Frühkindliche Bindungsentwicklung. Eine Analyse auf Grundlage der Bindungstheorie nach John Bowlby und Mary Ainsworth


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Entwicklung der Bindungstheorie

2. Die Bindungstheorie
2.1 Bindung und ihre Verhaltenssysteme
2.2. Phasen der Entwicklung von frühen Bindungen
2.3 Das Konstrukt des inneren Arbeitsmodells
2.4 Das Konzept der mütterlichen Feinfühligkeit

3. Die „Fremde Situation“ nach Mary Ainsworth13
3.1 Bindungsmuster
3.1.1 Sicheres Bindungsmuster (Typ B)
3.1.2 Unsicher-vermeidendes Bindungsmuster (Typ A)
3.1.3 Unsicher-ambivalentes Bindungsmuster (Typ C)
3.1.4 Desorganisiertes Bindungsmuster (Typ D)

Fazit / Schlussbetrachtung18

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

Um die Lesbarkeit zu erleichtern, wird innerhalb der folgenden Ausführungen bei Personenbezeichnungen stets das generische Maskulinum verwendet

Einleitung

Für den Aufbau von Resilienz und Urvertrauen sowie für die völlige Entfaltung der eigenen Kompetenz, gilt eine sichere Bindung zwischen Kind und Bezugsperson als das wichtigste Attribut.[1] Die Bindungserfahrungen im Form von emotionaler Zuwendung und Versorgung sind für einen Säugling unabdingbar, und prägen ihn nachhaltig in seiner Persönlichkeitsentwicklung und geistigen Gesundheit. Insbesondere die Qualität der Beziehung, die hauptsächlich durch die mütterliche Reaktion und Verhaltensfärbung gemessen wird, nimmt einen exorbitanten Stellenwert ein, wenn es um die Thematik der Bindung geht.[2]

Auf dieser Tatsache aufbauend, konstruierte in den 1950iger Jahren der aus England stammende Psychiater und Psychoanalytiker John Bowlby (1907 – 1990) die Bindungstheorie. Die Ergründung und Analyse relevanter Bedingungen für eine gelungene emotionale Entwicklung standen dabei im Fokus seiner psychologischen Theorie. Der kanadischen Psychologin Mary Ainsworth gelang es dann die Thesen Bowlbys, mittels empirischen Forschungsarbeiten zugänglich zu machen. Seither ist die Bindungstheorie fest in die Wissenschaft und den dazugehörigen Zweigen wie Psychologie / Psychiatrie integriert und findet darin auch in praktischen Tätigkeiten Anwendung. Bindungsforschung gewinnt also an zunehmender Bedeutung, sodass sie mittlerweile nicht nur in akademischen Kreisen angewandt und diskutiert wird, sondern auch in diversen Richtlinien und Praxen.[3]

Angesichts der wissenschaftlichen Popularität und Qualität der Bindungstheorie ist es interessant, die Fragen nach den Bedingungen gelungener bzw. sicherer Bindung zwischen Bindungsperson und Kind zu beantworten. Außerdem ist es relevant zu ergründen, welches Beziehungsverhalten ein Kind zeigt, wenn die ersten Bindungserfahrungen von negativer Natur waren, wie es zum Beispiel bei einer Kindesverwahrlosung der Fall wäre.[4] Zum besseren Verständnis werde ich im ersten Kapitel skizzenhaft die Wurzeln der Bindungstheorie darstellen, da die grobe Kenntnis darüber sinnvoll ist, um sich mit dieser Thematik adäquat auseinanderzusetzen zu können. Im zweiten Kapitel werden dann die Grundlagen der Bindungstheorie dargestellt, woraufhin dann im dritten Kapitel die Laborsituation „Fremde Situation“ dargestellt wird, da diese unter anderem zur Sichtbarmachung diverser Bindungsmuster geführt hat, welche innerhalb dieses Kapitels genauer betrachtet werden sollen. Zum Schluss folgt das Fazit.

