Gibt es eine Civic Culture in Sub-Sahara Afrika?


Hausarbeit, 2012
22 Seiten, Note: 2,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konzeptspezifikation: Von der Political Culture zur Civic Culture

3. Aktueller Forschungsstand, Theorie, Hypothese

Der klassische Ansatz von Almond und Verba
Neuere Ansätze

4. Methodisches Vorgehen
Konkrete Vorgehensweise und Operationalisierung
Länderauswahl

5. Daten und Ergebnisse Analyse Auswertung

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der Political Culture-Forschung wird seit Längerem der Begriff der Civic Culture diskutiert. Er wurde vor allem durch G. Almond und s. Verba geprägt, die darin die politische Kultur der Demokratie sehen. Als Mischform politischer Kulturen, wird der Civic Culture im besonderen Maße eine Demokratie fördernde und System stabilisierende Wirkung zugesprochen (Almond/Verba, 1989).

Als eine Grundvoraussetzung für die Stabilität eines politischen Systems wird die Übereinstimmung zwischen politischer Struktur und politischer Kultur gesehen (nach Almond/Verba, 1989a). Es kann die Annahme getroffen werden, dass Länder mit hoher Ausprägung der Civic Culture stabilere und demokratischere Systeme aufweisen, als jene mit einer unterentwickelten Zivilgesellschaft. In vielen Ländern des Subsahara-Afrikas ist genau diese Systemstabilität nicht vorhanden. Deshalb hat diese Arbeit das Ziel, zu untersuchen, ob in jenen Ländern eine politische Kultur besteht, die mit Civic Culture bezeichnet werden kann. Zur Erforschung dieser Frage ist es zunächst erforderlich, das Konzept der Civic Culture mit spezifischen Attributen zu charakterisieren, um konkrete Aussagen über deren Existenz in den untersuchten Ländern treffen zu können.

Die bisherige Forschung zur Civic Culture hat sich hauptsächlich auf die Weiterentwicklung des Konzepts selbst oder auf das Vorhandensein der Civic Culture in Ländern der westlichen Welt konzentriert (vgl. Almond/Verba, ״The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Five Nations” (1963)). Almond und Verba haben zwar Beschreibungsfaktoren einer Civic Culture dargelegt, blieben jedoch im Bezug auf die Merkmale recht unspezifisch (vgl. Gabriel, 2009: 25, 44). Mit dieser Arbeit soll ein Beitrag zur Erforschung der Zivilgesellschaft im Subsahara-Afrika gemacht werden und dabei die spezifischen Merkmale einer Civic Culture stärker integriert werden.

Die zur Untersuchung einer Civic Culture erforderlichen Attribute sollen mit Hilfe der nach Almond und Verba definierten Hauptmerkmale der ״politischen Involvierung“ und ״politischer Unterstützung“ (Almond/Verba, 1989) konkretisiert werden. Darüber hinaus wird ein weiteres Merkmal der ״Einstellungen, Werte und des Sozialen Vertrauens“ als Bestimmungsfaktor eingetührt, um den komplexen Begriff der Civic Culture möglichst exakt zu erfassen (vgl. Jackman/Miller, 2004; Fukuyama, 1995; Putnam, 1993). Zu den drei Bestimmungsfaktoren werden passende Fragen aus dem World Value Survey auf die zu untersuchenden Länder (Äthiopien, Ghana, Sambia) angewandt und mit einem skandinavischen Land (Schweden) verglichen, da diese am ehesten als Musterbeispiel für Zivilgesellschaften gesehen werden können (vgl. Gabriel, 2009). Dieser Vergleich hat zum Ziel, Aussagen über das Ausmaß der Civic Culture der afrikanischen Länder zu treffen.

Zu Beginn der Arbeit werden der Begriff und das Konzept der Civic Culture definiert und spezifiziert. Danach wird ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand über die Political Culture und im speziellen über die Civic Culture gegeben. Im nächsten Schritt wird das methodische Konzept zur Erfassung, Messung und Bewertung einer Civic Culture beschrieben, um darauf folgend die konkreten Untersuchungen über den World Value Survey auszuwerten und Ergebnisse aufzuzeigen und kritisch zu betrachten.

