Kinder psychisch beeinträchtigter Eltern


Bachelorarbeit, 2017

59 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Forschungsstand

3 Ausgewählte psychische Erkrankungen
3.1 Einführung und Problematik der Diagnostik
3.2 Psychotische Störungen
3.3 Affektive Störungen
3.4 Persönlichkeitsstörungen: Borderline und dissoziale Persönlichkeitsstörung
3.5 Angst- und Zwangsstörungen
3.6 Münchhausen-Stellvertretersyndrom
3.7 Psychische Erkrankungen als Familienerkrankungen bzw. intergenerationale Erkrankungen

4 Probleme der Begrifflichkeiten
4.1 Psychische Störung und psychische Erkrankung
4.2 Psychische Beeinträchtigung

5 Die subjektiven Belastungen der Kinder psychisch beeinträchtigter Eltern
5.1 Typische Reaktionen und Verhaltensweisen der Kinder
5.2 Risikofaktoren
5.3 Erkenntnisse aus der Resilienzforschung

6 Erkenntnisse aus der Bindungsforschung: Die Bedeutung der Beziehung zwischen Bezugsperson und Kind

7 Psychische Erkrankungen der Eltern in Zusammenhang mit Kindesmisshandlung
7.1 Körperliche und psychische Misshandlung
7.2 Auswirkungen von Misshandlung auf die psychische Entwicklung von Kindern

8 Intervention: Therapieansätze und Prävention

9 Die Tabuisierung psychischer Erkrankungen durch die Gesellschaft

10 Ausblick in die Forschung

11 Schlussbetrachtung

Literatur

1 Einleitung

Psychische Erkrankungen nehmen weltweilt immer stärker zu. Dieser Trend, den man seit Jahrzehnten beobachten kann, geht jedoch immer noch mit einer starken Tabuisierung von psychischen Erkrankungen durch die Gesellschaft einher.

Heute weiß man, dass psychische Leiden in der Gesamtbevölkerung häufig vorkommen. In Deutschland gehören sie zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt. Schätzungsweise 31 Prozent der Erwachsenen leiden in Deutschland innerhalb eines Jahres unter psychischen Problemen, darunter sind v.a. Ängste, Depressionen, psychosomatische Leiden, Substanz- und Alkoholmissbrauch, Persönlichkeitsstörungen und psychotische Erkrankungen. Frauen sind mit einer Häufigkeitsrate von 37 Prozent häufiger betroffen als Männer mit 25 Prozent. Internationale Studien zeichnen ein sehr ähnliches Bild über die Prävalenz. Entsprechend kann davon ausgegangen werden, dass ein Viertel bis ein Drittel der Erwachsenen die diagnostischen Kriterien einer „psychischen Störung“ erfüllt. 39 Prozent der betroffenen Menschen, die eine psychische Erkrankung haben, weisen mehr als eine psychische Erkrankung auf (vgl. Jacobi 2009, Lenz/Wiegand-Grefe 2017).

Das Thema Kinder psychisch kranker Eltern war lange Zeit ein kaum wahrgenommenes Phänomen. Der Fokus der klinischen Behandlung richtete sich vorwiegend auf betroffene Eltern bzw. Elternteile, obwohl die Kinder psychisch beeinträchtiger Eltern großen Belastungen ausgesetzt waren und oftmals negative Reaktionen und Verhaltensweisen zeigten. Erste negative Verhaltensweisen bei betroffenen Kindern beschrieb bereits der französische Psychiater Pierre Janet in den 1920er Jahren (vgl. Janet 1925), indem er bei den Kindern eine erhöhte psychische Anspannung beobachtete.

Es dauerte viele Jahrzehnte bis schließlich in den 1990er Jahren das Thema umfassender behandelt wurde und nunmehr (in Deutschland) zahlreiche Therapie- und Präventionsangebote vorhanden sind. Heute (2017) ist das Thema innerhalb der Psychiatrie und Klinischen Psychologie bekannt und relativ gut erforscht. Jedoch scheint es noch etwas randständig zu sein und wird mit einer bescheidenen Priorität wahrgenommen. Der Fokus liegt vor allem in der Diagnostik, Therapie und Prävention von Menschen, die die Kriterien einer „psychischen Störung“ selbst erfüllen.

Dies ist der Fall obwohl man heute weiß, dass psychisch kranke Menschen in etwa genauso häufig Kinder haben, wie der gesellschaftliche Durchschnitt, und Kinder mit psychischen kranken Eltern zu einer Hochrisikogruppe gehören, selbst psychische Beeinträchtigungen zu entwickeln.

