Die Wehranlagen mittelalterlicher Städte der Mark Brandenburg

Die Wehranlagen der Stadt Bernau


Hausarbeit, 2018

41 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Geschichte der Besiedelung der Mark Brandenburg

2. Mittelalterliche Wehranlagen
2.1 Stadtwall
2.2 Stadtgraben
2.3 Bodenpalisaden
2.4 Stadttore
2.5 Lughäuser/Wehrtürme
2.6 Stadtmauer

3. Die heutigen Überreste der Wehranlagen Bernaus
3.1 Entstehung und Entwicklung der bernauer Wehranlagen
3.2 Die heutigen Überreste der Wehranlagen Bernaus
3.2.1 Die Bernauer Stadtwälle
3.2.2 Die Bernauer Stadtgräben
3.2.3 Die BernauerBodenpalisaden
3.2.4 Die drei Bernauer Stadttore
3.2.5 Die Bernauer Lughäuser und Rundtürme
3.2.6 Die Bernauer Stadtmauer

4. Fazit

5. Quellen und Literaturverzeichnis

6. Anhang

Einleitung:

Einer alten Sage nach gründete der Askanier Albrecht der Bär, welcher nach der Begründung der Mark Brandenburg 1157 ihr erster Markgraf war, die Stadt Bärnau (später Bernau). Er soll nach der Jagd in den üppigen Pankewäldern bei einer Rast in einem Gasthof einen Krug Bier ausgeschenkt bekommen haben, von dem er so begeistert war, dass er beschloss, an dieser Stelle eine Stadt zu gründen. Dazu befahl er den Bewohnern der umliegenden Dörfer Lindow, Schmetzdorf und Lüpenitz in seine neue Stadt zu ziehen. Auch wenn diese Dörfer deswegen nahezu verschwanden, blieb der gute Ruf des Bieres bis heute bestehen.1

Es gibt jedoch keinen urkundlichen Beleg dafür, dass sich Albrecht der Bär in der späteren Mark zwischen den Flüssen Elbe und Oder aufgehalten hat. In der Zeit der Entstehung Bernaus herrschten über diese Gegend noch die slawischen Lutizen, welche weder Gasthäuser hatten, noch Bier brauten. Auch die Ableitung des Ortnamens „Bernau“ von dem Wort „Bär“ ist reine Volksetymologie. Viel wahrscheinlicher kommt der Ortsname „Bernau“ von dem slawischen Namen „Barnim“, welcher der Name zahlreicher Pommernfürsten war und heute noch der des Landkreises ist, in dem sich Bernau befindet.

Wie archäologische Quellen belegen, ist Bernau seit der Mittelsteinzeit um 7000 v. Chr. ein Siedlungsplatz.2 Bernau war nach seiner Gründung um das Jahr 12343 als Handels- und Kirchenstadt militärisch gesehen weniger bedeutungsvoll. Doch da die Stadt einen Kreuzungspunkt wichtiger Straßen von West und Süd nach Norden darstellte, wurde ihre Sicherung schon bald Anlass zur Errichtung von Wehranlagen. Spätestens zum Jahre 1300 wurde die Stadtbefestigung mit Wall, Graben und Bodenpalisaden errichtet, Tore und Wachtürme kamen etwas später hinzu und die eigentliche Stadtmauer wurde um etwa 1380 fertiggestellt.4 Damit ist Bernau ein perfektes Beispiel zur Analyse von Wehranlagen, welche in der mittelalterlichen Mark Brandenburg errichtet wurden. Im Gegensatz zu vielen anderen Städten sind in Bernau noch viele Teile dieser Wehranlagen gut erhalten oder restauriert. Auch wenn der genaue Hergang der Abwehr des Hussitenangriffs auf Bernau warscheinlich nur eine Legende ist, so ist dennoch recht sicher, dass die Hussiten vor den Stadtmauern standen und die Stadt wegen ihrer Wehrhaftigkeit nicht einnehmen konnten.

