Gastarbeiterinnen zwischen den 50er und 70er Jahren

Warum eine geschlechterspezifische Anwerbung notwendig war und wie sich diese auf die familiären Strukturen der Frauen auswirkte


Hausarbeit, 2015
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Klärung der Termini

3.Die Anfänge der „Gastarbeit“
3.1. Anwerbung und zögerlicher Beginn der Rekrutierung weiblicher Arbeitskräfte
3.2.Schwierigkeiten bei der Anwerbung ausländischer Arbeiterinnen
3.3.Erfahrungen der deutschen Firmen und Behörden während des Ausländerinneneinsatzes

4.Innerfamiliäre Strukturen während der Arbeitsmigration
4.1.Die Szenarien möglicher neuer Konstellationen
4.1.1.Immigration des Mannes
4.1.2.Immigration der Frau
4.1.3.Immigration beider Partner

5.Fazit

6.Abkürzungsverzeichnis

7.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit einem umfassend erforschten Thema: der Gastarbeit in der Bundesrepublik Deutschland zwischen den späten 1950er und frühen 1970er Jahren.

Das Thema war Bestandteil des Seminars „historische Migrationsforschung“, im Rahmen dessen diese Hausarbeit verfasst wird. Im Seminar wurde nur am Rande über verschiedene Gruppen von angeworbenen Menschen gesprochen. So begründet sich das Interesse an einem weniger berücksichtigtem Thema der Gastarbeit: Der Arbeitsmigration von Frauen.

Der Fokus dieser Arbeit liegt darin, sich mit den „Gastarbeiterinnen“, also Frauen, die nicht im Rahmen des Familiennachzuges, sondern als Arbeitsmigrantinnen nach Deutschland immigriert sind, zu beschäftigen. Es wird, wie in der Ttitelfrage aufgeworfen, dargestellt, in welcher Weise die Anwerbung verlief und warum es nötig war, verschiedene Anwerbestrategien zu nutzen.

Der weitere Verlauf der Arbeit konzentriert sich auf die daraus entstehenden Folgen für die Familienstrukturen und das Familienleben von „Gastarbeiterinnen". Erst durch die extreme Ausweitung der „Gastarbeit“ erhöhte sich das Phänomen lokal getrennter Familien und wurde im Nachhinein wissenschaftlich erforscht.

Ziel dieser Arbeit soll sein, zwei zentrale Bereiche miteinander in Bezug zu setzen, die unmittelbar in keiner direkten Verbindung stehen: die geschlechterspezifische Anwerbung und die Veränderung der innerfamiliären Strukturen. Die erfolgreiche Anwerbung war die Voraussetzung für die enorme Abwanderung und der daraus resultierenden Neukonzeption von Familien. Arbeit und Familie als zwei der zentralsten Lebensbereiche stellen die Situation der „Gastarbeiterinnen“ umfassend dar.

Die Literatur setzt sich sowohl aus Standardwerken zur Gastarbeit, als auch im Speziellen aus Publikationen zu weiblicher Beschäftigung zusammen. Als Beispiel wären hier die Werke von Monika Mattes und der Sammelband

„Fremde Frauen“, herausgegeben von Monika Schulz zu nennen.

2. Klärung der Termini

Von "Gastarbeit" oder „Gastarbeiterinnen“ zu sprechen, ist in der Terminologie umstritten und wird unterschiedlich gehandhabt. In einigen Publikationen wird der Terminus in Anführungszeichen gesetzt1. In dieser Hausarbeit wird es ebenso gehalten, zusätzlich wird der Terminus Arbeitsmigrant/in genutzt. Als Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten werden in dieser Arbeit die Menschen aufgefasst, die im Zuge der Anwerbung in die Bundesrepublik Deutschland (die Gastarbeit in Österreich o.ä. wird in dieser Arbeit nicht thematisiert) kamen und dort arbeiteten, bzw. den Plan hatten, dort arbeiten zu wollen.

Auch wenn von "Deutschland" die Rede ist, ist generell immer von der „Bundesrepublik Deutschland (BRD) die Rede, die Entwicklungen in der damaligen DDR sind von dieser Arbeit ausgenommen.

3. Die Anfänge der „Gastarbeit“

In den Nachkriegsjahren und dem Aufschwung der Wirtschaft stellte sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt zehn Jahre nach Kriegsende so dar, dass die Arbeitslosenquote in der BRD nur noch 0,8%2 betrug. Die Ämter (vor allem das BAVAV3 und die LAÄ) mussten neue Wege zur Lösung finden, um die freien Stellen in Industrie, im Pflege- und Dienstleistungssektor besetzen zu können.

3.1. Anwerbung und zögerlicher Beginn der Rekrutierung weiblicher Arbeitskräfte

Die erste Option war, nichterwerbstätige deutsche Hausfrauen und Mütter, die als „stille Reserve“4 galten, vermehrt zu vermitteln. Deren Mobilisierung galt allerdings bis in die 1960er Jahre als „hochproblematisch“.5 Das hatte familienpolitische Gründe, hing aber auch mit den gefestigten Rollenbildern der Frau als Hausfrau und Mutter zusammen. Diese Frauen wurden in den 1950er Jahren trotzdem, zögerlich zwar, aber vermittelt.