1. Die Entwicklung der Bindungstheorie

John Bowlby begann in den 1920iger Jahren ein Medizinstudium in welchem er seine Aufmerksamkeit äußerst gerne auf psychologische Themen richtete. Währenddessen stieß er auf diverse erzieherische Praktiken die bei Heimkindern angewandt wurden, um Verhaltensauffälligkeiten zu therapieren. Diese Methoden waren von Freiheitsgedanken und Toleranz geprägt, welche natürlich gegensätzlich zum damals vertretendem Erziehungsstil und Forschungsstand standen. Diese Tatsache erweckte das Interesse Bowlbys und er unterbrach sein Studium, um in einem solchem Heim ein Praktikum zu absolvieren. Dabei kam er zu dem Entschluss, dass es einen Zusammenhang zwischen den traumatisierenden Kindheitserfahrungen und den jetzigen Verhaltensweisen geben muss. So entschloss Bowlby Kinderpsychiater zu werden.[5]

Im Jahr 1933 beendete er sein Studium und nahm eine Stelle in London an der „Child Guidance Clinic“ an. Ihm wurde immer bewusster, dass er im Gegensatz zu vielen anderen Psychoanalytikern nicht die kindlichen Phantasien in der Analyse von Verhaltensweisen hinzuziehen sollte, sondern diverse Familienereignisse. Er wies dabei immer wieder auf die elementaren Folgen hin, die aus einer Trennung zwischen Eltern und Kind resultieren können. Er veröffentlichte dazu etliche Statistiken und Berichte, welche auch in Fachzeitschriften erschienen, sodass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) an Bowlby herantrat und ihm dem Auftrag erteilte, „[…]die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Probleme von Kindern, die über kein Zuhause verfügten, zusammenzustellen.“ [6]

Nach dem zweiten Weltkrieg bekam er dann den Auftrag an der „Tavistock Clinic“ eine kinderpsychiatrische Station einzurichten, welche er dann als Abteilung für Eltern und Kind betitelte. Alleine die Namensgebung und auch die familienstrukturellen Untersuchungen und die dadurch hervorgebrachten Ergebnisse, haben seine Bindungsforschung vorangetrieben, sodass dann 1951 die von der WHO gewünschten Erkenntnisse in Form eines Berichts präsentiert werden konnten.[7] Hinzuzufügen ist dabei aber, dass Bowlby nach kurzer Einarbeitung schnell feststellen musste, dass die Therapeuten und Wissenschaftler der Tavistock Klinik einem Paradigma folgten, mit dem Bowlby sich nicht identifizieren konnte, da ihn in erster Linie Familienereignisse interessierten. So beschloss er rasch seine eigene Forschungsgruppe zu gründen, in welche nach einigen Jahren glücklicherweise Mary Ainsworth als seine Mitarbeiterin integriert wurde. Diese hat mit ihrer Arbeit nicht nur die relevanten Grundlagen der Bindungstheorie empirisch bestätigt und gleichzeitigt bestärkt, sondern hat auch die subjektiven Unterschiede berücksichtigt sowie einige theoretische Ansätze wie beispielsweise die „sicherer Basis“ modifiziert. (mehr dazu in Kapitel 2.1).[8] Die Bindungstheorie ist in seiner ethologischen Natur innerhalb 1960er Jahre entstanden und kombiniert „klinisch-psychoanalytisches Wissen mit evolutionsbiologischem Denken.“ [9] . Die Weiterentwicklung dieser Theorie erfolgte dabei nicht nur durch Ainsworth’s Arbeit, sondern auch durch ihre Schüler wie beispielweise K. und K. Grossmann, welche durch entwicklungspsychologische Längsschnittstudien zur weiteren empirischen Fundierung der Theorie beitrugen.[10]

Diese skizzenhafte Darstellung der Entwicklung der Bindungstheorie hat verdeutlicht, dass Bowlby einer der ersten Psychoanalytiker seiner Zeit war, der es gewagt hat aus den alten Denkmustern auszubrechen und neue Wege zu gehen. Dabei war Mary Ainsworth diejenige die ihm dazu verhalf, seine Theorie endlich publik zu machen und dauerhaft in die Wissenschaft zu integrieren. Welche theoretischen Ansätze Bowlby und Ainsworth formuliert haben, soll im nächsten Kapitel Betrachtung finden. Alle schwarz gedruckten Begriffe sind die Grundbegriffe der Bindungstheorie, welche sich an der Darstellung von Grossmann und Grossmann (2012) orientieren.

