„Märchen: das uns unmögliche Begebenheiten unter möglichen oder unmöglichen Bedingungen als möglich darstellt.“
Johann Wolfgang von Goethe
Es war einmal ein russischer Zar. Er hatte drei Söhne. Er sagte ihnen, sie sollten einen silbernen Bogen und einen kupfernen Pfeil nehmen und damit so weit schießen wie sie konnten. Wo immer die Pfeile niedergingen, würden sie ihre Bräute finden. Der Pfeil des ältesten Sohnes bringt eine Zarentochter, der des zweiten Sohnes eine Herzogstochter, der Pfeil des jüngsten Sohnes Ivan fällt in einen Tümpel. Einen Frosch soll Ivan heiraten, der sich dann aber in eine wunderschöne Zarentochter verwandelt.
Dieses Märchen „Carevna Ljaguška“ [=Zarentochter Frosch] wurde zu meinem Lieblingsmärchen und wird für immer in allen Einzelheiten in meinem Gedächtnis bleiben.
Nicht nur für mich persönlich ist die Begegnung mit der zauberhaften Märchenwelt ein schönes Erlebnis. Jeder Mensch trägt schöne Erinnerungen an seine Lieblingsmärchen oder -melodien in sich, die er mehrmals gehört hat.
Aufmerksam wurde ich auf das Thema dieser Diplomarbeit als ich mein pädagogisches Praktikum im Kindergarten gemacht habe und die Begeisterung der Kinder bei der Märchenstunde beobachtet habe. Das Märchen besitzt meiner Meinung nach eine magische Kraft, die auf die menschliche Seele wie Balsam wirkt. Sie beruhigt, gibt Hoffnung und bringt auf optimistische Gedanken. Ich möchte die Wirkung und die Bedeutung dieser literarischen Form genau untersuchen und in der Arbeit „Märchen als Schlüssel zu sich selbst und zur Welt“ möchte ich meinen Berufsgenossen das Märchen unter verschiedenen psychologischen Aspekten präsentieren und diese seelische Schlüsselfunktion ergründen.
Es gibt eine unendlich große Zahl von allen möglichen Märchen. In meiner Arbeit möchte ich mich auf diejenigen Märchen konzentrieren, die sowohl bei mir als auch bei vielen anderen Menschen eine Faszination hervorgerufen haben. Da ich bis zu meinem 20. Lebensjahr in Russland aufgewachsen bin und somit eine besondere Vorliebe für russische Literatur habe, behandele ich das russische Märchen, obwohl ich damit in eine für den deutschen Leser wahrscheinlich unbekannte Welt eintauche.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Märchenkatalog
3. Märchenforschung
3.1. Herkunft des Märchens
3.2. Wichtige Untersuchungsergebnisse der Märchenforschung
3.3. Allgemeines Schema der Analyse des Märchens
4. Das Wunderbare im Märchen
4.1. Das Zaubern und die menschliche Phantasie
4.2. Die Notwendigkeit des Zauberns für das Kind
5. Die Soziale Funktion des Märchens
5.1. Die moralische Erziehung
5.2. Die Weisheit der Alten
5.2.1. Der Vater
5.2.2. Die Mutter
5.3. Sozialkritik
6. Analyse des Kindermärchens
6.1. Hauptfigur
6.1.1. Der Name
6.1.2. Die Eltern und das soziale Milieu
6.1.3. Die Eigenschaften der Hauptfigur
6.2. Die Gegenspieler des Märchenhelden
6.3. Die Herausforderung
7. Symbole, Sinnbilder
8. Tiefenpsychologische Gesichtspunkte
8.1. Die Erlösung
8.2. Angst abbauende Funktion
8.3. Die Bausteine der Persönlichkeit
8.4. Der Inzest
8.5. Identitätssuche und Autonomiegewinnung
8.6. Liebesbedürfnis
9. Das Märchen und die Entwicklung der seelischen Kräfte
10. Märchen sind Lebenshilfe
11. Die Darstellung der Märchen in den Medien
11.1. Märchen in Film und Fernsehen
11.2. Märchen in Comics, Cartoons und Karikatur
12. Die Kunst des Märchenerzählens
13. Der Einsatz von Märchen in der Sozialen Arbeit
14. Der Einsatz von Märchen im Kindergarten
15. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die Wirkung und Bedeutung von Märchen als literarische Form, mit besonderem Fokus auf russische Märchen, um deren seelische Schlüsselfunktion für die Entwicklung der Persönlichkeit zu ergründen und Ansätze für pädagogische sowie therapeutische Kontexte aufzuzeigen.
