Investment mit Gefühl. Die Messung der Anlegerstimmung und ihr Nutzen für Investmententscheidungen


Fachbuch, 2018

56 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen zur Sentimentanalyse
2.1 Technische und verhaltensorientierte Analyse als Ausgangspunkt
2.2 Begriffserläuterungen im Rahmen der Sentimentanalyse
2.3 Anwendung der Sentimentanalyse

3 Indikatoren zur Messung des Sentiments
3.1 Kategorisierung der Sentimentindikatoren
3.2 Umfrageauswertungen
3.3 Put-Call-Ratio
3.4 Closed-End Fund Discount
3.5 Dividendenprämie
3.6 Marktkennzahlen der Unternehmensfinanzierung
3.7 SENT

4 Untersuchung zum praktischen Nutzen von Sentimentindikatoren
4.1 Datenbeschreibung
4.2 Analyse der Sentiment-Daten
4.3 Überprüfung auf Zusammenhänge
4.4 Entwicklung und Anwendung von Handelsstrategien
4.5 Zusammenfassung der Untersuchungserkenntnisse

5 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Anhang

Anhang 1: Tabellen

Anhang 2: Abbildungen

Zusammenfassung

Die Sentimentanalyse untersucht die Stimmung von Anlegern, um daraus erfolgreiche Investmententscheidungen abzuleiten. Da die Messung von Stimmung eine komplexe Aufgabe ist, konnte bisher kein unumstrittener Indikator der Anlegerstimmung identifiziert werden. Folglich ist der Nutzen zur Anwendung der Sentimentanalyse im Investmentprozess kaum erforscht.

Das Ziel der vorliegenden Bachelorarbeit ist es, die Indikatoren zur Messung der Anlegerstimmung aufzuzeigen sowie anhand ausgewählter Indikatoren den praktischen Nutzen für Investmententscheidungen zu analysieren. Dafür werden die in der Literatur diskutierten Indikatoren zunächst beschrieben. Anschließend werden auf Basis zwei dieser Indikatoren im Rahmen einer Datenanalyse anwendbare Handelsstrategien abgeleitet und auf ein theoretisches Investment angewendet.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich Sentimentindikatoren sowohl in ihrem Ansatz als auch der gemessenen Stimmung stark unterscheiden können. Die Auswahl des Indikators ist deshalb der entscheidende Faktor bei Verwendung der Sentimentanalyse. Für einen der zwei berücksichtigten Indikatoren kann eine klare Eignung als Sentimentindikator und damit ein positiver Nutzen der Sentimentanalyse ausgesprochen werden. Die Anwendung der Sentimentanalyse kann für Anleger aufgrund des heutigen Forschungsstandes jedoch nur eingeschränkt empfohlen werden.

Die Bachelorarbeit gibt dem Leser einen Eindruck zum Nutzen der Psychologie im Investmentprozess und ist sowohl für private als auch institutionelle Anleger interessant.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Das Ei des Kostolany

Abbildung 2: Die drei Kategorien der Sentimentindikatoren

Abbildung 3: SENT 1965─2015

Abbildung 4: PCR 21-Perioden GD 2003─2018

Abbildung 5: Aufbereitete PCR vs. SENT 2003─2015

Abbildung 6: SENT vs. S&P 500 1998─2015

Abbildung 7: PCR vs. S&P 500 für das Jahr 2007

Abbildung 8: Investitionszeitraum im S&P 500 durch Anwendung der SENT- Handelsstrategie

Abbildung 9: Jährliche Performance der SENT-Handelsstrategie im Vergleich zum S&P 500

Abbildung 10: Investitionszeitraum im S&P 500 durch Anwendung der PCR-Handelsstrategie

Abbildung 11: Jährliche Performance der PCR-Handelsstrategie im Vergleich zum S&P 500

Abbildung 12: Ein- und Ausstiegssignale SENT

Abbildung 13: Handelsstrategie auf Basis des SENT

Abbildung 14: Ein- und Ausstiegssignale PCR

Abbildung 15: Handelsstrategie auf Basis der PCR

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Ergebnisse der Handelsstrategien im Vergleich

Tabelle 2: SENT-Datenbasis

Tabelle 3: PCR-Datenbasis mit 21-Perioden GD

Tabelle 4: Verknüpfung PCR (aufbereitet) und SENT

Tabelle 5: Verknüpfung S&P 500 und SENT

Tabelle 6: Verknüpfung S&P 500 und PCR

1 Einleitung

„Die Bahn der Himmelskörper kann ich auf Zentimeter und Sekunden genau berechnen, aber nicht, wie eine verrückte Menschenmenge die Börsenkurse in die Höhe oder Tiefe treiben kann!“[1]