Die zweite Option zur Mobilisierung von Arbeitskräften war die Anwerbung ausländischer Arbeiter/innen. Sie waren einerseits günstige Arbeitskräfte, andererseits ließ sich „das überkommene gesellschaftliche Ideal einer Beschränkung der Rolle von (verheirateten) [deutschen] Frauen auf Haushalt und Mutterschaft nahezu ausnahmslos weiter umsetzen“.6

Ziel der Anwerbung war, die wirtschaftliche Leistung maßgeblich zu verbessern, ohne den deutschen Arbeitsmarkt zu gefährden.7 Die Entwicklung war wünschenswert und beide Optionen liefen in den folgenden Jahren stetig nebeneinander her.

Arbeitskräfte aus dem Ausland wurden seit dem Anwerbeabkommen mit Italien von 1955 strategisch und umfangreich rekrutiert. Es gab in den 60er Jahren Anwerbeabkommen mit verschiedenen Staaten, um eine „gelenkte“ Anwerbung durchführen zu können. Das waren nach Italien zuerst 1960 Griechenland und Spanien, 1961 die Türkei, 1964 Portugal und 1968 das ehemalige Jugoslawien.8

Ausländische Frauen waren 1955 „für eine Anwerbung vorerst nicht vorgesehen“.9 Das Abkommen mit Italien ist zwar geschlechtsneutral formuliert, jedoch unterstrich Italien im Erlass Vorbehalte gegen die Anwerbung weiblicher Arbeitskräfte.10 Frauen sollten wenn dann nur in der Begleitung männlicher Familienangehöriger in die Bundesrepublik kommen.11

Trotz dessen stiegen ab den späten 1950er Jahren die Zahlen der ausländischen Arbeiterinnen schnell an.12 Das lag einerseits an der Knappheit insbesondere an weiblichen Arbeitskräften. Besonders in niedrig entlohnten Teilbereichen, wie der Textilindustrie, im Hotel- und Gaststättengewerbe und in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie forderten die Betriebe weibliche Arbeitskräfte13 - letztendlich der Grund, warum es überhaupt zu speziell weiblicher Anwerbung aus dem Ausland kam.

Andererseits wollten auch viele ausländische junge Frauen in der BRD arbeiten oder waren darauf angewiesen, da die wirtschaftliche Lage in den 1950er Jahren, gerade in Südosteuropa, nicht die Beste war.

Bis Ende 1970 waren offiziell etwa zwei Millionen ausländische Beschäftigte registriert. Etwa ein Drittel von Ihnen waren Frauen, also ein nicht unbeträchtlicher Teil.14 Im Gegensatz zu deutschen Frauen, von denen nicht einmal ein Drittel erwerbstätig war, arbeiteten mehr als die Hälfte der sich in Deutschland aufhaltenden ausländischen Frauen.15

3.2. Schwierigkeiten bei der Anwerbung ausländischer Arbeiterinnen

Gerade zu Beginn der Anwerbung speziell weiblicher Arbeitskräfte gab es Schwierigkeiten, die gewünschte Anzahl zu rekrutieren: Die Anwerbung von Frauen erforderte vermehrten Zeit- und Verhandlungsaufwand, da in den Herkunftsländern die Verhandlungsauflagen teilweise sehr strikt waren.16

Geschlecht wurde somit ein zentraler Moment der gesamten Anwerbepolitik, da sich sowohl die Praxis der Anwerbung als auch die ganze Struktur der weiblichen Arbeitsmigration von der der Männer unterschieden.17

So waren beispielsweise Italienerinnen unter 21 Jahren grundsätzlich von der Anwerbung ausgeschlossen und Spanierinnen bis 25 Jahre benötigten die Erlaubnis ihrer Familie.18

Als Hauptschwierigkeiten werden folgende Faktoren angesehen: Da wäre zunächst die enge Bindung der Frau an ihre Familie, sowohl bei verheirateten Frauen speziell an ihre Kleinfamilie, als auch bei ledigen Frauen an ihre Gesamtfamilie. Außerdem herrschte die „Angst“ der schwerwiegenden Folgen für ihren Lebensweg und über „verpasste Heiratschancen“19 der Frauen vor. Diese Ängste gingen nicht nur von der Frau, sondern auch von ihrer Familie aus. Viele junge Frauen waren ihrem Heimatland eng mit ihrer Familie vernetzt und stark eingebunden. Zusätzlich wurde oft jung geheiratet. Diese beiden Faktoren waren oft ein Grund, auch für Familie und speziell für Väter, eine Arbeitsmigration abzulehnen.

