Existenz aus der Spannung von Angst (Heidegger) und dem Glück der Mystik (Nietzsche)


Seminararbeit, 1993

29 Seiten, Note: 5,8 (Bestnote: 6)


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung
1.) Heidegger
1.1.) Ein "fruchtbares Missverstndnis"
1.2.) Heideggers Ansatz bei der Grundstimmung der "Angst"
1.3.) Die "Angst" als Offenbarung des "Nichts"
1.4.) Die "Zeitlichkeit" und der "Augenblick"
2.) Vorschau

II. Nietzsches "Mittags-Denken" – oder die Struktur des "glücklichen Bewusstseins"
1.) Methodische Vorbemerkung
2.) Der "dionysische Rausch" in der "Geburt der Tragödie" und im "Willen zur Macht"
3.) Nietzsches "Mittags-Denken"
3.1.) Im Kapitel "Mittags" im vierten Teil des "Zarathustra"
3.2.) In "Am Mittag" im "Wanderer und sein Schatten"
4.) Das "kleine", das "grosse" und das "beste Glck"Vergl. dazu auch Bollnow 224ff.
5.) "Krankhaftigkeit" und "Gesundheit" des mittäglichen Glücks (eine kulturkritische Anmerkung)
6.) Strukturen als Verstehensgrenze, - oder zwei grundverschiedene Erkenntnisweisen

III. Mystik und Philosophie
1.) Die "unio mystica" als anthropologisches Faktum
2.) Die Philosophie im Licht der Mystik
3.) Rationalitt und Mystik
4.) Karl Alberts These vom "mysthischen Ursprung und mystischen Ziel der Philosophie"
5.) Die existenzielle Relevanz mystischer Einheitserfahrung

IV. Existenz aus der Spannung von "Angst" und dem "besten Glck"

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

1.) Heidegger

1.1.) Ein "fruchtbares Missverstndnis"

Heidegger distanziert sich in "Sein und Zeit"[1] nach eigenen Worten von jeglicher Anthropologie, Psychologie, Biologie (vergl. SUZ 45ff.) und damit auch von jeglicher Existenzphilosophie. Er versteht sein Unternehmen als weit fundamentaler. Bei seinem ontologischen Ansatz geht es ihm um die vorgängige Klärung der Seinsverfassung überhaupt, d.h. um eine "Fundamentalontologie" die sämtlichen "Regionalontologien" vorgelagert ist. Er versucht, die Frage nach dem "Sinn von Sein"(SUZ 2ff.) in einer der kantischen transzendentalphilosophischen Wendung entsprechenden Weise auf eine "Analytik des [menschlichen] Daseins"(SUZ 15ff.) zurückzuführen. Denn der Mensch ist unter allem Seienden dasjenige, das "Sein", wenn auch undeutlich, immer schon versteht. Heideggers "Analytik des Daseins" ist folglich zu verstehen als Versuch der Letztbegründung jeglichen menschlichen Zugangs zu "Welt überhaupt".

Nach Bollnow[2] besteht für Heidegger ein Methodenproblem. Heidegger "will der philosophischen Anthropologie eine ontologische Grundlage geben, die selber aber ihrerseits nur auf demselben 'hermeneutischen' Weg gewonnen werden kann, wie er in der philosophischen Anthropologie überhaupt angewandt wird"(Bollnow 26). Sein ontologischer Grundsatz ermöglicht Heidegger jedoch eine Vereinfachung:

"Er erlaubt es, innerhalb einer Gruppe zusammengehöriger anthropologischer Erscheinungen [z.B. den "Stimmungen"] die Anwendung des 'hermeneutischen Verfahrens' auf jeweils einen Fall [z.B. die "Angst"] einzuschränken, um an ihm als Beispiel diejenige allgemeine Wesensstruktur zu entwickeln, die dann zugleich für alle anderen Beispiele mit gilt."(Bollnow 26)