Mit diesem berühmten Zitat findet der Physiker Isaak Newton bereits im 17. Jahrhundert passende Worte für ein Phänomen, welches aktuell an den Finanzmärkten für heiße Diskussionen sorgt. Dort nämlich jagt seit einiger Zeit ein Allzeithoch das nächste. Neben fundamentalen Gründen sehen Analysten hinter solchen Kursbewegungen vor allem eine treibende Kraft: Stimmung.[2] Denn während Verliebtheit und Gier die Kurse geradezu in den Himmel katapultieren, sorgen Nervosität und Panik für extreme Kursstürze. Insbesondere Anhänger der Behavioral Finance[3] vermeiden deshalb immer mehr die klassischen Analysemethoden und stürzen sich stattdessen auf den neuen Ansatz der Sentimentanalyse.[4] Innerhalb der Sentimentanalyse wird versucht, das Sentiment[5] beziehungsweise die Stimmung der Anleger durch geeignete Indikatoren zu messen und zu interpretieren.[6] Im Zeitablauf haben sich zahlreiche Sentimentindikatoren herausgebildet. Da die Messung von Emotionen jedoch mit etlichen Schwierigkeiten verbunden ist, herrscht Uneinigkeit über die Qualität der Indikatoren.[7] Zudem ist der praktische Nutzen von Sentimentindikatoren im Investmentprozess kaum erforscht.

Ausgehend von dieser Problemstellung verfolgt die vorliegende Arbeit zwei Ziele. Zum einen sollen dem Leser die in der Literatur diskutierten Indikatoren zur Messung des Sentiments vorgestellt werden. So soll der Leser bei zukünftiger Verwendung der Sentimentanalyse beurteilen können, was eine gute Messung ist. Darauf aufbauend soll zum anderen überprüft werden, inwiefern sich die Berücksichtigung von Sentimentindikatoren auf die Performance eines Investments auswirkt.

Aus diesen beiden Zielen leitet sich die Kernforschungsfrage dieser Arbeit ab:

Wie kann das Sentiment gemessen werden und welchen Nutzen bringt die Verwendung der Indikatoren für Investmententscheidungen?

Zur Beantwortung dieser Forschungsfrage wird in Kapitel 2 zunächst die Basis in Form der theoretischen Grundlagen zur Sentimentanalyse gelegt. Im Fokus von Kapitel 3 stehen die Indikatoren zur Messung des Sentiments. Zunächst werden die in der Literatur diskutierten Sentimentindikatoren in Kategorien eingeteilt. Anschließend werden ausgewählte Indikatoren vorgestellt. Kapitel 4 untersucht auf dieser Basis den praktischen Nutzen von Sentimentindikatoren für Investmententscheidungen. Nach genauer Analyse der Daten und Überprüfung auf Zusammenhänge wird hierfür auf Grundlage von zwei geeigneten Sentimentindikatoren jeweils eine anwendbare Handelsstrategie abgeleitet und anschließend auf ein Investment in der Vergangenheit theoretisch angewendet. Danach werden die wichtigsten Untersuchungserkenntnisse zusammengefasst. Zum Abschluss werden in Kapitel 5 die wesentlichen Inhalte der Arbeit dargestellt sowie kritisch betrachtet.

2 Theoretische Grundlagen zur Sentimentanalyse

Ziel der folgenden Kapitel ist es die theoretischen Grundlagen zur Sentimentanalyse aufzuzeigen, die als Basis für diese Arbeit benötigt werden. Da das Sentiment grundsätzlich ein Untersuchungsgebiet der verhaltensorientierten Analyse darstellt, jedoch nur innerhalb der technischen Analyse einen Bezug zur Anlegerpraxis aufweist, wird in Kapitel 3.1 zunächst auf die Grundlagen dieser Analyseformen eingegangen. Hierbei werden Zusammenhänge sowie Unterschiede der Sentimentanalyse zur technischen und verhaltensorientierten Analyse aufgezeigt. In Kapitel 3.2 werden die Begriffe Sentimentanalyse, Sentiment und Sentimentindikator näher erläutert. Kapitel 3.3 zeigt abschließend, wie ein Anleger bei Anwendung der Sentimentanalyse handeln sollte.

