Alice Salomon und der Beginn der Profession Soziale Arbeit


Hausarbeit, 2017

29 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Mensch Alice Salomon aus biografischer Sicht
2.1 Die „Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit“
2.2 Frauenbewegung und Frauenschule

3. Der Beitrag Alice Salomons zur Sozialen Arbeit
3.1 Die anthropologischen Grundlagen Alice Salomons
3.2 Alice Salomons Verständnis von Sozialer Arbeit und Wohlfahrtspflege

4. Damals und heute aus 3 Perspektiven

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„,Soziale Arbeit beruht auf dem Grundsatz, daß [sic!] die Gesamtheit für die schwachen Glieder Verantwortung übernehmen muß [sic!] . Und die Gesamtheit trägt die Schuld für alle Ungerechtigkeiten, Selbstsucht, Rücksichtslosigkeit, die sie im sozialen Kampf zugelassen hat. Sie muß [sic!] die Schäden, die daraus entstanden, gutmachen, die Leiden der Opfer zu beseitigen versuchen [Hervorh. i. O.]‘ (Salomon 1930: 532; zit. nach Kuhlmann 2000: 223).

Dieser Leitgedanke einer persönlichen Überzeugung, die Alice Salomon zu ihren Lebzeiten vertrat, scheint seiner Zeit voraus gewesen zu sein, da er damals wie heute die gesellschaftspolitischen Umstände einer Epoche entlarvt.

Er rückt soziale Not und Hilfebedürftigkeit ins Zentrum gemeinschaftlicher Verantwortung, stellt den eigentlichen Kern der Profession Soziale Arbeit in aller Deutlichkeit dar und hat dabei an Aktualität nichts verloren.

Und dennoch scheint es so, dass in der Diskussion um die Thematik Soziale Arbeit, beispielsweise im Rahmen der Medien, kaum noch der Name Alice Salomon benannt ist und ihre Rolle als Pionierin und Vorreiterin dieser Disziplin dabei selten oder gar nicht den eigentlich verdienten Platz im Fokus der Aufmerksamkeit findet.

So setzt sich die vorliegende Arbeit unter anderem mit der Frage auseinander, wer der Mensch Alice Salomon eigentlich war, führt dazu zunächst ihren Lebensweg biografisch auf und erläutert mittels einer Literaturarbeit ihre, für die Soziale Arbeit ausschlaggebenden „Meilensteine“ im Kontext der gesellschaftlichen Umstände und sozialen Gegebenheiten ihrer Epoche.

Die Arbeit führt fort mit einer Betrachtung ihres Beitrags zur Sozialen Arbeit, bedient sich dazu zweier wesentlicher Schwerpunkte ihrer diesbezüglichen Einflüsse und verfolgt damit das Ziel, auch Antworten auf die Fragen zu geben, welche jeweiligen Hinter- und Beweggründe Alice Salomons es waren, sich sozialen Fragen und Theorien zu zuwenden und welches Verständnis Alice Salomon von Sozialer Arbeit hatte.

Die Arbeit geht über in einen Vergleich von damals und heute mittels dreierlei Perspektiven und schließt mit einem rückblickend zusammenfassenden Resümee im Rahmen eines Fazits ab.

2. Der Mensch Alice Salomon aus biografischer Sicht

„,Alles, was ich während meines Lebens getan habe, hatte einen Inhalt: beizutragen zur Entstehung einer sozialen Ordnung mit mehr Gerechtigkeit, Chancengleichheit und einem tieferen Empfinden der Solidarität und Brüderlichkeit [Hervorh. d. A.]‘ (Salomon 1983: 271; zit. nach Kuhlmann 2000: 46).

Alice Salomon wurde im Jahre 1872 in Berlin geboren, sie stammte aus einer jüdischen Familie die (christlich-assimiliert) bereits seit mehreren Generationen in Deutschland lebte, ihr Vater war Geschäftsmann und ihre Mutter kam aus einer Bankiersfamilie.