Eine weitere Schwierigkeit bildeten die Interessen der Herkunftsländer, junge Frauen im eigenen Land weiterhin im Niedriglohnsektor zu halten.20

So unterschied sich die gezielte Anwerbung der Frauen deutlich von der „Massenanwerbung“ der Männer. Es wurde mehr Aufwand bei weniger Erfolg betrieben. Bis zur Rezession 1966/67 konnte die große Nachfrage nie vollständig gedeckt werden.21

Trotz all diesen Faktoren lässt sich sagen, dass es dank der Organisation und der Hartnäckigkeit der deutschen Behörden gelang, Frauen in beträchtlicher Zahl anzuwerben.22 Dass die Anwerbung zum Erfolg kam, hing einerseits von der Kooperationsarbeit (auch der deutschen Institutionen vor Ort), andererseits auch von den Wanderungsstrategien der Frauen ab.23

[...]


1 z.B. im Sammelband: Das „Gastarbeiter“-System, herausgegeben von Jochen Oltmer, Axel Kreienbrink und Carlos Sanz Díaz

2 Jahreszahlen Arbeitsstatistik 1968, Beilage zu Nr. 8 der ANBA vom 20.8.1969, S. 6f., nach: Mattes, Monika: „Gastarbeiterinnen“ in der Bundesrepublik. Anwerbepolitik, Migration und Geschlecht in den 50er bis 70er Jahren, Berlin 2005, S. 38

3 Alle verwendeten Abkürzungen sind unter Kapitel 6 im Abkürzungsverzeichnis zu finden.

4 vgl. Schulz, Marion: Arbeitsmigrantinnen in der BRD. Eine Bibliographie, in: Marion Schulz (Hrsg.), Fremde Frauen. Von der Gastarbeiterin zur Bürgerin, Frankfurt/Main 1992, S. 124

5 vgl. ebd.

6 vgl. Caestecker, Frank/ Vanhaute, Eric: Zuwanderung von Arbeitskräften in die Industriestaaten Westeuropas. Eine vergleichende Analyse der Muster von Arbeitsmarktintegration und Rückkehr 1945-1960, in: Jochen Oltmer/ Axel Kreienbrink/ Carlos Sanz Díaz (Hrsg.), Das „Gastarbeiter“-System. Arbeitsmigration und ihre Folgen in der Bundesrepublik Deutschland und Westeuropa, Oldenbourg Verlag München 2012, S. 41

7 vgl. ebd.

8 vgl. Mattes, S. 127

9 Mattes, S. 32 nach, Schnellbrief der BAVAV an LAÄ vom 2.12.1955, HstA Nds., Nds. 1310 Acc. 136/82, Nr. 722, o.P.

10 vgl. Mattes, ebd.

11 vgl. Mattes, ebd.

12 vgl. Oltmer, Jochen: Einführung: Migrationsverhältnisse und Migrationsregime nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Jochen Oltmer/ Axel Kreienbrink/ Carlos Sanz Díaz (Hrsg.), Das „Gastarbeiter“-System. Arbeitsmigration und ihre Folgen in der Bundesrepublik Deutschland und Westeuropa, Oldenbourg Verlag München 2012,S. 15

13 vgl. ebd.

14 vgl. Mattes, Monika, Migration und Geschlecht in der Bundesrepublik Deutschland. Ein historischer Rückblick auf die „Gastarbeiterinnen“ in der Bundesrepublik Deutschland, in: Zeitgeschichte-online, Januar 2010, URL: http://www.zeitgeschichte- online.de/zhema/migration-und-geschlecht-der-bundesrepublik-deutschland.

15 vgl. ebd.

16 vgl. Mattes, S. 82

17 vgl. Mattes, S. 312

18 vgl. Mattes, S. 83

19 Mattes, S. 83, nach Weicken, Helmuth: Anwerbung und Vermittlung italienischer, spanischer und griechischer Arbeitskräfte im Rahmen bilateraler Anwerbevereinbarungen, in: Hessisches Institut für Betriebswirtschaft, Arbeitskräfte, S. 37

20 vgl. Mattes, Zeitgeschichte-online

21 vgl. Mattes, ebd.

22 vgl. Mattes, S. 84, nach Ahl,Gerhard: Möglichkeiten und Grenzen der Anwerbung weiblicher Arbeitskräfte in Griechenland, in: ABA, 1962, Nr. 7, S. 152

23 vgl. Mattes, ebd.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Gastarbeiterinnen zwischen den 50er und 70er Jahren
Untertitel
Warum eine geschlechterspezifische Anwerbung notwendig war und wie sich diese auf die familiären Strukturen der Frauen auswirkte
Hochschule
Universität Osnabrück  (Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien)
Veranstaltung
Historische Migrationsforschung
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V437163
ISBN (eBook)
9783668772588
ISBN (Buch)
9783668772595
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gastarbeit, Gastarbeiterinnen, Frauen, Nachkriegszeit, Wirtschaftwunder, Arbeitsmigration, Migration, Deutschland als Einwanderungsland, Zuwanderung, 50er Jahre, Familiennachzug
Arbeit zitieren
Marlene Schulze (Autor), 2015, Gastarbeiterinnen zwischen den 50er und 70er Jahren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437163

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