Vom "hohen Mittag" in Nietzsches "Also sprach Zarathustra"


Essay, 2017
3 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

In diesem Essay werde ich mich mit der Idee des ״hohen Mittag“ in Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra auseinandersetzten. Dabei gehe ich davon aus, dass der Ironiker Nietzsche in seinem Zarathustra selbst eine Art Gegenkonzept zum ״hohen Mittag“ vorbringt, um das Profil jener Idee durch den Kontrast zu ihrem Gegenstück stärker hervortreten lassen zu können.

Vom ״hohen“ beziehungsweise ״grossen Mittag“[1] ist zum ersten Mal am Ende des ersten Teils des Zarathustras die Rede, an welchem sich Zarathustra von seinen Jüngern verabschiedet, um wieder in seiner Einsamkeit fortzuwandern[2]. Der ״grosse Mittag“ bezeichnet dort ein, in der Zukunft liegendes Ereignis, an dem der Mensch auf der Mitte seines Weges zwischen Tier und Übermenschen steht; so wie die Sonne am Mittag die Hälfte ihres Laufs zwischen dem Morgen und dem Abend erreicht hat. In diesem Moment steht der Mensch - ebenfalls wie die Sonne - am höchsten׳, auf dem Höhepunkt seiner Erkenntnis. Hier nun versteht er die Notwendigkeit seines eigenen Untergangs, die Nivellierung seiner Gattung als Voraussetzung für die Geburt des Übermenschen. Diese Erkenntnis versetzt den Menschen am ״grossen Mittag“ nicht in Schwermut, denn er ist nun jemand, der ״seinen Weg zum Abende als seine höchste Hoffnung feiert: denn es ist der Weg zu einem neuen Morgen“[3]. Der ״grosse Mittag“ wird also eng an das Konzept des Übermenschen geknüpft und soll die Jünger an dieser Stelle noch ein letztes Mal an das vorläufige Kernstück der Lehren des Zarathustras mahnen. Dabei tritt die Assoziation des zyklischen Sonnenlaufs mit einer ewigen Wiederholung des Gleichen - wie sie zur Lehre der Ewigen Wiederkehr passen würde - in den Hintergrund. Viel eher wird eine Assoziation des linearen Auf- und Absteigens der Sonne mit dem Auf- und Abstieg der Menschheit betont, die sich so besser zur Illustration des Übermenschen eignet[4].

Die Idee vom ״hohen Mittag“ wird in dem Kapitel ״Vom höheren Menschen“[5] weiter präzisiert. Es wird deutlich, welche Art von Menschen zu diesem Zeitpunkt das Zepter in die Hand nimmt und über den Fortgang der Menschheit bestimmen wird; es sind die ״höheren Menschen“[6], die sich nach dem Tod jenes Gottes, vor dem alle Menschen gleich waren, sprich gleich galten, an die Spitze stellen werden. Sie sind dem Übermenschen artverwandter als die gemeinen Menschen ״vom Markt“[7] und sie sollen diese in ihrer égalité nicht anerkennen[8].

