Die Reproduktion rassistischer Stereotype in Harriet Beecher Stowes "Uncle Tom’s Cabin"


Hausarbeit, 2017
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Entstehung rassistischer Stereotype
2. 1 Der Rassebegriff und Rassestereotypen
2. 2 Der Rassismus

3 Uncle Tom’s Cabin
3. 1 Zur Entstehung des Werks
3. 2 Rassistische Stereotype in Uncle Tom’s Cabin
3. 2. 1 Das „typisch Afrikanische“
3. 2. 2 Negroes, mulattoes und quadroons
3. 2. 3 Tod oder Emigration
3. 2. 4 Gute und böse Sklavenbesitzer

4 Fazit

Literaturliste

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1 Einleitung

Am 20. März 1852 wurde Harriet Beecher Stowes sklavereikritischer Roman Uncle Tom’s Cabin veröffentlicht (vgl. Yarborough 1986: 45). Das Werk wurde zu einem großen Erfolg: Bereits im ersten Jahr wurden mehr als 300 000 Exemplare verkauft und es folgten Übersetzungen in 18 Sprachen (vgl. Railton 2008: 5), eine Kinderbuchversion (vgl. Railton 2008: 20) sowie „Merchandise-Artikel“, wie Uncle-Tom -Kartenspiele, -Porzellanfiguren und -Puzzles (vgl. Railton 2008: 21). So groß die Begeisterung in den Nordstaaten war, so groß war die Empörung in den Südstaaten. Stowe erhielt Drohungen (vgl. Yarborough 1986: 57) und ihr Buch zog zwischen seinem Erscheinen und dem Beginn des Bürgerkriegs eine Flut an „Anti-Tom-Romanen“ nach sich (vgl. Railton 2008: 19), weshalb Uncle Tom’s Cabin ein politischer Einfluss auf den Beginn des Sezessionskriegs nachgesagt wird (vgl. Huntzicker 2007: 11).

Dass Stowe sich mit ihrem Werk auf der Seite der Sklaven positionierte und für die Abschaffung der Sklaverei plädierte, ist unstrittig, und ihre Beschreibungen von Rasse und Sklaverei beeinflussten auch nachfolgende Autoren (vgl. Huntzicker 2007: 11), doch sie wurde vor allem von Schwarzen vielfach für eben diese Beschreibungen kritisiert, da sie selbst auf rassistischen Stereotypen basierten (vgl. Gossett 2008: 55; vgl. Yarborough 1986: 47).

Diese Arbeit geht daher der folgenden Frage nach: Inwiefern werden rassistische Stereotype in Uncle Tom’s Cabin reproduziert? Ist Stowe in ihrem Plädoyer für die Sklaven in die weit verbreitete Falle getappt, antirassistisch zu argumentieren, ohne selbst frei von Rassismus zu sein (vgl. Memmi 1992: 127)?

Tatsächlich ist der Rassismus nicht „das Andere“, sondern ein Phänomen, das die gesamte Gesellschaft durchdringt (Geulen 2014:8). Hall (1989:150) weist in seinem Aufsatz Die Konstruktion von ‚Rasse‘ in den Medien darauf hin, dass es ein „rassistisches Alltagsbewusstsein“ gibt, auf dessen Grundlage die Medien rassistische Ideologien – meist unbewusst – reproduzieren. Es wird mit „unhinterfragten Vorannahmen“ auf „Rasse“ referiert, die zwar auf rassistischen Prämissen beruhen, doch so tief in der Gesellschaft verankert sind, dass sie als natürlich und nicht rassistisch wahrgenommen werden (vgl. Hall 1989: 156). Dazu gehört z. B. die Annahme, es gebe die Araber oder die Schwarzen, dass es sich also um homogene Massen mit spezifischen Eigenschaften handele (vgl. Memmi 1992: 128).

Im ersten Schritt wird bestimmt, was unter den Begriffen „Rasse“ und „Rassismus“ zu verstehen ist und wie das Rassekonzept im 18. Jahrhundert entstanden ist. Im darauf folgenden Kapitel wird Uncle Tom’s Cabin auf seine rassistischen Elemente untersucht. Im abschließenden Fazit sollen die Ergebnisse zusammengefasst und die Forschungsfrage beantwortet werden.

