Wittgenstein hat spätestens 1919 damit begonnen, sich mit Œuvre Sigmund Freuds vertraut zu machen. So lassen sich auch in den 1938 gehaltenen Vorlesungen über Ästhetik neben einer eher generalisierenden Darstellung psychoanalytischer Ansätze und Methoden ebenfalls explizite Bezüge zu dem Freud’schen Opus magnum der Traumdeutung (vordotiert auf 1900) und der kleineren Abhandlung über den Witz und seine Beziehung zum Unbewussten (1905) ausfindig machen. In jenen Vorlesungen scheint Wittgenstein den Theorien Freuds gegenüber eine vordergründig distanziert-kritische Haltung einzunehmen. Daraus allerdings auf eine allgemeine Aversion gegen die Psychoanalyse zu schließen, würde zu kurz greifen. Dass dieses Verhältnis von einer schwer zu bestimmenden Ambivalenz geprägt ist, deren Grundlinien sich mit den Jahren immer wieder verschoben haben, davon gibt eine Bemerkung Rus Rhees Auskunft, die er seinen Aufzeichnungen der Gespräche mit Wittgenstein über Freud vorangestellt hat:
„Er sprach zum Zeitpunkt dieser Diskussionen [zwischen 1942 und 1946] von sich als einem ‚Schüler Freuds‘ und ‚Anhänger Freuds‘. Er bewunderte Freud wegen der Beobachtungen und Anregungen in seinen Schriften; dafür, ‚etwas zu sagen zu haben‘, selbst da, wo er nach Wittgensteins Ansicht falsch lag. Auf der anderen Seite hielt er den enormen Einfluß der Psychoanalyse in Europa und Amerika für schädlich […].
Das, was Freud Wittgenstein zu sagen hatte, betraf ihn sowohl in seinen philosophischen Bemühungen, als auch in seiner Person. Die psychoanalytische Therapie hatte für Wittgenstein, wenigstens in den dreißiger Jahren, eine Art Vorbildcharakter für seine Therapie der sprachlichen Verwirrungen und in den Vermischten Bemerkungen lassen sich Notizen finden, die auf ein Gefühl der persönlichen Verbundenheit mit Freud hinweisen. Etwa dort wo Wittgenstein sich und Freud „eine Originalität des Bodens und nicht des Samens“ attestiert, durch den die Gedanken eines Anderen (im Falle Freuds die, seines ehemaligen Mentors Josef Breuers) in einer genuinen Form weiterentwickelt werden.
Ich möchte zeigen, was sich aus Sicht eines Psychoanalytikers darauf zu erwidern ließe, um so einen dialogischen Zugang für das Aufeinandertreffen der Gedankensphären Wittgensteins und Freuds zu eröffnen. Nebenbei werde ich damit auch eine kurze Einführung in die Theorien Freuds zur Ästhetik bieten, die immerhin auch im rezenten Diskurs zur Ästhetik von Relevanz sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Wittgenstein und der verdorbene Charme der Psychoanalyse
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe und ambivalente Verhältnis Ludwig Wittgensteins zur Psychoanalyse Sigmund Freuds, mit besonderem Fokus auf Wittgensteins Kritik am "Charme" psychoanalytischer Erklärungsmodelle. Ziel ist es, diese ästhetische Anziehungskraft aus psychoanalytischer Sicht zu deuten und einen Dialog zwischen den beiden Denkschulen zu eröffnen.
- Wittgensteins Kritik an psychoanalytischen Erklärungsweisen
- Die ästhetische Dimension des "Charmes" in der Psychoanalyse
- Freuds Kunsttheorie als Schlüssel zum Verständnis des psychoanalytischen Einflusses
- Die Rolle der Sublimierung und Triebbefriedigung
- Parallelen zwischen der Kunstbegegnung und der psychoanalytischen Behandlung
Auszug aus dem Buch
Wittgenstein und der verdorbene Charme der Psychoanalyse
Wittgenstein hat spätestens 1919 damit begonnen, sich mit Œuvre Sigmund Freuds vertraut zu machen. So lassen sich auch in den 1938 gehaltenen Vorlesungen über Ästhetik neben einer eher generalisierenden Darstellung psychoanalytischer Ansätze und Methoden ebenfalls explizite Bezüge zu dem Freud’schen Opus magnum der Traumdeutung (vordotiert auf 1900) und der kleineren Abhandlung über den Witz und seine Beziehung zum Unbewussten (1905) ausfindig machen. In jenen Vorlesungen scheint Wittgenstein den Theorien Freuds gegenüber eine vordergründig distanziert kritische Haltung einzunehmen. Daraus allerdings auf eine allgemeine Aversion gegen die Psychoanalyse zu schließen, würde zu kurz greifen. Dass dieses Verhältnis von einer schwer zu bestimmenden Ambivalenz geprägt ist, deren Grundlinien sich mit den Jahren immer wieder verschoben haben, davon gibt eine Bemerkung Rus Rhees Auskunft, die er seinen Aufzeichnungen der Gespräche mit Wittgenstein über Freud vorangestellt hat.