Die Literatur zum Thema Wehranlagen ist aufgrund der Beliebtheit des Themas recht umfangreich, allerdings nur selten so präzise wie in dem Buch “Die vor- und frühgeschichtlichen Burgwälle Gross-Berlins und des Bezirkes Potsdam“ von Joachim Herrmann. Dieses Buch handelt allerdings hauptsächlich von slawischen Befestigungsanlagen, welche nur die frühmittelalterlichen Wehr- und Befestigungsanlagen vor Gründung der Stadt Bernau oder der Mark Brandenburg darstellen. Literatur mit dem direkten Fokus auf den Wehranlagen einer mittelalterlichen Stadt in der Mark Brandenburg gibt es nicht. Die „Chronik von Bernau“, welche von Pfarrer und Stadtchronist Tobias Seiler „aus Liebe zu einer Vaterstadt“ um 1736 verfasst und von August Wernicke im Jahre 1894 herausgegeben wurde, hat im ersten Teil in Kapitel 3 einige wenige Seiten mit einer Auflistung aller Wehranlagen. Der gesamte dritte Teil ist eine Aufzeichnung aller kriegerischen Geschehnisse in und um Bernau. Aufgrund der vielen Brände im 15. Jahrhundert, bei denen mindestens drei Mal das Rathaus in Flammen aufging (1406, 1483 und 1485)5, sind genaue oder belegte Aufzeichungen zur Entstehung der Stadt oder Wehranlagen nicht vorhanden.

Es gibt vor Seilers Chronik aus dem 18. Jahrhundert kaum belegte Quellen und damit sehr wenige bedeutende oder gar glaubwürdige Aufzeichnungen. Die Überreste der Wehranlagen Bernaus und seine Stadtchronik machen es jedoch zu einer guten Forschungsgrundlage zum mittelalterlichen Wehranlagenbau in einer brandenburgischen Stadt. Deshalb sollen diese Überreste, Seilers Chronik und das Buch „Stadtmauer und Wallanlagen“, herausgegeben von Manfred Thurn für die Stadt Bernau, als Hauptquellen dieser Arbeit dienen. Durch das Studium der Stadtgeschichte im Archiv sowie der Besichtigung aller verbliebenen Wehranlagen und Museen der Stadt soll Bernau als Beispiel einer brandenburgischen Stadt genauer erforscht werden. Dafür werden nach einer zeitlichen und geschichtspolitischen Einordnung zunächst die gängigen mittelalterlichen Wehranlagen beschrieben, bevor die in Bernau errichteten Wehranlagen diesen zugeordnet werden.

1. Die Geschichte der Besiedelung der Mark Brandenburg

Das heutige Bundesland Brandenburg hat etwa 2,5 Millionen Einwohner, umfasst aber historisch gesehen weniger als die Hälfte des Gebietsstandes vor 1815. Die Landschaft Brandenburgs ist fast ausschließlich durch die letzte Eiszeit geformt worden und besitzt daher kaum feste natürliche geografische Grenzen. Daraus resultiert der große Vorteil, dass einer Expansion keine natürlichen Hindernisse im Weg stehen, nur bleibt dadurch auch die territoriale Abgrenzung zu den Nachbarn immer umstritten.6 Dies hatte von Anbeginn einen großen Einfluss auf die Siedlungsgeschichte. Das Land bietet viel Platz und mit seinen über 3000 Seen einen geeigneten Siedlungsraum, was eine Vielzahl an Städtegründungen mit sich brachte. Zur Zeit der ersten Siedler wurde Brandenburg von den germanischen Semnonen, Langobarden und Burgundern bewohnt.7 Nach der Völkerwanderung wurde das Land im 7. Jahrhundert jedoch zunehmend von verschiedenen slawischen Stämmen besetzt, welche ihr Vieh in Wassernähe ansiedelten und den Wald zum Schaffen von Ackerflächen rodeten. Brennabor (Brandenburg) und Spandow (Spandau) bildeten die Zentren des slawischen Stammes der Heveller. Diese im 9. Jahrhundert befestigten Burgsiedlungen blieben für über 200 Jahre die größten Zentren. Im Jahr 1134 gab Kaiser Lothar III dem Askanierfürsten Albrecht von Ballenstedt (später bekannt als Albrecht der Bär) den deutschen Teil der Markgrafschaft. Er eroberte die Gegend um die Prignitz und das Havelland. In der Burg und Siedlung Brandenburg residierte bis zu seinem Tod 1150 der slawische Fürst Pribislaw, welcher Albrecht sein Land mit der Grenzfeste Spandau vererbte, die das Land gegen den in Köpenick residierenden Slawenfürst Jaxa sichern sollte. Am 11. Juni 1157 konnte Albrecht der Bär in blutigen Kämpfen die von Jaxa angegriffene Burg Brandenburg endgültig zurückerobern,8 ihn vertreiben und eine neue Landesherrschaft auf slawischem Boden begründen. Nach einer Urkunde vom 3. Oktober 1157 nannte sich Albrecht nun erstmals selbst Markgraf in Brandenburg, weshalb dieses Jahr als das tatsächliche Gründungsjahr der Mark Brandenburg gilt. Die Askanier arbeiteten sich von ihren Stammlanden aus, welche später von ihnen als Altmark bezeichnet wurden, immer weiter in Richtung Osten vor, was in die Geschichte als „die große Ostexpansion“ einging. Nach dem Erwerb der Mark Lausitz sowie des Landes Budissin wurde um 1304 die größte Ausdehnung erreicht. Nach dem Ende der Askanier-Herrschaft verkleinerte sich das Territorium wieder.9 Die Markgrafschaft Brandenburg umfasste die Altmark (die märkischen Gebiete westlich der Elbe), die später wegen ihrer zentralen Lage als Kerngebiet geltende Mittelmark (zwischen Elbe und Oder), die Neumark (eroberte Gebiete östlich der Oder), Teile der Niederlausitz und einzelne verstreute Streuterritorien.10 Die Stadt Brandenburg ist die älteste der Mark und sollte im 13. Jh. zu höchster Blüte gelangen. Noch bis ins 15. Jahrhundert hinein sollte sie der wichtigste Ort der Mark bleiben.