2 Die Entstehung rassistischer Stereotype

Die Geschichte des Rassebegriffs und des Rassismus ist lang und komplex und kann hier nicht in ihrer Ganzheit wiedergegeben werden. Trotzdem soll kurz dargestellt werden, was Rassismus ist und wie der Rassebegriff sowie rassistische Stereotype entstanden sind, denn sowohl „Rasse“ als auch „Rassismus“ werden ganz selbstverständlich gebraucht, ohne dass immer klar wäre, worum es sich dabei handelt (vgl. Geulen 2014: 7).

2. 1 Der Rassebegriff und Rassestereotypen

Etymologisch lässt sich der Begriff „Rasse“ vom arabischen raz (Kopf, Anführer, Ursprung) und dem lateinischen radix (Wurzel) ableiten und wurde im 15. Jahrhundert zur Beschreibung von Adelsgeschlechtern und Pferden verwendet (Geulen 2014:14). Im ausgehenden 15. und beginnenden 16. Jahrhundert verbreitete sich die Bezeichnung race auf verschiedene Menschengruppen – zunächst in Spanien, wo er sich auf Juden und Mauren bezog, die sich zwar zum christlichen Glauben bekannt hatten, doch an ihren eigenen Traditionen festhielten und deshalb verfolgt wurden (vgl. Geulen 2014: 35), anschließend in Frankreich, wo der Geburtsadel seine Vorherrschaft gegenüber dem Amtsadel mit der Selbstbezeichnung als besondere race zu legitimieren suchte (vgl. Geulen 2014: 36) und sich der Begriff rasch zur Unterscheidung aller sozialen Stände durchsetzte, und schließlich in Italien, England, Deutschland und den osteuropäischen Ländern, wo jede Art von Kollektiv als Rasse bezeichnet wurde (z. B. die „christliche Rasse“, „menschliche Rasse“ und als Bezeichnung für Familien, Schichten, Männer, Frauen usw.) (vgl. Geulen 2014: 15, 37).

Dieser Rassebegriff hatte in seiner Dehnbarkeit jedoch noch nichts mit dem heutigen gemein, sondern war ähnlich wie die Begriffe „Hellenen“ als Selbstbezeichnung für der eigenen Kultur angehörige Menschen und „Barbaren“ als Sammelbegriff für alle Menschen anderer Kulturen im antiken Griechenland (vgl. Geulen 2014: 20, 23) sowie die christliche Unterteilung in zum Heil Berufene und Sünder (vgl. Geulen 2014: 30) nur eine Art, die eigene Gruppe von anderen Gruppen zu unterscheiden. Mitgliedern der anderen Gruppen wurde aber nicht ihr Status als Mensch abgesprochen (vgl. Geulen 2014: 21) und weder die ihnen zugeschriebenen Eigenschaften noch ihr Status außerhalb der eigenen Gruppe waren endgültig (z. B. war die Heilsfindung durch die Taufe auch als Sünder geborenen Menschen möglich, während ein zum Heil Berufener zum Sünder werden konnte) (vgl. Geulen 204: 32; Mosse 1990: 10).

Der noch heute bekannte Rassebegriff entstand erst im 18. Jahrhundert, im Zeitalter der Industrialisierung, der Französischen Revolution und anderer wirtschaftlicher und sozialer Umbrüche, die die Menschen mit einem Gefühl der Unsicherheit und Entwurzlung zurückließen – im Zeitalter der Aufklärung, die versuchte, neue Orientierung zu bieten (vgl. Mosse 1990: 30-32).

Die Aufklärer richteten sich gegen das Christentum, das nicht mehr in der Lage schien, die Welt hinreichend zu ordnen, und widmeten sich der Antike und den Naturgesetzen, auf deren Grundlage alle Phänomene in der Welt klassifiziert wurden, um sie fassen zu können (vgl. Mosse 1990: 9). In Reiseberichten seit dem 17. Jahrhundert wurden Kulturen und Menschen beschrieben, die sich von denen in Europa unterschieden (vgl. Mosse 1990: 34). Auf Grundlage der von Aristoteles entwickelten scala naturae, der linearen Anordnung aller Lebewesen mit dem Menschen an der Spitze, wurde versucht, auch die Menschheit zu klassifizieren, indem man sie in Rassen unterteilte (vgl. Oehler-Klein 2015: 422).

