Der um 1200 entstandene Artusroman Iwein Hartmanns von Aue gehört noch heute zu den bedeutsamen Lektüren des Mittelalters. Iwein, ein Artusritter, wird von seiner Ehefrau Laudine verstoßen, da er sein Versprechen ihr gegenüber nicht einhält. Als diese alle Verbindungen zu ihm bricht, verliert Iwein nicht nur sein Ansehen, sondern auch seinen Verstand und lebt für einige Zeit als Wahnsinniger im Wald. Der zweite Teil des Romans befasst sich mit seiner Reintegration in die Gesellschaft und dem Wiedererwerb Laudines. Iwein wird in diesem Part die gesamte Zeit von einem Löwen begleitet, welchem er im Kampf mit einem Drachen das Leben rettete und der von diesem Moment an sein Begleiter wird. Gemeinsam bestehen sie mehrere Kämpfe, welche sie nur durch ihre Zusammenarbeit gewinnen können, bis sie schlussendlich wieder an den Artushof zurückkehren und Iwein unwissentlich den letzten Kampf gegen seinen Freund Gawein kämpft.
Hartmann nutzte die altfranzösische Fassung Yvain ou Le Chevalier au lion von Chrétien de Troyes als Vorlage für seinen Roman, welche er allerdings teilweise veränderte und erweiterte. Die vorliegende Arbeit bezieht sich ausschließlich auf die Version Hartmanns. Iweins Beiname rîter mittem leun weist schon auf die immense Bedeutung der Gestalt des Löwen für das Werk hin. Iwein wird einerseits von anderen Figuren als solcher bezeichnet und nennt sich andererseits zum Teil auch selbst so. Der Löwe erfüllt viele für den Protagonisten relevante Funktionen, welche Iweins Rückkehr in die ritterliche Gesellschaft nach seinem Fehlverhalten wieder ermöglichen. Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Beitrag des Löwen zu Iweins Rückkehr. Die konkrete Leitfrage hierzu lautet: Welche Rolle spielt der Löwe bei Iweins Wiedergewinn von triuwe, êre und sælde?
Um den Verlust und Wiedergewinn der Eigenschaften triuwe, êre und sælde analysieren zu können, steht zu Beginn der Arbeit eine Definition ebendieser Begriffe. Anschließend wird erläutert wie Iwein diese Eigenschaften verlor. Das vierte Kapitel widmet sich dem Löwen: Neben der Frage, warum Iwein sich entscheidet den Löwen zu retten, wird auch eine häufig vorkommende Konzeption des Löwen als Christus besprochen. Das anschließende Unterkapitel handelt von der Beziehung zwischen Iwein und dem Löwen und den verschiedenen Etappen zu Iweins Reintegration. Das letzte Kapitel befasst sich einerseits mit den für Iwein relevanten Funktionen des Löwen sowie andererseits mit Iweins Identifikation als Löwenritter.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Triuwe, êre, sælde
3 Iweins Verlust
4 Der Löwe
4.1 Der Gewinn des Löwen
4.2 Der Löwe an Iweins Seite
4.2.1 Der Selbstmordversuch des Löwen (I 3877-4010)
4.2.2 Der Kampf gegen den Riesen Harpin (I 4011-5144)
4.2.3 Der Kampf für Lunete (I 5145-5437)
4.2.4 Die Burg zum Schlimmen Abenteuer (I 5578-6794)
4.2.5 Parallelen der Kämpfe
5 Iweins Wiedergewinn
5.1 Vorbild, Mahnung und Ergänzung
5.2 Die Identifikation als Löwenritter
6 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Rolle des Löwen im Artusroman "Iwein" von Hartmann von Aue und dessen Bedeutung für den Reintegrationsprozess des Protagonisten in die höfische Gesellschaft. Dabei wird analysiert, wie der Löwe durch seine treue Begleitung und symbolische Funktion zur Wiedergewinnung der ritterlichen Tugenden und zur Charakterwandlung Iweins beiträgt.
- Analyse der Begriffe triuwe, êre und sælde im mittelalterlichen Kontext.
- Untersuchung des Verlusts und Wiedergewinns dieser Tugenden durch Iwein.
- Beurteilung der Funktionen des Löwen als Vorbild, Mahnung und Ergänzung.
- Interpretation der Mensch-Tier-Beziehung als symbolischer "helfe-Kreislauf".
- Darstellung der Identitätsfindung Iweins als "Löwenritter" für seine Reintegration.
