Die Sprache der Gewissheit. Eine sprachphilosophische Untersuchung des Cogito-Arguments


Hausarbeit, 2017

6 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Cogito-Argument

3 Die Sprache der Gewissheit

4 Abschlussbetrachtung

Literatur

Siglenverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die rhapsodischen Bemerkungen der Philosophischen Untersuchungen1 Wittgensteins für eine Kritik an der rationalistischen Philosophie Descartes‘ fruchtbar zu machen. Bereits Gilbert Ryle hat mit seinem Werk Der Begriff des Geistes die Gangbarkeit einer an Wittgensteins Sprachphilosophie angelehnten kritischen Auseinandersetzung mit der cartesianischen Metaphysik aufgezeigt (vgl. Ryle 2015; 4, 13). Aber auch Wittgenstein selbst hat in einer Bemerkung, die im Zuge der Ausarbeitungen des zweiten Teils der PhU niedergeschrieben wurde (vgl. Schulte 2005, 102), auf die Möglichkeit einer Konfrontation von sprachphilosophischen Überlegungen mit den Fragen der Metaphysik hingedeutet:

Philosophische Untersuchungen: begriffliche Untersuchungen. Das Wesentliche der Metaphysik: daß ihr der Unterschied zwischen sachlichen und begrifflichen Untersuchungen nicht klar ist. Die metaphysische Frage ist dem Anschein nach eine sachliche, obschon das Problem ein begriffliches ist. (BPP I, § 949)

Ich möchte also jene „begriffliche Untersuchungen“ aufnehmen und werde dabei im Unterschied zu Ryle, der sich in Orientierung an Wittgenstein mit dem cartesianischen Leib-SeelenDualismus auseinandergesetzt hat (vgl. Ryle 2015, 13), gezielt die Cogito-Argumentation in Descartes‘ Meditationen ü ber die Erste Philosophie2 anhand der PhU evaluieren. Ich werde zunächst in einem kurzen Abschnitt die Argumentationsstruktur der Cogito-Überlegungen der ersten beiden Meditationen Descartes‘ rekonstruieren, um dann in einem zweiten Abschnitt meine eigenen Überlegungen für eine Kritik des Cogito-Arguments mittels der PhU auszuführen.

2 Das Cogito-Argument

In seiner Absicht, ein sicheres Fundament für die Wissenschaft und ihrer Methodologie aufzufinden, präsentiert Descartes in seiner ersten Meditation drei Zweifelsgründe, die als Gewissheitskriterium für ein solches Fundament dienen sollen (vgl. Betz 2011, 15). Den ersten Anlass zum Zweifel bilden für Descartes die Sinneswahrnehmungen. Da sich in manchen Fällen nachweisen lässt, dass man von seinen Sinnen getäuscht wurde, könnte dies auch für alle übrigen Fälle der Sinneswahrnehmung gelten (vgl. EM, 65). Allerdings hält Descartes dieses Argument für die von ihm beabsichtigte radikale Skepsis (vgl. EM, 63) für unzulänglich. Er räumt zwar ein, dass sich somit an den Inhalten der Sinnesendrücke zweifeln lässt, aber deren Vorausset- zungen, wie insbesondere die Existenz des eigenen Körpers würden davon unangetastet bleiben (vgl. EM, 65).

Hieran anknüpfend führt Descartes das sogenannte Traumargument an, das sich aus zwei aufeinander aufbauenden Aussagen zusammensetzt: Zum einen lassen sich keine Kriterien ausmachen, anhand deren wir mit Bestimmtheit davon ausgehen können, in diesem Moment nicht zu träumen und zum anderen könnten, vorausgesetzt, dass wir träumen, alle Überzeugungen, die wir uns empirisch gebildet haben, falsch sein (vgl. EM, 67). Doch auch dieser Zweifelsgrund ist für Descartes nicht zu einer alles umfassenden Skepsis geeignet, da Träume sich aus Elementen vorangegangener Erfahrungen zusammensetzen und ein Teil dieser Erfahrungen auf dem Verständnis der geometrischen Beschaffenheit von Körpern und deren Quantität beruhen. Daraus schließt Descartes, dass auch ein Traum nicht über die Grundlagen der Mathematik, insbesondere der Geometrie, Arithmetik und der Mengenlehre, als auch die Existenz der Außenwelt hinwegtäuschen kann (vgl. EM, 69).

