Ist der Koran ewig oder ist er geschaffen? Rationalismus im Islam am Beispiel der Mu'tazila


Hausarbeit, 2003

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Der frühe Rationalismus im Islam
2.1. Der Kalam (spekulative Rede)

3. Die mu`tazilitische Schule
3.1. Ursprung und Geschichte
3.2. Theologische Aussagen
3.3. Politischer Einfluss
3.4. Scheitern und Weiterleben der Mu'tazila

4. Resümee

1. Einleitung

Gott hat keine Ewigkeitsattribute, da die Ewigkeit bereits ein formales Attribut seines Wesens ist. Die Verwendung solcher Attribute führt dazu, dass mehrere verschiedene Ewigkeiten geschaffen werden, was dem Wesen Gottes zuwiderläuft. Wer Gott ein Ewigkeitsattribut zuschreibt, postuliert eine neue Ewigkeit und in letzter Konsequenz einen neuen Gott.[1]

Dies ist einer von mehreren Grundgedanken, die Anfangs des achten Jahrhunderts von rationalistischen Theologen des Islams aufgegriffen und weiterentwickelt wurden. Mit Aufstieg der Rationalisten kam es in der islamischen Theologie zu heftigen Auseinandersetzungen mit dem Gedankengut orthodoxer Theologen, da mehrere Grundfesten des orthodoxen Gedankengutes angegriffen, wenn nicht sogar für nichtig erklärt wurden, bis bei

nahe zu einer Aufhebung der Idee von Gott.[2]

Zur Zeit der Entstehung der rationalen Theologie, aus der sich die Mu'tazila herausentwickelten, fanden in der islamischen Theologie mannigfaltige theologische Diskurse statt, was nicht zuletzt daran lag, dass der Islam mit seiner Ausbreitung immer häufiger auf andersgläubige Bevölkerungsschichten stieß, aber auch daran, dass sich die islamische Welt in einer Zeit des Umbruches und Zersplitterung befand. In diesem Diskurs versuchten die Mu'tazila scheinbare Widersprüche und Unklarheiten im Koran zu lösen, indem sie versuchten, Antworten zu finden, die rein rational begründet werden können und somit dem menschlichen Verstand zugänglich sein müssten.[3]

Oftmals ist im Zusammenhang mit den Mu'tazila auch die Rede von der „islamischen Aufklärung“, ein Vergleich der sicher nicht ganz korrekt sein dürfte, da beide Zeitepochen nicht miteinander vergleichbar sind. Die Ausgangslage der europäischen Aufklärung und die des frühen Rationalismus im Islam sind zum einem nicht miteinander zu vergleichen, auch waren die Beweggründe beider Bewegungen eindeutig andere, auch wenn es zeitweise ähnliche Ausdrucksformen oder Herangehensweisen geben sollte, wie zum Beispiel das Konzept der moralischen Wertigkeit des menschlichen Handelns, so ist dies wohl eher als ein Zufall der Geschichte anzusehen.

Die Mu'tazila stellen eine im frühen islamischen Rationalismus entstandene Schule dar, die sich in Zeiten weitreichender Umbrüche der islamischen Welt sowohl theologisch, als auch politisch etablieren konnten und letztendlich selbst sehr einflussreich wurden.

Diese Arbeit soll Herkunft und Entwicklung der Mu'tazila beschrieben, theologische Dogmen erläutert und Herangehensweisen an Fragen der Theologie erklären, ohne dabei zu sehr auf alle beteiligten Personen und jede Art der politischen Umstände einzugehen, was allerdings nicht immer ganz möglich sein dürfte, wie sich im folgendem zeigen wird.

2 Der frühe Rationalismus im Islam

Mit der Ausbreitung des islamischen Kalifats auf die gesamte arabische Halbinsel und darüber hinaus, kam es immer häufiger zu Spannungsverhältnissen mit anderen „älteren“ Religionen, die, auch wenn sie bereits in islamisches Gebiet integriert waren, dennoch mit dieser Integration nicht sofort erloschen. Die islamische Theologie sah sich herausgefordert, die eigene Glaubenslehre (vor allem die absolute Einsheit Gottes) gegenüber Andersgläubigen, aber auch gegenüber islamischen Abspaltungen hieb- und stichfest zu machen.[4] Scheinbare Widersprüche, sei es sie kamen aus der muslimischen Gesellschaft selbst, oder wurden von Andersgläubigen aufgebracht, mussten ausgeräumt werden.

