Hegel, Hölderlin und das älteste Systemprogramm des Deutschen Idealismus


Seminararbeit, 2002

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus. Überlieferung, Inhalt, Verfasserfrage
1. 1 Zur Überlieferung
1. 2 Zum inhaltlichen Aufbau des ‚Systemprogramms‘
1. 3 Schelling, Hegel, Hölderlin? Die Verfasserfrage

2. Hölderlins Vereinigungsphilosophie und der Mittelteil des Ältesten Systemprogramms
2. 1 Liebe und Schönheit. Hölderlins Vereinigungsphilosophie
2. 2 Gedankliche Begegnung im ‚Systemprogramm‘

3. Differenzen zwischen Hegel und Hölderlin

Literatur
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:

Einleitung

„Dein Bild, Geliebter, tritt vor mich, / und der entfloh’nen Tage Lust; doch bald weicht sie / des Wiedersehens süssern Hofnungen“[1] – diese Zeilen finden sich in einem Gedicht, das Hegel im August 1796 in Bern niederschreibt. Es trägt den Titel Eleusis – und es ist Hölderlin gewidmet, dem Freund aus der Tübinger Studienzeit. Das Gedicht entsteht in Erwartung einer erneuten Begegnung mit Hölderlin in Frankfurt, wo Hegel im Januar 1797 eine Stelle als Hauslehrer antreten wird; es zeugt von der Hoffnung auf eine Erneuerung des „Bundes“[2], in dem sich Hegel und Hölderlin in Tübingen verbrüdert sahen.

Tatsächlich wird die Begegnung mit Hölderlin in Frankfurt für Hegel mehr bedeuten als die Aufnahme einer alten Freundschaft. Der gedankliche Austausch mit dem Dichter, die Berührung mit dessen vereinigungsphilosophischen Ansätzen, wird Hegels eigenes Philosophieren in entscheidender Weise beeinflussen und ihm – unter anderem – den Anstoß zur endgültigen Überwindung seines Berner Kantianismus geben.

Das Gedicht Eleusis, in dem sich Hegels Kritik an der Philosophie Kants bereits andeutet, lässt sich, wie Christoph Jamme schreibt, „gleichsam als Ouverture“ des „gemeinsamen Frankfurter ‚Symphilosophierens‘“[3] der beiden Freunde betrachten.

Es ist unmöglich, in einer Seminararbeit alle Facetten, alle Aspekte und alle Auswirkungen dieses ‚Symphilosophierens‘ auf das jeweilige Gesamtwerk der beiden Denker aufzuzeigen. Im Folgenden soll deshalb versucht werden, die Grundgedanken der Hölderlinschen Vereinigungsphilosophie und Hegels Aufnahme dieser Denkmotive unter Bezugnahme auf einen wesentlichen Text, unter Bezugnahme auf Das Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus, herauszuarbeiten. Eine Betrachtung des Systemprogramms ist in diesem Zusammenhang vor allem deshalb sinnvoll, weil in der zweiten Hälfte des von Hegel niedergeschriebenen Textes deutlich Hölderlins Einfluss erkennbar wird. Die zweite Texthälfte könne, so Jamme, gelesen werden „als Widerspiegelung von Hegels Begegnung mit Hölderlin, aufgrund derer er die Prinzipien seiner Philosophie entscheidend weiterentwickelte“.[4]

Das erstmals 1917 veröffentlichte Systemprogramm ist ein problematischer und viel diskutierter Text; die Frage nach dem geistigen Urheber der Handschrift beschäftigt die Hegel-, Hölderlin- und Schellingforschung bis heute. Aus diesem Grund ist es angebracht, im ersten Teil der Arbeit zunächst den Text in Hinblick auf seine Überlieferung, den inhaltlichen Aufbau sowie die Verfasserfrage zu betrachten. Anschließend soll auf die wichtigsten Aspekte der Vereinigungsphilosophie eingegangen und dargestellt werden, inwiefern sich die Begegnung Hegels mit Hölderlin im Systemprogramm niederschlägt. Da aber, wie Dieter Henrich betont, nicht nur der „Anstoß durch Hölderlin“[5], sondern auch und gerade der „Abstoß von ihm [...] Hegels frühen Weg zum System bestimmt“[6] habe, halte ich es für sinnvoll, in einem dritten Teil abschließend auf einige gedankliche Differenzen zwischen Hegel und Hölderlin hinzuweisen.

1. Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus. Überlieferung, Inhalt, Verfasserfrage.

1. 1 Zur Überlieferung

Die Preußische Staatsbibliothek ersteigerte im März 1913 auf einer Auktion des Hauses Liepmannssohn in Berlin ein einzelnes Blatt, auf der Vorder- und Rückseite mit Hegels Handschrift beschrieben. 1917 wurde das Blatt erstmals von Franz Rosenzweig unter dem – später häufig kritisierten – Titel Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus veröffentlicht und kommentiert. Erst 1976 konnte Dieter Henrich die Überlieferungsgeschichte des Textes aufklären: das Systemprogramm stammt aus dem Nachlass des Hegelschülers Förster und somit aller Wahrscheinlichkeit nach aus Hegels eigenem Nachlass. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Forschung auf eine Fotografie des Textes angewiesen, da das Original als verschollen galt. Es ist wiederum Henrich zu verdanken, dass die Original-Handschrift seit 1979 wieder zugänglich ist. Er konnte die Jagellonische Bibliothek Krakau, in die das Systemprogramm in den Kriegswirren gelangt war, zur Freigabe des Originaltextes veranlassen.

1. 2 Zum inhaltlichen Aufbau des ‚Systemprogramms‘

Eine vollständige Interpretation des Systemprogramms soll und kann in dieser Arbeit nicht geleistet werden; Bezugspunkt für die Darstellung des Hölderlinschen Einflusses auf Hegels Denken wird im zweiten Teil der Arbeit vor allem der mittlere Abschnitt des Textes sein, in dem der Autor seine Überlegungen zur Ästhetik darlegt.

Da aber dieser Mittelteil nicht als isoliert von den übrigen im Programm entwickelten Gedanken gelesen werden kann, soll an dieser Stelle kurz auf den inhaltlichen Aufbau des Systemprogramms eingegangen werden.

Unabhängig davon, wer nun letztlich als geistiger Urheber der Handschrift angenommen werden darf, lässt sich sagen, dass hier Denkmotive formuliert werden, wie sie zur Entstehungszeit des Systemprogramms (1796 oder 1797) in der Philosophie bereits mehrfach angeklungen waren. Diese Denkmotive werden, so Otto Pöggeler, im Programm „zusammengefaßt [...] zum Zwecke der Artikulation einer Revolution der Denkungsart“.[7] Jedoch ist das Systemprogramm nicht revolutionär in dem Sinne, dass hier ein bereits konsequent durchdachtes, in sich geschlossenes System in seinen Grundzügen dargelegt würde. Vielmehr dokumentiert der Text eine Phase des „Übergangs und Wandels im Denken“.[8] Für den Übergangscharakter des Programms spricht beispielsweise die Tatsache, dass der Autor sich durch den gesamten Text hindurch immer wieder auf die Philosophie Kants bezieht und sich ihrer Sprache bedient, in dieser Sprache jedoch Gedanken entwickelt, die deutlich über Kant hinausweisen.

Der Text beginnt mit der Ausführung einer Metaphysik, die „künftig“ – und das bedeutet: nach Kant – „in die Moral fällt“.[9] Kants Postulate der reinen und praktischen Vernunft bleiben für den Autor des Programms unvollständig, nicht erschöpfend, weil Kant streng dualistisch theoretische und praktische Vernunft voneinander trennt. Mit der zu entwickelnden Ethik wird „ein vollständiges System aller Ideen“[10] angestrebt, dessen wesentlichste Ideen „die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen“ und die „Welt“[11] sind. Im Gegensatz zu Fichte sieht der Autor des Systemprogramms die Welt nicht als eine vom Ich gesetzte, vielmehr entspringen Welt und Ich gleichzeitig dem selben Urgrund, dem Absoluten, das hier mit dem Begriff „Nichts“[12] bezeichnet wird.