2.1 Technische und verhaltensorientierte Analyse als Ausgangspunkt

Die technische Analyse, auch Charttechnik genannt, gehört seit rund 80 Jahren zum festen Bestandteil der Aktienanalyse.[8] Durch die Untersuchung des historischen Kursverlaufs einer Aktie, in erster Linie durch den Einsatz von Charts, sollen Schlüsse für deren zukünftige Entwicklung gezogen werden.[9]

Die zentrale Annahme der technischen Analyse besteht darin, dass in der Kurs- und Umsatzentwicklung der Aktie alle Informationen für eine zukünftige Kursprognose enthalten sind. Die Begründung dafür ist, dass allein der Kurs selbst das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage der Anleger korrekt widerspiegelt. Darin enthalten sind automatisch alle bekannten Daten für die Zukunftseinschätzung der Aktie. Der Kurs repräsentiert somit alle Fakten sowie die Hoffnungen und Befürchtungen der Anleger.[10]

Eine der wichtigsten Prämissen der technischen Analyse ist, dass Aktienkurse in Trends verlaufen.[11] Die Identifikation dieser Trends und das Erkennen von Trendwenden sind die wichtigsten Funktionen der technischen Analyse.[12] Das primäre Ziel liegt in der Bestimmung der bestmöglichen Ein- und Ausstiegszeitpunkte des Investments – dem Timing.[13] Anders als die Fundamentalanalyse gibt die technische Analyse also keine Auskunft darüber, in welche Aktie investiert werden soll, sondern wann das Investment getätigt werden soll.[14]

Während Bücher über die technische Analyse ganze Bibliotheken füllen, gehört die verhaltensorientierte Analyse zu einem relativ jungen Wissenschaftsgebiet.[15] Die verhaltensorientierte Analyse untersucht erstmals die psychologische Komponente der Finanzmärkte.[16] Dabei ist der Einfluss der Psychologie für das Geschehen an der Börse keinesfalls neu. Schon André Kostolany wusste: „Die Rolle der Psychologie an der Börse kann gar nicht überschätzt werden. Kurzfristig und mittelfristig macht sie […] 90 Prozent aus.“[17] Durch die verhaltensorientierte Analyse kann die Bedeutung der Psychologie durch wissenschaftliche Fakten erstmals untermauert werden.[18]

Im Mittelpunkt der verhaltensorientierten Analyse steht der Mensch und seine Emotionen.[19] Mit zunehmender Entwicklung des Ansatzes wurden eine Vielzahl unterschiedlicher psychologischer Effekte gefunden. Es konnte belegt werden, dass das Anlegerverhalten durch Wahrnehmungsverzerrungen und das Anwenden von Heuristiken[20] gekennzeichnet ist.[21] Die Kenntnisse über die emotionalen Verhaltensweisen der Menschen aus Unsicherheit und Unwissenheit können dem Anleger helfen, individualpsychologische Fehler bei seinen Investmententscheidungen zu vermeiden.[22]

Die Sentimentanalyse ist eine Methode der Aktienanalyse, welche sich aus Erkenntnissen der technischen und verhaltensorientierten Analyse zusammensetzt. Diejenige Komponente, welche beide Analyseinstrumente miteinander verbindet, ist die Psychologie.[23] Selbst wenn die technische Analyse die menschliche Psyche nicht eingehend untersucht, spielt sie dennoch explizit mit ein, indem die Auswirkungen der Emotionen der Anleger im Kurs der Aktie einfließen und damit indirekt verwertet werden.[24] Auch die wichtigste Prämisse der technischen Analyse, dass Aktienkurse in Trends verlaufen, ist im Grunde nichts anderes als die Annahme von einem „massenpsychologischem Grundverhaltensmuster“.[25] Die technische Analyse geht demnach davon aus, dass sich die Menschen kalkulierbar irrational verhalten.[26] Sie gibt jedoch keine Lösung auf die Frage, wann und wie genau dies der Fall ist.[27] Um dafür eine Antwort zu finden, verknüpft die Sentimentanalyse die technische Analyse mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen der verhaltensorientierten Analyse.