Die Anthropologie wurde als Wissenschaft entwickelt, um mit der neu entdeckten menschlichen Vielfalt umzugehen und sie auf der scala naturae einzuordnen, wobei sich die Wissenschaftler nicht einig darüber waren, ob die menschlichen Merkmale von der Umwelt abhängig und somit veränderbar oder aber ererbt und somit unveränderbar – wie definitiv also die Unterschiede zwischen den menschlichen Rassen – seien (vgl. Mosse 1990: 43). So waren J. B. Antoine de Lamarck (1744-1829), Georges-Louis Leclerc de Buffon (1707-1788) und Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) Anhänger der Umwelttheorie und gingen davon aus, dass die menschlichen Merkmale vom Klima und der Ernährung abhängig seien und sich somit veränderten, sobald sich diese Faktoren änderten (vgl. Mosse 1990: 44-45), während Immanuel Kant (1724-1804) und Christoph Meiners (1747-1810) glaubten, sie seien vererbbar und blieben somit auch bei Klimaänderungen konstant (vgl. Mosse 1990: 54-56). Damit einher ging auch der Streit um die Mono- oder Polygenese der Menschheit, ob also alle Menschen aus einer Schöpfung hervorgingen und somit auch eine gemeinsame Rasse bildeten oder es aber außerhalb der biblischen Schöpfungsgeschichte, bei der die weiße Rasse entstanden sei, noch weitere Schöpfungsprozesse gegeben habe, aus denen die anderen Rassen stammten (vgl. Mosse 1990: 56-57).

Unabhängig von der Veränderlichkeit oder Unveränderlichkeit menschlicher Rassen waren sich die meisten Forscher in ihrer ästhetischen Beurteilung einig. Die Antike wurde zum ästhetischen und moralischen Ideal und Maßstab, nach dem jeder Mensch beurteilt wurde (vgl. Mosse 1990: 9). Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstanden neue „Wissenschaften“ wie die von Franz Joseph Gall (1758-1828) entwickelte Phrenologie (Schädeldeutung) und die von Johann Kaspar Lavater (1741-1801) begründete Physiognomie (Gesichtsdeutung), die versuchten, den Menschen durch Vermessungen des Kopfs und Gesichts mit antiken Statuen, die das Schönheitsideal der Aufklärung darstellten, und Tieren, die sich am unteren Ende der scala naturae befanden, zu vergleichen und so auf der Stufenleiter einzuordnen (vgl. Mosse 1990: 29). Während Lamarck, Buffon und Blumenbach noch zum Großteil wissenschaftlich argumentierten und davon ausgingen, dass zwar alle Menschen unterschiedlich aussähen, aber dieselben Chancen hätten (vgl. Mosse 1990: 41), verknüpften ihre Nachfolger die Wissenschaft immer stärker mit der Ästhetik und gaben ihr mit der Behauptung, ein Mensch sei moralischer, je schöner er sei, schließlich ganz den Vorzug (vgl. Mosse 1990: 37).

Dies führte zur Entstehung rassischer Stereotype, z. B. bei Carl von Linné (1707-1778), der die weiße Rasse als schöpferisch, erfinderisch, ordentlich und gesetzestreu und damit der faulen, unaufrichtigen, zur Selbstregierung unfähigen, gedankenlosen schwarzen Rasse überlegen definierte (vgl. Mosse 1990: 45) oder Christoph Meiners, der Schwarze in Berufung auf den Anatomen Samuel Thomas Soemmerring (1750-1830) in die Nähe von Affen rückte (vgl. Oehler-Klein 2015: 426). Neben der oft aufgegriffenen Tierartigkeit der Schwarzen (vgl. Memmi 1992: 119; Mosse 1990: 51) gehörten Gleichgültigkeit (vgl. Mosse 1990: 44), Mangel an Intelligenz (vgl. Mosse 1990: 52), Kulturlosigkeit (vgl. Oehler-Klein 2015: 422), aber auch positive Eigenschaften wie die Fähigkeit, „auf eine einfache, kindliche Weise“ zu lieben, Zuverlässigkeit, eine Art primitiver Würde, Humor, Anmut und Ausdruckskraft zu den weiteren Stereotypen, die das ambivalente Bild „des Schwarzen“ bis heute formen (vgl. Hall 1989: 160-161).

In der Zeit der Aufklärung entwickelte sich im Vergleich zu den vorherigen Jahrhunderten also ein relativ konstanter und einheitlich genutzter Rassebegriff zur Kategorisierung der Menschheit. Zwar meinten nicht alle Naturwissenschaftler und Philosophen ihre Ausführungen rassistisch, sondern wollten lediglich zur Ordnung der Welt im aufklärerischen Sinne beitragen, doch legten sie trotz allem den Grundstein für den Rassismus und entwickelten Vorstellungen von über- und unterlegenen Rassen, die bis heute überlebt haben (vgl. Mosse 1990: 46, 49).