- Psychologische und tiefenpsychologische Aspekte von Märchenmotiven.
- Die soziale Funktion des Märchens in der Erziehung und Sozialkritik.
- Identitätssuche und Autonomiegewinnung des Helden im Märchen.
- Die pädagogische Bedeutung und der Einsatz von Märchen in der Sozialarbeit und im Kindergarten.
- Die Rezeption von Märchen in verschiedenen Medien wie Film, Comics und Literatur.
Auszug aus dem Buch
4.2. Die Notwendigkeit des Zauberns für das Kind
Man weiß, dass das Zaubern in einem Kinderspiel sehr viel Spaß macht. Man stellt sich gerne als Allmächtiger vor. Ich möchte aber an dieser Stelle über den Spaßfaktor hinausgehen und abgesehen von ausgeschütteten Glückshormonen weitere Vorteile dieses Vorgangs nennen und erläutern.
Aus der Sicht des Psychologen ist es absolut notwendig für das Kind zu „zaubern“ und somit zu phantasieren. Es tut es sehr gern und braucht sich keine Mühe zu geben. Märchen faszinieren uns automatisch durch die Zauberwelt, wo Wesen wirken, die es auf unserer Erde nicht gibt. Es ist die Welt, wo Wunder und Wandlungen geschehen. Es ist eine andere Wirklichkeit, die uns aber doch vertraut erscheint. Das Kleinkind erlebt sich und die Welt noch als Einheit und erst allmählich erfolgen Trennungen. Es erlebt alles als Wirklichkeit, was von ihm intensiv erlebt wird, wobei es noch nicht zwischen seiner Phantasie und äußerlichem Geschehen unterscheiden kann. Deshalb fällt es einem Kind sehr leicht, die Gegenstände zu beseelen und ganz selbstverständlich mit ihnen zu sprechen. Es redet mit der Puppe, den Tieren, dem Wind und dem Mond. Auch die Märchenhelden und –heldinnen tun das. Im übertragenen Sinn heißt das, dass sie die Stimmen der Natur verstehen, mit der Natur verbunden sind. Auch das Kind ist es, deshalb hat es spontanen Zugang zum Märchen und fühlt sich verstanden, wenn wir ihm eines erzählen. „Dem Kind mag die Märchenwelt in eben dem Maße natürlich sein, als sie dem Erwachsenen unwirklich ist.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definiert den Märchenbegriff, beleuchtet die historische Bedeutung der Grimms und Afanas'evs und skizziert das Ziel der Arbeit, die Wirkung russischer Märchen zu untersuchen.
2. Märchenkatalog: Bietet eine Auswahl spezifischer russischer Märchen, um die untersuchten Motive und Themen anhand von konkreten Erzählbeispielen zu verdeutlichen.
3. Märchenforschung: Erläutert die Herkunft, die wissenschaftliche Erforschung der Motive sowie die methodischen Ansätze zur Analyse von Märchenstrukturen, insbesondere nach Vladimir Propp.
4. Das Wunderbare im Märchen: Untersucht die Bedeutung des Zauberns als zentrales Merkmal für die kindliche Phantasieentwicklung und das Bedürfnis des Kindes, die Welt zu begreifen.
5. Die Soziale Funktion des Märchens: Analysiert, wie Märchen durch die Vermittlung von moralischen Werten, Sozialkritik und der "Weisheit der Alten" zur sozialen Erziehung beitragen.
6. Analyse des Kindermärchens: Untersucht die Gestaltung von Heldenfiguren, deren Eigenschaften sowie die Rolle von Gegenspielern und die bewältigten Herausforderungen innerhalb der Märchenhandlung.
7. Symbole, Sinnbilder: Behandelt die symbolische Sprache des Märchens und wie diese verschlüsselte Botschaften über menschliche Gefühle und Entwicklungsphasen vermittelt.