Anzumerken ist, dass die Sentimentanalyse zwar auf den Erkenntnissen der verhaltensorientierten Analyse beruht, sich dennoch klar in den Denkansätzen unterscheidet. Während die verhaltensorientierte Analyse davon ausgeht, dass individuelles Verhalten verstanden werden muss, um Marktverhalten zu erklären, konzentriert sich die Sentimentanalyse auf die Messung und Interpretation der aggregierten Anlegerstimmung. Sie geht davon aus, dass das Verhalten der Anleger in der Realität zu komplex ist, um es durch einige ausgewählte Wahrnehmungsverzerrungen und Handelsprobleme erklären zu können.[28]

Es sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass die Sentimentanalyse in der Literatur häufig der technischen Analyse zugesprochen wird.[29] Diese Meinung wird in dieser Arbeit aus den genannten Unterschieden jedoch nicht geteilt. Die Sentimentanalyse geht über die technische Analyse hinaus und ist klar von der technischen sowie verhaltensorientierten Analyse abzugrenzen. Diese Einschätzung folgt der von Johannes Braun[30], indem die Sentimentanalyse als Verknüpfung aus verhaltensorientierter Analyse und klassischer Aktienanalyse - insbesondere der technischen Analyse - verstanden wird.

2.2 Begriffserläuterungen im Rahmen der Sentimentanalyse

Innerhalb der Sentimentanalyse wird versucht die vorherrschenden Emotionen der Anleger beziehungsweise die Stimmung hinter den Kursbewegungen zu messen und zu interpretieren. Das Ziel der Sentimentanalyse ist herauszufinden, wann die Anleger durch ihre Hoffnungen und Ängste, also irrationale Verhaltensweisen, den Markt in eine Übertreibung in die eine oder andere Richtung drängen. Über- und Untertreibungen markieren gewöhnlich Trendwenden, da die Kurse früher oder später zu ihrem intrinsischen Wert[31] zurückkehren werden. Die Sentimentanalyse ermöglicht es dem Anleger somit, die Irrationalität des Marktes auszunutzen und sich im Sinne der Contrary Opinion[32] gewinnbringend zu positionieren.[33]

In der kapitalmarkttheoretischen Literatur wird der Begriff Sentiment nicht einfach mit dem Gefühl oder der Empfindung der Anleger gleichgesetzt. Baker/ Wurgler bezeichnen Sentiment als ein an sich schwer fassbares Konzept.[34] So existieren in der Literatur zahlreiche Definitionen von Sentiment. In der älteren Behavioral-Finance-Literatur gilt Sentiment zunächst als Sammelbegriff für alles irrationale an der Börse.[35] Damit wird unter Sentiment alles verstanden, was eine Abweichung zum Effizienz- und Rationalitätsparadigma darstellt.[36] Im Laufe der Forschung hat sich der Begriff jedoch weiter ausdifferenziert.[37] So wird Sentiment zum Beispiel von Baker/ Wurgler als Neigung zum Spekulieren definiert.[38] Eine andere mögliche Definition der Autoren ist Sentiment als allgemeiner Optimismus oder Pessimismus gegenüber Wertpapieren.[39] Beer/ Zouaoui definieren Sentiment als die Einschätzung über zukünftige Chancen und Risiken einer Aktie, welche nicht durch Fundamentaldaten gerechtfertigt ist.[40]

Dieser Ausschnitt an möglichen Definitionen von Sentiment ist hilfreich, um ein besseres Verständnis für den Ansatz der Sentimentanalyse zu bekommen. Eine klare Definition, was genau durch die Sentimentanalyse gemessen wird, ist innerhalb dieser Arbeit jedoch nicht nötig, sodass die Begriffe Sentiment und Anlegerstimmung weiterhin synonym verwendet werden.

Gemessen wird das Sentiment mit Indikatoren, welche es ermöglichen, die subjektive Stimmung der Anleger in Zahlen zu fassen.[41] Sentimentindikatoren können einerseits aus Anlegerbefragungen generiert werden.[42] Eine andere Möglichkeit ist das Heranziehen von Marktkennzahlen als Sentimentindikatoren. Bestimmte Marktkennzahlen eignen sich zur Messung des Sentiments, da sie im direkten Zusammenhang mit der Anlegerstimmung stehen.[43] Weiterhin wurden zusammengesetzte Sentimentindikatoren aus mehreren Sentimentmessungen entwickelt.[44] Durch diese soll das Sentiment besser gemessen werden, da Nachteile der einzelnen Indikatoren ausgeglichen werden.[45] Da Kapitel 4 explizit auf die Indikatoren zur Messung des Sentiments eingeht, sollen konkrete Ausführungen der verschiedenen Sentimentindikatoren an diesem Punkt nicht erfolgen.