Mit der an Kants Kritik der Urteilskraft angelehnten Frage „Wie muß eine Welt für ein moralisches Wesen beschaffen sein?“[13] leitet der Autor zur Behandlung der Natur über und fordert eine „spekulative Naturphilosophie statt einer empirischen Naturwissenschaft“.[14]

Den naturphilosophischen Überlegungen folgen im Systemprogramm Ausführungen zur praktischen Philosophie, zum „Menschenwerk“.[15] Mit der Umschreibung des Staates als „Maschine[16] und der damit verbundenen Forderung eines „Absterben des Staates“[17] greift der Autor einen zeittypischen Topos auf und stellt sich in die Tradition der aufklärerischen Staatskritik. Zudem findet sich in diesem Teil des Programms eine deutliche Agitation gegen die am Tübinger Stift vertretene Orthodoxie, wenn vom „Umsturz alles Afterglaubens“ und einer „Verfolgung des Priestertums“[18] die Rede ist. Das höchste Ziel der Geschichte sieht der Autor in der „Absolute[n] Freiheit aller Geister, die die intellektuelle Welt in sich tragen und weder Gott noch Unsterblichkeit außer sich suchen dürfen“.[19] Was hier gefordert wird, ist „das Programm des revolutionären Spinozismus, die Forderung des ‚Gott in uns‘ in nuce.“[20]

Hieran schließt sich nun jener Teil des Textes an, in dem der Autor die „Idee der Schönheit[21] zu einem Prinzip erhebt, das alle übrigen Ideen „vereinigt“[22] – also auch die zuvor behandelten Ideen der Menschheit und der Natur. An dieser Stelle lässt sich deutlich ein gedanklicher Bruch, ein „Paradigmenwechsel umfassenderer Art“[23] im Systemprogramm erkennen; denn wenn zuvor noch „eine Ethik“ als „vollständiges System aller Ideen“[24] angestrebt wurde, soll nun die Schönheit, die Ästhetik alle Ideen umfassen. Dass in dieser entscheidenden Wendung von der ethischen zur ästhetischen Ausrichtung und den sich daran anschließenden Gedanken deutlich der Einfluss Hölderlins zu erkennen ist, wird im zweiten Teil der Arbeit genauer ausgeführt werden.

Im letzten Teil des Systemprogramms entwickelt der Autor jene Idee, die „noch in keines Menschen Sinn gekommen ist“.[25] Gemeint ist die Idee einer „Mythologie der Vernunft[26], der die Funktion zukommen soll, Aufklärung durch eine Versinnlichung der Vernunft jedem zugänglich zu machen. Nur auf der Grundlage einer solchen „neue[n] Mythologie“[27] kann das verwirklicht werden, was in den letzten Sätzen des Programms im Zuge der Ideale der Französischen Revolution gefordert wird: „allgemeine Freiheit und Gleichheit der Geister!“.[28]

[...]


[1] Hegel, Werke 1, S. 230.

[2] Ebd.

[3] Jamme, S. 131.

[4] Ebd., S. 173.

[5] Henrich, S. 11.

[6] Ebd.

[7] Pöggeler, Otto: Hölderlin, Hegel und das älteste Systemprogramm. In: Bubner, S. 251.

[8] Ebd.

[9] Hegel, Werke, S. 234.

[10] Ebd.

[11] Ebd.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Jamme/Schneider, S. 55.

[15] Hegel, Werke 1, S. 234.

[16] Ebd.

[17] Jamme/Schneider, S. 55.

[18] Hegel, Werke 1, S. 235.

[19] Ebd.

[20] Jamme/Schneider, S. 57.

[21] Hegel, Werke 1, S. 235.

[22] Ebd.

[23] Jamme/Schneider, S. 56.

[24] Hegel, Werke 1, S. 234.

[25] Ebd., S. 236.

[26] Ebd.

[27] Ebd.

[28] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Hegel, Hölderlin und das älteste Systemprogramm des Deutschen Idealismus
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar Hegel: Glauben und Wissen
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V43770
ISBN (eBook)
9783638414982
ISBN (Buch)
9783638596800
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hegel, Hölderlin, Systemprogramm, Deutschen, Idealismus, Proseminar, Glauben, Wissen
Arbeit zitieren
Mareike Henrich (Autor), 2002, Hegel, Hölderlin und das älteste Systemprogramm des Deutschen Idealismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43770

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