Nach Bollnow besteht Heideggers unhinterfragte methodische Voraussetzung in der Annahme, dass es gleichbleibende formale Grundstrukturen des menschlichen Daseins gibt, "die von allen Verschiedenheiten ihrer inhaltlichen Erfüllung unabhängig sind"(Bollnow 27). Im Gegensatz dazu versucht Bollnow in seinem Hauptwerk zu zeigen, dass Heideggers rein formal verstandene Daseinsanalytik durchaus von Inhalten bestimmt wird, wie sie die philosophische Anthropologie und die Existenzphilosophie erörtert. Nach Heidegger handelt es sich bei einer derartigen, anthropologisch-existentiellen Leseweise von "Sein und Zeit" um ein fundamentales Missverständnis. Doch ich denke, dass dieses "Missverständnis" (es bleibe dahingestellt, ob es sich tatsächlich um ein "Missverständnis" handelt) sich als ausserordentlich fruchtbar erweist. Aus diesem Grund werde ich im Folgenden mit Bollnow Heideggers Daseinsanalytik im Sinne einer anthropologisch-existentiellen Bestimmung des Menschen deuten. Im Vergleich mit Nietzsche wird sich zeigen, dass Heideggers Daseinsanalytik jedoch nicht das Ganze des menschlichen Daseins in den Blick bekommt und durch Nietzsches Lehre vom "besten Glück" eine entscheidende Erweiterung erfährt.

1.2.) Heideggers Ansatz bei der Grundstimmung der "Angst"

Heidegger betrachtet die "Befindlichkeit" - als "Stimmung,... Gestimmtsein" (SUZ 134) - als massgebliches "Existenzial"(Ebd.) des menschlichen Daseins.

"Vor aller Psychologie der Stimmungen,... gilt es, dieses Phänomen als fundamental-stes Existenzial zu sehen und in seiner Struktur zu umreissen."(SUZ 134)

Das bedeutet, dass die "Stimmung" das grundlegendste Phänomen darstellt, das jeglicher bewussten, reflexiv-begrifflichen Erfassung von Welt und somit auch jeglicher psychologischer Erörterung von "Stimmungen" vorausliegt. "Dasein [ist] je schon immer gestimmt."(SUZ 134). Mit anderen Worten: Das "Gestimmtsein" ist das schlechthinnige Apriori menschlicher Erfahrung überhaupt. Es stellt die grundlegendste Weise des Zugangs des Menschen zu sowas wie "Welt" dar. Die "Stimmung" ist das Medium, durch das sich dem Menschen "Welt" immer schon eröffnet. Oder, in den Worten Heideggers:

"Die Stimmung hat je schon das In-der-Welt-sein als Ganzes erschlossen und macht ein Sichrichten auf... allererst möglich." (SUZ 137)[3]

Daraus folgt, dass sich die "existenziale Analytik"(die Analytik des menschlichen Daseins) an die "Stimmungen" als "die ausgezeichneten weittragendsten Erschliessungsmöglichkeiten des Daseins"(Ebd.) halten müsse. Bollnow kommentiert dazu:

"Damit scheint zunächst noch die Vielzahl der Auslegungsmöglichkeiten in den verschiedenen Stimmungen eingeschlossen zu sein. Aber in der wirklichen Durchführung tritt an deren Stelle nur noch eine einzelne, bestimmte Stimmung..." (Bollnow 66)

... und zwar die "Stimmung" der "Angst". So lautet der Titel von §40 in "Sein und Zeit": " Die Grundbefindlichkeit der Angst als eine ausgezeichnete Erschlossenheit des Daseins" (SUZ 184).Bemerkenswert ist hierbei, dass Heidegger noch von "einer ausgezeichneten Erschlossenheit" spricht, was andeutet, dass es daneben noch weitere geben könnte. Doch in der folgenden Durchführung wird die Einseitigkeit seines Ansatzes ersichtlich, indem er alle wesentlichen Bestimmungen des menschlichen Daseins auf die Grundstimmung der "Angst" zurückgführt.(vergl. Bollnow 66ff.) So werden auch alle anderen Stimmungen von vornherein auf die Grundstimmung der "Angst" bezogen, wenn es etwa heisst:

" [W]iederum kann die gehobene Stimmung der offenbaren Last des Seins entheben; auch diese Stimmungsmöglichkeit erschliesst, wenngleich enthebend, den Lastcharakter des Daseins." (SUZ 134)

Die gehobenen Stimmungen werden also nicht in ihrer Eigenstruktur, sondern nur in ihrem Bezug zur "Angst" gesehen. Damit werden sie qualitativ sozusagen zu "defizienten Modi" der "Angst" herabgestuft.