2.3 Anwendung der Sentimentanalyse

Die Grundlage der Sentimentanalyse bildet die von Charles Mackay entwickelte Theorie der gegensätzlichen Meinung, die sogenannte Contrary Opinion. Die Kernthese dieser Theorie sagt aus, dass die breite Masse der Anleger stets falsch investiert ist und demnach Geld verliert.[46]

Hierbei wird davon ausgegangen, dass optimistische (pessimistische) Anleger bereits investiert (desinvestiert) sind oder in naher Zukunft dementsprechende Transaktionen tätigen werden. Ein erfolgreicher Anleger sollte demnach grundsätzlich konträr zur vorherrschenden Marktstimmung handeln: Ist das Sentiment der Anleger bezüglich der zukünftigen Kursentwicklung von Aktien durchweg negativ, sollten Aktien gekauft werden. Sind die Anleger dagegen durchweg positiv gestimmt, sollte verkauft werden.[47]

Die Grundidee der Contrary Opinion beschreibt bereits der erfolgreiche Bankier Rothschild zur Zeit der Napoleonischen Kriege mit den Worten: „ Kaufen, wenn die Kanonen donnern, verkaufen, wenn die Violinen spielen.“[48] Wann die Kanonen donnern (extremer Pessimismus) und wann die Violinen spielen (extremer Optimismus) soll mittels Sentimentindikatoren ermittelt werden. Ein Anleger sollte bei der Anwendung der Sentimentanalyse daher unbedingt beachten, dass Sentimentindikatoren Kontra-Indikatoren sind.

Warum die antizyklische Investmentstrategie mithilfe der Sentimentanalyse für Anleger vorteilhaft sein soll, kann durch das Zustandekommen einer Auf- und Abwärtsbewegung an der Börse argumentiert werden. Börsenexperte André Kostolany teilt die Anleger zur Erklärung der Kursbewegungen in zwei Kategorien ein: die Zittrigen und die Hartgesottenen.[49] Die Zittrigen stellen hierbei die breite Masse der Anleger dar. Die Hartgesottenen entsprechen den antizyklischen Anlegern. Das dazu passende Schaubild (siehe Abbildung 1) nennt sich das Ei des Kostolany, welches die Anwendung der Sentimentanalyse gut verdeutlicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Ei des Kostolany

Quelle: in Anlehnung an Kostolany, A. (2016), S. 131.

Befinden sich die Aktienkurse auf dem Tiefpunkt, ist das ein Punkt des extremen Pessimismus – die Kanonen donnern. Spätestens zu diesem Zeitpunkt werden die Zittrigen panisch Aktienverkäufe tätigen. Der Angebotsüberhang an Aktien führt dazu, dass die Kurse deutlich unter die fundamentalen Bewertungen fallen. Für die Hartgesottenen ist dies der Zeitpunkt, zu dem sie für niedrige Preise Aktien kaufen. Bereits die geringste Nachfrage führt zu einer Aufwärtsbewegung, welche die Kurse wieder auf ein Niveau korrigiert, das gewissermaßen realistisch und berechtigt ist. Das Steigen der Kurse führt gleichzeitig dazu, dass das Sentiment der Zittrigen wieder positiv wird. Weiter steigende Kurse können in dieser Phase leicht zu einer Masseneuphorie führen, in der die Zittrigen fast panisch alles kaufen, was bereits stark gestiegen ist. Dies treibt die Kurse auf ein irrational hohes Niveau. Das Sentiment gilt zu diesem Zeitpunkt allgemein als extrem optimistisch – die Violinen spielen. Dies ist der Zeitpunkt, zu dem die Hartgesottenen ihre Investments zu Rekordpreisen verkaufen können. Sobald die Zittrigen vollständig am Markt investiert sind, können diese nicht mehr als Nachfrager auftreten und das geringste Angebot korrigiert die Kurse auf ein niedrigeres Niveau. Stark fallende Kurse versetzen die Zittrigen schnell in eine Massenpanik und in extremen Pessimismus, sodass die Kurse wieder Tiefstände erreichen und der Zyklus von vorne beginnt.[50]

3 Indikatoren zur Messung des Sentiments

Nachdem die Basis dieser Arbeit gelegt wurde, geht dieses Kapitel der Frage nach, wie das Sentiment der Anleger gemessen werden kann. Da es verschiedene Ansätze zur Messung gibt, werden die Sentimentindikatoren in Kapitel 3.1 zunächst kategorisiert. Dies ermöglicht es dem Leser, die in den weiteren Kapiteln vorgestellten Sentimentindikatoren einzuordnen.