Alice Salomon hatte 5 Geschwister, jedoch überlebten zwei derer die Kindheit aufgrund von Krankheit nicht (vgl. Kuhlmann 2008: 5; Kuhlmann 2000: 51).

Ein Jahr vor ihrer Geburt wurde das Deutsche Reich gegründet, Berlin wurde zur Reichshauptstadt und der preußische König zum deutschen Kaiser ernannt.

Der Vater reiste zu Lebzeiten häufig und brachte im Rahmen von Auktionen eine Vielzahl an Sammlerstücken mit nach Hause, die ihr bereits in jungen Jahren ein Gefühl für die „Vielfältigkeit und Weite der Welt“ (Kuhlmann 2000: 50) ermöglichten.

Alice Salomon wuchs, wie der überwiegende Teil der Mädchen ihrer Epoche, in der Mittelklasse der Gesellschaft auf, erfuhr dabei über die sogenannte Höhere-Töchter-Schule anstatt einer Erziehung hin zur Eigenständigkeit vielmehr eine solche hin zur Abhängigkeit von den Eltern.

Außerdem litt sie unter der Doktrin ihres Onkels, der nach dem Tod ihres Vaters zum Vormund wurde (erst nach 1900 war es Frauen erlaubt, Vormundschaften zu übernehmen) und ihre zukunftsorientierten Pläne, beispielsweise Lehrerin werden zu wollen, verurteilte und ihr untersagte.

So äußerte sie später, dass sie in ihrer Kindheit nicht glücklich gewesen sei (vgl. ebd.: 49 f.). „Dazu war zuviel (sic!) angeborene Aktivität in mir, die kein ausreichendes Ventil fand“ (Salomon 1926: 3 f.; zit. nach Kuhlmann 2000: 50).

So erging es ihr nach ihrem Schulabschluss wie vielen anderen Mädchen dieser Zeit, die ihre Tageszeit unter anderem damit verbrachten, zu sticken, Klavier zu spielen oder darauf zu warten, „bis sich der passende Ehemann fände (Kuhlmann 2008: 5). Alice Salomon beschrieb dies als eine Zeit der „leeren Erwartungen und blinden Hoffnungen“ (Salomon 1983: 37; zit. nach Kuhlmann 2000: 52).

So ist bereits in der Betrachtung ihrer jungen Lebensjahre zu erahnen, dass Alice Salomon sich aufgrund der gesellschaftlichen Vorgaben ihrer Epoche in ihren Zukunftsvorstellungen und Bestrebungen zurückgesetzt fühlte und den damaligen gesellschaftlichen Umständen ausgeliefert war.

Auf politischer Ebene entstanden zu dieser Zeit im Wilhelminischen Reich zahlreiche Vereine, beispielsweise der 1872 gegründete „Verein für Sozialpolitik“ oder der 1880 gegründete „Deutsche Verein für Armenpflege“, die sich den sozialen Problemen und Fragen ihrer Zeit zuwandten (vgl. Kuhlmann 2000: 53).

In den 90er Jahren wurden auch die ersten, durch junge Frauen geführten Bildungs- und Berufsvereine gegründet und dies in einer rasant zunehmenden Anzahl, sodass 1894 der „Bund Deutscher Frauenvereine“ (BDF) als Dachorganisation entstand.

1893 hatte sich ein Komitee zur Gründung der sogenannten „Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit“ (MFsH) gebildet, zu deren Versammlung Alice Salomon wie viele andere Mädchen eine Einladung erhielt.

Aufgabe der MFsH war es u.a. zunächst, in mehreren kleineren Gruppen der öffentlichen Armen- und Waisenpflege nachzukommen, den Verkehr mit privaten Wohlfahrtsvereinen zu übernehmen und in Kindergärten und Horten mitzuarbeiten (vgl. Kuhlmann 2000: 53 ff.).

Alice Salomon trat den MFsH überzeugt bei und begann hier mit ihrer zunächst ehrenamtlichen sozialen Arbeit.