„Er sprach zum Zeitpunkt dieser Diskussionen [zwischen 1942 und 1946] von sich als einem ‚Schüler Freuds‘ und ‚Anhänger Freuds‘. Er bewunderte Freud wegen der Beobachtungen und Anregungen in seinen Schriften; dafür, ‚etwas zu sagen zu haben‘, selbst da, wo er nach Wittgensteins Ansicht falsch lag. Auf der anderen Seite hielt er den enormen Einfluß der Psychoanalyse in Europa und Amerika für schädlich […]. [Wittgenstein:] Um von Freud zu lernen, muß man kritisch sein; und die Psychoanalyse verhindert das normalerweise.“
Das, was Freud Wittgenstein zu sagen hatte, betraf ihn sowohl in seinen philosophischen Bemühungen, als auch in seiner Person. Die psychoanalytische Therapie hatte für Wittgenstein, wenigstens in den dreißiger Jahren, eine Art Vorbildcharakter für seine Therapie der sprachlichen Verwirrungen und in den Vermischten Bemerkungen lassen sich Notizen finden, die auf ein Gefühl der persönlichen Verbundenheit mit Freud hinweisen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Wittgenstein und der verdorbene Charme der Psychoanalyse: Die Einleitung beleuchtet das ambivalente Verhältnis Wittgensteins zu Freud und führt den zentralen Begriff des "Charmes" psychoanalytischer Erklärungen ein, der sowohl Anziehungskraft als auch kritische Distanz beinhaltet.
Schlüsselwörter
Ludwig Wittgenstein, Sigmund Freud, Psychoanalyse, Ästhetik, Charme, Vorlust, Sublimierung, Trieb, Traumdeutung, Kunsttheorie, Unbewusstes, Kontraintuitiv, Identifikation, Kulturleben, Seelenapparat
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der intellektuellen Auseinandersetzung Ludwig Wittgensteins mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds und untersucht, warum psychoanalytische Deutungen eine besondere, fast ästhetische Anziehungskraft auf Menschen ausüben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind die Kritik Wittgensteins an der psychoanalytischen Rhetorik, die Übertragung ästhetischer Kategorien auf psychologische Theorien sowie die psychoanalytische Deutung von Kunst und Triebverzicht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, Wittgensteins Vorwurf, die Psychoanalyse sei verführerisch aufgrund ihres besonderen "Charmes", durch eine psychoanalytische Perspektive zu ergänzen und so einen dialogischen Austausch zwischen Philosophie und Psychoanalyse zu fördern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine interpretative Methode, die philosophische Texte Wittgensteins mit freudianischen Theorien zur Ästhetik und Triebpsychologie in Beziehung setzt, um die Wirkungsweise psychoanalytischer Erklärungen zu ergründen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert verschiedene "Anreize" der psychoanalytischen Deutung (wie das "this is only that" oder den "Geheimkeller") und vergleicht diese mit der ästhetischen Wirkung von Kunstwerken, insbesondere in Bezug auf das "Verdorbene" und "Kontraintuitive".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Wittgenstein, Freud, Psychoanalyse, Ästhetik, Charme, Sublimierung, Triebkonflikt und Unbewusstes charakterisiert.
Wie interpretiert der Autor Wittgensteins Begriff des "Geheimkellers"?
Der Autor ordnet Wittgensteins Metapher des "Geheimkellers" der freudschen Instanz des Unbewussten zu, in der verdrängte Triebimpulse verborgen liegen, die durch die Psychoanalyse als "Schlüssel" zugänglich gemacht werden sollen.
Welche Bedeutung kommt der "Vorlust" in der psychoanalytischen Behandlung zu?
Die "Vorlust" dient laut Autor als Indiz für das Zutreffen einer psychoanalytischen Deutung, da sie signalisiert, dass der Patient bei der Konfrontation mit den eigenen, zuvor verdrängten Triebkonflikten eine temporäre Entlastung erfährt.
Warum wirkt das "Verdorbene" laut Autor so ambivalent?
Das "Verdorbene" ist ambivalent, weil es gesellschaftliche Tabus (wie die Sexualität im Wiener Bürgertum) berührt; es provoziert daher gleichzeitig eine Anziehung durch die Neugierde auf das Verdrängte und eine Abwehr durch die psychische Zensurinstanz.
- Arbeit zitieren
- Linus Hellwig (Autor:in), 2018, Wittgenstein und der verdorbene Charme der Psychoanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437602