Gegenstand dieser Arbeit ist das Phänomen Kinder mit psychisch beeinträchtigen Eltern. Das Thema besitzt wissenschaftlich und gesellschaftlich eine hohe Relevanz. Da psychische Beeinträchtigungen verbreitet sind und zunehmen, und viele Kinder entsprechend betroffene Elternteile haben, ist ein richtiger Umgang mit den Kindern und den betroffenen Erwachsenen sehr sinnvoll und wichtig. Therapie- und Beratungsangebote sowie Prävention können eine große Hilfestellung sein und die Zahl psychischer Erkrankungen deutlichen reduzieren. Dass Kinder psychisch kranker Eltern, die zu einer Hochrisikogruppe gehören, selbst möglichst keine psychischen Beeinträchtigungen entwickeln, sind entsprechend Angebote unumgänglich. Dies kommt auch dem Allgemeinwohl einer Gesellschaft zu Gute und vermeidet hohe Kosten für das Gesundheitssystem. Die Wissenschaft hat die Aufgabe dieses Phänomen und die Zusammenhänge genau zu erforschen, damit Interventionen wirkungsvoll sind. Forschung und Praxis müssen hier eng zusammenarbeiten und möglichste viele Erkenntnisse bzw. Konzepte liefern. Für die Erziehungswissenschaft und für pädagogische Berufe ist das Thema ebenfalls hoch relevant, da der pädagogische Umgang mit betroffenen Kindern und Erwachsenen – schon allein aufgrund der Häufigkeit – nahezu zwangsläufig notwendig wird und positiv wirken soll.

In Kapitel 2 wird der (internationale) Forschungsstand zusammengefasst: Die wichtigste Literatur wird genannt und die Erkenntnisse aus dieser aufgezeigt. Kapitel 3 behandelt ausgewählte psychische Erkrankungen, die für das Thema dieser Arbeit besonders relevant sind. Es werden die Kernsymptome der jeweiligen psychischen Erkrankung vorgestellt und bereits ein erster Zusammenhang hergestellt, warum diese Symptomatik für Kinder besonders beeinträchtigend sein kann. Zudem wird eine mögliche intergenerationale Weitergabe von Familienerkrankungen behandelt.

In Kapitel 4 werden Begriffe erläutert bzw. deren Problematik aufgezeigt. Kapitel 5 beschreibt schließlich die subjektiven Belastungen, und die typischen Reaktionen und Verhaltensweisen der Kinder, die psychisch beeinträchtige Eltern durch ihre Symptome auslösen. Risikofaktoren und Erkenntnisse aus der Resilienzforschung werden berücksichtigt. Das Thema der Resilienz wird in dieser Arbeit als besonders wichtig erachtet und ausführlicher behandelt, da es für die Forschung und Praxis mit vielen Erkenntnissen verbunden ist.

Kapitel 6 behandelt die Bindungstheorie in Zusammenhang mit der Fragestellung dieser Arbeit. Auch die Bindungstheorie stellt eine hilfreiche Theorie dar, aus der sich wichtige Erkenntnisse für das Thema gewinnen lassen. Die Bedeutung der Bindung zwischen Kind und Bezugsperson, besonders in den ersten Lebensmonaten und -jahren, soll für die psychische Entwicklung von Kindern verdeutlicht werden.

Das Kapitel 7 geht der Frage nach, inwiefern ein Zusammenhang zwischen Kindesmisshandlung und elterlichen psychischen Erkrankungen besteht. Kapitel 8 stellt ausgewählte therapeutische und präventive Maßnahmen vor, die betroffene Kinder, Eltern und ganze Familien in Anspruch nehmen können.

Kapitel 9 geht auf die Tabuisierung psychischer Erkrankungen und die häufige Stigmatisierung der Betroffenen durch die Gesellschaft ein. In Kapitel 10 erfolgt ein kurzer Ausblick in die Forschung und Kapitel 11 fasst schließlich die wesentlichen Erkenntnisse der Arbeit zusammen.

2 Forschungsstand

Das Thema Kinder psychisch kranker Eltern war - wie bereits erwähnt - lange Zeit ein wenig beachtetes Phänomen. In den Fokus der Psychiatrie und Klinischen Psychologie gerieten vor allem die psychisch erkrankten Eltern, obwohl die Kinder in der Regel besonderen Belastungen und Beeinträchtigungen ausgesetzt waren. Das Risiko dieser Kinder selbst eine psychische Störung zu entwickeln, ist stark erhöht. Gehandelt wurde meist nur, wenn die Kinder selbst ein psychisch auffälliges Verhalten zeigten – präventive Arbeit war in der Vergangenheit keine Option zum Handeln.

Heute (2017) ist die Situation grundlegend anders, sodass es zahlreiche Studien über die Thematik gibt und die Kinder psychisch erkrankter Eltern als „Hochrisikogruppe“ gelten. Diese Erkenntnisse führten auch zu einer Reihe von Präventionsansätzen, die speziell für Kinder mit psychisch erkrankten Eltern konzipiert wurden.

Bereits in den 1920er Jahren machte der einflussreiche französische Psychiater Pierre Janet (1859-1947) die klinische Beobachtung, dass Kinder psychisch erkrankter Eltern ein höheres Risiko aufweisen, selbst eine psychische Störung zu entwickeln. Janet stellte die These auf, dass die Weitergabe bzw. Übertragung der psychischen Erkrankung innerhalb der Familie durch ein negatives Familienklima ausgelöst werde, welches mit einer erhöhten psychischen Anspannung einhergehe (vgl. Janet 1925, Wiegand-Grefe 2013: 701).

