In mittelalterlicher Literatur halten sich weibliche Figuren im Hintergrund und dienen meist nur als zentrales Objekt der Minnelyrik und als Ziel der Abenteuerfahrten von Helden. Im Nibelungenlied nehmen die beiden Frauen Brünhild und Kriemhild dagegen eine wichtige Rolle ein und beeinflussen Handlung und Konflikte aktiv.
Die vorliegende Hausarbeit konzentriert sich auf Brünhild, die mit ihrer Abweichung vom stereotypen Frauenbild der mittelalterlichen Literatur als Verkörperung der Konflikte zwischen höfischer und heroischer Kultur verstanden werden kann. Dazu wird zunächst ein Überblick über das Frauenbild im Mittelalter (als Basis für das Frauenbild in der Literatur) gegeben, um einen Vergleichswert zu schaffen und verständlich zu machen, inwiefern Brünhild von diesem abweicht. Näher wird in diesem Zusammenhang noch kurz auf adlige Frauen eingegangen, da Brünhild als Königin natürlich einen Sonderstatus in der Gesellschaft einnimmt. Im weiteren Verlauf wird die Figur der Brünhild genauer untersucht, indem zunächst ihre Einführung, später die Problematik ihrer Abweichung vom Stereotyp und ihr Wandel von einer außerhöfischen, selbstbestimmten Königin zu einer höfischen, untergeordneten Ehefrau näher untersucht wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Rechte und Stellung der Frau im Mittelalter
2.1 Überblicksdarstellung
2.2 Adlige Frauen
3. Zur Figur der Brünhild
3.1 Einführung Brünhilds
3.2 Die Problematik der Performanzabweichung Brünhilds
3.3 Darstellung, Wahrnehmung und Wandel Brünhilds
3.3.1 Unabhängige Herrscherin
3.3.2 Ehefrau und Mutter
3.3.3 Rächerin
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Hausarbeit untersucht die Figur der Brünhild im Nibelungenlied und analysiert, wie ihre Abweichung vom stereotypen mittelalterlichen Frauenbild als Verkörperung der Konflikte zwischen höfischer und heroischer Kultur dient. Ziel ist es, die Bedeutung dieser Figur hervorzuheben und aufzuzeigen, wie das vorherrschende Frauenbild die Handlung des Epos maßgeblich beeinflusst.
- Stellung der Frau im mittelalterlichen, patriarchalen Umfeld
- Brünhild als "Störfall" und Verkörperung von Gegenentwürfen zum Geschlechterstereotyp
- Der Wandel der Figur von der unabhängigen Herrscherin zur untergeordneten Ehefrau
- Die Funktion der Hochzeitsnacht und des Streits der Königinnen für die Handlungsentwicklung
- Zusammenhang zwischen Geschlechterrollen und der eskalierenden Katastrophe
Auszug aus dem Buch
3.1 Einführung Brünhilds
Ausnahmen bestätigen die Regel, und auch die strengen Regeln der tradierten Geschlechterrollen haben als logische Konsequenz Bruchstellen, die von Brigitte Spreitzer als „Störfalle“ bezeichnet werden.
Mit Brünhild wird in der 6. âventiure eine Frau eingeführt, die dem gängigen Bild ihres Geschlechts, der Sozialordnung und vor allem der mas-occasionatus-Theorie Aristoteles' widerspricht. Brünhild ist die Königin Islands, eines Landes, das zuerst nur Siegfried bekannt ist und das überwiegend von Frauen bewohnt wird. Eingeführt wird sie in der 6. âventiure mit folgender Beschreibung:
324 E(z was ein) kuneginne gesezzen uber sê, ir gelîche enheine man wesse ninder mê, diu was unmâzen schœne. vil michel was ir kraft. si schôz mit snellen degenen umb minne den schaft.
325 Den stein, den warf si verre, dar nâch si wîten spranc. swer ir minne gerte, der muose âne wanc driu spil angewinnen der frouwen wolgeboren. gebrast im an dem einem, er hete daz houbet sîn verloren.
Schon in ihrer Beschreibung werden die Attribute Schönheit und Kraft (eine Eigenschaft, die sonst Männern zugeschrieben wird) vereint, wodurch sie das für das „Nibelungenlied typische Nebeneinander unaufgelöster Kontraste“ (Schulze 2003, 188) verkörpert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt Brünhild als eine zentrale, vom Stereotyp abweichende Figur vor und umreißt das Ziel, ihre Rolle als Konfliktträgerin im Nibelungenlied zu untersuchen.