Schließlich legt Descartes die berühmte These des Genius malignus dar (vgl. EM, 72), der zufolge die Möglichkeit besteht, dass sich ein allmächtiger Geist dazu verschrieben hat, nicht nur die Existenz einer Außenwelt zu perludieren, sondern auch die im allgemeinen als notwendig wahr erachteten logisch-mathematischen Grundlagen zu fingieren (vgl. EM, 69-73).

In der zweiten Meditation verfolg Descartes die Absicht, drei Thesen zu beweisen: die Gewissheit der eigenen Existenz, die Gewissheit, ein denkendes Wesen zu sein und die Gewissheit, dass eine solche Form der Selbsterkenntnis legitim ist (vgl. Betz 2011, 67). Ich werde mich nur mit dem ersten Beweisziel auseinandersetzten, da dieses das Kernstück der Cogito-Überlegung darstellt. Tatsächlich wird das Cogito in den Meditationen nicht mit der kanonischen Formulierung „[…] cogito, ergo sum“ (Disc, 65) beschworen. Dass die Gewissheit der eigenen Existenz bei Descartes aus dem Denken abgleitet würde, ist ein Irrglaube der aus einer, den Kontext unberücksichtigt lassenden Interpretation der kanonischen Formulierung resultiert und durch die gebräuchliche Bezeichnung der entsprechenden Argumentation in den Meditationen als Cogito-Argument nahegelegt wird (vgl. Betz 2011, 16). In den Meditationen lautet die entsprechende Textstelle wie folgt:

[…] mag er [der böse Geist, L.H.] mich nun täuschen, soviel er kann, so wird er doch nie bewirken können, dass ich nicht sei, solange ich denke, ich sei etwas. Nachdem ich so alles genug und übergenug erwogen habe, muß ich schließlich festhalten, daß der Satz »Ich bin, Ich existiere«, sooft ich ihn ausspreche oder im Geiste auffasse, notwendig wahr sei. (ZM, 79)

Das „»Ich bin, Ich existiere«“ - im lateinischen Original „Ego sum, ego existo“ (ZM, 78) - bildet den Angelpunkt des Cogito-Arguments. Es ist dieser Satz, der von Descartes auf seine skeptischen Szenarien als Gewissheitskriterien hin überprüft wird. Descartes gelangt zu der Einsicht, dass der Satz „Ich bin“ nicht nur mit den skeptischen Szenarien verträglich ist, sondern diese das „Ego sum“ sogar als Prämisse voraussetzen (vgl. ZM, 77-79).

3 Die Sprache der Gewissheit

Zu einem der wohl meist diskutierten Konzepten der PhU gehört das Privatsprachen-Argument, das Wittgenstein in den Bemerkungen § 243-363 immer wieder aufgreift und weiterentwickelt. Den Fond bildet dabei die Auffassung, dass es einem einzelnen Menschen in einer Art „Kasper Hauser“-Szenario nicht möglich wäre, eine eigene Sprache zu entwickeln und diese sinnvoll zu verwenden (vgl. Grayling 2004, 110). Dies geht aus anderen wichtigen Überlegungen Wittgensteins in Bezug auf den Begriff der „Regel“ hervor. Die Verwendung der Sprache muss eine regelgeleitete (normative) Tätigkeit sein, damit sprachliche Äußerung überhaupt verstanden werden können (vgl. Grayling 2004, 100). Das bedeutet wiederum, dass es öffentliche Kriterien für die Sprachverwendung geben muss, anhand denen sich überprüfen lässt, ob ein sprachlicher Akt sinnvoll vollzogen wurde (vgl. Grayling 2004, 112). In Hinblick auf Descartes sind diese Ideen nun insofern relevant, als dass die Erkenntnis der Gewissheit der eigenen Existenz als eine Bemerkung auftritt, die immer an eine sprachliche Modulation des „Ich bin“ (ZM, 79) zurückgebunden wird. Da die Existenz einer Außenwelt im Vorfeld des Cogito-Arguments bezweifelt und damit praktisch negiert wird, stehen auch keine öffentlichen Kriterien zur Verfügung, anhand deren verifiziert werden könnte, ob das „Ich bin“ sinnvoll gebraucht wurde. Descartes selbst negiert ja mit seinem Bösen-Geist-Szenario die Annahme, dass logisch-mathematische Grundlagen selbstevident wären. Dasselbe muss auch notwendigerweise für die korrekte Ausführung logischer Operationen gelten und es ist daher auch naheliegend, dass damit ebenfalls der korrekte Sprachgebrauch innerhalb der Argumentationsstruktur der Meditationen nicht als apodiktisch angesehen werden kann.

