Sein Werk war ein Zerstörerisches. Zur Funktion der Außenseiterfigur Oskar Matzerath im kulturhistorischen Kontext anderer Sonderlinge


Hausarbeit, 2016

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Außenseiterfiguren der Literatur
2.1. Über Schelme
2.2. Über Narren/Clowns
2.3. Über Irre

3. Außenseiter als Gesellschaftskritik

4. Vergleich
4.1. Oskar und Simplicissimus
4.2. Oskar und Schnier
4.3. Oskar und Isa
4.4. Oskar und alle drei Sonderlingsfiguren-Hervorhebung der Gemeinsamkeiten

5. Oskar und Gesellschaftskritik- Schluss

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die Geschichte um Oskar Matzerath in Günter Grass‘ Blechtrommel ist ohne Zweifel einer der bedeutendsten Romane der Nachkriegsliteratur. Ausführlich, komplex, symbolträchtig und an vielen Stellen verwirrend, ist es sicherlich auch eines der am meisten interpretierten und analysierten Werke. Diese Arbeit wird sich speziell mit der Figur des Oskar Matzerath auseinandersetzen. Es wird die Frage gestellt inwiefern Oskar als eine Außenseiterfigur bezeichnet werden kann, mit einem besonderen Hinblick auf Sonderlinge. Dazu wählt diese Arbeit den Typus des Schelm, Narren und Irren aus. Zunächst soll ein theoretischer Hintergrund geschaffen werden, der die zu behandelnden Charaktere und den jeweiligen Außenseitertyp vorstellt. Im Weiteren wird gezeigt werden wie Außenseiterfiguren in der Literatur immer wieder als Mittel zur Gesellschaftskritik benutzt werden Im Anschluss sollen die verschiedenen Sonderlinge mit Oskar verglichen und Gemeinsamkeiten hervorgehoben werden. Infolge des Vergleichs wird sich zeigen, dass Sonderlingsfiguren sich zwar im Detail von Epoche zu Epoche und in den verschiedenen Genres unterscheiden, dass jedoch alle die Kriterien gemeinsam haben, die sie zum Kritikmedium machen.

2. Außenseiterfiguren in der Literatur

Außenseiterfiguren zu definieren ist ebenso schwierig, wie grundlegend wichtig für diese Arbeit.

Der spanische Kulturtheoretiker José Ortega beschreibt einen Außenseiter als den, der das Gegenteil von Masse verkörpert. Damit eine Kultur einen Außenseiter hervorbringen kann, muss in dieser ein Grundkonsens über bestimmte Verhaltensnormen zugrunde liegen, den alle Mitglieder einer Gesellschaft akzeptieren. Dementsprechend sind die Außenseiterfiguren so fluktuativ wie die Normen einer Gesellschaft. Dies macht es schwer sie auf allgemeine Verhaltensmuster oder Charakteristika festzulegen.[1]

Infolgedessen bleiben viele Definitionen des Sonderlings schwammig. Dennoch kann nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass immer wieder Versuche unternommen wurden den Sonderling der Literatur zu definieren, davon ausgegangen werden, dass zwischen mehr oder weniger disparat erscheinenden Außenseiterfiguren ein bestimmter und auffälliger, wenn auch nicht direkt greifbarer, Zusammenhang besteht. Schon Hermann Meyer geht in seiner bereits 1943 erstmalig veröffentlichten Studie zum Sonderling in der deutschen Dichtung von einem stofflich gegebenen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Figuren seiner Analyse aus, auch wenn er mit der Uneindeutigkeit der Stoffbegrenzung hadert.[2] Er stellt seine Untersuchung unter den Schirm der „bunten Mannigfaltigkeit“[3] und suggeriert, dass sich eine Definition im Laufe der Analyse offenbaren wird. Trotz der offensichtlichen Problematik soll für diese Arbeit, und um eine kontextuale Einordnung zu ermöglichen, dennoch eine Behelfsdefinition festgelegt werden.

Für die Behelfsdefinition soll ebenfalls zunächst von der Prämisse ausgegangen werden, dass eine Einheit zwischen den Außenseiterfiguren besteht, die unabhängig von Epoche oder Genre ist. Im Kontrast dazu steht allerdings die starke Abhängigkeit von der literarischen Gattung. Außenseiterfiguren scheinen primär eine Erscheinung des Romans oder der Novelle zu sein. Erst die erzählerische Dichtung ermöglicht eine detaillierte, nuancenreiche und auch psychologisierte Darstellung der Handlung, die den Sonderling in seiner Existenz rechtfertigt.