1896 verfasste sie im Rahmen ihrer Aufgaben ihren ersten Artikel in der zu dieser Zeit herausgegeben Zeitschrift Die Frau, der bereits auf damalige Problemsituationen hinwies. So beschrieb sie darin einen Fall, in welchem eine Frau (Arbeiterin) wegen fahrlässiger Tötung eines Kindes verurteilt wurde, obwohl diese aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation und Not nicht anders hätte handeln können (vgl. ebd.: 58).

Auch hier werden erste Tendenzen deutlich, mittels welcher Perspektive Alice Salomon die sozialen Umstände und Probleme ihrer Zeit sah, inwiefern sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten darauf aufmerksam machte und damit dem damaligen Verständnis von „sozialer Gerechtigkeit“ wiedersprach.

Des Weiteren besuchte sie, ihre Tätigkeit mittlerweile beruflich ausübend, Familien, die sich hilfesuchend an eben jene MFsH wandten und so hatte sie zunehmend mehr direkten Kontakt zu den sich in Not befindenden Menschen, was zu einer ,heftigen moralischen Reaktion‘ führte (Kuhlmann 2000: 59).

„Ich rebellierte gegen die Ungerechtigkeit und die Ungleichheit der Chancen“ (Salomon 1983: 37; zit. nach Kuhlmann 2000: 59).

Alice Salomon nahm an Kursen über Soziologie und Staatsbürgerkunde teil und wurde dabei besonders beeinflusst durch den 1894 seitens Jeanette Schwerin (eine führende Persönlichkeit der Frauenbewegung) abgehaltenen Kurs Frauenpflichten im Haus und in der Gemeinde. In den MFsH gehörte Jeanette Schwerin später mit weiteren Persönlichkeiten zum Vorstand, Alice Salomon wurde zunächst Schriftführerin und kam über Jeanette Schwerin, mit welcher sie auch privat zunehmenden Kontakt unterhielt, erstmals mit dem BDF in Berührung (vgl. Kuhlmann 2000: 59 ff.).

Jeanette Schwerin sollte in ihrer Rolle im weiteren geschichtlichen Verlauf bedeutenden Einfluss auf Alice Salomon nehmen, sodass diese später sagte, „es sei gewesen, als hätte man einen ,Vorhang fortgezogen‘ […] und der Blick habe sich der Welt […], dem ,wirklichen Leben‘ [geöffnet]“ (ebd.: 60).

1896 verbrachte Alice Salomon mehrere Wochen in England, sammelte dort praktische Erfahrungen im Hinblick auf die englischen Settlements, Clubs und Konsumgenossenschaften.

1898 vertrat Alice Salomon Jeanette Schwerin beim Zwei-Jahrestreffen des BDF, da diese erkrankte, nach und nach manifestierte sich ihr Kontakt zur Frauenbewegung, ebenso wie ihre drei vorrangigen Interessen, bestehend aus der „praktischen sozialen Arbeit“, „der Frauenbewegung“ und ihrem „Interesse am internationalen Vergleich“ (vgl. ebd.: 67 f.).

1899 übernahm Alice Salomon, neben ihrem Vorsitz in den MFsH, auch die Leitung der Jahreskurse des BDF; nachdem Jeanette Schwerin im Juli 1899 verstarb, verblieb sie aufgrund „antisemitischer Strömungen“ (Lambers 2016: 35) bis 1920 auf der Position der Stellvertreterin, bis sie aufgrund weiterer Hindernisse, die ihr seitens der MFsH in den Weg gelegt wurden, vom Vorstand zurücktrat (vgl. Lambers 2016: 34; Kuhlmann 2000: 69).