2. Mittelalterliche Wehranlagen

Der Begriff Wehranlage definiert sich, bezogen auf den mittelalterlichen Burgen- und Festungsbau, “als eine regelhaft aus mehreren miteinander verbundenen Bauwerken bzw. Funktionselementen bestehende Verteidigungseinrichtung.”11 Laut Duden leitet sich das Wort “Wehr” aus dem mittelhochdeutschen “wer(e)” oder dem althochdeutschen Wort “werī” ab, was so viel bedeutet wie Befestigung oder Verteidigung.12

Besondere Beachtung finden hier die Wehranlagen, welche in der Stadt Bernau errichtet wurden. Laut des Heimatvereins von Bernau bestanden diese Wehranlagen den Überlieferungen zur Folge aus einem „Stadtwall“, einem „Stadtgraben“ und einer Reihe „Bodenpalisaden“, welche noch im 13. Jahrhundert fertiggestellt worden sein sollen. Die „Stadttore“ und „Wachtürme“ wurden erst später gebaut und der Bau der „Stadtmauer“ erst gegen 1380 beendet.

2.1. Stadtwall

Laut Duden beschreibt das Wort „Wall“ eine „Aufschüttung aus Erde, Steinen oder Ähnlichem, mit der ein Bereich schützend umgeben oder abgeschirmt wird.“13 Ein Stadtwall ist also eine künstliche Erhöhung als Wehranlage zur Befestigung einer Stadt oder zum Schutz vor Wasser.14 Er stellt die erste Form der Wehranlage zur Befestigung von Städten dar, ist aufgrund seiner einfachen Überwindbarkeit aber meist nur eine Visualisierung für die Grenzen einer Stadt. Desweiteren ist der Stadtwall meistens die frühe Vorform der Stadtmauer. Innerhalb der Stadtgrenzen einer Stadt galt das Stadtrecht, an welchem häufig die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt hing, „garantierte es doch den hier ansässigen Handwerkern und Händlern merkliche Profitvorteile gegenüber Fremden. Und als fremd galt jeder, der außerhalb der befestigten Stadtgrenze wohnte.“15

