Von den ersten Schriften zum modernen Alphabet - Wie das lateinische ABC entstand


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Wie aus Bildern Schrift wurde
2.1.1 Die Bilderschrift als Vorstufe
2.1.2 Eine Definition von „Schrift“
2.1.3 Techniken der Schrift
2.1.3.1 Logographie und Phonographie
2.1.3.1.1 Logographie
2.1.3.1.2 Phonographie
2.2 Die ägyptische Segmentalschrift
2.2.1 Heilige Zeichen, die Hieroglyphen
2.2.2 Das Rebusprinzip
2.2.3 Für die Priester, für das Volk, die Kursivformen Hieratisch und Demotisch
2.3 Die minoischen Schriften
2.3.1 Linear A
2.3.2 Linear B
2.3.3 Kretische Hieroglyphen
2.4 Die Keilschrift des Nahen Ostens
2.4.1 Homophonie und Determinative
2.4.2 Schriftform als Folge von Schreibmaterial
2.4.3 Die sumerische Keilschrift als „scribua franca“ des östlichen Mittelmeergebietes
2.4.5 Das Keilschrift-Alphabet aus Ugarit
2.6 Zwischen Silben- und Konsonanten: Die Byblos-Schrift
2.7 Das Proto-Sinaitische und das Proto-Kanaanitische
2.8 Das phönizische Konsonantenalphabet
2.9 Das griechische Alphabet
2.9.1 Der Fortschritt des griechischen Alphabets
2.10 Das Lateinalphabet

3. Schluss

1. Einleitung

Die Schrift gehört zu den ältesten Kulturtechniken der Menschheit. Die kulturelle Entwicklung des Menschen ist durch die Schriftentwicklung revolutioniert worden. Durch diese Technologie wurde die Akkumulation und der Transfer von Wissen auf eine neue Stufe gehoben. Es wurde durch sie möglich, Informationen zu codieren, die codierte Information über lange Zeit und über weite Entfernungen zwischen Sender und Empfänger in ihrer Genauigkeit zu bewahren, so dass der Empfänger sie wieder verlust- und verfälschungsfrei dekodieren konnte.

Schriftsysteme sind zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Teilen der Erde entwickelt worden. Vorstufen einer Schrift sind nach Ansicht mancher Wissenschaftler schon 5500 v. Chr. in Südosteuropa entstanden. Allgemein werden jedoch die ägyptischen Hieroglyphen (ca. 3500 v. Chr.) und die sumerische Keilschrift in Mesopotamien (ca. 2700 v. Chr.) als früheste Schriftsysteme betrachtet. Gemäß der These von der Polygenese der Schrift entstanden unabhängig von diesen Schriften weitere Schriftkulturen, wobei die indische Indusschrift (2300 v. Chr.), die chinesische Schrift (1900v. Chr.) und die Schrift der Olmeken in Südamerika (1000 v. Chr.) als wichtigste zu nennen sind.

Geschrieben wurde (und wird ) in bzw. auf Ton, Stein, Knochen, Papyrus, Ostraka, Pergament, Palmblätter, Leder, Textilien, Wachs, Metall, Stoff und Papier. Es gab verschiedene Schreibtechniken, die wie das Trägermaterial die Form der Zeichen beeinflußte. Es wurde mit Pinseln aus ausgefaserten Enden von Pflanzenstielen geschrieben, es wurde mit spitzen Gegenständen in Ton geritzt oder mit Meißeln in Stein geschlagen. Auch Federkiele dienten als Schreibwerkzeug. Heute liegen die meisten Schriftdokumente gedruckt oder als Datensatz für Computer vor, doch auch die Handschrift wird weiterhin häufig mit Füller und Tinte oder ähnlichem geschrieben.

Lange Zeit wurde Schrift nur von sozialen, ökonomischen und politisch-religiösen Eliten benutzt, bis es mit der Erfindung der Typographie zu einer allmählichen Demokratisierung des Schreibens kam.

In meiner Arbeit möchte ich die wichtigsten und ältesten Schriften des Nahen Ostens, wie die Schriftzeichen der sumerischen Piktographie oder die ägyptische Hieroglyphenschrift, vorstellen, sowie die Entstehung des heute auf aller Welt verbreiteten lateinischen Alphabets nachzeichnen.

2. Hauptteil

2.1 Wie aus Bildern Schrift wurde

2.1.1 Die Bilderschrift als Vorstufe

Die frühesten Anfänge der Informationsfixierung lassen sich im Nahen Osten in der Jungsteinzeit finden. Neben der Werkzeugherstellung erlernten die Menschen dort Ackerbau und Viehzucht und wurden seßhaft. Es kam zur Bildung größerer Gemeinschaft in Form von Stadtstaaten, wie zum Beispiel Ur, Nippur und Lagasch. In dieser neuen Lebensform kam der Wunsch nach Fixierung von Information auf. Im Gegensatz zu eiszeitlichen Höhlenmalereien, bei denen es sich vermutlich um Beschwörungen und magischen Riten handelte, sollte nun Eigentum gekennzeichnet werden.