Auszug aus dem Buch
4.1 Der Gewinn des Löwen
Nach dem Kampf für die Dame von Narison verließ Iwein ohne ein bestimmtes Ziel ihren Hof und wird kurz darauf Zeuge eines Kampfes zwischen einem Löwen und einem Drachen. Nach kurzem Zögern entschließt sich Iwein dem Löwen das Leben zu retten und den Drachen zu töten. Die Begründung für diese Entscheidung findet sich explizit im Text:
hern Îwein tete der zwîvel wê
wederm er helfen solde,
und bedâhte sich daz er wolde
helfen dem edelen tiere (I 3846-3849).
Iwein entscheidet sich für den Löwen, da er ihn als edel ansieht und rettet ihn, obwohl er befürchtet, dass dieser ihn danach selbst anfallen könnte. Mit der Rettung des Löwen zeigt sich der erste eindeutige Wandel in seinem Handeln: Vor Beginn seines Wahnsinns hatte er nur gekämpft, um sein eigenes Ansehen zu mehren. Hier handelt er uneigennützig, wie er es auch in der vorangehenden Episode für die Dame von Narison getan hatte. Doch seine Hilfeleistung erfährt in der Löwen-Aventiure eine Steigerung, denn die Dame von Narison hatte sich zuvor um Iwein gekümmert und verdient seine Dankbarkeit, während der Löwe zu diesem Zeitpunkt nichts für ihn getan hatte. Iwein ist in keiner Weise an den Löwen gebunden, sondern entscheidet sich aus freien Stücken dem unterlegenen Tier zu helfen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Thematik des Artusromans Iwein, die Leitfrage nach der Rolle des Löwen bei der Reintegration sowie der methodische Rahmen der Arbeit.
2 Triuwe, êre, sælde: Definition und philologische Herleitung der zentralen mittelalterlichen Tugendbegriffe, die für das Verständnis von Iweins moralischem Absturz und Aufstieg essenziell sind.
3 Iweins Verlust: Analyse des Fehlverhaltens Iweins, der zum Verlust seines Standes, seiner Ehe und seiner ritterlichen Identität durch den Bruch von Versprechen führte.
4 Der Löwe: Untersuchung der Begegnung mit dem Löwen, der symbolischen Deutungsmöglichkeiten (z.B. Christusfigur) und der Entwicklung einer wechselseitigen "helfe-Beziehung".
5 Iweins Wiedergewinn: Erläuterung des Reintegrationsprozesses, bei dem der Löwe durch sein Vorbild und seine Ergänzungsfunktion Iweins moralische Wandlung unterstützt.
6 Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse, welche bestätigen, dass Iwein erst durch die Identifikation als Löwenritter seine Ehre und den Platz in der höfischen Welt zurückerlangen konnte.
Schlüsselwörter
Iwein, Hartmann von Aue, Artusroman, Löwe, triuwe, êre, sælde, Reintegration, höfische Gesellschaft, helfe-Beziehung, Identität, Literaturwissenschaft, Mittelalter, ritterliche Tugenden, Symbolik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Funktion des Löwen in Hartmanns von Aue Artusroman "Iwein" und wie dessen Präsenz Iweins Rückkehr in die ritterliche Gesellschaft ermöglicht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf den Tugendbegriffen des Mittelalters (triuwe, êre, sælde), dem Verlust und Wiedergewinn dieser Werte durch den Protagonisten sowie der Symbolik der Tierbeziehung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu beantworten, welche Rolle der Löwe konkret dabei spielt, dass Iwein nach seinem Fehlverhalten erneut als ehrenhafter Ritter und Ehemann anerkannt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext (Iwein) unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur auf Basis textualer Belege interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition der Tugenden, die Analyse des Scheiterns Iweins, die verschiedenen Etappen der Kämpfe mit dem Löwen und dessen Funktion als moralisches Vorbild.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben Iwein und Hartmann von Aue vor allem triuwe, êre, sælde, Reintegration, Löwenritter und die spezifische helfe-Beziehung.
Warum ist das "stumme" Handeln des Löwen so wichtig für Iwein?
Der Löwe hält im Gegensatz zu Iwein sein stummes Versprechen, bei ihm zu bleiben. Dies dient Iwein als ständige Mahnung, in Zukunft verantwortungsvoller mit Sprache und Versprechen umzugehen.
Wie unterscheidet sich Iweins spätere Hilfeleistung von seinem früheren Ritterdasein?
Früher kämpfte Iwein primär für sein eigenes Ansehen. Durch den Löwen erlernt er uneigennütziges, altruistisches Handeln, indem er Menschen in Not hilft, ohne persönlichen Profit daraus zu ziehen.
- Arbeit zitieren
- Caroline Harsch (Autor:in), 2013, Iweins Reintegration in die Gesellschaft. Eine Analyse der Funktion des Löwen im Artusroman "Iwein" Hartmanns von Aue, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437821