Ein Sonderling ist also eine in Roman oder Novelle auftretende Außenseiterfigur, die durch ein sie konstituierendes Merkmal vom Durchschnittlichen abweicht. Dabei kann es sich um eine partielle Unangepasstheit, ein Nachgehen von nicht allgemeinen Neigungen, Abweichungen in den Lebensgewohnheiten oder dem Körper handeln. Weiterhin zeichnet sich der Sonderling eben durch seine Variabilität aus, die allgemeinen kulturellen Wandlungen unterworfen ist[4]. Sonderlinge müssen nicht als positive Charaktere angelegt sein, sondern bekommen ihre positiven Akzente im Zuge einer Sozialkritik durch den Kontext.

Die Begriffe Außenseiter und Sonderling werden in dieser Arbeit weitestgehend synonym benutzt.

Die in dieser Arbeit vorgestellten Typen des Sonderlings sind nur eine, vor allem auch durch die Länge der Untersuchung eingeschränkte, Auswahl aus einer breitgefächerten Fülle von Figuren, die als Abweichung von irgendeiner vorherrschenden Norm konzipiert sind.

Im Folgenden sollen die Figurentypen und jeweils ein Vertreter vorgestellt werden.

2.1 Über Schelme

Der deutsche Schelm stammt vom spanischen Picaro ab, der als Figur eingebunden in einen spezifischen spanischen Sozialkontext ist. Mittels der Gestalt des Picaros, der aufgrund seiner niederen sozialen Herkunft von Geburt an als Außenseiter bestimmt war, wurde Kritik an der selbstgefälligen christlichen Gesellschaft geübt. Der Schelm der deutschen Literatur steht ebenfalls in der Tradition des Außenseiters von niederem Stand, der seiner Lebenswelt kritisch gegenübersteht. Entscheidend für die Figur des Schelms ist außerdem sein trickreicher, oder lebenskluger Charakter. Er ist nicht gebildet, da die sozialen Begebenheiten dies nicht zulassen, aber ist mit seinem derben Witz und seiner ‚naiven‘ Weltansicht weitsichtiger als seine heuchlerischen Mitmenschen, die von ihren eigenen Lügen und Konventionen vollkommen verblendet sind.

Der Schelmenroman ist als fiktive Autobiographie angelegt, in der der Ich-Erzähler von seinen aberwitzigen Abenteuern in der Welt berichtet. Da er nirgendwo gänzlich dazugehört, ist der Schelm permanent in Bewegung. Dabei trifft er auf seinen Reisen auf Vertreter unterschiedlichster Gesellschaftsschichten. Der starke Gegensatz zwischen Anti-Held und Gesellschaft, und der nichts beschönigende Blick des Schelms ermöglichen einen kritisch-realistischen Blick auf die Welt. Seine Außenseiterposition ermöglicht ihm darüber hinaus Gesellschaftskritik zu üben, die von ironischer Bloßstellung über groteske Verzerrungen reichen kann.[5]

Als Repräsentanten des Schelms soll in dieser Arbeit Grimmelshausens Simplicissimus vorgestellt werden. Grimmelshausens Schelmenroman ist eine autobiographische Bekehrungsgeschichte, die im Verlauf der Handlung ihre eigene Parodie mitliefert. Zur Zeit des 30Jährigen Krieges wächst der ungebildete Ich-Erzähler auf dem Hof seiner Eltern auf. Er kennt allerdings weder seinen eigenen Namen, noch den seiner Eltern. Im Alter von zehn Jahren entgeht er knapp einem Angriff auf den elterlichen Hof, den er nur verständnislos beobachten kann. Auf der Flucht wird er von einem Einsiedler aufgenommen, der ihn christlich erzieht, und aufgrund seines einfältigen Charakters Simplicissimus tauft. Nach dem Tod des Eremiten beginnt für den Jungen ein unstetiges und abenteuerliches Leben. Er gerät von einer Not in die nächste und kann sich stets nur knapp befreien. Von seinen Mitmenschen wird er ausgelacht und ausgenutzt und steht auch trotz kurzlebiger Freundschaften und Beziehungen am Ende immer wieder alleine da. Aufgrund der enttäuschenden Erfahrungen mit der Welt beschließt er dieser den Rücken zu kehren. Als Einsiedler lebt er auf einer Insel, wo er Ruhe vor den Versuchungen der Welt findet.