Insbesondere die drei Interessenschwerpunkte (praktische Soziale Arbeit, Frauenbewegung, internationaler Vergleich) verdeutlichen, welchen Stellenwert Soziale Arbeit für Alice Salomon und die, in ihren Augen damit einhergehende Notwendigkeit der Veränderungen, Anpassungen und erstrebenswerten sozialen Reformen für sie zu haben schienen, da diese auch im weiteren geschichtlichen Verlauf ausschlaggebend für ihre persönliche Haltung und ihre noch kommenden Theorien, Handlungen und Überzeugungen waren.

1901 verfasste Alice Salomon eine Abhandlung über Die Frau in der sozialen Hilfstätigkeit, 1902 veröffentlichte sie ihr erstes Buch mit dem Titel Soziale Frauenpflichten, 1906 erschien ihre erste wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel Die Ursachen der ungleichen Entlohnung von Männer- und Frauenarbeit (vgl. Kuhlmann 2000: 74).

Weitere Thematiken, mit denen sich Alice Salomon beschäftigte und für welche sie sich einsetzte, waren u.a. Arbeitszeitverkürzungen, das Nacharbeitsverbot, die Einführung des 10-Stundentages für Frauen und den Kinder- und Mutterschutz auch bei unehelichen Mutterschaften (vgl. Kuhlmann 2000: 79 ff.).

1902 begann Alice Salomon ein Studium für die Fächer Nationalökonomie und Sozialwissenschaften, bestand dieses 1906 cum laude (vgl. Kuhlmann 2000: 94 ff.).

1908 wurde, nachdem Alice Salomon aufgrund ihres sozialen Bestrebens im Auftrag des Berliner Frauenvereins und dem Berliner Lehrerinnenverein zuvor ein entsprechendes Konzept entwarf, die erste Soziale Frauenschule im Pestalozzi-Fröbel-Haus in Berlin eröffnet (seit 1932 Alice-Salomon-Schule; heute Alice Salomon Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik Berlin), in welcher sie das Amt der Direktorin ausübte. Die Schule war in eine Unter- und eine Oberstufe eingeteilt und lehrte neben Erziehungslehre, Kinderpflege, Hauswirtschaft, Kochen und Hygiene auch Volkswirtschaftslehre und Staatsbürgerkunde. Die Ausbildungszeit umfasste 2 Jahre, ab 1912 wurde diese auf 3 Jahre ausgedehnt (vgl. Kuhlmann 2000: 110 ff.; Hummrich 1996: 55; Lambers 2016: 35).

1909 wurde Alice Salomon Schriftführerin des internationalen Frauenbundes, 1917 wurde sie Vorsitzende der ihrerseits gegründeten Konferenz Sozialer Frauenschulen Deutschlands, 1925 gründete sie die Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit (vgl. Lambers 2016: 35), 1926 veröffentlichte sie eines ihrer bedeutendsten Bücher mit dem Titel Soziale Diagnose, welches sich u.a. in die Methoden der Fragestellung und der Theorie des Helfens aufteilt (vgl. Orywa & Dröge 1989: 96; zit. nach Berger 2011: 70), im selben Jahr erschien ihr weiteres Buch Soziale Therapie (beide Werke verfasste sie mit Siddy Wronsky), 1932 wurde ihr der akademische Titel Dr. med. h.c. verliehen (vgl. Lambers 2016: 35 ff.).

Mit dem Machtantritt Hitlers kommt es zum Wendepunkt im Leben Alice Salomons.

Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung wurde sie 1933 „von den Nationalsozialisten aus allen öffentlichen Ämtern verdrängt und 1937 sogar zur Emigration gezwungen“ (Lambers 2016: 35). Über England gelangte sie in die USA und lebte fortan in New York.

1939 wurde ihr seitens der Nationalsozialisten der Doktortitel aberkannt, ebenso wurde ihr die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen (vgl. Berger 2011: 86).

„Nach fünfjähriger Staatenlosigkeit wurde Alice Salomon dann 1944 Bürgerin der USA“ (Berger 2011: 86).

Am 29. oder 30. August 1948 starb Alice Salomon in ihrer Wohnung in New York an einem Herzschlag (vgl. ebd.: 88).