2. 2 Der Rassismus

Der Rassismus ist die „‚Lehre‘ von den Menschenrassen, von ihrem Verhältnis zueinander und zur Menschheit als Ganzem, von ihrem jeweiligen Charakter, von ihrem verschiedenen Wert […]“ (Geulen 2014: 10). Laut Mosse (1990: 7) ist er dabei:

[…] weder bloß Ausdruck von Vorurteilen noch eine simple Metapher der Unterdrückung, sondern vielmehr ein umfassendes Denksystem, eine Ideologie – wie Konservatismus, Liberalismus oder Sozialismus – mit eigener Struktur und seinen eigenen, typischen Diskursformen.

Geulen (2014: 12) betont, dass es sich nicht nur um eine Ideologie handelt, sondern ebenso um eine Praxis, weil der Rassismus zum einen ein Bild davon vermittelt, wie die Welt natürlicherweise sein sollte, und zum anderen die praktische Umsetzung dieses angenommenen Naturzustands anstrebt.

Memmi schreibt zum Zweck des Rassismus:

Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Vorteil des Anklägers und zum Nachteil seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen (Memmi 1992: 103).

Der Rassismus besteht in einer Hervorhebung von Unterschieden, in einer Wertung dieser Unterschiede und schließlich im Gebrauch dieser Wertung im Interesse und zugunsten des Anklägers (Memmi 1992: 44, Hervorhebungen im Original).

Er beschreibt rassistisches Denken und Verhalten als das Ergebnis von Angst. Auf die Angst, ein Gut oder Privileg nicht bekommen zu können oder zu verlieren, wird mit Aggression gegenüber der gefühlten Bedrohung reagiert, eine Aggression, die als Selbstschutz und „Behauptung des Ichs“ verstanden wird (vgl. Memmi 1990: 99-100). Das Ich ist dabei Teil eines Kollektivs (vgl. Memmi 1990: 116), das sich je nach Grad der Distanz zum Gegenüber (z. B. im Aussehen oder der Kultur) im Kontrast zu anderen Kollektiven sieht, denen gegenüber es Angst und Missgunst empfindet und die deshalb stereotypisiert werden (vgl. Memmi 1992: 17). Memmi (1992: 13) beschreibt die „rassistische Philosophie“ als dreistufiges System:

1. Unterscheidung verschiedener Menschenrassen nach bedeutsamen biologischen Unterschieden (Hautfarbe, Nasenform, Schädelform und -größe, Rückenkrümmung, Körpergeruch, Zusammensetzung des Blutes, Art, sich zu bewegen usw., vgl. Memmi 1990: 98)

2. Annahme der biologischen, psychologischen, kulturellen und geistigen Überlegenheit „reiner“ gegenüber anderen Rassen

3. Legitimierung von Herrschaft und Privilegien durch diese Überlegenheit

Er betont, dass weder der erste noch zweite Schritt der rassistischen Philosophie für sich genommen rassistisch sei, da sowohl die Feststellung von Unterschiedenen als auch Auf- und Abwertungen des Aussehens und Verhaltens von Menschen auf Grundlage persönlicher Vorlieben legitim seien. Der Rassismus entsteht für ihn erst im dritten Schritt, der „Verwendung des Unterschieds gegen den anderen“. (vgl. Memmi 1992: 46)

Doch diese Sichtweise erscheint zu eng, da dann beispielsweise auch negative Aussagen über Menschen mit einer anderen Hautfarbe kein Rassismus, sondern nur der Ausdruck persönlicher Vorliebe wären, solange der Anklagende aus seiner Wahrnehmung keine Herrschaft oder Privilegien ableitet. Den von Hall und Geulen beschriebenen Alltagsrassismus gäbe es demzufolge nicht. Es ist zudem nicht davon auszugehen, dass jeder, der pauschalisierend von „ den Schwarzen“ spricht oder Türken „Kanacken“ nennt, ihnen damit ihre Rechte absprechen oder besondere Privilegien ihnen gegenüber will. Die Tücke des Rassismus liegt wie eingangs beschrieben gerade darin, ihm unbewusst zu erliegen, weil er gesellschaftliche Realität ist. Allein der Sprachgebrauch oder die Tatsache, dass unhinterfragt davon ausgegangen wird, dass Menschen der Dritten Welt Opfer sind, die auf die Hilfe der Weißen warten, sind bereits rassistische Praktiken (vgl. Hall 1989: 162), ohne dass Memmis dritte Stufe damit erfüllt wäre.

