Mai 68 - eine Kulturevolution?


Essay, 2001

3 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Aufgabe: Mai 68 - eine Kulturevolution? Eine Jugendrevolte? Wogegen revoltiert die Jugend? Wie könnte eine alternative Gesellschaft aussehen?

Die Bundesrepublik Deutschland wurde während der Nachkriegszeit von einem Wertezusammenbruch bedrängt. Nach dem Zusammenbruch der Werte und der Revitalisierung der Wirtschaft und der Gesellschaft dieser Zeit, entstand ein eigenes Wertesystem. Es kam zu Veränderungen sozialer Wertorientierungen, Werthaltungen und Einstellungen und es kam zur massiven Aufwertung von Pflicht- und Ordnungswerten. Die Hochwertung von Ordnung war gewissermaßen die Projektion der Stunde Null aufs sozialorganisatorisch geregelte Lebensdienliche. Auch eine Hochwertung von Effizienz und Effektivität gehörte unmittelbar in die Wertelandschaft der Wiederaufbauperiode. Arbeit wurde als Pflicht gesehen, für den Wiederaufbau des eigenen Landes. Nach Jahren der Entbehrung entwickelte sich ein enormer Nachholbedarf, der sich in einem sehr auffälligen Konsumverhalten auswirkte.

Unter dem Druck der Notsituation wurden viele Wertgehalte und Wertverwirklichungsbedürfnisse gewissermaßen auf Eis gelegt. Es kam nicht zu einer Schrumpfung von Werten, sondern es ging eher um eine Art Inaktivierung. Am Ende der 50er Jahre, wo der Konsum seinen Höhenpunkt erreicht hatte, ging die Nachkriegszeit ab der ersten Hälfte der 60er Jahre zu Ende. Die Städte wurden wieder aufgebaut, an die Stelle wirtschaftlicher Not war ein Wirtschaftswunder getreten, das den Beginn der Prosperität bedeutete. Durch die wirtschaftliche Entwicklung seit den 60er Jahren, ist das Konsumverhalten der deutschen Bevölkerung drastisch angestiegen. Die vorherige Überlebensorientierung begann zu verblassen und die ausgeklammerten und abgeschobenen Werte überrollten schnell die Konsumthematik und ließen sie hinter sich., so dass sich eine Art Kulturrevolution entfalten konnte, mit der sich eine Re-Ideolisierung der BRD einstellte.

Es begann eine Abwertung von Akzeptanz- und Pflichtwerten und es kam zum Übergang vom Materialismus zum Postmaterialismus. Frühe Überlebensorientierung wurde durch Prestigedenken ersetzt. Es entwickelten sich Gegenbewegungen, die eine Abkehr dieses bürgerlich normalen Lebens erreichen wollten. Dabei kann von einem Wertewandlungsschub gesprochen werden, der sich in fast allen Bevölkerungsschichten ausbreitete. In diesem Zusammenhang war ein Begehren nach Bewegung, Aufbruch zur Emanzipation, usw. zu verspüren.

Gründe für den Wandlungsschub sind sehr plausibel. Bis in die zweite Hälfte der 70er Jahre anhaltende Steigerung des Massenwohlstands, das Wirtschaftswunder und die Prosperität waren die Auslöser des Wandlungsschubs. Diese verursachten eine Entlastung von der vorher vorherrschenden Not und Knappheit und erweiterten somit den Spielraum für andere Bedürfnisse.

Neben dem Massenwohlstand spielen auch die Wirkung des Sozialstaatsausbaus (Rentenreform 1957), die Bildungs- und die Medienrevolution eine große Rolle. Die Ausbreitung des Fernsehers erweiterte den geistigen Horizont der Bevölkerung, im Bildungsbereich kam es zu Selbstentfaltungsorientierung. Junge Menschen mit hohem Bildungsniveau waren in einem besonderem Maße vom Wertewandel betroffen, in betträchtigen Teilen der Jugend kam es zum totalem Werteumsturz. Bei den älteren Generationen war die Reaktion eher „weicher“ und es kam eher zum Verharren an alten Werten.

Für die Protestbewegung war die Belesenheit charakteristisch. Es entstanden viele kleine Verlage, die sich der Veröffentlichung experimenteller Literatur und Kunst, literarischer und wissenschaftlichen Raritäten widmeten. Der Gebrauchswert des Buches war über seinen Tauschwert und die Belesenheit war vielmehr als persönliche Erfahrung. Der jugendliche Protest wandte sich gegen bildungsbürgerliche Kulturkonsum, gegen das in der Wirtschaftswunderwelt ritualisierte und vermarktete Kulturleben, für das Erbauung und Muße unverbindlich blieben. „Das Karussell des kulturellen Jahrmarkts werde von Heuchlern betrieben, deren gesellschaftliches Engagement lediglich aufgesetzt sei“. Zugang zu den Kulturgütern war nicht nur ökonomisch durch Verbilligung sondern auch psychologisch erleichtert. An den Schulen begannen Lehrer sich mit Reklamenanzeigen kritisch auseinander zusetzen. Warenästhetik ist zu einem heuristischen Schlüsselbegriff geworden und sie fragte nach dem Gebrauchswert und nicht nach der Personalität. Geweckt wurde die Begeherblichkeit auf das neue Produkt.

Im Filmbereich kam es zu einer radikalen Absage an technische Perfektion, man war gegen die falschen, glatten, geölten Filme, man wollte keine rosa Filme sehen. Der Film wurde begriffen als Lebensform, die direkt und auch mit obszöner Brutalität kulinarischen Filmkonsum verhindern sollte.

Zum Aufstand der Jugend kam es in der Zeit, in der auch in anderen Ländern Studentenunruhen und -bewegungen an der Tagesordnung waren. Man hat angenommen, dass in der gesamten westlichen Welt sich die Folgen einer US-amerikanischen Mentalitätskrise niederschlagen haben, die insbesondere auch durch den Vietnamkrieg hervorgerufen waren. Diese Krise war also ein Auslöser des Aufstandes aber nicht seine Ursache. Wertwandlungsschub war im Grunde kein Jugendphänomen, wenngleich er in der Jugend seinen entschiedensten und bedingungslosesten und gleichzeitig auch provokantesten Ausdruck fand. Vielmehr war er ein gesamtgesellschaftlicher Vorgang, an dem praktisch die gesamte Bevölkerung zumindest passiv beteiligt war. Wertwandlungsschub als ein Anzeichen für eine Verschärfung des Generationskonflikts, war nur deswegen, weil die aufmütigen Teile der Jugend auf eine ganz bewusste Weise Regelverletzungen begangen haben, die darauf abzielten, die Älteren wie auch die staatlichen Organe herauszufordern, um ein Konfrontationserlebnis herbeizuführen.

Zum Ende der 70er Jahre kam es dann zu einer Entleerung der politischen Orientierungen. Einstige geistige Führer der Studentenbewegung kehrten teilweise ins bürgerliche „normale“ Leben zurück und wurden somit Mitläufer des einst verhassten Systems, während wieder ein anderer Teil in den Untergrund des politischen Terrors ging.

[...]

Ende der Leseprobe aus 3 Seiten

Details

Titel
Mai 68 - eine Kulturevolution?
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Wirtschaftsbezogene Kulturgeschichte Deutschlands
Note
2,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
3
Katalognummer
V4377
ISBN (eBook)
9783638127134
Dateigröße
351 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mai 68, Kulturrevolution
Arbeit zitieren
Petra Sedlackova (Autor:in), 2001, Mai 68 - eine Kulturevolution?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4377

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