Schlussfolgernd sei an dieser Stelle festgehalten, dass der Ursprung des stets zielorientierten Handelns Alice Salomons, welches sich aus ihren Überzeugungen und Ansichten nährte, in den damalig vorherrschenden sozialpolitischen und gesellschaftlichen Strukturen zu suchen ist, insbesondere aufgrund des Umstandes, dass sie eine Frau und ihr weiterer Lebensweg gesellschaftlich somit vorbestimmt war.

So hatte Alice Salomon sicherlich nicht bereits als junge Frau von 20 Jahren einen zukunftsweisenden visionären Plan vor Augen.

Der Grund ihres anfänglichen Werdegangs ist vielmehr der Situation verschuldet, dass gerade die gesellschaftlichen Umstände ihrer Zeit dafür sorgten, dass aus ihnen eine mutige Frau wie Alice Salomon hervorging, welche die sozialen Ungerechtigkeiten im weiteren geschichtlichen Verlauf zu verändern in der Lage war und damit letztlich dafür sorgte, den Weg der Sozialen Arbeit zu ebnen.

2.1 Die „Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit“

„,Einmal sollten andere warten, ob wir hineinkommen, einmal sollte jemand uns brauchen, uns das Gefühl geben, daß [sic!] auch wir ein Wert und Nutzen in der Welt sind [Hervorh. i. O.]‘ (Salomon 1940: 3; zit. nach Kuhlmann 2000: 53).

Im Jahre 1871 basierte die Sozialgesetzgebung, die Otto von Bismarck und eine parlamentarische Mehrheit zur Entwicklung eines Sozialstaates einige Jahrzehnte zuvor verfassten, auf 3 Säulen.

Dabei handelte es sich um die Sozialpolitik (staatlich überwacht), der Sozialhilfe (Verpflichtung der Städte und Gemeinden für Hilfebedürftige zu sorgen) und der Wohlfahrtspflege (Selbstverpflichtung u.a. der Religionsvereinigungen, für die eigenen hilfebedürftigen Mitglieder zu sorgen).

Jedoch veränderten sich die innerstaatlichen gesellschaftlichen Gegebenheiten und Notlagen, sodass beispielsweise Landflucht, Verstädterung, Wirtschaftskrisen und die große Depression dazu führten, dass es bei den Arbeitern und Angehörigen des Bildungsbürgertums zum Umdenken kam, insbesondere da die sozialen Unterschiede zwischen diesen beiden Klassen für die Betroffenen noch spürbarer wurden (vgl. Müller 2009: 54).

So entwickelten die Arbeiter ein „kämpferische[s] Klassenbewusstsein […] [und die] Angehörigen des Bildungsbürgertums […] [ein] Schuldbewusstsein und […] [das] dringende[ ] Bedürfnis, helfend einzugreifen, um die Auswirkungen der […] ,Volksnot‘ [Hervorh. i. O.] zu lindern“ (Müller 2009: 54).

Renommierte Zeitschriften machten auf die vorherrschende Not aufmerksam, indem Reportagen veröffentlichten, wie manche „Menschen […] an den Rand dieser Gesellschaft gedrängt worden waren“ (ebd.: 55).

Aufgrund dessen wurde zu jener Zeit eine Vielzahl an Vereinen gegründet, welche sich den sozialen Problemen zuwandten, beispielsweise der Verein für Sozialpolitik (forderte Arbeitsschutzgesetze und soziale Reformen) oder der Deutsche Verein für Armenpflege.

Da neben jenen auch immer mehr Vereine durch Frauen gegründet wurden, schien eine Dachorganisation nötig, was 1894 mit dem bereits erwähnten BDF bewerkstelligt wurde.

Alice Salomon, zu dieser Zeit 21 Jahre alt, erhielt eher zufällig eine Einladung zur Gründungsversammlung der MFsH, zu deren Mitgliedern u.a. Minna Cauer und Jeanette Schwerin (beide hatten 1888 bereits den Verein Frauenwohl gegründet) gehörten, die neben weiteren Persönlichkeiten wie Dr. Otto Köbner (Nationalökonom) zu den treibenden Kräften zählten (vgl. Kuhlmann 2000: 53 ff.; Müller 2009: 55).

