkskundlicher Lehrmeinungen und die Auswertung zeitgenössischer Literatur zur Kulturanalyse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die historischen Ansätze der Volkskunde, die kommerziellen Auswirkungen des Tourismus sowie die gegenseitige Beeinflussung von Hoch- und Volkskultur detailliert dargelegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Volkskunde, Volkskultur, Tourismus, Brauchtum, Idealisierung und der soziokulturelle Kontext.
Warum wird das „Taschenwörterbuch der Volkskunde Österreichs“ als Beispiel genannt?
Es dient als Beleg für die einseitige, bäuerlich geprägte Lehrmeinung, die über lange Zeit hinweg die wissenschaftliche und öffentliche Wahrnehmung dominierte.
Wie beeinflusst der Tourismus die Authentizität von Bräuchen?
Der Tourismus führt laut Arbeit oft zur Reduzierung komplexer kultureller Praktiken auf bloße Attraktionen, wodurch deren ursprüngliche Kernbedeutung verloren geht.
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- Michael Grundner (Author), 1996, Volkskultur einst und jetzt - Zum Bild von Volkskultur im Taschenwörterbuch der Volkskunde Österreichs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4370