Im Jahre 1932 hielten Preston und Antin auf einem Kongress der American Orthopsychiatric Association einen Vortrag über das Thema „Kinder psychisch gestörter Eltern“. Grundlage ihrer Arbeit war eine empirische Erhebung mit 49 Kindern von Eltern mit psychotischen Erkrankungen, die stationär im Maryland State Hospital behandelt wurden (vgl. Preston/Antin 1933). Ergebnis dieser frühen Arbeit, die derzeit als die älteste über diese Thematik gilt, war, dass keine besonderen Beeinträchtigungen der Kinder festgestellt wurden. Aus diesem Grund erfolgten aus dieser Arbeit – so Mattejat et al. (2011) – keine nennenswerten Impulse, da man offenbar für die betroffenen Kinder keinen Handlungsbedarf sah (vgl. Mattejat et al. 2011: 14, FN 2). In anderen Studien wurde auf diese Ergebnisse verwiesen, wie z.B. bei Elsässer (1952), Fabian/Donohue (1956), Corboz (1959), Cowie (1961), Grunebaum/Weiss (1963) und Biermann (1966).

Der britische Psychiater Michael Rutter (Jahrgang 1933), der den ersten Lehrstuhl als Professor für „Kinder-Psychiatrie“ (child psychiatry) in Großbritannien bekleidete, promovierte über das Thema Kinder kranker Eltern. Empirische Grundlage seiner Arbeit waren alle Kinder, die in den Jahren 1955 und 1959 (461 Kinder insgesamt) im Maudsley Hospital Children’s Department in Behandlung waren. Rutter teilte die Kinder in Gruppen ein, ob eine psychische oder körperliche Erkrankung bei den Eltern vorlag. Die Kinder samt Eltern wurden schließlich mit Kontrollgruppen verglichen. Die wesentlichen Ergebnisse seiner Untersuchung – er stellte fest, dass die Kinder psychisch erkrankter Eltern ein deutlich erhöhtes Risiko haben selbst zu erkranken - veröffentlichte er in der Monographie Children of sick parents (vgl. Rutter 1966). Durch Michael Rutter beeinflusst haben Helmut Remschmidt und Peter Strunk 1971 ein Forschungsprojekt angeregt und umgesetzt. In diesem wurden Kinder untersucht, die schizophrene und depressive Eltern in stationärer Behandlung der Marburger Psychiatrischen Universitätsklinik hatten. 1973 wurden die Ergebnisse aus diesem Projekt veröffentlicht (vgl. Remschmidt et al. 1973) und es gingen insgesamt drei Doktorarbeiten in Humanmedizin (Psychiatrie) hervor (vgl. Methner 1974, Tegeler 1975, Schuchhardt 1979). 1978 hatte Remschmidt ein Symposium der kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik an der Freien Universität Berlin organisiert, in der wichtige Beiträge zu der Thematik geleistet wurden (vgl. Remschmidt 1980a, Remschmidt 1980b, Anthony 1980, Mednick/Schulsinger 1980). Aus der Zusammentragung sämtlicher Erkenntnisse entstand 1994 die erste deutschsprachige Monographie über das Thema Kinder psychisch kranker Eltern und die Thematik wurde damit auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht (vgl. Remschmidt/Mattejat 1994a). Bei diesem Werk handelt es sich um Kinder psychotischer Eltern, welches einige Fallbeispiele enthält sowie eine „Anleitung zur Beratung von Eltern mit einer psychotischen Erkrankung“.

1976 wurde an der Züricher psychiatrischen Universitätsklinik erhoben, wie viele der aufgenommenen Patienten Kinder haben und ob diese (nach Ansicht der behandelten Ärzte) durch die Erkrankung der Eltern Belastungen aufweisen würden (vgl. Ernst 1978). In den 1980er und 1990er Jahren erfolgten weitere Erhebungen der Kinder der Patienten (vgl. Hegi/Schmid 1994, Roy/Harbauer 1994).

Aus Sicht der Kinder-Psychiatrie haben Rutter und Quinton (publiziert 1984) rund 300 Kinder mit psychisch erkrankten Eltern untersucht. Dabei stellten sie fest, dass ungefähr ein Drittel der Kinder unauffälliges Verhalten zeigte, bei einem weiteren Drittel zeitweise psychische Erkrankungen auftraten und beim letzten Drittel haben sich dauerhaft psychische Störungen entwickelt. Ein großes Risiko, dass Kinder psychisch beeinträchtigten kann, sind die psychosozialen Belastungen die mit der Erkrankung der Eltern bzw. eines Elternteiles einhergehen (vgl. Rutter/Quinton 1984, Wiegand-Grefe 2013: 701).

Aus Zürich kam ebenfalls ein wichtiger Anstoß für die Weiterentwicklung praktischer Hilfen und die Prävention. Auch wurden präventive Initiativen, die in den 1980er Jahren in den Niederlanden entstanden, auf Deutschland übertragen und eine Reihe von Informationshefte ins Deutsche übersetzt und an schweizer und deutsche Verhältnisse angepasst. In Deutschland werden diese Hefte (mit Hilfe von F. Mattejat) vom Dachverband Psychosozialer Hilfsvereinigungen e. V. herausgegeben (vgl. Mattejat 2011: 15).