Sumerische Siegelzylinder und Eigentumsmarken aus dem frühen 4. Jahrtausend erlauben uns aber eine gewisse Vorstellung einer Bilderschrift.

Anderer Meinung ist der Schriftforscher Harald Haarmann, er glaubt, dass die frühesten schriftähnlichen Formen aus der viel älteren, sogenannten Vinca-Kultur (5300 – 3500 V. Chr. ) in Südosteuropa stammen und für den sakralen Gebrauch bestimmt waren[1]. Diese These ist jedoch umstritten. Festzuhalten ist, dass man bei beiden Kulturen noch nicht von einer „richtigen“ Schrift sprechen kann.

2.1.2 Eine Definition von „Schrift“

„Die Bilder wurden in diesem Augenblick zu einer Schrift, die Gedachtes und Gesprochenes so festhielt, dass es ohne zeitliche Begrenzung immer wieder dargestellt, also abgelesen werden konnte. Schrift im Sinne eines wirklichen Festhaltens von Gedachtem und Ausgesprochenem ist eigentlich erst von dem Punkt an zu werten, wo Zeichnungen oder Zeichen in direkter Beziehung mit ausgesprochenen Silben, Wörtern oder Satzbegriffen auftreten.“[2]

2.1.3 Techniken der Schrift

2.1.3.1 Logographie und Phonographie

Betrachtet man den Akt des Schreibens also als ein Verquicken von Zeichen mit sprachlichen Elementen, so kann man zwei Arten, wie geschrieben wird unterscheiden. Es gibt die Logographie (von griechisch: logos „Gedanke“+ graphein „schreiben“). „Die Logographie orientiert sich an der Wortbedeutung, wobei ein Schriftzeichen für ein Wort steht.“[3] Daneben gibt es die Phonographie (von griechisch phoné „Ton, Laut“ + graphein „schreiben“). Die Symbole dieser beider Gruppen kann man wieder in je drei Untergruppen aufteilen.

2.1.3.1.1 Logographie

Bei der Logographie sind das

1. die Piktogramme: eine naturalistische Abbildung des bezeichneten Dings. „Bildzeichen, die das meinen, was sie darstellen.“[4] Sie sind die ältesten Bestandteile der altertümlichen Schriftsysteme. Nach Meinung vieler Forscher haben alle Schriftsysteme ihren Ursprung in reinen Bilderschriften.„Die Etymologien verschiedener alter und neuer Sprachen bestätigen, dass die reine Bilderschrift, also die Darstellung des gemeinten Gegenstandes die Urform der Schrift gewesen ist.“[5] Piktographische Zeichen haben den Nachteil, dass sich abstrakte Begriffe damit schlecht ausdrücken lassen.
2. Die Ideogramme: Hier besteht zwar kein direkter Begriff zwischen Bild und gemeintem Begriff, aber die Ideogramme funktionieren, indem sie im Leser Assoziationen hervorrufen, indem man zum Beispiel die Abbildung eines Gegenstandes auch für die Tätigkeit, die mit ihm ausgeübt wird verwendet. So steht die Abbildungen eines Fußes in der altsumerischen Schrift für „gehen“. Diese Bedeutungen müssen allerdings durch Konventionen innerhalb der Sprachgemeinschaft festgelegt werden. Bildzeichen haben von Kultur zu Kultur verschiedene Bedeutungen. Während der westliche Mensch das Bild einer Kuh mit Milch und Fleisch in Verbindung bringt, assoziiert ein indischer Hindu vielleicht eher etwas heiliges mit diesem Bild. Viele Ausrücke wurden durch Kombination von mehreren Zeichen pro Sinneinheit festgehalten: so wurde „Wildochse“ im sumerischen aus den Zeichen für „Ochse“ plus dem für „Berg“ dargestellt. „Essen“ bestand aus der Kombination von „Mund“ plus „Brot“[6]. Die Nachteile eines solchen Systems bestehen in der großen Menge erforderlicher Zeichen sowie der Mehrdeutigkeit. „Mund“ plus „Brot“ könnte zum Beispiel auch für einen Menschen stehen, dessen Broterwerb es ist, Reden zu schreiben.
3. Eine weitere Möglichkeit logographisch zu schreiben besteht in der Verwendung von abstrakten Zeichen. Als Beispiele hierfür kann man die Zeichen %= „Prozent“, @= „at“, +=plus und viele weitere nennen.

Alle drei Varianten zeichnen sich dadurch aus, dass es durch sie zwar möglich wird, einen Einzelbegriff zu fixieren, nicht jedoch Gedankensequenzen und Lautstrukturen.