Der Aufruf der MFsH besagte „dass der wirtschaftliche und kulturelle Notstand […] eine Verbitterung hervorrufe [und] [a]n dieser […] die Frauen und Mädchen gerade der ,besitzenden Stände‘ […] eine schwere Mitschuld [tragen]“ (Müller 2009: 55).

Neben weiteren Vorhaben war die systematische sozialwissenschaftliche Bildung von Frauen Ziel dieser Organisation (vgl. Kuhlmann 2000: 55).

So entstand zwischen all den verschiedenen Vereinen in bestimmten Punkten der Zielsetzung eine gewisse Gemeinsamkeit, eine vermeintlich gemeinsame Linie, zu der Alice Salomon später schrieb: „Es war die Zeit, in der die soziale Frage mehr als je im Mittelpunkt des Interesses stand“ (Salomon 1905: 14; zit. nach Kuhlmann 2000: 56, Fußnote).

Alice Salomon trat den MFsH bei und übernahm zunächst eine ehrenamtliche Aufgabe (u.a. betreute sie beispielsweise Schülerinnen mehrmals die Woche bei den Hausaufgaben) (vgl. Müller 2009: 56).

Grundsätzlich schien dies und die noch kommenden Tätigkeiten für sie persönlich einen zunehmend wachsenden Stellenwert zu haben, da sie gegenüber ihres bisherigen Daseins eine neue „Lebensperspektive sah, in der sie selber als Person vorkam und nicht als Anhängsel eines Mannes, auf den sie warten sollte, den sie bedienen sollte, zu dem sie aufschauen sollte“ (Müller 2009: 57).

Außerdem sollte Alice Salomon noch vermehrten privaten Kontakt zu Jeanette Schwerin unterhalten, die zu dieser Zeit auch Vorsitzende des BDF war.

Alice Salomon vertrat diese zunächst, bis Jeanette Schwerin 1899 verstarb.

Im weiteren geschichtlichen Verlauf wurde Alice Salomon, trotz dessen sie aufgrund antisemitischer Umstände im BDF nicht selbst zur Vorsitzenden wurde und weiterhin „nur“ die Position der Stellvertretung inne hatte, mehr und mehr selbst zur treibenden Kraft, organisierte u.a. Werbe-Versammlungen, festigte den Kontakt zu weiteren Wohlfahrtseinrichtungen, sorgte für eine qualitative und quantitative Entwicklung der Jahreskurse und konnte aufgrund vieler weiterer Maßnahmen immer mehr Frauen zu einer Mitgliedschaft in den MFsH begeistern.

1904 gab es bereits 500 Mitglieder und aus freiwillig ehrenamtlichen Tätigkeiten entwickelten sich bezahlte und unbezahlte Ämter für Frauen.

Alice Salomon erkannte zudem, dass eine rein praktische soziale Tätigkeit nicht ausreichend sei, um Soziale Arbeit effizient ermöglichen zu können, denn sie hielt eine parallel zur Praxis zu absolvierende schulische/theoretische Ausbildung für zwingend notwendig, so dass im Zuge dessen 1908 die erste Soziale Frauenschule in Berlin eröffnet wurde (vgl. Kuhlmann 2000: 70 ff.).

So kann die ursprüngliche Einladung zur Gründungsversammlung der MFsH wohl als ein schicksalhaftes Ereignis benannt werden, dass den weiteren Lebenslauf Alice Salomons und damit, hinführend zum Beginn der Profession Sozialer Arbeit, diesen unter ihrem Mitwirken in entscheidendem Maße beeinflusste.

Anhand der vielen niedergeschriebenen Gedanken Alice Salomons lässt sich feststellen, dass es zwar nie ihr Wille gewesen ist, die gesellschaftlichen Umständen ihrer Zeit (sich als Frau unterwerfen zu müssen) zu akzeptieren.