2. Die Bindungstheorie

Die Erfahrungen die wir auf sozialer Ebene sammeln, prägen unsere Persönlichkeitsentwicklung. Diese Aussage bildet den Kern des umfassenden Konzepts der Bindungstheorie, welche in erster Linie klären soll, in welcher Beziehung eine (erzwungene) Trennung bzw. der Wegfall der Bezugsperson, oder auch eine elterliche Zurückweisung zu Gefühlen wie Wut, Trauer, Angst und späteren Depressionen oder emotionaler Entfremdung stehen. Anfangs hat die Theorie zwar hauptsächlich seine Wurzeln in den Verhaltensbeobachtungen bei Trennung zwischen Mutter und Kind, doch im Laufe der Weiterentwicklungen ist sie zu einer Theorie geworden, die auf die gesamte Lebensspanne übertragen werden kann.[11]

Die Bindungstheorie befasst sich mit der Entwicklung von Bindung, mit unterschiedlichen Bindungsqualitäten, sowie der mütterlichen Feinfühligkeit. Außerdem beschreibt sie die ungleichen Reaktionen auf Trennungs- und Wiedersehensereignisse bei Säuglingen, mitsamt dem folglich auftretenden Wandel im Kommunikationsverhalten. Auf Grundlage dessen wurden in den darauffolgenden Jahren etliche Längsschnittuntersuchungen mit Kindern und dessen Familien gemacht, dessen Ergebnisse den Schluss auf verschiedene Bindungsmuster zuließen. Diese Aspekte sollen in den folgenden Unterkapiteln und dem dritten Kapitel anschaulich dargestellt werden.

2.1 Bindung und ihre Verhaltenssysteme

Bindung an eine kräftige und wegweisende Person ist für das unwissende und schwache Kind von großer Bedeutung und bietet Schutz, Wärme und führt zur Integration in die jeweilige Kultur. Wenn ein Kind während seines Reifungsprozesses einigermaßen geschützt aufwachsen kann und er Hilfe sowie Anregungen von anderen Mitgliedern des jeweiligen sozialen und kulturellen Umfeldes bekommt, dann steht der Entwicklung von Urvertrauen und dem Wunsch nach eigener späterer Elternschaft nichts mehr im Wege. Außerdem bildet dies die Grundlage seelischer Gesundheit und führt zur Befriedigung relevanter Grundbedürfnisse.[12]

Laut dem Begründer der Bindungstheorie John Bowlby ist Bindung als „ […] ein emotionales Band, das ein Kind zwischen sich und einer vertrauten Bezugsperson aufbaut und das die beiden über Raum und Zeit bindet[13], zu verstehen. Das Bedürfnis nach dem Aufbau einer Bindung ist bereits zu Beginn des ersten Atemzugs von oberster Priorität und liegt in der Natur eines jeden Menschen.[14] Bowbly meint damit ein „natürliches, vom Nahrungs- und Sexualtrieb abzugrenzendes „Überlebensmuster“ […].“[15] Die Sichtweise Bowlbys beruht in erste Linie auf dem Konzept der motivationalen Verhaltenssysteme. Frühe Bindung bezieht sich in der Regel auf die Eltern oder auf eine andere primäre Bezugsperson, je nachdem wer regelmäßig mit dem Säugling interagiert und ihn versorgt. Hauptbindungsperson ist meistens die Mutter oder der, der sich am meisten kümmert. Im Laufe der Ausführungen ist zu berücksichtigen, dass hauptsächlich der Ausdruck der Mutter verwendet wird, dies aber gleichermaßen auf andere Personen übertragbar ist, die die Rolle Hauptbindungsperson erfüllen. Falls das Kind Schutz oder Trost sucht, ist die Hauptbindungsperson die erste Anlaufstelle, oder auch im Falle einer Nichtverfügbarkeit eine andere vertraute Person. Folglich ergibt sich im Laufe der Zeit eine Hierarchie von Bindungspersonen.[16] Um eine Bindungsbeziehung aufzubauen verfügen wir über ein angeborenes Spektrum an Verhaltensweisen, die die Nähe der gewünschten Person herbeiführen können und sollen (Verhaltenssysteme). Bowlby versteht unter Bindungsverhalten „[…] jegliches Verhalten, das darauf ausgerichtet ist, die Nähe eines vermeintlich kompetenteren Menschen zu suchen oder zu bewahren, ein Verhalten das bei Angst, Müdigkeit, Erkrankung und entsprechendem Zuwendungs- oder Versorgungsbedürfnis am deutlichsten wird.“[17]