2.2. Stadtgraben

Der Stadtgraben als Teil der Stadtbefestigung war ein künstlich angelegter Graben, welcher als Annäherungshindernis im unmittelbaren Vorfeld einer mittelalterlichen Stadt fungierte. Der Graben konnte das Stadtgebiet vollständig umschließen oder wie in manchen Städten auch nur partiell an besonders gefährdeten Stellen von der Umgebung abriegeln. Am effektivsten waren Gräben, um etwaige Angreifer das direkte Erreichen der Stadtmauern oder Tore zu erschweren oder bestenfalls sogar zu verhindern. Je nach geografischen Gegebenheiten, war ein Stadtgraben mit Wasser gefüllt um einen besseren Schutz zu gewährleisten. Auch Trockengräben sind aber zum Schutz von Städten angelegt worden. Diese Form der Wehranlage hat frühe Ursprünge, wurde aber im Mittelalter besonders häufig verwendet um schweres Belagerungsgerät wie Rammböcke oder den „Wandelturm“ abzuwehren. Der Stadtgraben wurde ab dem Mittelalter außerdem auch zum Vermessen genutzt, denn er „markierte den Raum, in dem das jeweilige Stadtrecht mit seinen Handels- und Wirtschaftsprivilegien galt.“16

2.3. Bodenpalisaden

Palisaden sind lange, teilweise oben zugespitzte Pfähle, welche der Befestigung altertümlicher Städte und Lager galt. Sie werden in der Befestigungskunst als Hindernismittel bis zu über einem Meter tief eingegraben. Beginnend mit der Bronzezeit und den ersten Schusswaffen, sollten die Palisaden gegen feindlichen Beschuss decken und die eigene Abwehr vereinfachen. Dazu schüttete man Erde und Geröll von außen gegen die Palisade, bis zur Schießschartenhöhe, wodurch ein Spitzgraben gebildet wurde, welcher die Benutzung der Scharten von außen zusätzlich erschwerte. Sogenannte Verteidigungspalisaden nutzte man zum Schutz offener Feldwerke, bei der Ortsverteidigung oder später auch im freien Feld in Gestalt von runden Tambours. Vor allem im 14. Jahrhundert ersetzten viele Städte die hölzerne Palisade durch eine Steinmauer.17

2.4. Stadttore

Ein Stadttor ist in der Architektur eine große Öffnung in der Mauer einer Stadt. Meist dient es der Grenzsicherung zwischen zwei Freiflächen mit unterschiedlichen Eigentümern oder Zugehörigkeiten. Der Umbau von einem Stadtwall oder von Holzpalisaden zu einer richtigen Stadtmauer begann meist „mit der Errichtung eines steinernen Stadttores, woran deutlich zu sehen ist, dass repräsentative Gründe eine nicht unwesentliche Rolle spielen.“18

2.5. Lughäuser/Wehrtürme

Ein Lughaus/Wehrturm ist eine historische Wehranlage, welche in erster Linie zur Verteidigung errichtet wurde. Wehrtürme dienten dem Schutz von Städten, Siedlungen und Burgen und boten durch ihre Erhöhung über das umliegende Gelände einen wesentlichen Verteidigungsvorteil. Wehrtürme schließen, um den Einsatz von Fernkampfwaffen aller Art zu ermöglichen, mit einer offenen oder überdachten Wehrplattform ab. Alleinstehende Lughäuser waren sehr selten, da sie in eine Mauer integriert eine viel höhere Effizienz besaßen. Dennoch gab es Lughäuser zum Schutz wichtiger Knotenpunkte oder Brücken, wenn sie in dem Fall doch auch die Funktion eines Wachturms erfüllten.

2.6. Stadtmauer

Die Stadtmauer ist die Weiterentwicklung jeglicher Wall- und Palisadenanlagen. Sie ist zum Schutz von Städten gedacht, um sie vor Angreifern zu schützen. Als erste Stadtmauer wird die schon in der Bibel beschriebene Mauer der Stadt Jericho betrachtet, „deren Ursprung schon 10.000 Jahre zurückliegt.“19 In Mitteleuropa hinterließen bereits die Kelten große, stark befestigte Burgstädte.20 Waren diese Befestigungen auch bislang nur reine Holz-Erde-Konstruktion, befestigten die Römer viele Stadtgründungen mit massiven gemörtelten Steinmauern. Das bekannteste Relikt einer solchen Festungsanlage in Deutschland ist die Porta Nigra in Trier. Die Mauer selbst ist allerdings lediglich eine Umfriedung der Stadt, welche das Eindringen erschweren oder verhindern sollte. Um einen besseren Schutz darzustellen wurde sie mit Türmen oder Bastionen erweitert und bildete damit schon bald eine wehrhafte und festungsartige Form der Stadtbefestigung. Seit der Antike sind Stadtmauern ein fast unabdingbarer Bestandteil jeder Stadt.

