Micio. Ist sein Scheitern am Ende der Komödie von Anfang an vorprogrammiert?


Seminararbeit, 2015
13 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Micios Monolog I,1
2.1. Inhaltszusammenfassung
2.2. Micios Erziehungsstil

3. Streitgespräch zwischen Micio und Demea I,2
3.1. Inhaltszusammenfassung
3.2. Micios Verhalten gegenüber Demea

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Micio ist ein großzügiger, toleranter und nachgiebiger Charakter, der, wenn Menander nur Typen auf die Bühne brächte, sicherlich dem Typus des Gefallsüchtigen zugeordnet werden könnte.[1] Diese herausragenden Eigenschaften führen dazu, dass Micio seinen eigenen, speziellen Erziehungsstil lebt. Und genau aus diesem Grund gerät er immer wieder in Konfliktsituationen mit seinem Bruder. Diese Hausarbeit soll zeigen, inwiefern Micios Erziehungsstil und sein Verhalten gegenüber Demea sein Scheitern am Ende des Stücks bedingen und abschließend auch die Frage klären, ob sein Scheitern möglicherweise ab dem ersten Akt vorprogrammiert ist.

2. Micios Monolog I,1

2.1. Inhaltszusammenfassung

In dem Monolog von Micio gleich zu Beginn des Stücks erfährt man einiges über die Lebensweise und die Gedankengänge Micios. Micio erzählt, dass sein Adoptivsohn Aeschinus „von einem nächtlichen Gelage“[2] noch nicht nach Hause zurückgekehrt sei. Er sorgt sich nun um seinen Jungen und erwähnt dabei, dass es doch merkwürdig sei, „wie sehr einem das Wohlergehen eines anderen Menschen am Herzen liegen könne, dabei sei Aeschinus noch nicht einmal sein leiblicher Sohn, sondern der seines Bruders Demea“[3]: uxorem duxit; nati filii duo; inde ego hunc maiorem adoptavi mihi.“[4] Micio und Demea haben beide ganz unterschiedliche Lebenseinstellungen und sind auch charakterlich sehr verschieden. Deshalb geraten die beiden regelmäßig in Streit. Eines der Hauptthemen ist dabei die Klärung der Frage, welche Erziehungsmethode die bessere und die erfolgreichere sei.

Im folgenden Unterkapitel werde ich nun vertieft auf Micios Erziehungsstil eingehen. Demeas Erziehungskonzept wird dabei nur am Rande thematisiert werden. Außerdem werde ich kurz eine weitere Szene skizzieren, die Micios Erziehungsstil deutlich macht und dabei hilft, deren Erfolg zu beurteilen.

2.2. Micios Erziehungsstil

Während Demea, zumindest zu Beginn des Stücks, einen Erziehungsstil verfolgt, den man in der heutigen Zeit als autoritär bezeichnen würde, ist Micios Erziehungskonzept zum großen Teil dem Laissez- faire Stil zuzuordnen.[5]

Der Laissez- faire Stil ist dadurch gekennzeichnet, dass der Erzieher nur dann eingreift, wenn die Kinder sich oder andere in akute Gefahrensituationen bringen oder ihnen Schaden zufügen, und ansonsten seine Kinder in totaler Selbstverantwortung und Selbstregulierung erzieht. Außerdem plädiert der Erziehungsberechtigte für ein freies Sich- Ausleben der Sprösslinge, auch auf sexuellem Gebiet.[6]

Dass Micio dieses Erziehungskonzept zumindest größtenteils vertritt, zeigt sich schon früh in seinem Monolog. Mit seinen Worten: do, praetermitto, non necesse habeo omnia pro meo iure agere[7] macht er deutlich, dass er sehr freigiebig ist. An etwas späterer Stelle, als Micio davon berichtet, was ihm von Demea regelmäßig vorgeworfen wird, wird dem Leser auch klar, für was Aeschinus das Geld ausgibt: quid agis Micio? Quor perdis adulescentem nobis? Quor amat? Quor potat? Quor tu his rebus sumptum suggeris, vestitu nimio indulges?[8] Micio gibt seinem Sohn also Geld, das dieser für Dirnen, Alkohol und teure Kleidung ausgibt. Hier wird ganz deutlich, dass Micio seinen Sohn mehr als nötig im Genießen seiner Jugend unterstützt. Für Micio selbst ist es vollkommen in Ordnung, seinem Sohn jegliche Freiheiten zu lassen und ihm alles zu ermöglichen, was sein Herz begehrt, was er durch praetermitto[9] klar zum Ausdruck bringt. Da er der Meinung ist, dass Aeschinus von Natur aus zum Guten verlangt ist, erzieht seinen Jungen mit pudore et libertate[10], anstatt ihn mit Drohungen oder Strafen im Zaun zu halten.[11] Denn er glaubt daran, dass derjenige, malo coactus qui suom officium facit, dum id rescitum iri credit, tantisper cavet, si sperat fore clam, rursum ad ingenium redit.[12] „Micio setzt sich als bewusst von der üblichen Handhabung der patria potestas[13] ab. Nicht Furcht soll bei der Erziehung herrschen. Sie soll vielmehr von Schenken (do) sowie Gewährenlassen (non…pro meo iure agere) und vom Übersehen von Vergehen (praetermitto) bestimmt sein, kurz von einer großzügig bemessenen liberalitas.“[14] Mit der liberalitas ist auch die Nachgiebigkeit eng verknüpft. Da Micio seinem Sohn kaum einen Wunsch abschlagen kann, fällt es ihm natürlich schwer, diesen in seinem Verlangen nach mehr und immer mehr Freiheit zu zügeln, ihm Grenzen zu setzen und die Einhaltung dieser notfalls durch Konsequenzen zu gewährleisten. Im Laufe der Komödie wird immer deutlicher, dass Micio neben der schon beschriebenen Freigiebigkeit, der Großzügigkeit und dem unerschütterlichen Vertrauen in das von Natur aus Gute in seinem Sohn, auch nachsichtig über Grenzübertretungen jeglicher Art hinweg sieht.