3.1 Kategorisierung der Sentimentindikatoren

Zur Messung des Sentiments wurden im Zeitablauf eine Vielzahl an Indikatoren identifiziert. Grundsätzlich lassen sich die Messungen in zwei Kategorien einteilen. Die erste Kategorie enthält Indikatoren, welche durch direkte Befragung der Anleger generiert werden. Die zweite Kategorie enthält Indikatoren, die finanztheoretische Marktkennzahlen darstellen, welche in einen Zusammenhang mit dem Sentiment gebracht werden, sodass durch diese die Stimmung der Anleger indirekt abgeleitet werden kann. Da die Messung des Sentiments eine komplexe Aufgabe ist, hat sich eine weitere Kategorie gebildet. Die dritte Kategorie enthält Indikatoren, die aus mehreren potenziellen Sentimentmessungen der ersten und/oder zweiten Kategorie zusammengesetzt sind. So kann die Messung des Sentiments zusammenfassend in die Kategorien direkte Sentimentindikatoren, indirekte Sentimentindikatoren und zusammengesetzte Sentimentindikatoren unterteilt werden (siehe Abbildung 2).

Direkte Sentimentindikatoren stellen in diesem Sinne Auswertungen von Umfragen dar. Durch die explizite Befragung der Marktteilnehmer wird versucht, die Erwartungen der Anleger bezüglich der zukünftigen Entwicklung der Aktienmärkte direkt zu erfassen.[51] Die Antworten werden anschließend durch geeignete Instrumente quantifiziert dargestellt. Die Umfragen unterscheiden sich dabei sowohl in der Zielgruppe als auch in ihrer Fragestellung.

Vorteile von Umfrageauswertungen werden darin gesehen, einen direkten Einblick in den irrationalen Anleger zu bekommen, auch ohne ausgeklügelte Marktkennzahlen. Sie beruhen auf standardisierten Fragen, die eine präzise und regelmäßige Messung einer großen Anzahl von Anlegermeinungen ermöglichen.[52]

Indirekte Sentimentindikatoren sind Marktkennzahlen, die einen Bezug zum Sentiment aufweisen.[53] Die Idee dahinter ist, dass sich die Stimmung im Verhalten der Anleger auswirkt. Der Optimismus beziehungsweise der Pessimismus der Anleger sollte demnach entsprechende Handlungen nach sich ziehen, welche sich wiederum in bestimmten Marktkennzahlen niederschlagen. Mit anderen Worten stützen sich die indirekten Sentimentindikatoren nicht auf das, was die Anleger sagen, sondern auf das, was die Anleger tatsächlich tun.

Der Vorteil von Marktkennzahlen ist die, im Vergleich zur Durchführung von Anlegerbefragungen, relativ einfache Ermittlung. Sie spiegeln das Niveau des Sentiments zahlenmäßig wider, ohne eine komplizierte Auswertung durchführen zu müssen. Zudem stehen Marktkennzahlen in Echtzeit zur Verfügung.[54]

Trotz der großen Auswahl an verschiedenen direkten und indirekten Indikatoren existiert bisher noch keine perfekte oder unumstrittene Methode zur Messung von Sentiment.[55] Es liegt auf der Hand, dass die konkrete Quantifizierung der Emotionen und Meinungen von Millionen von Anlegern eine schwierige Aufgabe ist. Deshalb wurden in der Literatur zusammengesetzte Sentimentindikatoren entwickelt. Diese bestehen aus mehreren potenziellen Sentimentmessungen. Durch die Verwendung verschiedener imperfekter Indikatoren sollen Schwächen der einzelnen Indikatoren ausgeglichen und die jeweiligen Vorteile genutzt werden, was zu einer Verbesserung der Messung führt.[56] Zusammengesetzte Sentimentindikatoren können aus mehreren Indikatoren einer Kategorie oder aus einer Mischung aus direkten und indirekten Indikatoren gebildet werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die drei Kategorien der Sentimentindikatoren

Quelle: Eigene Darstellung.