Stellte der absolute Monotheismus zunächst keine Schwierigkeit dar, so traten diese aber auf, als hinterfragt wurde, welcher genaue Sinn hinter den Worten des Koran steht, mit denen Gott beschrieben wird. Wird Gott zunächst als „stets lenkend“, „alles durchdringend“, als „etwas“ oder „jemand“, dem sich niemand entziehen kann, charakterisiert, also mit menschlichen Attributen ausgestattet, so heißt es aber andererseits, dass er ganz anders sei, als seine Schöpfung, also auch ganz anders als der Mensch selbst, bzw. mit dem Mensch nicht vergleichbar ist. Man beschreibt ihn also mit Eigenschaften, die er gar nicht haben darf.[5]

Um eine Lösung dieses Problems herbeizuführen, wurde seit Beginn des 8. Jh.[6] der Versuch unternommen, zu Gunsten der Transzendenz Gottes, die Annahme von menschlichen Attributen in den Hintergrund zurücken. So sollen noch zur Zeit des letzten Omaijaden-Kalifen Gedanken geäußert worden sein, dass Gott niemals Abrahams Freund gewesen, oder mit Moses geredet haben kann, da die Transzendenz Gottes dies nicht zulässt, bzw. der Mensch absolut nicht dazu in der Lage ist, Gott zu erkennen. Auch dürfe man Gott nicht mit einem „Ding“ vergleichen, also ihm auch keine Eigenschaften eines „Dinges“ zuweisen, da Dinge von Gott in der Zeit geschaffen sind und er selbst diese Dinge um ein unendliches Übersteigt. Es entstand also die Überzeugung, Attribute für Gott nicht einfach nur in den Hintergrund zu rücken sind, sondern dass ihm überhaupt keine Attribute zustehen („negative Theologie“). Aus dieser Überzeugung heraus, wurde auch festgestellt, dass der Koran nicht ewig sein kann, sondern geschaffen ist, was im starken Widerspruch zur islamischen Orthodoxie steht[7], dennoch wurde es das wichtigste Merkmal der rationalistischer Strömungen, bis zur Mitte des 9. Jh.

Es wurde also versucht mit rein rationalen, mit dem menschlichen Verstand nachvollziehbaren Argumenten, nichtmuslimischen Angriffen, besonders auf die absolute Einsheit Gottes, zu begegnen und die Überlegenheit der eigenen Religion zu demonstrieren, gerade gegenüber den Christen, denen man die „Vergottung“ Jesu vorwarf.

Eigentliches Ziel, bzw. Beweggrund der Rationalisten war es, eine in sich stimmige und dem menschlichen Verstand zugängliche Spezifizierung der Botschaft des Propheten zu schaffen, oder mit andren Worten, die Verantwortlichkeit des Handelns in Einklang zu bringen mit der ununterbrochenen sich aktualisierenden Allmacht des einen Schöpfers.[8]

Mit der Einführung der Geschaffenheit des Korans, wurde dessen Absolutheit abgeschwächt und die moralische Wertigkeit des menschlichen Handelns eingeführt[9], denn: „ Diejenigen Muslime, die an die absolute Allmacht Allahs glaubten, mussten zwangsläufig zugeben, dass er für alles Böse in dieser Welt verantwortlich sei […] Für die Mu'taziliten waren die Menschen für einen Großteil des Bösen (bzw. für das Böse überhaupt) in der Welt verantwortlich.[10]

Es waren also es nicht die Nichtmuslime, die islamische Theologen dazu veranlassten, ein rationales Verständnis der göttlichen Gerechtigkeit zu kreieren. Anfangs erwuchs dieses Verständnis aus dem Streit der verschiedenen islamischen Parteien selbst.[11] Innerhalb dieser verschiedenen Parteien prallten oft extreme Positionen aufeinander, die vom frühen Rationalismus zu lösen versucht wurden. Bei ihnen gab es weder einen absoluten Ausschluss eines Sünders aus der muslimischen Gemeinde, wie es bei den Charischiden der Fall war, noch wollten sie einen Sünder nicht gleich behandeln, wie einen Gerechten, wie bei den Murgi’a, denn nur Gott allein steht es zu, über den Menschen zu richten. Ein absolutes Autoritätsverständnis, wie es die Schia verstand, lehnten sie ab, nicht aber die Schia als Ganzes.[12] Sie waren weder bereit Ali noch Utman zu verurteilen, waren aber gegen die Ansprüche der Omaijaden eingestellt, was ihnen den Ruf einbrachte, die geistigen Wegbereiter des Abbasitischen Umsturzes gewesen zu sein.