2.2 Über Narren/Clowns

Die Übergänge zwischen Schelm- und Narrenfiguren sind fließend. Mit großer Sicherheit sogar überschneiden sich Schelmenschicksal und Narrentum in den meisten Fällen. Viele Schelmenfiguren der Literatur können dementsprechend auch als Narrenfiguren betrachtet werden. Für den Zweck dieser Arbeit, und eine bessere Gegenüberstellung der gewählten Sonderlingsfiguren, soll hier dennoch zwischen beiden Figuren unterschieden werden. Zum Zwecke der Unterscheidung soll die Definition des Narren sich hier nach Elisabeth Frenzels Motiven der Weltliteratur richten, die das Narrentum als Berufsstand definiert.[6]

Schelm wäre man demnach also von Geburt aus. Zum Narren dagegen ‚kann man werden‘. Narrentum als Berufsstand setzt voraus, „dass die geistige und damit verbundene seelische oder auch körperliche Abnormität des zu diesem Stand Gehörigen nicht so weit geht, dass er sie und seine mit ihr verbundenen Fähigkeiten – akrobatische und mimische Künste, musikalisches Können, Kopieren und Karikieren anderer Menschen, Geschichten erzählen und witzige Antworten zur Verfügung haben- nicht zur Erwerbung seines Lebensunterhalts einsetzen kann.“[7] Der Narr belustigt das Volk und offenbart unangenehme Wahrheiten. Dabei nimmt er sich auch vor höheren sozialen Ständen nicht zurück. Wo er auftritt erregt er Gelächter und Schauder zugleich, er ist geliebt und gleichzeitig gefürchtet und erreicht niemals den Status eines normalen Gesellschaftsmitgliedes. Als Folge seines Außenseitertums, das zum einen wohl durch angeborene physiologische oder psychologische Mängel determiniert, und zum anderen durch die daraus resultierende (mehr oder weniger erzwungene) Berufswahl bestimmt wird, besitzt der Narr tiefgehende Kenntnisse über die menschliche Seele. Durch seinen Außenseiterstatus zum Beobachten gezwungen, setzt der Narr seine neuerworbene Weisheit ein, um auf kunstvolle Weise Kritik zu üben und zu mahnen.

Auch der Clown reiht sich nach dieser Definition in die Tradition des Narren ein. Seine Maske verhüllt tiefe Menschenkenntnis und er äußert Gefühle und spricht Gedanken aus, die im konventionellen Umgang nicht zur Sprache kommen oder unterdrückt werden.[8]

Deswegen soll Bölls komisch-ernster Clown Hans Schnier hier als Repräsentant dieses Sonderlingstypen vorgestellt werden. Hans Schnier ist zum Zeitpunkt der Erzählung 27 Jahre alt und Clown von Beruf. Er stammt aus einer wohlhabenden Familie. Jedoch hat er aufgrund seiner Kindheit, strenger Erziehung und nicht zuletzt auch des Tods seiner Schwester Henriette, die seine Mutter, die eine überzeugte Nationalsozialistin war, an die Front geschickt hatte, eine schlechte Beziehung zu dieser. 6 Jahre lang führte Hans eine Beziehung mit dem katholischen Mädchen Marie. Ihretwillen interessiert er sich auch für Katholiken, obwohl sie ihm Angst machen und er, mit der Ausnahme Papst Johannes‘, sonst auch nicht viel von ihnen hält. Grundsätzlich machen religiöse Menschen ihn nervös oder krank. Aber auch Atheisten lehnt er ab, da sie immer nur von Gott reden. Er findet sie langweilig.

Spätestens seit er von Marie verlassen wurde, ist Hans psychisch und physisch zerstört. Er ist alkoholabhängig und verliert aufgrund seiner Sucht sogar seine Arbeit. Am Ende des Romans ist er arbeits- und obdachlos. Gitarre spielend sitzt er am Bonner Hauptbahnhof und wartet auf Marie, die an diesem Tag von ihrer Hochzeitsreise zurückkommen soll.

2.3 Über Irre

Die Figur des Irren wird als alleinstehendes Motiv der Literatur so gut wie gar nicht definiert. Zum einen ist die Menge an potentiell ‚gestörten Verhaltensweisen‘ zu groß um sie alle zusammenfassen zu können und zum anderen ist die Trennlinie beispielsweise zischen Narrentum und Wahnsinn schwer zu ziehen, was eine separate Motivkonstituierung überflüssig machen kann. Darüber hinaus ist bei irren Figuren oft auch gar nicht klar, ob ihrem Verhalten tatsächlich eine psychische Krankheit zu Grunde liegt, oder ihre einzigartige Weltwahrnehmung nicht schlichtweg irrtümlicherweise für eine Geisteskrankheit gehalten wird. In den moderneren Literaturepochen hat sich die Figur des Geisteskranken aber mehr und mehr durchgesetzt und wird gerne und oft als Instrument zur Gesellschaftskritik genutzt.