"Die anderen Stimmungen ergeben keinen neuen Aufschluss über das Wesen des Menschen, sie zeigen nichts inhaltlich Neues, sondern sie können nur von einer anderen Seite her das in der Angst schon Erkannte bestätigen. Wo sie zu widersprechen scheinen, wie etwa in dem Gefühl einer beglückenden Geborgenheit, handelt es sich in Wirklichkeit doch nur darum, dass die entscheidenden Bezüge, die die Angst aufdeckt, hier verdeckt sind." (Bollnow 67)

Bollnow kritisiert, wie ich denke zu recht, den einseitigen anthropologischen Ansatz Heideggers (und der Existenzphilosophie im Allgemeinen). Die "Angst" allein vermag uns nicht das Ganze des menschlichen Daseins verstehbar zu machen. Wohl ist sie, wie wir sehen werden, die massgebliche Grösse des menschlichen Alltagslebens, doch gibt es daneben zwar seltene, dennoch das menschliche Sein tiefgründig beeinflussende Glückserlebnisse, die nicht auf die "Angst-Struktur" des Alltagslebens zurückgeführt werden können. Doch zunächst geht es darum, die existenziale Struktur der "Angst" klarzumachen.

1.3.) Die "Angst" als Offenbarung des "Nichts"

Wie schon Kierkegaard unterscheidet Heidegger den Begriff der "Angst" von dem der "Furcht". Die Alltagssprache macht hier keinen Unterschied. Für das Common-Sense-Verständnis sind "Angst" und "Furcht" Bezeichnungen für mehr oder weniger zufällige Gefühlszustände, in denen sich der Mensch zeitweise befindet, und die es in der Regel so schnell wie möglich zu beseitigen gilt. So untersucht beispielsweise die Psychologie die Bedingungen des Entstehens von Aengsten und sucht in der Therapie mit dem Patienten nach Lösungen, um diesen von seinen bedrängenden Aengsten zu befreien. Angst und Furcht stellt sich demnach als etwas Aeusserlich-Zufälliges und überdies meist Bedauerliches oder Vermeidbares dar, das aber in keiner Weise mit dem Wesen des Menschen zu tun hat. Die Frage nach dem Wesen des Menschen stellt sich dem Common-Sense-Bewusstsein in der Regel ja auch gar nicht. Daher würde es auch kaum auf den Gedanken kommen, die Angst irgendwie mit dem Wesen des Menschen in Verbindung zu bringen. Virulent wird die Frage nach dem Wesen des Menschen dem Common-Sense-Bewusstsein erst, wenn sein bisheriges Menschsein plötzlich durch eine Krise in Frage steht. Dann stellt sich die philosophische Reflexion über die im Alltag unhinterfragten Grundüberzeugungen allererst ein. Philosophische Bedeutsamkeit erlangt das Thema "Angst" somit erst auf dem Boden der Reflexion über die letzten Bedingungen des menschlichen Seins. Sobald die "Angst" nicht mehr als ein bloss äusserlich Zufälliges, das es zu vermeiden gilt, sondern als ein dem Wesen des Menschen mithin notwendig zukommendes Faktum verstanden wird, setzt philosophische Reflexion ein. Sie geht also nicht mit einem unhinterfragten Begriff vom Menschen an das Alltagsphänomen "Angst" heran und untersucht die "Angst" als etwas, das nun leider einmal am Menschen vorkommt, sondern ihr geht es um eine grundlegende Bestimmung des Menschen vor jeglicher "innerweltlichen" Erörterung des Phänomens "Angst". Es ist das grosse Verdienst der Existenzphilosophie, das menschliche Leben positiv von der Grundstimmung der Angst her zu deuten.

Im Gegensatz zur "Furcht" bestimmen Kierkegaard und Heidegger die "Angst" als nicht-intentional , d.h. als richtungslos und unbestimmt. Dem Terminus "Furcht" entspricht hierbei dem Common-Sense-Verständnis von Furcht und Angst. "Furcht" bezieht sich stets auf etwas Konkretes, vor dem man sich fürchtet: Eine Naturgewalt, ein von Menschen geschaffenes Ding, andere Menschen, u.s.w. In Heideggers Sprache:

" Das Wovor der Furcht, das 'Furchtbare' ist jeweils ein innerweltlich Begegnendes von der Seinsart des Zuhandenen, des Vorhandenen odes des Mitdaseins."(SUZ 140)

"Die Furcht vor... fürchtet jeweils... um etwas Bestimmtes."(Was ist Metaphysik? 9)[4]

Im Gegensatz dazu ist das "Wovor der Angst... völlig unbestimmt"(SUZ 186). Dies bedeutet, "dass überhaupt das innerweltliche Seiende nicht 'relevant' ist"(Ebd.) ."Die Welt hat den Charakter völliger Unbedeutsamkeit."(Ebd.)