2. Rechte und Stellung der Frau im Mittelalter: Dieses Kapitel erläutert das von der Kirche geprägte patriarchale Umfeld des Mittelalters, in dem Frauen rechtlich untergeordnet waren und hohe moralische Ansprüche an sie gestellt wurden.
2.1 Überblicksdarstellung: Hier wird die historische Benachteiligung der Frau durch christliche Vorstellungen und das munt-Prinzip detailliert dargelegt.
2.2 Adlige Frauen: Der Abschnitt verdeutlicht den Sonderstatus adliger Frauen, die trotz Machtpotenzial ihrem Ehemann unterstellt blieben, aber administrative Aufgaben am Hof wahrnahmen.
3. Zur Figur der Brünhild: Das Kapitel analysiert die Sonderstellung Brünhilds als "Störfall" innerhalb der höfischen und heroischen Ordnung.
3.1 Einführung Brünhilds: Dieser Teil beschreibt den ersten Auftritt der Königin und die Verbindung ihrer Attribute Kraft und Schönheit.
3.2 Die Problematik der Performanzabweichung Brünhilds: Hier wird analysiert, wie Brünhilds Überlegenheit im Dreikampf als Widerspruch zur traditionellen Brautwerbung wahrgenommen wird.
3.3 Darstellung, Wahrnehmung und Wandel Brünhilds: Eine Übersicht der drei Phasen von Brünhilds Charakterentwicklung innerhalb des Epos.
3.3.1 Unabhängige Herrscherin: Der Abschnitt betrachtet Isenstein als Matriarchat und Brünhilds Machtposition als Kontrast zur Burgundenwelt.
3.3.2 Ehefrau und Mutter: Dieser Teil beleuchtet den erzwungenen Wandel Brünhilds nach der Hochzeitsnacht hin zum traditionellen Frauenbild.
3.3.3 Rächerin: Der Abschnitt beschreibt, wie die Enthüllung des Verrats in der Hochzeitsnacht zur finalen Aktivierung Brünhilds als Rächerin führt.
4. Fazit: Das Fazit zieht den Schluss, dass Brünhilds Rolle als Auslöserin der Katastrophe eng mit dem Unvermögen der männlichen Protagonisten verknüpft ist, eine starke Frau zu respektieren.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Brünhild, Mittelalter, Frauenbild, Patriarchat, Matriarchat, Geschlechterrollen, Performanzabweichung, Isenstein, Heldenepik, Brautwerbung, Höfische Gesellschaft, Königin, Störfall, Macht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle der Figur Brünhild im Nibelungenlied und ihrem Status als selbstbestimmte Frau, die sich dem traditionellen Rollenbild widersetzt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die mittelalterliche Geschlechterordnung, der Kontrast zwischen heroischer und höfischer Kultur sowie die Darstellung weiblicher Machtansprüche im Nibelungenlied.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Brünhilds Abweichung vom Frauenstereotyp aktiv die Handlung des Epos beeinflusst und als Auslöser für zentrale Konflikte fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text des Nibelungenliedes unter Einbeziehung zeitgenössischer historischer und theoretischer Forschungsliteratur auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Einordnung der Stellung der Frau, die Einführung der Figur Brünhild und eine chronologische Untersuchung ihres Wandels von der unabhängigen Königin zur untergeordneten Ehefrau und Rächerin.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselwörter sind unter anderem Nibelungenlied, Brünhild, Matriarchat, Patriarchat, Geschlechterrollen, Performanzabweichung und literarische Charakteranalyse.
Inwiefern stellt Isenstein einen Gegenentwurf zur Burgundenwelt dar?
Isenstein wird als eine Gesellschaft mit vollständiger Gleichstellung der Geschlechter beschrieben, die von der männlich dominierten Burgundenwelt als bedrohlich und fremd wahrgenommen wird.
Warum wird die Hochzeitsnacht als entscheidender Wendepunkt für Brünhild gesehen?
Die Hochzeitsnacht markiert den gewaltsamen Prozess, in dem Brünhild ihrer Macht und ihres Sonderstatus beraubt wird, was ihre Unterordnung in die traditionelle Rolle der Ehefrau erzwingt.
Welche Rolle spielt der "Störfall" nach Brigitte Spreitzer im Kontext der Arbeit?
Der "Störfall" bezeichnet Brünhilds Verhalten, das durch ihre Kraft und Unabhängigkeit die festen Regeln der Geschlechterordnung durchbricht und dadurch als Reibungspunkt der Handlung dient.
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- Katja Büttner (Author), 2017, Das Frauenbild im Nibelungenlied am Beispiel Brünhilds, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437486