Aus diesem Grund soll hier die etwas weitere Definition bis zur zweiten Stufe maßgebend sein, dass es sich beim Rassismus um eine Ideologie und Praxis handelt, bei der die biologischen Unterschiede zwischen verschiedenen Menschengruppen zu einer Aufwertung der eigenen Gruppe und Abwertung anderer Gruppen führen. In eben dieser Biologisierung der Menschheit sieht Memmi auch die Abgrenzung zwischen Rassismus und Heterophobie. Heterophobie beschreibt Fremdenfeindlichkeit im Allgemeinen, während die Ablehnung und Entwertung des Fremden beim Rassismus auf biologischer Grundlage vorgenommen wird. Rassismus ist somit ein Teil der Heterophobie. (vgl. Memmi 1992:121-122)

Wie oben erwähnt, entstand der Rassebegriff aus dem Bestreben heraus, die Menschheit zu klassifizieren und auf eben dieser Klassifizierung beruht die rassistische Ideologie. Die Notwendigkeit zur Klassifizierung ergab sich jedoch nicht allein aus dem Bedürfnis nach Ordnung in unsicheren Zeiten, sondern auch aus der Erkenntnis der Kugelform und des damit begrenzten Lebensraums der Erde (vgl. Geulen 2014: 38) und ganz entscheidend auch aus der europäischen Expansion im neu entdeckten Amerika und Afrika (vgl. Geulen 2014: 40).

Bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurden die ersten schwarzen Sklaven von Westafrika nach Amerika verschifft, zum einen, weil sie sich leichter unterwerfen ließen und zur Arbeit zu zwingen waren als die südamerikanischen Ureinwohner (vgl. Geulen 2014: 39), zum anderen, weil sich die südamerikanische Bevölkerung durch das brutale Vorgehen der spanischen Eroberer schnell dezimierte und neue Arbeitskräfte gebraucht wurden, bevor durch den Kontakt von Spaniern, Ureinwohnern und Westafrikanern eine neue, multiethnische Bevölkerung entstand (vgl. Geulen 2014: 40).

Die späteren Eroberer aus England, Frankreich und Holland rotteten die Urbevölkerung dagegen fast vollständig aus, besiedelten den Kontinent systematisch neu und verschifften weitere Sklaven von Afrika nach Amerika (vgl. Geulen 2014: 40, 43). Nach der Entwicklung der Sklaverei und des Sklavenhandels zu einem Wirtschaftssystem, das Menschen zu ökonomischer Ware machte, wurde eine Erklärung dieser Degradierung notwendig. Dies war ein wichtiger Anstoß für die Entwicklung von Rassenhierarchien mit den Schwarzen am unteren Ende der scala naturae (vgl. Geulen 2014: 43). Die Brutalität der europäischen Expansion und die Entwicklung der Sklaverei waren nicht das Ergebnis eines Rassismus, der in Europa schon vorher vorhanden gewesen wäre, sondern eine wichtige Bedingung, um ihn auf Grundlage erster rassentheoretischer Überlegungen entstehen zu lassen. Die rassistische Ideologie entstand nach der rassistischen Praxis, um sie zu legitimieren, wobei sich die Aufklärer auf Berichte von Eroberern und Missionaren stützten und sich auf antike und christliche Ideale beriefen, die die Behandlung der Sklaven als Gegenstände oder Tiere rechtfertigen sollten (vgl. Geulen 2014: 41; Memmi 1992: 119). Die daraus entstandene Ideologie wurde wiederum Grundlage für weitere rassistische Praktiken – Ideologie und Praxis bedingen sich gegenseitig und sind nicht losgelöst voneinander zu erfassen (vgl. Geulen 2014: 40, 43).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Reproduktion rassistischer Stereotype in Harriet Beecher Stowes "Uncle Tom’s Cabin"
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Rasse-Konstruktionen und die Möglichkeiten ihrer literarischen Kritik seit dem 18. Jahrhundert
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V437317
ISBN (eBook)
9783668777286
ISBN (Buch)
9783668777293
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rassismus, Onkel Toms Hütte, Uncle Tom's Cabin, Vorurteile, Stereotype
Arbeit zitieren
Franziska Riedel (Autor), 2017, Die Reproduktion rassistischer Stereotype in Harriet Beecher Stowes "Uncle Tom’s Cabin", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437317

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