8. Tiefenpsychologische Gesichtspunkte: Beleuchtet das Märchen als Ausdruck innerseelischer Dramen, das bei der Bewältigung von Ängsten und der Identitätssuche unterstützt.
9. Das Märchen und die Entwicklung der seelischen Kräfte: Diskutiert den Wandel des Menschenbildes und die Bedeutung von Märchen als Gegenpol zur rationalistischen Moderne.
10. Märchen sind Lebenshilfe: Beschreibt den therapeutischen Nutzen von Märchen in der Psychotherapie und in sozialen Einrichtungen zur Unterstützung von Heilungs- und Entwicklungsprozessen.
11. Die Darstellung der Märchen in den Medien: Analysiert die Wirkung von Märchenadaptionen in Film, Fernsehen, Comics und Cartoons auf die kindliche Psyche.
12. Die Kunst des Märchenerzählens: Unterstreicht die Bedeutung des mündlichen Erzählens gegenüber dem Vorlesen für die zwischenmenschliche Beziehung zwischen Erzähler und Kind.
13. Der Einsatz von Märchen in der Sozialen Arbeit: Erörtert Möglichkeiten, wie Märchen gezielt in verschiedenen sozialen Arbeitsfeldern zur Unterstützung von Klienten eingesetzt werden können.
14. Der Einsatz von Märchen im Kindergarten: Berichtet über praktische Erfahrungen aus einem pädagogischen Praktikum und zeigt auf, wie Märchen Kinder aktivieren und fördern können.
15. Zusammenfassung: Fasst die zentralen Erkenntnisse über die Bedeutung von Märchen als Sozialisationsfaktor und als Medium zur Stärkung der seelischen Entwicklung zusammen.
Schlüsselwörter
Märchenforschung, Russische Märchen, Persönlichkeitsentwicklung, Sozialisation, Psychologie, Pädagogik, Zaubermärchen, Identitätsfindung, Symbolik, Soziale Arbeit, Märchenerzählen, Volksmärchen, Erziehung, Kindermärchen, Lebenshilfe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert russische Märchen als psychologische und pädagogische Schlüssel zu sich selbst und zur Welt, indem sie deren Bedeutung für die Entwicklung der Persönlichkeit beleuchtet.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Autorin?
Die Themen umfassen die Märchenforschung, die soziale und moralische Funktion, tiefenpsychologische Aspekte wie die Identitätssuche sowie den praktischen Einsatz in Medien und Sozialer Arbeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die seelische Schlüsselfunktion von Märchen zu ergründen und Berufsgenossen deren Potenzial für die pädagogische und therapeutische Arbeit aufzuzeigen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Autorin nutzt literaturwissenschaftliche Ansätze und greift insbesondere auf das Analysemodell von Vladimir Propp zurück, um Märchenstrukturen zu untersuchen.
Welche Inhalte stehen im Zentrum des Hauptteils?
Der Hauptteil analysiert die soziale Funktion, die Eigenschaften von Helden und Gegenspielern, die psychologische Bedeutung von Symbolen sowie konkrete Einsatzgebiete wie im Kindergarten oder in der Therapie.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Märchenforschung, Persönlichkeitsentwicklung, Sozialisation, Psychologie und Sozialarbeit definieren.
Wie werden die "bösen" Märchenfiguren wie Baba Jaga psychologisch gedeutet?
Die Autorin deutet Figuren wie die Baba Jaga als Grenzfiguren oder als Projektionsflächen innerer Konflikte, die dem Helden als Prüfung dienen und somit zur Reifung beitragen.
Warum betont die Autorin das mündliche Erzählen gegenüber dem Vorlesen?
Das mündliche Erzählen ermöglicht ein unmittelbares, zwischenmenschliches Ereignis und eine flexiblere Gestaltung, die den Blickkontakt und die gemeinsame Schwingung zwischen Erzähler und Kind fördert.
Was bedeutet die "Häutung" bei Märchenfiguren?
Die Häutung symbolisiert einen Transformationsprozess der Persönlichkeit, bei dem alte Identitäten abgelegt werden, um ein neues, reiferes Selbst zu entwickeln.
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- Olga Ehrlich (Author), 2005, Märchen als Schlüssel zu sich selbst und zur Welt: Eine Auseinandersetzung mit russischen Märchen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43719