In diesem Zusammenhang erscheint wichtig anzumerken, dass Bindung als ein nicht beobachtbares, erdachtes Konstrukt verstanden werden muss, wohingegen das Bindungsverhalten die Bindung in seiner inneren Organisation und den damit verknüpften Emotionen abbildet.[18]

Das Bindungsverhalten bleibt lebenslang erhalten, wobei dieses in den ersten Lebensmonaten durch sogenannte Signalverhaltensweisen Ausdruck findet. Beispielsweise in Form von Weinen, Lachen, Brabbeln oder Rufen. Anklammern oder auch das Nachkrabbeln sollen die Bindungsfigur anregen Kontakt aufzunehmen oder diesen zu halten. Jene Verhaltensmuster werden im Laufe der Zeit in ein Bindungsverhaltenssystem integriert, welches sich immer an die jeweilige Bindungsperson anpasst. Ist das System aktiviert, zeigt sich das kindliche Bindungsverhalten. Analog dazu unterliegen Eltern auch einem evolutionär bedingten Konstrukt, welches die Versorgung des Kindes sicherstellt. Denn durch die Pflege der Nachkommen ist die Weitergabe der Gene gesichert, sodass von Natur aus bei Elternschaft das System des sogenannten Fürsorgeverhaltens aktiviert wird.[19] Dieses Fürsorgeverhaltenssystem spiegelt und modifiziert das Bindungsverhaltenssystem des Kindes und bei wiederholter einfühlsamer, angepasster Reaktion seitens der Bindungsperson, bewirkt dies eine Kräftigung des kindlichen Bindungsverhaltenssystems.[20]

Ergänzend zum elterlichen Fürsorgesystem und kindlichem Bindungsverhaltenssystem existiert das System des Explorationsverhaltens. Es meint den kindlichen Drang seine Umwelt zu erkunden, um dann seine Verhaltensweisen zu optimieren und anzupassen. Es steht dem Bedürfnis nach Bindung gegenüber. Es ist der natürliche Trieb, all‘ seine Entwicklungsmöglichkeiten zu entdecken und dabei Bedrohungen und Gefahren auszukundschaften. Das Explorationsverhalten steht in ständiger Wechselwirkung zum Bindungsverhalten, da niemals beides gleichzeitig auftreten kann. Fühlt sich ein Kind sicher kann es explorieren, fühlt es sich hingegen unsicher, aktiviert sich das Bindungsverhaltenssystem und Bindungsverhaltensweisen werden vom Kind gezeigt. Die Bindungsperson dient also als eine Art „sichere Basis“, von der aus sich das Kind auf Erkundungstour begeben kann und bei Bedarf zu ihr zurückkehren kann („sicherer Hafen“). Ersichtlich wird hier die Doppelfunktion der Bindung, denn zum einem schenkt die Bindungsperson Trost und zum anderen unterstützt beim Explorationsdrang.[21] Komm die Mutter den Bedürfnissen seines Kindes also in angemessener Art und Weise nach entsteht eine sichere Bindung. Dadurch wird dem Kind die Möglichkeit geboten seine Umwelt spielerisch zu erkunden und sich zu einer autonomen, neugierigen und experimentierfreudigen Person zu entwickeln. Sie können gut alleine sein und probieren neue Dinge aus, ohne dabei ständig nach Hilfe zu verlangen.[22] Wiederum sind eine „Unsichere [!] Bindung und Exploration […] unvereinbar.“[23]

Die frühe Bindungsbeziehung zwischen Mutter und Kind durchläuft verschieden Entwicklungsphasen die im nächsten Abschnitt betrachtet werden sollen.