2. Konzeptspezifikation: Von der Political Culture zur Civic Culture

Da das Konzept der Civic Culture der Political Culture-Forschung entspringt, soll zunächst der Begriff der politischen Kultur erklärt werden. Nach Oscar w. Gabriel ergibt sich ״die politische Kultur des Kollektivs“ aus der ״Zusammenfassung individueller Einstellungen“ (Gabriel, 2009: 22). Die politische Kultur ist ein Merkmal einer Nation und beeinflusst die Identität der Gemeinschaft sowie die politische Struktur (vgl. Almond/Verba, 1989a: 13). Die Erforschung der Civic Culture hat zum Ziel, die Einstellung einer Gesellschaft eines Landes zu politischen Fragen zu untersuchen. Beispielsweise können Fragestellungen darauf abzielen, die Grundhaltung von Individuen im Bezug auf die Organisation eines politischen Systems, der Involvierung, sowie der Identität mit einem solchen System zu erforschen (vgl. Gabriel, 2009).

Als Vorreiter der Political Culture Forschung gelten Gabriel Almond und Sidney Verba, die mit ihrem Werk ״The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Five Nations” (1963) vor allem die Bedeutung der politischen Kultur für die Stabilität von Demokratien aufzeigen (vgl. Gabriel, 2009). Als eine Grundannahme der Politischen Kultur gilt nach Oscar w. Gabriel, dass ״ein politisches System stabil ist, wenn die politische Struktur und die politische Kultur zueinander passen“ (Gabriel, 2009, 21; vgl. Almond/Verba, 1989a).

In einer zweidimensionalen Typisierung politischer Kulturen (1989a: 16) unterscheiden Almond und Verba einerseits zwischen dem Typ politischer Kultur und andererseits zwischen den Objekten. Es wird überprüft, welche Einstellung bzw. Wahrnehmung und Bewertung die Bürger im Bezug auf die vier Objekte (״System“, ״Inputs/Willensbildung“, ״Outputs/Entscheidungen“ und ״Individuum/ Partizipation“) in den drei Idealtypen politischer Kultur aufweisen (vgl. Gabriel, 2009). Als Idealtypen politischer Kultur bezeichnen Almond und Verba folgende: 1. Die parochiale politische Kultur (״parochial“), in der die Untertanen kein politisches Bewusstsein und deshalb auch zu keinem der Objekte eine Einstellung haben. 2. Die obrigkeitliche politische Kultur (״subject“), in der die Untertanen zwar zum politischen System und zu den Entscheidungen eine Meinung vertreten, jedoch nicht am Willensbildungsprozess partizipieren können. 3. Die partizipative politische Kultur (״participant“), in der die Bürger auf alle vier Objekte eine Wahrnehmung und Bewertung besitzen bzw. politische Entscheidungen mitbestimmen können (vgl. auch Gabriel, 2009, 23).

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

״Civic Culture“

Als politische Kultur der Demokratie wird der Begriff der Civic Culture eingefìihrt. Diese gilt als Mischform der drei Idealtypen und integriert nicht nur partizipative sondern auch parochiale und obrigkeitliche Elemente (Almond/Verba, 1989a, 30).

Sie zeichnet sich also einerseits dadurch aus, dass die Bürger in einem politischen System involviert sind, das heißt am politischen Leben partizipieren und Kritik äußern können. Auf der anderen Seite wird jedoch auch ein gewisses Maß an Unterstützung für das System benötigt, damit es effektiv wird und auch in politisch ungewissen Zeiten fortbestehen kann. Für die Stabilität eines demokratischen Systems wird vor allem die Bedeutung der ״diffusen“ Unterstützung betont: Eine generelle Unterstützung des demokratischen Systems, die unabhängig von der konkreten Leistung der aktuellen Regierung gegeben wird (vgl. Easton, 1965/1975). Im Deutschen kann die Civic Culture mit ״Zivilgesellschaft“ oder auch mit ״Staatsbürgerkultur“ übersetzt werden.