3. Die Wehranlagen der Stadt Bernau

3.1. Entstehung und Entwicklung der Bernauer Wehranlagen

Bernu als Handels- und Kirchenstadt bekam schon sehr bald nach seiner Gründung im Jahr 1234 eine Stadtmauer, obwohl die Stadt keinen militärisch wichtigen oder gefährdeten Standort hatte. Die schnelle Errichtung der Grenzanlagen liegt wahrscheinlich in erster Linie an der Sichtbarmachung und Abgrenzung des Bernauer Stadtraums, da die Stadt mit ihrer Anerkennung auch das Stadtrecht erhielt, mit allen seinen Handelsprivilegien. So bauten schon die ersten Siedler noch im 13. Jahrhundert Wallanlagen, ein umfangreiches Grabensystem und Bodenpalisaden zum Schutz ihrer Stadt. Diese wurden bis zur Abtragung der Mauer im 19. Jahrhundert stetig erweitert und ausgebaut. Dass mit dem Bau von städtischen Wehranlagen das Ansehen einer Stadt stieg, dürfte allerdings ebenfalls eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben. Wie auch in Bernau entstanden in der Mark Brandenburg die meisten Städte und ihre Stadtbefestigungen in der Zeit der Ostkolonisation. “Vor allem seit dem 14. Jahrhundert ersetzten viele Städte die hölzerne Palisade durch eine Steinmauer.”21 Aufgrund der hohen Kosten und der langen Zeit eines solch enormen Bauvorhabens hing die Befestigung und deren Umfang meist von der Wirtschaftskraft der entsprechenden Stadt ab. “Spätestens 1340 ist die Stadtmauer [von Bernau] belegt.”22 Meist begann der Umbau mit der Errichtung eines steinernen Stadttores. Dies hatte, wie beschrieben, vor den funktionellen- meist eher repräsentative Gründe. “Die prächtigen, oft von mächtigen Türmen flankierten Tore finden sich daher oft auf den Stadtsiegeln verewigt.”23 Die Errichtung von im Gegensatz zu Holz wesentlich kostenspieligeren steinernen Wehranlagen hatte für die Einwohner der Stadt eine große Bedeutung, da das Ansehen ihrer Stadt daran hing. Die neu gebauten Stadttore vieler Städte dieser Zeit tragen daher auch explizit den Namen Steintor. So wie in Bernau tragen diesen Namen viele Tore auch heute noch. “Nach dem Bau des [bernauer] Stadttores ergänzte man die restliche Umfriedung abschnittsweise durch eine Steinmauer. Während für die Stadttore meist gebrannte Ziegel verwendet wurden, waren die Mauern selbst oft aus einfachen, mit Mörtel verfugten Feldsteinen gebaut.24