Mattejat et al. (2011) verweisen darauf, dass die Zahl der Publikationen über das Thema Kinder psychisch kranker Eltern in den letzten Jahrzehnten sehr stark angewachsen ist. Während es gegen Ende der 1960er Jahre etwa 30 Publikationen zu dem Thema gab, waren es Ende der 1970er Jahre bereits 64, Ende der 1980er Jahre 192, gegen Ende der 1990er Jahre 258 und 2009 schließlich 325 (vgl. Mattejat et a. 2011: 16).

Trotz des Booms an wissenschaftlichen Veröffentlichungen in den späten 1980er Jahren war das Thema nach wie vor ein Phänomen, das wenig aufmerksam geschenkt wurde und am Rande blieb. Es gab nur sporadisch den Versuch, aus den gewonnen Erkenntnissen präventive Maßnahmen abzuleiten. Dieser Mangel an präventiver Offenheit und Möglichkeiten wurde von Remschmidt und Mattejat (1994b) angeprangert. In den 1990er Jahren wurden dann neue Präventionsprojekte in Deutschland gestartet, darunter vor allem Auryn in Freiburg und KIPKEL in Hilden. Dazu wurde die Fachöffentlichkeit stärker für das Thema sensibilisiert, was auch durch mehrere Fachtagungen und Symposien (etwa die Tagung vom Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e. V.) begründet war und Publikationen nach sich zog (vgl. Mattejat/Lisofsky 1998 & 2014).

Seit den 2000er Jahren gibt es eine Vielzahl von Publikationen, sodass heute mehrere Monographien und Sammelwerke zur Verfügung stehen (z.B. Wiegand-Grefe et al. 2011, Lenz/Wiegand 2017). Zudem sind eine Reihe von Präventionsansätze entstanden, die eine wichtige Orientierung bieten (vgl. Göpfert et al. 2004, Beardslee 2002).

Weitere wichtige Publikationen für den deutschen Sprachraum waren die Arbeiten von Reinhold Schone und Sabine Wagenblass sowie von Albert Lenz (vgl. Schone/Wagenblass 2002, Lenz 2005, Lenz 2008), die für die Intervention und Prävention und weiteren Sensibilisierung des Themas von Bedeutung waren. Einige Sammelbänder berücksichtigen auch die Erfahrungen aus verschiedenen Projekten mit Kindern und Familien (vgl. Lenz/Jungbauer 2008, Mattejat/Lisofsky 2008).

Röhrle et al. (2009) haben das von Beardslee (2009) konzipierte Behandlungsmanual für die präventive Arbeit mit Familien mit depressiven Eltern ins Deutsche übersetzt und auf deutsche Verhältnisse angepasst (vgl. Wiegand-Grefe 2010).

Das Gelingen von Prävention ist nach Mattejat et al. (2011) davon abhängig, dass Kinder bei der Behandlung des erkrankten Elternteils wahrgenommen werden und die Institutionen des Gesundheitswesens und der Kinder- und Jugendhilfe zusammenarbeiten. Die Vernetzung der Hilfssysteme ist hier von entscheidender Bedeutung (vgl. Mattejat 2011: 20).

Seit den 2000er Jahren sind fast 100 Initiativen entstanden, die mit Familien zusammenarbeiten, in denen ein Elternteil psychisch erkrankt ist. Hierbei steht das Kindeswohl im Mittelpunkt und eine möglichst psychisch normale Entwicklung der Kinder soll erreicht werden. Auf der Homepage des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker werden beispielsweise auch Informationshefte für Eltern, Jugendliche und Kinder zur Verfügung gestellt. Da die zahlreichen Initiativen gut miteinander vernetzt sind, können Kinder psychisch erkrankter Eltern und deren Familien in verschiedenen Regionen Deutschlands schnell einen Ansprechpartner finden und Beratungs- bzw. Präventionsprogramme annehmen. Durch das Internet ist es praktisch möglich, jederzeit entsprechende Informationen und Angebote zu erhalten.

Die Präventionsforschung im Bereich psychischer Störungen (z.B. depressive Störungen) hat in den letzten Jahren deutliche Fortschritte gemacht und konnte belegen, dass Präventionsprogramme eine sehr positive Wirkung haben (vgl. z.B. Horowitz/Garber 2006, Gladstone/Beardslee 2009).

In den letzten Jahren wurden auch immer mehr Ratgeber in kompakter Form für Betroffene, Angehörige und Fachleute - wie etwa ärztliche und psychologische Psychotherapeuten, Lehrende, Erzieher, Krankenpflegepersonal etc. - auf den Markt gebracht (vgl. z.B. Lenz/Wiegand-Grefe 2016, Lenz/Brockmann 2013, Mattejat/Lisofsky 2014) etc.

Dazu gibt es auch Bücher für betroffene Kinder, die beispielsweise in Form von Geschichten psychische Störungen allgemein (vgl. Homeier 2006) und bestimmte psychische Erkrankungen bei ihren Eltern verstehbar machen wollen, z.B. Psychosen (vgl. Trostmann/Jahn 2010, Stratenwerth/Bock 2013), depressive Störungen (vgl. Mosch 2011) und Borderline-Persönlichkeitsstörung (vgl. Tilly/Offermann 2012).