3. Aktueller Forschungsstand, Theorie, Hypothese

Der Untersuchung der Civic Culture im Subsahara-Afrika wurde in der bisherigen Forschung wenig Beachtung geschenkt. Es gibt keine einschlägige Literatur, die eine zufriedenstellende Antwort auf die Frage nach der Existenz einer Civic Culture in Afrika gibt. Es existieren zwar einige Beiträge zur Erforschung der Demokratie und Bürgerbeteiligung, diese beziehen sich meist aber nur auf einzelne spezifische Länder (vgl. u.a. Gloria Somolokae, 1989: ״Do Botswana Think and Act as Democrats?“) Einige empirische Studien im Bereich des Sozialkapitals wurden durchgeführt, wie beispielsweise die Arbeit von Jennifer Widner und Alexander Mundt, ״Researching Social Capital in Africa“ (Widner/Mundt, 1998). Zwar gibt es enge Verbindungen und Gemeinsamkeiten mit dem Konzept der Civic Culture, jedoch bestehen diese Zusammenhänge vor allem wegen der zum Teil sehr ähnlichen Ursache­Wirkungsbeziehungen mit der Stabilität demokratischer Systeme. Auch der von Helmuth Heisler im Jahre 1967 verfasste Artikel ״The civic culture of Africa“ (Heisler, 1967), bringt keine Antwort, bezieht er sich doch vor allem auf entwicklungspolitische Fragen unter Einbeziehung lokaler, kultureller Faktoren.

Betrachtet man die empirische Erforschung der Civic Culture unabhängig vom afrikanischen Kontext, so eröffnet sich ein weitläufigeres Angebot von theoretischen und angewandten Studien. Vor allem das wegweisende Werk ״The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Five Nations“ (1963) von Almond und Verba ist hierbei erneut zu nennen. Mit ihrem Versuch die politischen Kulturen der USA, Großbritanniens, Deutschlands, Italiens und Mexikos zu erforschen und zu vergleichen, waren sie die ersten, die das Konzept methodisch­analytisch angewandt haben. Die darauffolgende und bis heute andauernde wissenschaftliche Debatte brachte viel Kritik vor allem im Bezug auf die unklare Beschreibung der Civic Culture (vgl. Gabriel, 2009). Am meisten Diskussionen hat aber wohl das Problem des komplexen Ursache-Wirkungszusanmienhangs zwischen der Civic Culture und der Stabilität demokratischer Systeme ausgelöst. Viele namhafte Theoretiker wie John Locke, Alexis de Toqueville, [John Stuart Mill] und auch Jürgen Habemias haben den Standpunkt vertreten, eine [aktive] entwickelte Zivilgesellschaft stärke die Demokratie (Lauth/Merkei, 1997). Dagegen gibt es große Einwände: Beispielsweise behaupten Edward Muller und Mitchell Seligson in ihrem Artikel ״Civic Culture and Democracy: The Question of Causal Relationships“ (1994), dass die in einer Civic Culture vorherrschenden Werte keinen signifikanten Einfluss auf die Stabilität von Demokratien, sondern vielmehr der Effekt von Demokratien sind. Vielleicht ist die Civic Culture aber auch, wie Lijphart es beschreibt, beides, sowohl eine Ursache als auch ein Effekt von Demokratie, (Lijphart, in ״The Civic Culture Revisted“, Almond et ah, 1980).

Für diese Untersuchung der Civic Culture im Subsahara-Afrika ist die Frage der Kausalität eigentlich zweitrangig. Will man die Ergebnisse jedoch für mögliche Erklärungs- oder Lösungsansätze, beispielsweise für den Demokratisierungsprozess afrikanischer Staaten nutzen, muss man auf die Klärung dieser Frage zurückkommen■

Relevant für diese Arbeit ist die Frage, welche Merkmale als Bestimmungsfaktoren zur Untersuchung einer Civic Culture geeignet sind und wie sich daraus eine Methode zur Messung der politischen Kultur der Demokratie entwickeln lässt.