Dabei errichtete man zunächst vor allem die Teile neu, die aus verteidigungstechnischen Gründen als Schwachpunkte angesehen wurden. Eine geschlossene Stadtmauer konnte selbst größeren Heeren länger standhalten und bot so den Bürgern und den Bauern der Umgebung relativ sicheren Schutz. Die ringförmig geschlossenen Wehranlagen bestanden in der Regel aus einem außen liegenden Grabensystem und meist mehreren stark gesicherten Toren. Die Mauer selbst war mit Zinnen bewehrt, zusätzliche Wehrgänge an strategisch wichtigen Stellen ermöglichten es, dort im Notfall eine größere Anzahl an Verteidigern agieren zu lassen. Diese warfen meist Steine und Ähnliches auf die Angreifer.”25 Eine höhere Mauer sorgte bei Fallgeschossen für zusätzliche Durchschlagskraft, weshalb die Bernauer Stadtmauer an einigen Stellen bis zu 8m hoch gebaut wurde. “Im späten 15. Jahrhundert wurden die Tore und Türme in spätgotischer Bauweise in die Stadtbefestigung eingefügt. In diese Zeit fallen die Ein- und Aufbauten aus Backsteinen an den Lughäusern”26, welche in regelmäßigen Abständen in die Mauer integriert wurden. Wie anhand der Überreste dieser Lughäuser zu erkennen ist, “verfügten [diese] in der Regel über zwei Plattformen aus Holzbalken mit Bohlenbelägen. Die einzelnen Plattformen erreichte man über gemauerte Treppen oder Leitern. In der ersten Ebene wurden zur Feldseite und zu den Mauerfluchten hin Schießscharten eingelassen. Wurfluken in der Ebene darüber ermöglichten es, dass Angreifer mit Steinen oder mit heißen Flüssigkeiten traktiert werden konnten.”27 Desweiteren stabilisierten die Lughäuser die Mauer an taktisch besonders wichtigen Positionen um einen Durchbruch zu verhindern. “Da [die Lughäuser] ein Wegrutschen bzw. Ausweichen der Mauern verhindern sollten, wurden sie auch Weichhäuser genannt. Desweiteren wurden in der Stadt zwei Rund- oder Wachtürme errichtet. Schon gegen Ende des 15. Jahrhundert kündigte sich das funktionale Aus der Stadtmauern an, als erste durch Schießpulver betriebene Kanonen zum Einsatz kamen. Diese neuen Geschütze waren effektiv und schlugen riesige Breschen in die Mauern. Von nun an war nicht mehr die Höhe einer solchen Mauer entscheidend für die erfolgreiche Verteidigung. Um die Durchschlagskraft der Angreifer und ihrer Geschütze zu minimieren, war vielmehr die Distanz entscheidend, auf der man diese halten konnte. Je weiter die Geschütze entfernt waren, umso weniger Wucht lag im Aufprall der Geschosse und umso weniger Schaden richteten diese an.”28 Als Reaktion auf diese gravierende militärische Veränderung wurden über das 16. und 17. Jahrhundert hinweg immer mehr Gräben und Wälle um Bernau ausgehoben, welche noch heute im Bernauer Stadtbild zu finden sind. “Zur Verteidigungsanlage gehörte ein zwei- bis dreifaches Grabensystem, an der Nordseite sogar ein Vierfaches. Auf der Südseite, wo sich die Pankeniederung befindet, hat es vermutlich nur einen Graben gegeben. Auf dem historischen Stich von Merian um 1650 ist jedoch eine dreifache Anlage zu erkennen.”29 Die Stadtmauer hingegen wurde durch die neuen Waffen zu einem schützenswerten Gut und stellte selbst keinen Schutz mehr dar, wodurch sie zunehmend an Bedeutung verlor. Durch die politische Entwicklung gegen Ende des Mittelalters wurden die Privilegien und Rechte der brandenburgischen Städte zunehmend von ihren Landesherren vereinheitlicht, wodurch auch Bernau seine autonomen Rechte verlor. Die Stadtmauer stellte dadurch auch keine Grenze mehr für einen bestimmten Rechtsraum dar und so begann man sie aufgrund ihrer verlorenen Notwendigkeit abzutragen und nutzte das Baumaterial zum Bau der St-Marien-Kirche.“30 Dort, wo sich ursprünglich Mauern und Gräben hinzogen, breiteten sich nun Stadtstrukturen aus. Oft wurden hier im 19. und 20. Jahrhundert Parkanlagen und Gärten entlang der Ringstraßen angelegt. Gleichzeitig gewannen die Stadtmauern als kulturelles Erbe wieder an Bedeutung und man begann mit dem Wiederaufbau und der Sanierung der Anlagen.”31 32

3.2. Die heutigen Überreste der Wehranlagen Bernaus

3.2.1.Die Bernauer Stadtwälle

An der Nordseite der Stadt befinden sich noch immer 3 der 4 mittelalterlichen Wälle. Der “Mauerwall” wurde bereits vollständig bei den Sanierungsarbeiten abgetragen, wogegen der “hohe Wall”, der Kirchhofswall”33 und der “Jungfernwall” noch heute einen unauffälligen Teil in der Bernauer Parklandschaft rund um die Altstadt darstellen. Auf dem Mauerpfad34 sind diese Wälle allerdings noch mit Holzschildern gekennzeichnet und benannt.