2.2. Phasen der Entwicklung von frühen Bindungen

Je nach Altersklasse und Grad der Entwicklung des Säuglings bzw. Kindes, durchläuft nach Bowlby der Aufbau von Bindungsbeziehungen vier Phasen. Die Bindung entsteht erst im Laufe des ersten Lebensjahres mit Hilfe der (emotionalen) Interaktion und Kommunikation zwischen Bindungsperson und Kind. Wichtig ist zu berücksichtigen, dass es zwischen den Phasen keine klaren Abgrenzungen gibt. Die erste Phase umfasst die Zeit von der Geburt bis zum drittem Lebensmonat und ist dadurch gekennzeichnet, dass der Säugling ungezielte Laute von sich gibt sowie unspezifische Reaktionen zeigt. Diese Phase ist geprägt von der Aktivierung simpler Verhaltenssysteme, wie Anklammern, Saugen, Weinen und Anschmiegen. Er lässt sich von allen Personen trösten und beruhigen. Ab den zweiten Lebensmonat folgt dann das erste soziale Lächeln, wobei der Säugling nicht zwischen vertrauten und unvertrauten Menschen unterscheidet, aber dennoch befähigt ist seine Mutter anhand des Geruchs und der Stimme zu identifizieren. In der zweiten Phase, welche vom drittem bis zum sechsten Lebensmonat andauert, fängt der Säugling an erste spezifische, zielgerichtete Signale an eine Person zu richten, am häufigsten jedoch an die Mutter. Diese Phase wird auch zielorientierte Phase genannt, da der Säugling nun deutlicher auf die Mutter reagiert und diese ihn auch am schnellsten zum Lachen bringen kann. Außerdem richtet sich sein Signalverhalten nicht mehr an Fremde, sondern nur noch vertrauten und bekannten Personen. Die dritte Phase findet zwischen dem sechsten Lebensmonat und dem dritten Lebensjahr statt. Krabbeln, greifen und rutschen sind nun möglich, sowie auch die Entwicklung einer Vorstellung der eigenen Mutter. Der Säugling hat durch den Entwicklungsstand seinen Bestand an Verhaltensweisen erweitert und ist nun in der Lage Bindungsverhalten zu zeigen und die Nähe seiner Mutter aktiv zu suchen. Außerdem ist er nun auf einige primäre Bezugspersonen fokussiert. Ab dem vierten Lebensjahr durchläuft die frühkindliche Bindung die vierte und letzte Phase. Sie wird als Phase der „zielkorrigierten Partnerschaft“ deklariert und ist durch die Zunahme geistiger Fähigkeiten gekennzeichnet, welche das Kind dazu befähigen zu verhandeln und Diskussionen zu führen. Sie beginnt also erst ab dem Zeitpunkt, an dem das Kind sprechen kann und auch in der Lage ist, die Bedürfnisse und Pläne der Mutter bzw. Bindungsperson zu berücksichtigen bzw. zu verstehen. Die ersten drei Phasen zeichnen sich durch die Tatsache aus, dass das Kind nur versuchen konnte durch sein Signalverhalten die Mutter vom aktuellem Handeln ablenken. Nun kann er aber verstehen warum seine Mutter so handelt und kann durch aktives eingreifen, seine Bedürfnisse ausdrücken und verhandeln.[24]

Ist ein Kind erstmal an seine Mutter gebunden, so spricht man von einer Bindungsorganisation, die das Kind innerhalb seines Bindungsverhaltenssystems abspeichert, inklusive der damit verknüpften Gefühle und Gedanken. Die Organisation ergibt sich aus den Verhaltensweisen, die die Nähe und Sicherheit der Mutter herbeiführen.[25] In der Regel zeigen die meisten Säuglinge im Alter von neun Monaten ein klar erkennbares orientiertes Bindungsverhalten, wobei es aber einige Kinder gibt, bei denen sich die Entwicklung bis ins zweite Lebensjahr hinauszögern kann (Bindungsverzögerung). Dies tritt allerding nur auf, wenn die Mutter wenig soziale Reize zur Verfügung stellt.[26]

Im Laufe der Zeit wird dann über das Bindungsverhalten und die Reaktionen der Mutter ein inneres Konstrukt geformt, welches diese Erfahrungen abspeichert und repräsentiert. Diese Repräsentation der Bindungserfahrungen betitelt die Bindungstheorie als „ innere Arbeitsmodelle “, welche im nächsten Unterkapitel betrachtet werden sollen.