Als er hört, dass sein Zögling einen Zuhälter zusammengeschlagen hat, um für seinen Bruder Ctesipho eine Hetäre zu rauben, bleibt er gelassen. Und selbst nachdem er von Dritten erfahren hat, dass Aeschinus die Bürgerstochter Pamphila vergewaltigt hat und geschwängert hat, bringt ihn das nicht dazu, seinen Sohn zu bestrafen oder ihm Grenzen aufzuzeigen. Als Vater und Sohn in der Szene IV, 5 aufeinander treffen, nimmt das Desaster seinen Lauf.

Micio befindet sich bereits im Haus der Sostrata, wo er, wie es für den Laissez- faire Stil typisch ist, eine Situation, eingegriffen hat, als eine für seinen Sohn unangenehme Situation entstanden ist. Denn Micio hat der Familie der Pamphila, die natürlich von dem Raub der Hetäre erfahren hat, erklärt, dass Aeschinus diese nur für seinen Bruder geraubt habe und immer noch gewillt sei, die von ihm geschwängerte Bürgerstochter zu heiraten.

Als sich die Beiden nun begegnen und Micio seinen Sohn fragt, was er im Haus der Sostrata zu suchen hätte, erzählt er seinem Vater nicht nur nicht die Wahrheit, sondern er leugnet sogar noch geklopft haben: non equidem istas, quod sciam[15]. Micio nimmt diese Lüge immer noch nicht als Anlass, um seinem Sohn endlich einmal eine Strafpredigt zu halten. Im Gegenteil, er wertet es noch als positiv, dass Aeschinus beim Lügen errötet: erubuit: salva res est.[16] Hier wird ganz deutlich, dass Micio seinem Sprössling keine Grenzen setzt, seine patria potestas nicht gebraucht und den Jungen nicht mit Konsequenzen straft. Am Anfang versucht er auf seine liebevolle Art, Aeschinus etwas zu rügen, indem er ihm nicht sofort davon erzählt, dass er zum einen schon alles weiß und zum anderen der Hochzeit bereits zugestimmt hat. Doch sobald er bemerkt, dass sein Sohn unglücklich ist, ändert er sein Verhalten, gibt seine sanfte Maßregelung auf und beruhigt ihn mit den Worten audivi omnia et scio; nam te amo, quo mage quae agis curae sunt mihi.[17] Denn Micios einzige Freude und das einzige, das er liebt, ist sein Sohn und „er wirbt darum, dass dieser ihn wiederliebt“[18] Das erreicht er dann auch mit seinem Verhalten, was an Aeschinus Reaktion sehr deutlich wird: quid hoc est negoti? Hoc est patrem esse aut hoc est filium esse? Si frater aut sodalis esset, qui mage morem gereret? Hic non amandus, hicine non gestandus in sinust?[19]

[...]


[1] Vergleiche: Joachim Klowski: Terenz Adelphen und die modernen Erziehungsstile. In: Gymnasium. Herausgeber: Richard Klein, Herman Steinthal. Hamburg: Universitätsverlag Winter 2000. Seiten 109- 127. S. 118.

[2] Peter Kruschwitz: Terenz. Hildesheim: Georg- Olms- Verlag 2004. S. 142.

[3] Kruschwitz. Terenz. S. 142.

[4] Ronald Martin: Terenz Adelphoe. Cambridge: Cambridge University Press 1976. Vers 46 f.

[5] Vergleiche: Klowski: Terenz Adelphen und die modernen Erziehungsstile. S. 111 ff.

[6] Vergleiche: Klowski. Terenz Adelphen und die modernen Erziehungsstile. S. 110.

[7] Vers 51 f.

[8] Vers 60 ff.

[9] Vers 51.

[10] Vers 57.

[11] Vergleiche: Vers 57 f.

[12] Vers 69 ff.

[13] Die patria potestas ist die theoretisch uneingeschränkte Macht des Vaters über seine Familie zu bestimmen.

[14] Klowski: Terenz Adelphen und die modernen Erziehungsstile. S. 111.

[15] Vers 641.

[16] Vers 643.

[17] Vers 679 f.

[18] Karl Büchner: Das Theater des Terenz. Heidelberg: Carl- Winter- Universitätsverlag 1974. S. 32.

[19] Vers 707 ff.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Micio. Ist sein Scheitern am Ende der Komödie von Anfang an vorprogrammiert?
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V437054
ISBN (eBook)
9783668771604
ISBN (Buch)
9783668771611
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adelphoe, Micio, Terenz, Komödie, Latein
Arbeit zitieren
Christina Kienlen (Autor), 2015, Micio. Ist sein Scheitern am Ende der Komödie von Anfang an vorprogrammiert?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437054

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