Diese Position zwischen den islamischen Lagern brachte ihn zunächst Namen ein, wie: „Vertreter des Rückzuges“ oder „Vertreter der Neutralität“. Zu Anfang des 8. Jh. nannten sie sich Mutakallimun, mit Beginn der Neutralität zwischen den islamischen Gruppen, insbesondere zwischen der sunnitischen und der schiitischen tauchte zunächst der Name „al-mu’tazila“ und später der Name „Mu'tazila“ auf. (In einiger Literatur wird auch generell von den Mu'tazila gesprochen, wenn von islamische Rationalismus gesprochen wird.)

2.1 Der Kalam („Spekulative Rede“)

Mit dem Aufkommen der rationalistischen Strömung anfangs des 8. Jh. wurden neue, hellenistisch-rationalistische Denkmethoden in den Islam eingeführt, die im Allgemeinen mit „Kalam“ bezeichnet werden. Im Gegensatz zum Hadith, welches eine feste, vom Propheten vorgelebte Skizzierung eines Sachverhaltes wiedergibt, ist der Kalam wesentlich lebendiger, durch die Ausfechtung von Gegensätzen.[13] Der Kalam ist ein wesentlicher Bestandteil des Rationalismus, so dass oft schon vom Kalam die Rede ist, wenn es um die „spekulative Dogmatik“[14] oder die „rationale Theologie“ geht.

Im Grunde ist der Kalam eine Literaturgattung, welches die Ausfechtung entgegengesetzter Standpunkte zum Ziel hat. So meint der Kalam das Sprechen und nicht einen bereits vorgegeben Text, wie es beim Hadith der Fall ist.

Durch Rede und Gegenrede (Fragender und Befragter), sollte versucht werden, Problematiken von verschiedenen Gesichtspunkten zu sehen, um so zur rationalsten, für den menschlichen Verstand nachvollziehbarste Antwort zu kommen. So gewonnene Standpunkte und Argumente, dienten so als Grundlage für die rationale Argumentation.

[...]


[1] Hughes, Thomas Martin, Lexikon des Islam, 1995

[2] Meddeb, Abdelwahab: „Die Krankheit des Islam“; in einem Interview mit „Lettre International“

[3] Hoffman, M.W., “Zur Rolle der islamischen Philosophie“, S.17

[4] Endreß, Gerhard: „Der Islam – Eine Einführung in seine Geschichte“ S. 59f

[5] Nagel, Tilmann: „Geschichte der islamischen Theologie“, S.102

[6] Manche Quelle sprechen auch vom Ende des 7. Jh.

[7] Nagel, Tilmann: „Geschichte der islamischen Theologie“, S.102f

[8] Nagel, Tilmann: „Geschichte der islamischen Theologie“, S.94

[10] Watt, W. Montgomery, zitiert in: Tibi, Bassam: „der wahre Islam“, S.119

[11] Endreß, Gerhard: „Der Islam – Eine Einführung in seine Geschichte“ S.60

[12] Endreß, Gerhard: „Der Islam – Eine Einführung in seine Geschichte“ S.58

[13] Nagel, Tilmann: „Geschichte der islamischen Theologie“, S.87

[14] Im „Handwörterbuch des Islam“ von Wensinck, A.J. und Kramers, J.H. (Hg.) ist unter dem Stichpunkt „Mu'tazila (S. 556) davon die Rede, dass die Mu'tazila die Begründer der „spekulativen Dogmatik“ seien, wobei in anderer Literatur die Mu'tazila als verfeiner und weiterführende theologische Schule der „spekulativen Dogmatik“ die Rede ist.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Ist der Koran ewig oder ist er geschaffen? Rationalismus im Islam am Beispiel der Mu'tazila
Hochschule
Universität Erfurt  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Einführung in den Islam
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V43782
ISBN (eBook)
9783638415088
ISBN (Buch)
9783638824200
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Rationalismus im Islam am Beispiel der Mu'tazila (Mutazila)
Schlagworte
Koran, Rationalismus, Islam, Beispiel, Einführung
Arbeit zitieren
Marko Tomasini (Autor), 2003, Ist der Koran ewig oder ist er geschaffen? Rationalismus im Islam am Beispiel der Mu'tazila, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43782

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