[...]


[1] Vgl.: Trost (Hrsg.), 2014, S. 7.

[2] Vgl.: Ahnert, 2010, S.26.; Vgl.: Bowlby, 1973, S. 15.

[3] Vgl.: Sprangler & Zimmermann (Hrsg.), 1995, S. 9.; Vgl.: Howe, 2015, S. 13.

[4] Vgl.: Brisch K. H. (Hrsg.), 2011, S. 7.

[5] Vgl.: Schleiffer, 2015, S. 16f.

[6] Schleiffer, 2015, S. 19.; Vgl.: Lengning & Lüpschen, 2012. S. 9f.

[7] Vgl.: Howe, 2015, S. 27.; Schleiffer, 2015, S. 21ff.

[8] Vgl.: Sprangler & Zimmermann (Hrsg.), 1995, S. 32.

[9] Grossmann & Grossmann, 2012, S. 31.

[10] Vgl.: Veith, 2008, S. 7.

[11] Vgl.: Grossmann & Grossmann 2012, S. 67ff.

[12] Vgl.: Brisch & Hellbrügge (Hrsg.), 2014, S. 31.; Vgl.: Grossmann & Grossmann, 2012, S. 75.

[13] Bowlby 1975, Ainsworth et al. 1978 zitiert nach Brisch (Hrsg.), 2011, S. 282.

[14] Vgl.: Bowlby, 2001, S. 7.

[15] Bowlby, 2014, S. 21. Auslassung: J. O.

[16] Vgl.: Lengning & Lüpschen, 2012, S. 11.; Vgl.: Grossmann & Grossmann, 2015, S. 317.

[17] Bowlby, 2014, S 21. Auslassung: J. O.

[18] Vgl.: Grossmann & Grossmann, 2015, S. 33.

[19] Vgl.: Gaschler & Buchheim (Hrsg.), 2012, S. 2.; Vgl.: Henri, Gasteiger-Klicpera, & Kißen, 2009, S. 13.; Vgl.: Howe, 2015, S. 28.

[20] Vgl.: Howe, 2015, S. 36.

[21] Vgl.: Lengning & Lüpschen, 2012, S. 11ff.; Vgl.: Howe, 2015, S. 37.; Vgl.: Brisch K.-H. , 1999, S. 38.; Vgl.: Bowlby, 2006, S. 256.; Vgl.: Suess, 2011, S. 14.

[22] Vgl.: Howe, 2015, S. 38.

[23] Holmes, 2012, S. 12. Auslassung: J.O.

[24] Vgl.: Hédervári-Heller, 2011, S. 62.; Vgl.: Grossmann & Grossmann, 2012, S. 75ff.; Vgl.: Veith, 2008, S. 8.

[25] Vgl.: Grossmann & Grossmann, 2015, S. 381f.

[26] Vgl.: Bowlby, 2006, S. 304.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Frühkindliche Bindungsentwicklung. Eine Analyse auf Grundlage der Bindungstheorie nach John Bowlby und Mary Ainsworth
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta  (Gerontologie)
Veranstaltung
Einführung in die Erziehungswissenschaften
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
21
Katalognummer
V437206
ISBN (eBook)
9783668776852
ISBN (Buch)
9783668776869
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bindungstheorie, Mary Ainsworth, John Bowlby, Bindungsentwicklung, Bindung, Verhaltenssysteme
Arbeit zitieren
Jasmin Ottens (Autor), 2018, Frühkindliche Bindungsentwicklung. Eine Analyse auf Grundlage der Bindungstheorie nach John Bowlby und Mary Ainsworth, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437206

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