Der klassische Ansatz von Almond und Verba

Als Hauptmerkmale einer Civic Culture haben Almond und Verba bereits die politische Involvierung und die politische Unterstützung gesehen. Darüber hinaus haben sie weitere Einstellungen zur Beschreibung dieser politischen Kultur aufgeführt. Diese sind beispielsweise die ״Bedeutsamkeit der Politik für das eigene Leben und das der politischen Gemeinschaft“, ״positive Gefühle gegenüber dem politischen System“, ״Befürwortung eines aktiven [...] politischen Engagements als staatsbürgerliche Pflicht“ (Gabriel, 2009, 26).

Trotz der Erweiterung des Konzepts um diese Attribute scheint weiter unklar zu sein, welche ״konkreten Eigenschaften eine demokratische politische Kultur ausmachen“ (Gabriel, 2009, 27; vgl. auch Lijphart 1980; Reisinger 1995).

Neuere Ansätze

Neue Ansätze aus der Wertewandel- und der Sozialkapitalforschung können zur genaueren Abgrenzung und Bestimmung des Begriffs der Civic Culture beitragen (vgl. Gabriel, 2009). Ronald Ingleharts Arbeiten zum Wertewandel (1971, 1977, 1990, 1997) können hierfür als Grundlage genommen werden. Mit dem Wandel von der materialistischen zur postmaterialistischen Gesellschaft sieht er eine Zunahme der Bedeutung der Politik für die Menschen. Demnach ist davon auszugehen, dass die Menschen umso stärker politisch aktiv werden, also partizipieren, je stärker postmaterialistische Werte vorhanden sind. Oscar Gabriel beschreibt dies noch präziser im Zusammenhang mit den klassischen Ansätzen der Civic Culture: ״In postmaterialistisch ausgerichteten Gesellschaften interessieren sich die Menschen stärker für politische Angelegenheiten als in von materialistisch dominierten Gesellschaften, ihr politisches Wissen ist umfassender und tiefer, sie sind besser zur Beurteilung politischer Sachverhalte in der Lage und fühlen sich dazu befähigt, ihre eigenen Interessen in der Politik durchzusetzen. Zugleich fühlen sie sich in besonderem Maße demokratischen Prinzipien verpflichtet“ (Gabriel, 2009, 32).

Eine ähnliche Sichtweise vertritt auch Christian Welzel (2007b) mit der These, dass Menschen mit emanzipatorischen Werten tendenziell eher nach Mitbestimmung streben - und somit die Erhaltung demokratischer Systeme fördern - als solche die autoritär- konservativ eingestellt sind.

Als weitere Komponenten einer funktionierenden Zivilgesellschaft und damit verbundene Stabilisierung eines demokratischen Systems sollte auch die soziale Partizipation und das Sozialkapital in einer Gesellschaft in Betracht gezogen werden. Das Konzept des Sozialkapitals ist bis heute umstritten und wird kontrovers diskutiert. Dagegen scheint die soziale Partizipation durchaus breite Annerkennung in Wissenschaft und Gesellschaft gefunden zu haben (vgl. Roßteuschter, 2009). Zwar sind die durch die soziale Partizipation erworbenen Kompetenzen und vermittelten Werte ״apolitischer“ Natur, können jedoch leicht in Demokratie fördernde Tugenden umgewandelt werden (Roßteuschter, 2009: 165). Es werden soziale Kompetenzen, aber auch demokratische Werte und Nomien wie soziales Vertrauen geschult (vgl. Warren 2001; Roßteutscher 2009). Auch Robert Putnam (1993) vertritt die Ansicht, dass kulturelle Werte grundlegenden Einfluss auf die Stabilität von Demokratien haben.

Damit wird das Konzept zur Bestimmung der Civic Culture um eine neue Dimension erweitert: Die der Einstellungen, Werte und des sozialen Vertrauens.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Gibt es eine Civic Culture in Sub-Sahara Afrika?
Hochschule
Universität Konstanz
Note
2,3
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V437128
ISBN (eBook)
9783668775732
ISBN (Buch)
9783668775749
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politische Soziologie, Sub-Sahara Afrika, Civic Culture, Demokratie in Afrika, Political Culture
Arbeit zitieren
Anonym, 2012, Gibt es eine Civic Culture in Sub-Sahara Afrika?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437128

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