Auf der Nordwestseite der Stadt befindet sich noch der “Berliner Wall”. Er ging einst bis an das südwestliche Ende der Stadt und war am nördlichen Anfang mit einem zweiten kleineren Wall verstärkt, wovon allerdings nichts mehr aufzufinden ist. Die übrig gebliebenen Wallanlagen sind vollständig bewachsen und fallen in der Parkanlage nicht weiter auf. Bei genauerem Hinsehen sind das allerdings die einzigen signifikanten Erhöhungen im Umfeld. Zwischen den Wällen selbst wurden Fußwege angelegt, welche den Namen der Wälle tragen.

3.2.2.Die Bernauer Stadtgräben

Von den Bernauer Grabenanlagen ist nur wenig übrig geblieben. Die letzten Zeugen ihrer Existenz sind die im Osten außerhalb der Stadtmauern befindlichen Teiche “Schwanenteich” und “Elysiumteich”. Aufgrund der Bebauung wurde das gesamte Gebiet trockengelegt und geebnet.

3.2.3.Die Bernauer Bodenpalisaden

Die Bodenpalisaden der Stadt wurden schon zum Abschluss des Baus der Stadtmauer um spätestens 1380 restlos entfernt. Heute sind keinerlei Überreste mehr in der Stadt aufzufinden.

[...]


1 Marzahn, Fischzug, S. 129.

2 Dressier, Archäologie, S. 7.

3 Gengier: Regesten, S. 204

4 http://ablesung-brb.de/wehranlagen/

5 Das Rathaus in seiner heutigen Form mit dem bernauer Stadtwappen finden sie in Abbildung 19 im Anhang

6 Baudisch, Geschichte, S. 15-21.

7 http://www.brandenburg1260.de/die_mark_brandenburg.html

8 Von Antwerpen, Slawen, S. 39.

9 Winkelmann, Brandenburg, S. 108-111.

10 Schultze, Brandenburg, S. 186.

11 http://www.stalys.de/data/ix04.htm

12 https://www.duden.de/rechtschreibung/Wehr_Anlage_Einrichtung_Stauwehr

13 https://www.duden.de/rechtschreibung/Wall_Befestigung_Aufschuettung

14 https://www.wortbedeutung.info/Wall/

15 Thurn, Wallanlagen, S. 9.

16 Thurn, Wallanlagen, S.9.

17 Vgl. ebenda, S.10.

18 Ebenda, S.10.

19 Thurn, Wallanlagen, S.9.

20 auch Opidia genannt (lat. oppidum Befestigung, Schanzanlage, fester Platz; Plural: oppida). Unter dem Begriff versteht man eine befestigte, stadtartig angelegte Siedlung der späten Eisenzeit

21 Thurn, Wallanlagen, S. 10.

22 Ebenda, S. 13.

23 Ebenda, S. 10.

24 zum Zeitpunkt der Fertigstellung war die bernauer Stadtmauer 1.500m lang und bestand aus mehr als 12.000m3 Gestein

25 Thurn, Wallanlagen, S. 10.

26 Ebenda, S. 14.

27 Ebenda, S. 14.

28 Thurn, Wallanlagen, S. 11.

29 Ebenda, S. 13.

30 Ein Bilde der St-Marien-Kirche befindet sich im Anhang unter Abbildung 23.

31 Ebenda, S.11.

32 eine genaue grafische Übersicht zu allen Wehranlagen in restaurierter, wiederaufgebauter oder erhaltener Form bietet die Abbildung Nummer 3 im Anhang ---hist darst. 24

33 Ein Bild des heutigen bewachsenen Kirchwalls mit einem Fußweg finden sie in Abbildung 25 im Anhang

34 Ein Bild des Mauerpfads mit der dazugehörigen Ausschilderung befindet sich im Anhang in der Abbildung 20.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Die Wehranlagen mittelalterlicher Städte der Mark Brandenburg
Untertitel
Die Wehranlagen der Stadt Bernau
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
41
Katalognummer
V437302
ISBN (eBook)
9783668776258
ISBN (Buch)
9783668776265
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wehranlagen, städte, mark, brandenburg, stadt, bernau
Arbeit zitieren
Matthias Marin (Autor), 2018, Die Wehranlagen mittelalterlicher Städte der Mark Brandenburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437302

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