Es war aber auch, zumindest zu Beginn ihres außerordentlichen Lebensweges, wohl nie ihr erklärtes Ziel, eine derartige Rolle in der Geschichte Sozialer Arbeit einzunehmen, die kaum bedeutender hätte sein können.

Erst mit dem, aus den Umständen ihrer Zeit resultierenden Eintritt in die MFsH und in die damit verbundene Frauenbewegung ermöglichten ihr eine neue Perspektive zu ihrem bisherigen Leben, die ihrem „Dasein einen Sinn“ zu geben schien und im weiteren Verlauf dazu führte, dass Alice Salomon zu der Person wurde, die sie am Ende ihres Lebensweges war.

2.2 Frauenbewegung und Frauenschule

„,Ich konnte nicht länger daran zweifeln, daß [sic!] all die Reformen, die wir erreicht hatten, zunichte gemacht würden, wenn nicht Frauen als Leiterinnen in die verschiedenen Zweige des öffentlichen Dienstes berufen würden [Hervorh. i. O.]‘“

(Salomon 1983: 214; zit. nach Kuhlmann 2000: 176).

Die Situation für Frauen des 19. Jahrhunderts ist in ökonomischer und rechtlicher Hinsicht als nachteilig zu beschreiben. So schlossen sie sich in einer gemeinsamen Bewegung gegen die gesellschaftlich ungerechte Behandlung ihrer Zeit zusammen, bis sich aufgrund unterschiedlicher Ziele und Interessen aus einer ursprünglich vereinten nun zwei Seiten bildeten, die sich voneinander abspalteten.

Auf der einen sah sich die proletarische Frauenbewegung (Arbeiterfrauen), die für eine grundsätzliche Verbesserung ihrer Situation eintrat, ihr gegenüber stand die bürgerliche Frauenbewegung (vgl. Kauffeldt 1980: 93; zit. nach Hummrich 1996: 26), die für „mehr Bildung [der Frauen] und gegen das Patriarchat kämpfte[ ], also um […] [deren] persönliche Freiheit rang“ (Hummrich 1996: 26).

Eine Vielzahl an Persönlichkeiten der Frauenbewegung dieser Zeit, u.a. Louise Otto-Peters (trat bereits 1843 für die Teilnahme der Frauen an den Interessen des Staates ein), Alice Schmidt und Henriette Goldschmidt (vgl. Nave-Herz 1988: 13; Peters 1984: 44; zit. nach Hummrich 1996: 26 f.) „setzten sich für das Recht der Frau auf Bildung und freie Berufswahl ein, um auf diesem Weg Selbstständigkeit und Mündigkeit für die Frauen zu erwirken“ (Hummrich 1996: 26).

So schlossen sich während dieser Zeit mehrere Frauenverbände zum BDF zusammen und vereinten unter der Prämisse „Zusammengehörigkeit aller Frauen“ (ebd.: 27) die unterschiedlichen Ziele der Vereine, wie beispielsweise „,die Erhöhung sittlicher Werte in der Menschheit‘“ (Bäumler; Lange 1901: 4; zit. nach Hummrich 1996: 27), und dass „die Arbeit, welche Grundlage der ganz neuen Gesellschaft sein soll, […] eine Pflicht und Ehre des weiblichen Geschlechts [sei]“ (Peters 1984: 44; zit. nach Hummrich 1996: 27) und dass „,[d]ie Zukunft […] den Frauen gehören [solle], die sich in weiblicher Bescheidenheit, im Bewußtsein [sic!] ihres gesellschaftlichen Standes und aufopferungsvoll für andere […] um die Anerkennung der ‘natürlichen Ordnung‘ [Hervorh. i. O.] zwischen den Geschlechtern und […] sozialen Klassen verdient machen wollten‘“ (Simmel 1980: 115; zit. nach Hummrich 1996: 27).