"Daher 'sieht' die Angst auch nicht ein bestimmtes 'Hier' und 'Dort', aus dem sich das Bedrohliche nähert... Diese 'weiss nicht' was es ist, davor sie sich ängstet... Das Drohende... ist schon 'da' - und noch nirgends... das Wovor der Angst ist die Welt als solche . Die völlige Unbedeutsamkeit, die sich im Nichts und Nirgends bekundet, bedeutet nicht Weltabwesenheit, sondern besagt, dass das innerweltlich Seiende an ihm selbst so völlig belanglos ist, dass auf dem Grunde dieser Unbedeutsamkeit des Innerweltlichen die Welt in ihrer Weltlichkeit sich einzig noch aufdrängt." (SUZ 186f.)

"Wir können nicht sagen, wovor einem unheimlich ist. Im Ganzen ist einem so. Alle Dinge und wir selbst versinken in eine Gleichgültigkeit,... [ein] Wegrücken des Seienden im Ganzen, das uns in der Angst umdrängt, bedrängt uns. Es bleibt kein Halt."(Was ist Metaphysik? 9)

Die Stimmung der "Angst" "kommt über uns"(Ebd.), d.h. wir erleben sie als Widerfahrnis das sich ereignet.

"Die ursprüngliche Angst kann jeden Augenblick im Dasein erwachen. Sie bedarf dazu keiner Weckung durch ein ungewöhnliches Ereignis."(Was ist Metaphysik? 15)

Sie "kann in der harmlosesten Situation aufsteigen"(SUZ 187). Schon im überraschenden und banalen Aufsteigen eines unguten Gefühls, dessen Grund sich nicht unmittelbar erkennen lässt, zeigt sich die "Angst". Ein plötzlicher Unterbruch im Fluss der Gedanken, ein plötzliches "Sich-fremd-fühlen" ohne ersichtlichen Anlass kündet bereits von der "Angst".

"Die Angst verschlägt uns das Wort. Weil das Seiende im Ganzen entgleitet und so gerade das Nichts andrängt, schweigt im Angesicht seiner jedes "Ist"-Sagen. Dass wir in der Unheimlichkeit der Angst oft die leere Stille gerade durch ein wahlloses Reden zu brechen suchen, ist nur der Beweis für die Gegenwart des Nichts. Dass die Angst das Nichts enthüllt, bestätigt uns der Mensch selbst unmittelbar dann, wenn die Angst gewichen ist. In der Helle des Blickes, den die frische Erinnerung trägt, müssen wir sagen: wovor und worum wir uns ängsteten, war "eigentlich" - nichts. In der Tat: das Nichts selbst - als solches - war da."(Was ist Metaphysik? 9f.)

"Die Angst offenbart das Nichts." (Was ist Metaphysik? Ebd.)

Im Aufbrechen der "Angst" wird die grenzenlose "Unbedeutsamkeit", die Gleichgültigkeit und Haltlosigkeit von allem erfahren. Die ganze "Unheimlichkeit" (vergl. auch SUZ 188) und Ungeborgenheit des Daseins bricht in diesem Nichts der Angst augenblicklich hervor. Die "Angst" ist jedoch kein bedauerliches Uebel, das irgendwie vermieden und vertrieben werden sollte. Die Erfahrung der "Angst" hat vielmehr einen positiven Charakter. Sie "verwandelt" den Menschen in seinem "Da-sein".(vergl. Was ist Metaphysik? 10) Denn "zunächst und zumeist [ist uns das Nichts] in seiner Ursprünglichkeit verstellt"(Was ist Metaphysik? 13). Die "eigentliche, ursprüngliche Angst" ist selten, weil sich der Mensch in seinen "Umtrieben an das Seiende kehr[t]... [und sich damit] um so mehr ... vom Nichts abkehr[t]"(Ebd.). Er flieht vor dem "Nichts" der "Angst" "in die öffentliche Oberfläche des Daseins"(Ebd.), des "Miteinanderseins"(SUZ 126) im "Man"(Ebd.). Die menschliche Seinsweise des

"...Miteinandersein[s] löst das eigene Dasein völlig in die Seinsart 'der Anderen' auf, so zwar, dass die Anderen in ihrer Unterschiedlichkeit und Ausdrücklichkeit noch mehr verschwinden. In dieser Unauffälligkeit und Nichtfeststellbarkeit entfaltet das man seine eigene Diktatur. Wir geniessen und vergnügen uns, wie man geniesst; wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie man sieht und urteilt; wir ziehen uns aber auch vom 'grossen Haufen' zurück, wie man sich zurückzieht; wir finden 'empörend', was man empörend findet. Das Man, das kein bestimmtes ist und das Alle, obzwar nicht als Summe, sind, schreibt die Seinsart der Alltäglichkeit vor."(SUZ 126f.)