Wenige Seiten vor diesem Abschnitt des Vierten Teils von Also sprach Zarathustra befindet sich ein Kapitel, dass den lakonischen Namen ״Mittags“[9] trägt, sich aber nicht in das zuvor erörterte Konzept des ״hohen Mittags“ einordnen lässt; viel eher steht es sogar in einem Spannungsverhältnis zu diesem. Nachdem Zarathustra seinem Schatten begegnet ist und ihm den Weg zu seiner Höhle gewiesen hat, möchte er noch einige Zeit mit sich alleine zubringen, bevor er abends ebenfalls in seine Höhle heimkehrt[10]. Er wandert noch einige Zeit weiter, bis er mittags, ״als die Sonne gerade über Zarathustrat Haupte Stand“[11], an einen Baum gelangt, um den sich ein Weinstock rankt. Zarathustra schläft mit offenen Augen ein und stimmt dabei noch eine Hymne über die Vollkommenheit der Welt an. Henning Ottmann weist daraufhin, dass dieses Kapitel die Mitte des vierten Teils des Zarathustras bildet und genau in dieser Mitte folgende Zeilen finden lassen: ״Scheue dich! Heisser Mittag schläft auf den Fluren. Singe nicht! Still! Die Welt ist vollkommen[12][13]. Das Glück, dass sich Zarathustra hier eröffnet, ist gänzlich dem ״Augen-Blick[14] “ verpflichtet; es hat ein sinnlich-beschauliches Element und eröffnet sich nur im Moment, dem stetigen Jetzt. Dieses Mittags-Erlebnis erfüllt sich an der voraussetzungslosen Natur die Zarathustra nun ohne schöpferische Mühe zugänglich ist. Zarathustra bezeichnet diesen Mittag als der ״alte Mittag[15] “ und tatsächlich verbinden sich in ihm klassische Arkadien-Schwärmereien mit romantischer Todesmetaphorik. All diese Motive stehen im krassen Gegensatz zum ״hohen Mittag“, in dem gerade die Un voi Ík от m en heit der Welt die Hoffnung auf den Übermenschen weckt, der einen mühevollen und schöpferischen Weg zur Bedingung stellt. Der ״hohen Mittag“ wird erst in verheißungsvoller Zukunft errungen und ihm wird das individuelle Glück auf dem Opferaltar einer neuen Menschengattung preisgegeben. Dieser ״alte Mittag“ weckt einen inneren Zwiespalt in Zarathustra bis er sich schließlich zum Fortgang in seine Höhle überwindet.

Der Vierte Teil des Zarathustras endet mit einer letzten Affirmation des ״hohen Mittags“, in der auch die Auseinandersetzung mit dem ״alten Mittag“ anklingt: ״Trachte ich denn nach Glücke? Ich trachte nach meinem Werke! [... ] Dies ist mein Morgen, mein Tag hebt an: herauf nun, herauf, du grosser Mittag![16]

Literatur

Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra I - IV. In: Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Band 4, dtv/de Gruyter 1988.

Volker Gerhardt [Hrsg.], Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Kapitel 3: Henning Ottmann, Kompositionsprobleme von Nietzsches Also sprach Zarathustra. Berlin (Akademie­Verlag) 2000 (Klassiker Auslegen, 14)

[...]


[1] Nietzsche, Zarathustra, s. 102

[2] Ich werde in diesem Text die Formulierungen ״hoher Mittag“ und ״grosser Mittag“ synonym verwenden, da ihnen auch im Zarathustra die gleiche Bedeutung zukommt.

[3] Nietzsche, Zarathustra, s. 102

[4] Vgl. Nietzsche, Zarathustra, s. 101-102

[5] Nietzsche, Zarathustra, s. 356-368

[6] Nietzsche, Zarathustra, s. 357

[7] Nietzsche, Zarathustra, s. 356

[8] Vgl. Nietzsche, Zarathustra, s. 356-357

[9] Nietzsche, Zarathustra, s.342-345

[10] Vgl. Nietzsche, Zarathustra, s. 341

[11] Nietzsche, Zarathustra, s. 342

[12] Nietzsche, Zarathustra, s. 343

[13] Vgl. Ottmann, Kompositionsprobleme, s. 60

[14] Nietzsche, Zarathustra, s. 344

[15] Nietzsche, Zarathustra, s. 343

[16] Nietzsche, Zarathustra, s. 408

Ende der Leseprobe aus 3 Seiten

Details

Titel
Vom "hohen Mittag" in Nietzsches "Also sprach Zarathustra"
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Philosophie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
3
Katalognummer
V437596
ISBN (eBook)
9783668777606
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsche, Zarathustra, hoher Mittag, hohen Mittag, Mittag, Übermensch, Ewige Wiederkehr, Gott ist tot, Tod Gottes, Tod Gott, Also sprach Zarathustra
Arbeit zitieren
Linus Hellwig (Autor), 2017, Vom "hohen Mittag" in Nietzsches "Also sprach Zarathustra", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437596

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