Im Folgenden werden verschiedene Sentimentindikatoren der drei Kategorien vorgestellt. Ziel ist es dabei nicht, alle möglichen Indikatoren der verschiedenen Kategorien aufzuzeigen, sondern vielmehr die Überlegungen hinter den Indikatoren zu erläutern. Es wird sich deshalb auf eine begrenzte Anzahl an Sentimentindikatoren beschränkt. Aufgrund der im folgenden Kapitel aufgeführten Kritik an Anlegerbefragungen und dem begrenzten Rahmen der Arbeit, werden die direkten Sentimentindikatoren nicht detailliert ausgeführt, sondern unter dem Überbegriff Umfrageauswertungen behandelt. Des Weiteren werden sechs indirekte Sentimentindikatoren vorgestellt, wobei drei unter die Marktkennzahlen der Unternehmensfinanzierung fallen. Für die Kategorie der zusammengesetzten Sentimentindikatoren fiel die Wahl auf den von Baker/ Wurgler[57] entwickelten Stimmungsindex SENT.

3.2 Umfrageauswertungen

Die direkte Messung des Sentiments mittels Auswertung von Anlegerbefragungen wird auch als klassische Sentimentanalyse bezeichnet.[58] Die American Association of Individual Investors[59] führt seit 1987 Umfragen unter privaten Anlegern durch.[60] Inzwischen gibt es zahlreiche Institute, die sich mit der Psychologie der Anleger beschäftigen. Meistens verwenden diese zur Messung des Sentiments wöchentliche webbasierte Befragungen von privaten und/oder institutionellen Anlegern. Für die Einschätzung der zukünftigen Marktentwicklung können Anleger zwischen verschiedenen Antwortmöglichkeiten wählen. Dabei wird zwischen kurzfristiger und mittelfristiger Markteinschätzung unterschieden. Aus diesen Umfragen werden dann verschiedene Indikatoren zur Analyse des Sentiments berechnet und im Internet kostenlos zur Verfügung gestellt.

Die bekannteste deutsche Adresse für klassische Sentimentanalysen ist die sentix GmbH. Diese führt seit Februar 2001 Anlegerbefragungen durch. Nach eigenen Angaben sind inzwischen rund 5000 Anleger bei sentix registriert, darunter ca. 1000 institutionelle Anleger. Aus den wöchentlichen Umfragen werden ca. 400 verschiedene Indikatoren zur Analyse des Sentiments berechnet.[61]

Der bedeutendste Indikator der sentix GmbH ist der sentix-Sentiment-Index, welcher durch globale Befragung von privaten und institutionellen Anlegern verschiedener Nationalitäten erhoben wird. Befragt werden die Anleger nach ihrer kurzfristigen (ein Monat) und langfristigen (sechs Monate) Einschätzung zur Entwicklung diverser Aktienmärkte. Als Antwort können die Befragten zwischen vier Möglichkeiten wählen: bullish (ein steigender Markt wird erwartet), neutral (ein seitwärtstendierender Markt wird erwartet), bearish (ein fallender Markt wird erwartet) oder keine Meinung. Der Indikator zur Auswertung der Umfrageergebnisse berechnet sich wie folgt:

[...]


[1] Isaac Newton (Herkunft und Ort unbekannt), zitiert nach Bergold, U./ Mayer, B. (2005), S. 160.

[2] Vgl. Malisch, R. (2016), S. 20.

[3] Im weiteren Verlauf der Arbeit wird die Behavioral Finance als verhaltensorientierte Analyse bezeichnet.

[4] Vgl. Theuerzeit, T. (2002), S. 3.

[5] Das Wort Sentiment bedeutet so viel wie Gefühl oder Empfindung (Vgl. https://www.duden.de/rechtschreibung/Sentiment; 23.03.2018).

[6] Vgl. Theuerzeit, T. (2002), S. 2.

[7] Vgl. Baker, M./ Wurgler, J. (2006), S. 1646.

[8] Vgl. Heese, V./ Riedel, C. (2016), S. 69.

[9] Vgl. Daxhammer, R./ Facsar, M. (2012), S. 63.

[10] Vgl. Fugger, H. (2000), S. 167.

[11] Vgl. Fugger, H. (2000), S. 168; Daxhammer, R./ Facsar, M. (2012), S. 63.

[12] Vgl. Fugger, H. (2000), S. 168f.

[13] Vgl. Daxhammer, R./ Facsar, M. (2012), S. 57.

[14] Vgl. ebd., S. 63.

[15] Vgl. Malisch, R. (2016), S. 20.