In dieser Seinsweise befindet sich der Mensch je schon auf dem Boden der "Unselbständigkeit und Uneigentlichkeit"(SUZ 184). Denn "[d]as Aufgehen im Man... offenbart so etwas wie eine Flucht des Daseins vor ihm selbst als eigentlichem Selbst-sein-können"(Ebd.). Der Weg von der uneigentlichen Seinsweise des "Man" führt nun nicht über irgendeine theoretische Einsicht, sondern allein durch das Aufbrechen und Aushalten der "Angst".

"Sie wirft das Dasein auf das zurück, worum es sich ängstet, sein eigentliches In-der-Welt-sein-können. Die Angst vereinzelt das Dasein auf sein eigenstes In-der-Welt-sein..."(SUZ 187) Das Aushalten der "Angst" ist das "Sichloslassen in das Nichts d.h. das Freiwerden von den Götzen die jeder hat und zu denen er sich wegzuschleichen pflegt."(Was ist Metaphysik? 19)

Das "eigentliche" und "eigenste" "In-der-Welt-sein" bedeutet das "Freisein für die Freiheit des Sich-selbst-wählens und -ergreifens"(SUZ 188). Das Aufbrechen und Aushalten der "Angst" ist somit die notwendige Bedingung der Möglichkeit der Freiheit des Menschen. "Die Angst offenbart [zwar] das Nichts."(Was ist Metaphysik? 17) Aber: "Ohne ursprüngliche Offenbarkeit des Nichts kein Selbstsein und keine Freiheit."(Ebd. 19)

1.4.) Die "Zeitlichkeit" und der "Augenblick"

Unter dem Begriff "Zeitlichkeit" versteht Heidegger weder die objektiv ablaufende, wissenschaftlich messbare Uhrzeit, noch die subjektiv erlebte Zeitdauer von Vorgängen. Der Terminus "Zeitlichkeit" bezeichnet vielmehr die fundamentalste aprioristische Struktur des menschlichen Daseins, die die notwendige Voraussetzung dafür bildet, dass der Mensch überhaupt so etwas wie objektive Zeitmessung und datierbare Zeit, und damit auch Geschichte hat. Das massgebliche Moment in der Struktur der "Zeitlichkeit" sieht Heidegger in der Endlichkeit des Daseins. Dasein ist "Sein zum Tode"(SUZ 235ff.). Insofern erhält der "Augenblick" eine bestimmte verwickelte zeitliche Gestalt, die Bezüge zur Vergangenheit und zur Zukunft aufweist. Vergangenheit erweist sich im Hinblick auf Gegenwart nicht einfach als ein belangloses "Früher" auf der Zeitachse, das nicht mehr ist; und Zukunft ist kein unbedeutendes "Später", das irgendwann einmal sein wird, doch in der Gegenwart noch nicht ist. Vergangenheit und Zukunft "wirken" vielmehr immer schon in die Gegenwart hinein, insofern sie durch Geburt und Tod begrenzt sind. Dasein ist wesentlich "Sein zum Tode", und insofern verhält sich der Mensch immer schon zu seinem eigenen Tod. Der Tod...

"...enthüllt sich...als die eigenste, unbezüglichste, unüberholbare Möglichkeit"(SUZ 250).

Als "Möglichkeit" sich zu ihm zu verhalten "wirkt" der Tod immer schon in unsere Gegenwart hinein.

" [W]enn Dasein existiert, ist es auch schon in diese Möglichkeit geworfen."(SUZ 251)

Doch hat das Dasein im Verfallensein an die Alltäglichkeit des "Man" "zunächst und zumeist kein ausdrückliches oder gar theoretisches Wissen"(SUZ 251) vom Tod. Im Gegenteil, es ist "ständige Flucht,...

"...verhüllen[des] Ausweichen[...] vor ihm"(SUZ 254). "Das Man lässt den Mut zur Angst vor dem Tode nicht aufkommen."(Ebd.)