Wie bereits unter Kapitel 2.1 „Mädchen –und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit “ näher beschrieben, setzte sich auch Alice Salomon im Rahmen ihrer Mitgliedschaft für die berufliche Bildung der Frauen ein, übernahm 1899 den Vorsitz der MFsH, wurde 1900 stellvertretende Vorsitzende im BDF, organisierte bereits zuvor Jahreskurse in der Wohlfahrtspflege, aus denen 1908 die erste Soziale Frauenschule in Berlin hervorging und die eine zunächst zweijährige Ausbildung „mit dem Ziel einer Qualifizierung Sozialer Arbeit als Ehrenamt anbot“ (Lambers 2016: 34).

Bis 1920 entstanden weitere soziale Frauenschulen, die sich alle einem einheitlichen Ausbildungsprogramm und eigener Prüfungsordnung verschrieben.

Zum Ausbildungsprogramm, welches mit einer staatlichen Anerkennung und der Berufsbezeichnung Wohlfahrtspflegerin endete, gehörten drei zur Wahl stehende Ausbildungsschwerpunkte: 1.) die Gesundheitsfürsorge, 2.) die Jugendfürsorge und 3.) die allgemeine und wirtschaftliche Fürsorge.

Alice Salomons Bestreben war es stets, eine schulische Ausbildungsmöglichkeit für Absolventinnen der Volksschule zu ermöglichen, die fernab der universitären Ausbildung angelegt sein sollte (Lambers 2016: 38).

Dies entsprach, neben ihrem Leitbild von einer praxisorientierten Ausbildung, auch „den Idealen von Mütterlichkeit der bürgerlichen Frauenbewegung“ (ebd.).

Vor allem diesem Leitgedanken seitens Alice Salomon ist besonderes Augenmerk zu widmen, da er aus der Überzeugung, dass „,Frauen für Frauen in so verständnisvoller und sachgemäßer Weise eintreten können, wie es ein Mann- niemals zu thun (sic!) imstande ist‘“ (Salomon 1903: 173; zit. nach Kuhlmann 2000: 75) resultierte.

Weiter beschrieb Alice Salomon, dass „die meisten Notlagen ,fast durchweg auf ein zerrüttetes häusliches Leben zurückzuführen (seien) [Hervorh. i. O.] [und] die Frau […] die geborene Helferin [sei]‘“ (Salomon 1901: 38; zit. nach Kuhlmann 2000: 75).

Unterteilt in eine Ober- und eine Unterstufe erfuhren die Schülerinnen an der Sozialen Frauenschule Berlins die jeweils den Stufen entsprechenden Bildungsschwerpunkte.

Diesbezüglich verfolgte die Oberstufe die eigentliche soziale Bildung, die Unterstufe verfolgte die allgemeine Bildung, zu welcher Erziehungslehre, Kinderpflege, Hauswirtschaft, Kochen, Hygiene, aber auch Volkswirtschaftslehre und Staatsbürgerkunde zählten und es war den Schülerinnen möglich, bereits die Unterstufe mit einem qualifizierten Abschluss zu beenden.

In der Oberstufe leisteten auch die MFsH Vorlesungen und Kurse, es wurden u.a. Familienrecht und Sozialhygiene gelehrt (vgl. Kuhlmann 2000: 115), aber insbesondere auch die „,Einführung in die Probleme der sozialen Arbeit‘ und [die] ,Theorie und Geschichte des Armenwesens und der Armenpflege‘“ (Kuhlmann 2000: 115).

[...]

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Alice Salomon und der Beginn der Profession Soziale Arbeit
Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
29
Katalognummer
V437372
ISBN (eBook)
9783668776395
ISBN (Buch)
9783668776401
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alice Salomon, Wohlfahrtspflege, Mädchen- und Frauengruppen, Soziale Arbeit
Arbeit zitieren
Ron Thelen (Autor:in), 2017, Alice Salomon und der Beginn der Profession Soziale Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437372

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