[16] Vgl. ebd.

[17] Kostolany, A. (2000), S. XIV.

[18] Vgl. Malisch, R. (2016), S. 20.

[19] Vgl. Theuerzeit, T. (2002), S. 3.

[20] Heuristiken sind Faustregeln, die den Marktteilnehmern für die Beurteilung unsicherer Ereignisse verhelfen (Vgl. Daxhammer, R./ Facsar, M. [2012], S. 177).

[21] Vgl. Malisch, R. (2016), S. 21.

[22] Vgl. Bergold, U./ Mayer, B. (2005), S. 38.

[23] Vgl. ebd., S. 39.

[24] Vgl. Braun, J. (2007), S. 92.

[25] Bergold, U./ Mayer, B. (2005), S. 43.

[26] Vgl. Malisch, R. (2016), S. 20.

[27] Vgl. Braun, J. (2007), S. 92.

[28] Vgl. Baker, M./ Wurgler, J. (2007), S. 130.

[29] Vgl. Bergold, U./ Mayer, B. (2005), S. 39; Theuerzeit, T. (2002), S. 3; Heese, V./ Riedel, C. (2016), S. 67.

[30] Vgl. Braun, J. (2007).

[31] Der intrinsische Wert ist der nach der Fundamentalanalyse berechnete faire Wert einer Aktie.

[32] Auf die Contrary Opinion wird näher in Kapitel 2.3 eingegangen.

[33] Vgl. Theuerzeit, T. (2002), S. 2f.

[34] Vgl. Baker, M./ Wurgler, J. (2006), S. 1646.

[35] Vgl. Shleifer, A. (2000), S. 12.

[36] Vgl. ebd.

[37] Vgl. Janous, G. (2016), S. 69.

[38] Vgl. Baker, M./ Wurgler, J. (2006), S. 1648.

[39] Vgl. ebd., S. 1649.

[40] Vgl. Beer, F./ Zouaoui, M. (2013), S. 51.

[41] Vgl. Auer, B. (2012), S. 378.

[42] Vgl. Theuerzeit, T. (2002), S. 2.

[43] Vgl. Beer, F./ Zouaoui, M. (2013), S. 51.

[44] Vgl. zum Beispiel in Baker, M./ Wurgler, J. (2006) sowie Beer, F./ Zouaoui, M. (2013).

[45] Vgl. Beer, F./ Zouaoui, M. (2013), S. 53.

[46] Vgl. Bergold, U./ Mayer, B. (2005), S. 174.

[47] Vgl. Braun, J. (2007), S. 104.

[48] Rothschild, C. (Jahr und Herkunft unbekannt).

[49] Vgl. Kostolany, A. (2016), S. 121.

[50] Vgl. Kostolany, A. (2016), S. 130ff. i.V.m. Davis, N. (2005), S. 11f.

[51] Vgl. Beer, F./ Zouaoui, M. (2013), S. 51.

[52] Vgl. Beer, F./ Zouaoui, M. (2013), S. 52.

[53] Vgl. ebd., S. 51.

[54] Vgl. ebd., S. 52.

[55] Vgl. Baker, M./ Wurgler, J. (2006), S. 1646.

[56] Vgl. Beer, F./ Zouaoui, M. (2013), S. 53.

[57] Vgl. Baker, M./ Wurgler, J. (2006).

[58] Vgl. Theuerzeit, T. (2002), S. 2.

[59] Weitere Informationen zur American Association of Individual Investors sind unter www.aaii.com zu finden.

[60] Vgl. Brown, G./ Cliff, M. (2004), S. 7.

[61] Vgl. sentix GmbH: Daten und Fakten, URL: http://www.sentix.de/index.php/Unternehmensinformationen/daten-und-fakten.html; 11.03.2018.

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Investment mit Gefühl. Die Messung der Anlegerstimmung und ihr Nutzen für Investmententscheidungen
Autor
Jahr
2018
Seiten
56
Katalognummer
V437122
ISBN (eBook)
9783960953883
ISBN (Buch)
9783960953890
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sentiment, Sentimentindikatoren, Sentimentanalyse, Anlegerstimmung, Investmententscheidungen, Behavioral Finance, Investment, Börse, Börsenkurs
Arbeit zitieren
Carina Hofmann (Autor), 2018, Investment mit Gefühl. Die Messung der Anlegerstimmung und ihr Nutzen für Investmententscheidungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437122

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