"Die Geworfenheit in den Tod enthüllt sich ihm ursprünglicher und eindringlicher in der Befindlichkeit der Angst."(SUZ 251)

Wiederum spielt auch hier beim Bewusstwerden der eigenen Endlichkeit das Aufbrechen der "Angst" die entscheidende, vermittelnde Rolle. Mit der Gewissheit des eigenen Todes geht das Bewusstsein der "Unbestimmtheit seines Wann zusammen"(SUZ 258), d.h. die Gewissheit, "dass er jeden Augenblick möglich ist"(Ebd.). Aufgrund dessen erhält der "Augenblick" seine besondere existenzphilosophische Schärfe. Denn Vergangenheit wird jetzt als das gesehen, was den Spielraum der Gegenwart einschränkt, sie in die Enge einer vorgegebenen "Situation"(vergl. SUZ 299) hineindrängt. Ebenso lastet nun auch die Zukunft als Bedrängnis auf der Gegenwart, und ruft zur Entscheidung auf. Der "Augenblick" erfährt hierin seine schärfste Zuspitzung. Der Tod zwingt das Dasein dem "Augenblick" selbst eine solche letzte Fülle zu geben, dass aller Sinn des Lebens von der doch unsicheren zeitlichen Fortsetzung unabhängig ist. Diesen Schritt bezeichnet Heidegger als "vorlaufende Entschlossenheit"(SUZ 304). In der "vorlaufenden Entschlossenheit" verhält sich der Mensch "eigentlich" zu sich selbst.

" Phänomenal ursprünglich wird die Zeitlichkeit erfahren... am Phänomen der vorlaufenden Entschlossenheit." (SUZ 304)

Wie schon beim Phänomen "Angst" hält Heidegger diese, unter der Last des Todes in "vorlaufender Entschlossenheit" erfahrenen Zeitlichkeit, für die grundlegendste Erfahrung von Zeitlichkeit überhaupt, auf welche alle anderen Erfahrungen von Zeit zurückgeführt werden müssen.

2.) Vorschau

Im Folgenden werden wir sehen, dass Heideggers Strukturanalyse des Daseins einseitig ist. Es gibt nämlich durchaus Erlebnisweisen des Glücks, die sich nicht auf dem Boden der Uneigentlichkeit des "Man" entwickeln und nicht auf die "Angst-Struktur" des "Alltagsbewusstseins" zurückgeführt werden können.[5] Der Struktur des "Alltagsbewusstseins", wie sie Heidegger entwickelt hat, werde ich diejenige des "glücklichen Bewusstseins", wie wir sie in Nietzsches "Mittags-Denken" kennenlernen werden, gegenüberstellen. Nietzsches "bestes Glück" wird sich dabei als eine Art von "unio mystica"- Erfahrung herausstellen, deren Strukturmomente denen Heideggers grundlegend entgegenstehen:

[...]


[1] Ich zitiere hinfort aus "Sein und Zeit" (SUZ), 1.Aufl., Tübingen 1927 .

[2] Ich zitiere hinfort aus "Das Wesen der Stimmungen", dritte, durchgesehene und erweiterte Auflage, Frankfurt am Main 1956.

[3] Bollnow übernimmt Heideggers Bestimmung des Begriffs der "Stimmung", indem er die "Stimmungen" von den "Gefühlen" dadurch unterscheidet, dass er sie als "nicht-intentional" bestimmt. D.h.: "Stimmungen" sind im Unterschied zu "Gefühlen" nicht auf Gegenstände in der Welt bezogen, sie liegen phänomenal gesehen jedem "Sichrichten auf..." voraus. (vergl. Bollnow 33ff./ vergl.. dazu auch die folgenden Erörterungen der "Angst"),

[4] in: Wegmarken, Frankfurt am Main 1967, S.103-123 (zitiert wird hinfort nach der 1.Auflage von "Was ist Metaphysik?").

[5] Ich verwende in der Folge den Begriff des "Alltagsbewusstseins", um die Position Heideggers zu bezeichnen (mit "Alltagsbewusstsein" ist somit nicht Heideggers Begriff der "alltäglichen Verfallenheit an das Man" gemeint).

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Existenz aus der Spannung von Angst (Heidegger) und dem Glück der Mystik (Nietzsche)
Hochschule
Universität Basel  (Philosophisches Instituts)
Note
5,8 (Bestnote: 6)
Autor
Jahr
1993
Seiten
29
Katalognummer
V437652
ISBN (eBook)
9783668783003
ISBN (Buch)
9783668783010
Sprache
Deutsch
Schlagworte
existenz, spannung, angst, heidegger, glück, mystik, nietzsche
Arbeit zitieren
Dr. phil. Peter Widmer (Autor), 1993, Existenz aus der Spannung von Angst (Heidegger) und dem Glück der Mystik (Nietzsche), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437652

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