2.3.1.2 Phonographie

Chronologisch etwas später entwickelte sich die Phonographie. Bei diesem System fällt die Bedeutung nicht ins Gewicht. „Vielmehr ist die Differenzierung der Laute aus denen sich einzelne Wörter zusammensetzen entscheidend für die Anwendung von Schriftzeichen.“[7] Auch hier gibt es wieder drei Untergruppen:

1. die Segmentalschrift: Wie der Name schon sagt, werden hier nur Teile, Segmente, des ausgesprochenen Wortes aufgeschrieben. In der Hieroglyphenschrift der Ägypter sind das zum Beispiel nur einzelne Konsonanten und zwei- bzw. drei gliedrige Konsonantengruppen, durch die ein Wort gebildet wird aufgeschrieben, nicht jedoch die Vokale.
2. Die Silbenschrift: Auch hier erklärt sich die Idee des Systems schon fast durch den treffenden Namen.“ Das Wesen einer Silbenschrift besteht darin, dass ganze Silben und nicht einzelne Laute, schriftlich fixiert werden.“[8] Zwar gibt es auch Zeichen, die für Silben stehen, die nur von einem Vokal gebildet werden, doch der Großteil der Silben besteht aus einem Konsonant+Vokal, Vokal+Konsonant, oder Konsonant+Vokal+Konsonant.
3. Bei einer Alphabetschrift steht je ein Graphem für ein Phonem. Reihenfolge und Lautwert sind durch Konvention festgelegt. Durch Verbinden der Einzellaute werden Worte gebildet . Buchstabenschriften können entweder nur Konsonanten beinhalten, wie dies im phönizischen Alphabet der Fall war oder aber auch Konsonanten und Vokale, wie es zum ersten Mal beim griechischen Alphabet der Fall ist. In diesem System ist die menschliche Sprache in ihre kleinsten Einheiten zerteilt. Bei allen genannten Varianten findet ein Kompromiss zwischen der Genauigkeit der phonetischen Wiedergabe und der Größe des Zeichenschatzes statt. Die Länge eines Alphabetes hängt auch mit der Anzahl der für die Aussprache der jeweils zu schreibenden Sprache zusammen. „Die meisten Alphabete umfassen 20 bis 30 Grundsymbole. Das kleinste ist das Rotokas-Alphabet der Salomoninseln mit seinen 11 Buchstaben, das größte ist das Khmer-Alphabet, das 74 Buchstaben hat.“[9]. Alphabetschriften sind universell zum Schreiben fast jeder Sprache einsetzbar und schnell erlernbar.

Alle drei Möglichkeiten der Phonographie können die Lautstruktur eines Wortes bezeichnen, nicht jedoch Einzelbegriffe oder Gedankengänge fixieren.

2.2 Die ägyptische Segmentalschrift

2.2.1 Heilige Zeichen, die Hieroglyphen

Die ägyptischen Hieroglyphen sind neben der sumerische Keilschrift das zweite alte Schriftsystem. „Wie in Sumer, so ist auch in Ägypten die Schrift eine zivilisatorische Errungenschaft, die im Dienst einer theokratischen Gesellschaftsordnung steht.“[10] Während die Schrift in Sumer jedoch hauptsächlich für die Verwaltung der Tempel diente, wurde sie in Ägypten für sakrale Zwecke wie die Verehrung der Gottkönige gebraucht. Insofern ist der Name Hieroglyphen, , was soviel bedeutet wie „heilige Ritzzeichen“ gerechtfertigt. Er wurde von dem 220 v. Chr. gestorbenen Clemens Alexandrinus geprägt.

Hieroglyphen wurden meist in Stein gemeißelt oder an Wände von Tempeln oder Grabstätten gemalt. Viele Schriftdokumente liegen auf Papyrus vor. „Der Name „Papyrus“ ist offenbar vom ägyptischen „pa-en-per-aa“, „das, was dem König gehört“ abgeleitet.“[11]

„Um etwa 200 u. Z. scheint die Hieroglyphenschrift in Vergessenheit zu geraten; die späteste Inschrift stammt aus der Zeit des Kaisers Decius (249-251).[12]

[...]


[1] Vgl.Haarmann I, S. 71 ff.

[2] Frutiger, S.112.

[3] Haarmann I, S. 148.

[4] Földes-Papp, S. 47.

[5] Földes-Papp, S. 38.

[6] Vgl. Jensen, S. 76.

[7] Haarmann I, S. 148.

[8] Haarmann I, S. 149.

[9] Robinson, S. 169.

[10] Haarmann I, S. 103.

[11] Robinson, S.107.

[12] Jensen, S. 61.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Von den ersten Schriften zum modernen Alphabet - Wie das lateinische ABC entstand
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Sprachgeschichte
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
25
Katalognummer
V43740
ISBN (eBook)
9783638414715
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit zeichnet den oft verschlungenen Weg der Entstehungsgeschichte der modernen Schrift auf verständliche Weise nach. Als Grundlage dienten die Standardwerke zu diesem Thema.
Schlagworte
Schriften, Alphabet, Sprachgeschichte
Arbeit zitieren
Jörg Hartmann (Autor), 2003, Von den ersten Schriften zum modernen Alphabet - Wie das lateinische ABC entstand, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43740

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