Es ist von besonderer Bedeutung, dass Kinder eine kindgerechte Aufklärung über die psychische Erkrankung eines Elternteiles erhalten. Dies ist keine leichte Aufgabe, da in unserer Gesellschaft psychische Beeinträchtigungen immer noch stark tabuisiert werden und man komplexe Krankheitsbilder Kindern verständlich erklären muss. Eine psychische Erkrankung eines Elternteiles hat weitgehenden Einfluss auf den Alltag und des inneren Erlebens des Kindes. Bekommt das Kind keine nachvollziehbaren Erklärungen für das bizarre oder ungewöhnliche Verhalten der Mutter oder des Vaters, dann schaffen sich Kinder eigene Erklärungsmuster. Diese Fantasien (z.B. das „böse Verhalten“ des Elternteils ist Folge der Unartigkeit des Kindes), sind oft weitaus schlimmer, als die eigentliche Symptomatik. Betroffene Kinder dürfen mit ihren Ängsten nicht alleine gelassen werden, dies ist umso wichtiger, je kleiner die Kinder sind. Entsprechend müssen die Krankheitsbilder auch altersgerecht vermittelt werden (vgl. Wunderer 2014: 123f.).

Mattejat, Lenz und Wiegand-Grefe (2011) ziehen aus dem Forschungsstand verschiedene Erkenntnisse und fassen diese in zehn Kernaussagen zusammen. Demnach sind folgende Punkte für die Behandlung des Themas Kinder psychisch kranker Eltern – und damit auch für die Intervention, Prävention sowie den pädagogischen Umgang mit betroffenen Kindern und Eltern - von entscheidender Bedeutung:

(1) Psychische Störungen gehören weltweit und in Deutschland zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt. Schätzungswiese benötigen viereinhalb Millionen Erwachsene pro Jahr in Deutschland fachliche Hilfe aufgrund psychischer Probleme bzw. Erkrankungen (vgl. Berger 2004, Mattejat et al. 2011: 16).

(2) Eine große Anzahl von Menschen, die eine psychiatrische bzw. psychotherapeutische Behandlung benötigen, nehmen diese nicht wahr. Die Ursache für diese mangelnde Inanspruchnahme liegt darin begründet, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Bundesrepublik Deutschland immer noch stigmatisiert und diskriminiert oder zumindest abwertend betrachtet werden. Entsprechend schämen sich die Betroffenen und wollen dieser Situation entgehen. Aufgrund der Stigmatisierung durch die Gesellschaft werden psychische Erkrankungen tabuisiert und die Betroffenen haben sehr oft das Gefühl ihre Erkrankung verheimlichen zu müssen.

(3) Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen bzw. Erkrankungen haben durchschnittlich genauso häufig Kinder, wie psychisch „Gesunde“ bzw. Nicht-Beeinträchtigte. Bis zu 20 Prozent der stationär behandelten Patientinnen und Patienten in psychiatrischen Abteilungen haben minderjährige Kinder, für die sie zuständig sind. In Deutschland erleben im Verlauf eines Jahres ca. drei Millionen Kinder eine psychische Störung eines Elternteiles. 175.000 Kinder erleben mit, dass ein Elternteil psychiatrisch stationär behandelt werden muss.

(4) Obwohl Kinder mit psychisch erkrankten Eltern kein seltenes Phänomen ist, glauben viele Kinder, dass sie alleine mit ihrer Situation sind und in einer speziellen Situation verharren müssen. Hier kann bereits Aufklärung helfen, dass es viele Kinder in vergleichbaren Familiensituationen gibt und Hilfen vorhanden sind, die dazu beitragen, die schwierige Situation zu meistern.

(5) Je nach Art der psychischen Erkrankung der Eltern laufen Kinder Gefahr selbst eine (oder mehrere) psychische Störung(en) zu entwickeln. Je nach psychischer Erkrankung der Eltern, ist das Risiko betroffener Kinder um das 2- bis 10-Fache erhöht. Insofern gehören diese Kinder zu einer besondere Risikogruppe, die man entsprechend berücksichtigten sollte (z.B. durch Präventionsangebote, Hilfen etc.).

(6) Die Gene spielen bei der Entwicklung psychischer Erkrankungen eine wichtige Rolle. Oft wird nicht die psychische Beeinträchtigung selbst vererbt, sondern vor allem die Anfälligkeit für diese.

(7) Entsprechend haben Umweltbedingungen einen großen Einfluss, ob eine entsprechende Anlage zu einer Erkrankung führt oder nicht. Hierbei ist wichtig, dass negative Umweltbedingungen eingedämmt und positive möglichst gefördert werden.

(8) Aus den Erkenntnissen der Gesamtheit aller Studien kann geschlossen werden, dass die Wahrscheinlichkeit der Entstehung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen durch verschiedene Umweltfaktoren erhöht wird: wie z.B. Armut, Arbeitslosigkeit in der Familie, sexueller Missbrauch, Misshandlung, Disharmonie zwischen den Eltern, Trennung der Eltern, Verlust von wichtigen Bezugspersonen.