Doch der eigentliche Kardinalfehler des Cogito-Arguments würde für Wittgenstein die Annahme darstellen, dass Beschreibungen innerweltlicher (privater) Zustände tatsächlich bloß auf geistige Vorgänge Bezug nehmen würden. Für ihn sind solche Ausdrücke nicht von dem Verhalten abzugrenzen, in dem sie eingebettet sind (vgl. PhU, § 23). Als Beispiel hierfür nennt Wittgenstein eine Äußerung wie z.B. „Ich habe Schmerzen“. Für ein Kind wäre dies keine bloße Beschreibung eines psychischen Erlebnisses, sondern ein Verhalten, dass darauf abzielen könnte, seine Eltern auf sich aufmerksam zu machen. Die Äußerung ist ein erlernter Ersatz für eine Interjektion als Teil eines primitiveren Schmerzbenehmens (vgl. PhU, § 244). Das „Ich denke“ verliert damit seine Autonomie, es ist Teil eines Verhaltens und muss in einem Verweisungszusammenhang mit außerweltlichen Erfahrungen stehen.

An dieser Stelle ließe sich einwenden, dass die Frage nach der sprachlichen Vermittelbarkeit von unmittelbaren geistig-psychischen Erlebnisses doch eigentlich nicht von Belang wäre. Das cartesianische „Ich bin“ rekurriert ja auf einen direkt erfahrenden innerweltlichen Empfindung: dem Ich-Gefühl. In diesem Zusammenhang wäre es für Wittgenstein allerdings nicht zulässig von Wissen zu sprechen, denn Wissen ist durch Sprache konstituiert; erst durch die Sprache kann eine Aussage bezweifelt oder verifiziert werden. Ich habe kein Wissen über meine privaten psychischen Zustände und Empfindungen. Schmerzen beispielsweise habe ich einfach (vgl. PhU, § 246) und dasselbe gilt auch für mein basales Ich-Empfinden, dem ich jederzeit nachspüren kann. Das Cogito würde so zwar nach wie vor einen Tatbestand darstellen, aber es wäre nicht als das von Descartes beabsichtige sichere Fundament geeignet, aus dem sich deduktiv, d.h. mit Hilfe der Sprache weitere Erkenntnisse ableiten ließen.

Letztendlich kann sogar der Eigenname bzw. der Personaldeixis „Ich“ als kontingentes sprachliches Phänomen aufgefasst werden, das unser Ich-Gefühl erst konstituiert und das Descartes naiver Weise in allen seinen skeptischen Szenarien bereits voraussetzt. Wittgenstein selbst deutet auf eine solche Interdependenz von Sprache und Kognition hin (vgl. PhU II, 489) Um dies zu illustrieren, könnte man sich eine menschliche Kultur vorzustellen, in dessen Sprache sich keine generalisierenden Wörter wie „Ich“ und „Sein“ auffinden ließen. So könnte bespielweise bei gewissen Äußerungen, für die in unserer Sprache gewöhnlich ein Satz mit „Ich“ gebildet würden, Bezug auf einen spezifischen Bereich des Körpers genommen werden, während man mit dem Finger auf die betroffene Person deutet. Ein „Ich denke“ könnte als „Es denkt in diesem Kopf“ ausgedrückt werden. Dass sich bei Menschen einer solchen Kultur das Ich-Gefühl ebenso selbstevident äußern würde, wie es dies für Descartes tut - und für den Status einer Apodiktische Aussage tun müsste - ist zu bezweifeln.

4 Abschlussbetrachtung

Ich habe in meiner „begrifflichen Untersuchung“, bzw. der an Wittgensteins PhU angelehnten Auseinandersetzung mit dem Cogito-Arguments aufgezeigt, wie sich Descartes‘ Antwort auf die metaphysische Frage nach einem gesicherten Fundament der Erkenntnis attackieren lässt.

[...]


1 In der Folge zu PhU abgekürzt

2 In der Folge zu Meditationen abgekürzt

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Die Sprache der Gewissheit. Eine sprachphilosophische Untersuchung des Cogito-Arguments
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Philosophie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
6
Katalognummer
V437599
ISBN (eBook)
9783668781276
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wittgenstein, Descartes, Cogito, Sprachspiel, Cogito ergo sum
Arbeit zitieren
Linus Hellwig (Autor), 2017, Die Sprache der Gewissheit. Eine sprachphilosophische Untersuchung des Cogito-Arguments, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437599

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