Das Motiv des Wahnsinns – unter dem der Geisteskranke (vermeintlich) leidet – jedoch taucht im Verlaufe der Zeit immer wieder in unterschiedlichen Formen und Auslegungen auf. Dabei rangiert es von der Konsequenz aus moralischem Fehlverhalten, also einem Mittel zur Warnung vor eben solcher, bis zur unvermeidlichen Konsequenz aus der Lebensfeindlichkeit des gesellschaftlichen Milieus.[9] Der Wahnsinn als Motiv eignet sich aus verschiedenen Gründen besonders gut zum Kritikmittel. Unter anderem schafft er als distanzierendes Stilelement genug Abstand zwischen den Rezipienten und das Geschehen der Handlung, um auch prekäre Themen anzusprechen. Auf der anderen Seite sind dem Wahnsinn eben auch keine Grenzen gesetzt. Es gibt kein richtig oder falsch im konventionellen Sinne. In Vernunft und Unvernunft ist die Welt gleichermaßen undeutbar.

Als Beispiel dieser Sonderlingsfigur soll im Folgenden die Hauptprotagonistin aus Wolfgang Herrndorfs unvollendet gebliebenen Roman Bilder deiner großen Liebe vorgestellt werden.

Die wahrscheinlich 14-jährige Ich-Erzählerin Isa bricht aus einer psychiatrischen Klinik oder einem Heim aus und irrt nun durch die Welt. Sie trägt nichts bei sich, außer ihrer Kleidung und ihres Tagebuchs, das sie hütet wie einen kostbaren Schatz. Auf ihrer Reise durch Städte, Dörfer, Felder und Wälder begegnet sie dem unterschiedlichsten Menschen. Manche sind ihr wohlgesonnen, andere nicht.

Isa ist hellsichtig und fast allwissend. Sie beherrscht essentielle Überlebensstrategien, um sich ohne Geld, Nahrung oder einen Kompass und dann auch noch ganz alleine in der Welt zu Recht zu finden. Sie überlebt, weil sie mit bloßer Hand Geschäftsfenster einschlägt, im Wald einfach nur oft genug rechts abbiegt (so ist der Weg hinaus ein Kinderspiel), wenn es darauf ankommt kein nein akzeptiert, und immer rechtzeitig wegläuft, wenn Erwachsene die Polizei auf sie hetzen wollen oder sie belästigen. Isa ist aber nicht nur listig und lebensklug, sie ist auch gebildet. Sie spricht Englisch, philosophiert über Geschichte und Kultur, liest nur Klassiker und belehrt einen Schriftsteller über Karl Philipp Moritz. Im Verlauf des Fragment gebliebenen Romans wird immer wieder deutlich: Isa ist unerschrocken, abgehärtet und schlagfertig. Sie sieht die Welt wie sie ist und findet ihren Weg, selbst obwohl dieser unabdingbar auf das Ende zuzuführen scheint, wie in der Handlung immer wieder angedeutet wird. Nachdem sie in einem der letzten Kapitel bei ihrer Schwester zum wiederholten Male auf Ablehnung stößt und von dieser weggeschickt wird, folgt ein Kapitel, in dem Isa über ihren Tod nachdenkt. Schon als Fünfjährige wusste sie, dass sie wie es ablaufen werde- Tabletten schlucken und sich vom Hochhaus stürzen. In der letzten Szene steht sie dann schlussendlich am Abgrund und schaut über ihre Fußspitzen nach unten. Ob, wann und wie Isas Leben tatsächlich endet, bleibt offen.

3. Außenseiter als Gesellschaftskritik

Die Analyse von Außenseiterfiguren gestaltet sich besonders interessant, da sie historisch gesehen, zunächst eine sehr negative Konnotation hatten. Wer anders war, handelte, aussah oder ähnliches, der musste auch in seinem Charakter böse sein. Oder aber zumindest ein Zeichen des Bösen. Daher auch die enge Verwandtschaft des Sonderlings mir der Figur des Monstrum, das nach seiner warnenden Funktion mit dem lateinischen Wort monstrare bezeichnet wurde.[10] So wurden Außenseiterfiguren auch in Literatur und Kunst hauptsächlich funktionalisiert, um das Böse darzustellen. Im Laufe der Entwicklung von Literatur und Kunst um und von Außenseiterfiguren hat sich das Bild des Fremden einer Wandlung unterzogen. Das Fremde oder Andere wurde nicht mehr als Symbol des Bösen genommen, sondern vielmehr genutzt, um Gesellschaftsproblematiken aufzuzeigen.[11] Die Schicksale von Sonderlingsfiguren werfen moralisch-ethische Fragen auf. Eingefahrene Gesellschaftsstrukturen werden kritisiert, der Umgang mit dem Fremden selbst thematisiert und aufgebrochen.