(9) Die bisherigen Erkenntnisse lassen den Schluss zu, dass verschiedene „Maßnahmen“ für Kinder psychisch erkrankter Eltern förderlich sind bzw. positiv wirken: Die Kinder sollen darüber aufgeklärt werden, dass ihre Eltern krank sind bzw. sich von der durchschnittlichen Bevölkerung unterscheiden. Wichtig ist außerdem, dass den Kindern vermittelt wird, dass sie keine Schuld am geistigen bzw. gesundheitlichen Zustand ihrer Eltern bzw. eines Elternteiles haben. Zudem haben sich eine sichere und stabile häusliche Umgebung (obwohl ein Elternteil erkrankt ist) bewährt. Außerdem wirkt es positiv, wenn das Kind das Gefühl hat, von dem betroffenen Elternteil (trotz Erkrankung) geliebt zu werden. Dazu ist eine gute Beziehung zu einem gesunden Erwachsenen sehr wichtig (z.B. zu dem gesunden Elternteil). Außerhalb der Familie wirken Freunde, verschiedene Interessen sowie Schulerfolg ebenfalls stabilisierend.

(10) Es ist gut belegt, dass Präventionsmaßnahmen Risikofaktoren deutlich reduzieren können und Schutzfaktoren zu einer Stabilisierung bzw. Stärkung führen. Prävention bzw. Intervention richtig umgesetzt, kann eine Benachteiligung von Kindern psychisch erkrankter Eltern weitgehend verhindern und Entwicklungschancen positiv beeinflussen. Eltern, Angehörige, Kinder sowie Fachleute sollten angemessen mit der Erkrankung umgehen und die Kinder eine tragfähige soziale Beziehung als Stütze erhalten (vgl. Mattejat et al. 2011: 16ff.)

3 Ausgewählte psychische Erkrankungen

3.1 Einführung und Problematik der Diagnostik

Das Diagnostische und Statistische Manual psychischer Störungen in der fünften Fassung (DSM-5), veröffentlicht von der American Psychiatric Association, welches das aktuelle US-amerikanische Klassifikationssystem psychischer Störungen darstellt, kennt insgesamt 374 Diagnosen „psychischer Störungen“ und listet für jede Diagnose genau Kriterien auf (vgl. Falkai/Wittchen 2015).[1]

In diesem Kapitel werden nur bestimmte psychische Erkrankungen bzw. Störungen vorgestellt und deren Kernsymptome umrissen. Die ausgewählten psychischen Störungen sind aus folgendem Formenkreis: Psychotische Störungen, affektive Störungen, Persönlichkeitsstörungen sowie Angst- und Zwangsstörungen. Sie sind sehr häufig und haben vor allem einen großen Einfluss auf das familiäre Leben bzw. die Entwicklung der Kinder, wenn sie bei den Eltern bzw. einem Elternteil vorkommen. Aus diesem Grunde werden diese in ihrer Kernsymptomatik beschrieben, was aber nicht heißen soll, dass andere psychische Erkrankungen (wie etwa „somatoforme Störungen“, „Störungen im Zusammenhang mit psychotropen Substanzen“) weniger negativ wirken.

Erhebungen des Robert-Koch-Institutes weisen Angst-, Alkohol- und depressive Störungen als häufigste psychiatrische Krankheitsbilder aus. Ebenfalls sind somatoforme Störungen (z.B. „Hypochondrie“) und Zwangsstörungen häufig und vor allem unterschätzte Krankheitsbilder. Weniger häufiger – als etwa von Medien suggeriert – ist die Gruppe der Schizophrenien und wahnhafte Störungen. Zu beachten ist dabei, dass eine Störung sehr häufig mit weiteren Krankheitsbildern (z.B. Alkoholismus oder „rezividierenden Depressionen“) verbunden ist (vgl. Baldus 2014: 3f.). Eine Interpretation der Auswertungen einer WHO-Studie aus dem Jahr 1996, kam zu dem Ergebnis, dass schätzungsweise ein Drittel aller Menschen zumindest einmal im Leben eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung erleidet (vgl. Baldus 2014: 5).

Bevor nun die genannten psychischen Störungen in ihren Kernsymptomen vorgestellt werden, scheint es sinnvoll, dass man vorerst erläutert, wie man nach aktuellem Forschungsstand psychische Störungen bzw. Erkrankungen definiert. Wittchen und Hoyer (2011) betonen, dass psychische Störungen keine „grundlagenwissenschaftlich eindeutig definierte[n], feststehende[n] Entitäten“ (Wittchen/Hoyer 2011a: 7f.) sind, sondern je nach aktuellem Stand der Forschung praktisch nützliche und sinnvolle Konstrukte. Entsprechend haben sich Forscher und Praktiker auf eine gewisse Definition für eine bestimmte Zeit geeinigt. Insofern kann sich die Definition einer psychischen Störung, oder auch große Teile eines Klassifikationssystems, mit der Zeit ändern. Dies geschieht regelmäßig, wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen und eine Änderung der Diagnose-Kriterien notwendig und sinnvoll erscheint. Entsprechende Revisionen bzw. Überarbeitungen finden typischerweise alle 10 Jahre statt (vgl. Wittchen/Hoyer 2011a: 7f.).

Die Psychiatrie bzw. Klinische Psychologie führt als Merkmale von psychischen Störungen statistische Seltenheit (z.B. manische und depressive Symptome treten nur bei einem Prozent der Bevölkerung auf), Verletzung von sozialen Normen, persönliches Leid, Beeinträchtigung der Lebensführung und unangemessenes Verhalten an (vgl. Davison et al. 2016: 6ff., Benecke 2014: 241ff.). Das heißt also, dass psychische Störungen an bestimmte Voraussetzungen gebunden sind, wie deutlicher Abhebung von der Norm, unsoziales Verhalten, Leidensdruck, Einschränkungen in der Lebensführung und Verhalten, das nicht angepasst ist.

Menschen unterscheiden sich im Laufe ihrer Lebensspanne hinsichtlich ihrer Kompetenz mit Konflikten und Belastungen des Alltags fertig zu werden. Die Bewältigung von Lebensproblemen im Laufe des Lebens sind also individuell und sind je nach Entwicklungsphase verschieden. Als „psychisch gesund“ gelten normalerweise Menschen, die wechselnden Anforderungen und Herausforderungen gerecht werden und sich an spezifische Situationen anpassen können. Treten aber Denk- und Verhaltensweisen auf, die Menschen dauerhaft und massiv beeinträchtigen (z.B. in der Arbeitswelt, im privaten Umfeld) und dabei wichtige Lebensziele nicht erfüllt werden, und die Betroffenen dadurch Leid erfahren, so können Kriterien einer bestimmten psychischen Störung erfüllt sein (vgl. Wittchen/Hoyer 2011a: 8).

Dabei sind die Grenzen zwischen „krank und gesund“ bzw. „gestört und nicht gestört“ fließend und nicht absolut definierbar. Vielmehr stellt die Abgrenzung von „normalem“ und „krankem“ Verhalten einen schwierigen Balanceakt dar. Ob ein oder zwei Gläser Wein pro Tag noch normal sind oder ab wann das morgendliche Nicht-aus-dem-Bett-Kommen pathologisch wird, ist letztlich eine Interpretationssache (vgl. Wittchen/Hoyer 2011a:9, Baldus 2014: 2). Das heißt, dass es zwar einheitliche Kriterien für Diagnosen gibt (ICD-10, DSM-5), aber die einzelnen Kriterien unterschiedlich interpretiert bzw. ausgelegt werden können, sodass es sogar zu unterschiedlichen Diagnosen bzw. Nicht-Diagnosen kommen kann. Ärztliche und psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten haben einen Ermessensspielraum, der mit subjektiven Eindrücken verbunden ist.

Die hier vorgestellten psychischen Störungen sind häufig und haben vor allem besondere Auswirkungen für Kinder, wenn die Eltern diese aufweisen. Eltern mit einer dissozialen Persönlichkeit haben beispielsweise den größten Zusammenhang zu körperlicher Misshandlung (besonders Väter sind betroffen). Diagnosen misshandelnder Mütter sind vor allem: Depressive Störungen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, Selbstverletzungen; bei Männern wird überzufällig häufig dissoziales Verhalten beobachtet. Obwohl psychotische Störungen im Durchschnitt nicht mit einem höheren Gewaltpotential assoziiert sind, kam es in der Vergangenheit bei Wahnvorstellungen im Rahmen „florider Psychosen“ im Ausnahmefall zu schweren Übergriffen auf Familienmitgliedern (vgl. Deneke 2005: 142).

Neben der dissozialen scheint die Borderline Persönlichkeitsstörung bei Eltern eine besondere Bedeutung im Rahmen von Kindesmisshandlung zu haben. Es gibt Hinweise darauf, dass Mütter mit einer Borderline-Persönlichkeit, eine besondere Gefahr mitbringen, ihre Kinder körperlich zu misshandeln. Die Störung der Impulskontrolle, die ein Kernsymptom darstellt, in Kombination mit eigenen Misshandlungserfahrungen in der Kindheit (die häufig vorhanden sind), werden als mögliche Ursachen angegeben (vgl. Deneke 2005: 142).

In Zusammenhang mit Vernachlässigung von Kindern, sind Eltern mit depressiven Störungsbildern und traumatischen Kindheitserfahrungen auffällig. Die „emotionale Kälte“ (Passivität bzw. Lethargie), die betroffene Eltern ihren Kindern zukommen lassen, wurde sehr häufig selbst erlebt und de facto intergenerational weitergegeben (vgl. Deneke 2005: 143). Auf das Thema der Kindesmisshandlung und der elterlichen psychischen Erkrankungen wird in Kapitel 7 dieser Arbeit eingegangen.

3.2 Psychotische Störungen

Psychotische Störungen gehören zu den schwerwiegendsten psychischen Erkrankungen, die es gibt und gelten als „Prototyp der Geisteskrankheiten“ (Remschmidt/Mattejat 1994a: 11). Eine Form der psychotischen Störung, die sehr bekannt ist, ist die Schizophrenie. Hervorstechendes Merkmal von psychotischen Störungen ist eine deutliche Beeinträchtigung des Realitätsbezuges. Betroffene Personen haben große Schwierigkeiten, in einer organisierten und rationalen Form zu denken. Entsprechend ist die Wahrnehmung, das Bewusstsein und das Ich-Erleben stark eingeschränkt. Halluzination und Wahn können als typische Veränderung in der Wahrnehmung auftreten; eine Einsicht in diesen pathologischen Charakter hat der Betroffene nicht. Im Gegenteil: Die subjektiven Schlussfolgerungen werden als „Realität“ wahrgenommen. Eine desorganisierte Sprache und chaotisches Verhalten in Alltagssituationen sind ebenfalls charakteristisch für psychotische Erkrankungen (vgl. Remschmidt/Mattejat 1994a: 11, Rey 2011: 799f.)

Im DSM-5 wird im Rahmen einer Schizophrenie häufig „verminderter emotionaler Ausdruck“ und eine „Reduktion der mimischen Emotionsexpression“ sowie verminderter Augenkontakt als „Negativsymptomatik“ genannt. Die Körpersprache ist zudem deutlich reduziert (vgl. Falkai/Wittchen 2015: 119). Auch diese Symptome können sehr negativ auf Kinder wirken. Besonders im Säuglingsalter ist ein fürsorgliches Verhalten, einschließlich körperlicher Reaktion (wie Augenkontakt, zurück Lächeln etc.) notwendig, damit sich eine stabile Bindung entwickeln kann (vgl. Kapitel 6 dieser Arbeit).

Psychotische Störungen wirken sich nach Remschmidt und Mattejat (1994) besonders auf die Familie und Kinder aus. Kinder mit einem psychotischen Elternteil zeigen häufig Verhaltensauffälligkeiten und emotionale Störungen, einschließlich der Entwicklung psychotischer Symptome. Je schwerwiegender die psychotische Störung ist (z.B. mit Wahn), desto schlimmer sind die Auswirkungen auf Kinder, besonders wenn sie noch jünger sind. Ist ein Elternteil jedoch gesund, kann dieser eine positive, d.h. „kompensatorische Funktion“ für Kinder haben. Kinder mit zwei erkrankten Elternteilen sind am meisten gefährdet (da keine Kompensation durch einen Elternteil erfolgen kann). Es kommen noch psychosoziale Belastungen dazu, weil psychotische Eltern häufig Streitkontakte haben, oft feindselig sind und sich öfter trennen bzw. scheiden lassen und damit die Familie auseinanderbricht (vgl. Remschmidt/Mattejat 1994a: 13f.).

3.3 Affektive Störungen

Die sogenannten affektiven Störungen sind durch eine klinisch relevante Veränderung der Grundstimmung gekennzeichnet. Die „Affekte“ können sich dabei in Richtung Depression oder Manie entwickeln, die akut, chronisch oder episodisch auftreten. Das ICD-10-V subsumiert beispielweise Hypomanie, Manie, die bipolare affektive Störung und die rezidivierende depressive Störung unter die affektiven Störungen (vgl. Dilling 2016: 111-125). In diesem Kapitel sollen depressive und manische Kernsymptome vorgestellt werden.

Alle depressiven Störungen weisen gemeinsame Merkmale auf. Diese sind eine traurige oder reizbare Stimmung, ein Gefühl der Leere und somatische und kognitive Veränderungen, die das Leben der betroffenen Person deutlich beeinträchtigen. Die Symptome müssen v.a. eine bestimmte Zeitdauer und Intensität besitzen (vgl. Falkai/Wittchen 2015: 209).

[...]


[1] In Deutschland gilt offiziell das ICD 10 (International Classification of Diseases) – dem weltweit wichtigsten Diagnoseklassifikationssystem der Medizin, welches von der Weltgesundheitsorganisation herausgegeben wird – als Grundlage jeder Diagnose. Das Kapitel V (F) listet „psychische Störungen“ auf (vgl. Dilling et al. 2016). Das DSM-5 hat jedoch den Vorteil, dass es momentan den jüngsten Forschungsstand wiederspiegelt und noch spezifischer auf psychische Störungen eingeht (vgl. Falkai/Wittchen 2015), als das ICD-10. Im Jahre 2018 soll das ICD-11 veröffentlicht werden und ebenfalls den aktuellen Stand der Forschung widerspiegeln.

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Kinder psychisch beeinträchtigter Eltern
Note
1,8
Autor
Jahr
2017
Seiten
59
Katalognummer
V437186
ISBN (eBook)
9783668784321
ISBN (Buch)
9783668784338
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychische Störungen, Kinder, Psychische Beeinträchtigung, Kinder psychisch Kranker, Angehörige psychische Kranker, Psychisch gestörte Eltern, Psychische Erkrankung
Arbeit zitieren
Alexander Fichtner (Autor), 2017, Kinder psychisch beeinträchtigter Eltern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437186

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