Gleichzeitig kann die Andersartigkeit der Charaktere aber auch einen beruhigenden Abstand zwischen den Rezipienten und die geübte Kritik, die sich als Teil der Gesellschaft mit großer Wahrscheinlichkeit an ihn richtet.

Anhand von Außenseiterfiguren lassen sich die als normativ geltenden Positionen aus einer neuen Perspektive heraus betrachten. Dies ist natürlich in erster Linie figurativ gemeint, kann aber auch im ganz wörtlichen Sinne vorkommen. So sitzt Oskar beispielsweise hinter der Tribüne als er den Naziaufmarsch beobachtet und gegen ihn antrommelt. Die räumliche Position einer Außenseiterfigur, bei der es sich auch um einen Raum im weiteren Sinne, wie etwa einen Ort der kulturellen Isolation – Nervenheilanstalt bei Oskar und Isa- handeln kann, beschreibt also buchstäblich das Verhältnis der Figur zur Gesellschaft bzw. Kultur.

Mithilfe von Sonderlingsfiguren soll die Wahrheit ans Licht kommt, Missstände aufgezeigt werden. Dies bedeutet aber nicht zwangsweise, dass dem Werk eine didaktisch-belehrende, weltverbesserische Intention unterstellt werden kann. Primär geht es schlicht und einfach um das Aufzeigen der Fehler der Welt. So stehen Sonderlingsromane in einer gemeinsamen Tradition, nach der die Abstrusität der Welt durch eine Verzerrung der Optik dargestellt wird. Sonderlinge sind in der Lage „zu entlarven, durch Verblüffung und bisweilen Schock die Augen zu öffnen für die handgreiflichen Realitäten der angeblich besten aller Welten“[12]. Natürlich kann ein Sonderling aber auch als Gesellschaftsaußenseiter zu einer neuen Existenz außerhalb derselben kommen und damit alternative Lebensoptionen anbieten.[13]

[...]


[1] Arker, Dieter: „Nichts ist vorbei, alles kommt wieder“: Untersuchungen zu Günter Grass‘ Blechtrommel. S.212

[2] Meyer, Hermann: Der Sonderling in der deutschen Dichtung. S.15ff

[3] Meyer, Hermann: Der Sonderling in der deutschen Dichtung. S.17

[4] Vgl. Frenzel, Elisabeth. Motive der Weltliteratur. S.631ff

[5] Vgl. Frenzel, Elisabeth: Motive der Weltliteratur,S.619ff. / Butzer, Günter: Metzler-Lexikon literarischer Symbole, S.274

[6] Frenzel, Elisabeth: Motive der Weltliteratur, S.550

[7] Ebd. S.550

[8] Vgl. Butzer, Günter: Metzler-Lexikon literarischer Symbole, S.80

[9] Vgl. dazu Daemmrich, Horst S. und Ingrid. Themen und Motive in der Literatur.

[10] Vgl. Neumann, Josef N.: „Der missgebildetet Mensch”

[11] Vgl. Kyora, S. & Schwagmeier, Uwe: How to make a monster.Zur Konstruktionen des Monströsen- Einführende Überlegungen

[12] Grass, Günter: Die Blechtrommel, S.571

[13] Vgl. Sulzgruber, Werner. Georg Heym „Der Irre“. Einblicke in die Methoden und Kunstbegriffe expressionistischer Prosa. Erzählen aus der Perspektive des Wahnsinns

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Sein Werk war ein Zerstörerisches. Zur Funktion der Außenseiterfigur Oskar Matzerath im kulturhistorischen Kontext anderer Sonderlinge
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur)
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
21
Katalognummer
V437461
ISBN (eBook)
9783668776975
ISBN (Buch)
9783668776982
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sein, werk, zerstörerisches, funktion, außenseiterfigur, oskar, matzerath, kontext, sonderlinge
Arbeit zitieren
Jana Wienken (Autor), 2016, Sein Werk war ein Zerstörerisches. Zur Funktion der Außenseiterfigur Oskar Matzerath im kulturhistorischen Kontext anderer Sonderlinge, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437461

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Sein Werk war ein Zerstörerisches. Zur Funktion der Außenseiterfigur Oskar Matzerath im kulturhistorischen Kontext anderer Sonderlinge



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden