Iweins Reintegration in die Gesellschaft. Eine Analyse der Funktion des Löwen im Artusroman "Iwein" Hartmanns von Aue


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Triuwe, êre, sælde

3 Iweins Verlust

4 Der Löwe
4.1 Der Gewinn des Löwen
4.2 Der Löwe an Iweins Seite
4.2.1 Der Selbstmordversuch des Löwen (I 3877-4010)
4.2.2 Der Kampf gegen den Riesen Harpin (I 4011-5144)
4.2.3 Der Kampf für Lunete (I 5145-5437)
4.2.4 Die Burg zum Schlimmen Abenteuer (I 5578-6794)
4.2.5 Parallelen der Kämpfe

5 Iweins Wiedergewinn
5.1 Vorbild, Mahnung und Ergänzung
5.2 Die Identifikation als Löwenritter

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der um 1200 entstandene Artusroman Iwein Hartmanns von Aue gehört noch heute zu den bedeutsamen Lektüren des Mittelalters. Iwein, ein Artusritter, wird von seiner Ehefrau Laudine verstoßen, da er sein Versprechen ihr gegenüber nicht einhält. Als diese alle Verbindungen zu ihm bricht, verliert Iwein nicht nur sein Ansehen, sondern auch seinen Verstand und lebt für einige Zeit als Wahnsinniger im Wald. Der zweite Teil des Romans befasst sich mit seiner Reintegration in die Gesellschaft und dem Wiedererwerb Laudines. Iwein wird in diesem Part die gesamte Zeit von einem Löwen begleitet, welchem er im Kampf mit einem Drachen das Leben rettete und der von diesem Moment an sein Begleiter wird. Gemeinsam bestehen sie mehrere Kämpfe, welche sie nur durch ihre Zusammenarbeit gewinnen können, bis sie schlussendlich wieder an den Artushof zurückkehren und Iwein unwissentlich den letzten Kampf gegen seinen Freund Gawein kämpft.

Hartmann nutzte die altfranzösische Fassung Yvain ou Le Chevalier au lion von Chrétien de Troyes als Vorlage für seinen Roman, welche er allerdings teilweise veränderte und erweiterte. Die vorliegende Arbeit bezieht sich ausschließlich auf die Version Hartmanns.

Iweins Beiname rîter mittem leun[1] weist schon auf die immense Bedeutung der Gestalt des Löwen für das Werk hin. Iwein wird einerseits von anderen Figuren als solcher bezeichnet und nennt sich andererseits zum Teil auch selbst so. Der Löwe erfüllt viele für den Protagonisten relevante Funktionen, welche Iweins Rückkehr in die ritterliche Gesellschaft nach seinem Fehlverhalten wieder ermöglichen. Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Beitrag des Löwen zu Iweins Rückkehr. Die konkrete Leitfrage hierzu lautet: Welche Rolle spielt der Löwe bei Iweins Wiedergewinn von triuwe, êre und sælde?

Um den Verlust und Wiedergewinn der Eigenschaften triuwe, êre und sælde fundiert analysieren zu können, steht zu Beginn der Arbeit eine Definition ebendieser Begriffe. Anschließend wird erläutert wie Iwein diese Eigenschaften verlor. Das vierte Kapitel widmet sich dem Löwen: Neben der Frage, warum Iwein sich entscheidet den Löwen zu retten, wird auch eine häufig vorkommende Konzeption des Löwen als Christus besprochen. Das anschließende Unterkapitel handelt von der Beziehung zwischen Iwein und dem Löwen und den verschiedenen Etappen zu Iweins Reintegration. Das letzte Kapitel befasst sich einerseits mit den für Iwein relevanten Funktionen des Löwen sowie andererseits mit Iweins Identifikation als Löwenritter. Hierbei wird deutlich werden, wie Iwein die ihm abgesprochenen Eigenschaften wiedergewinnt.

Das abschließende Fazit fasst die wichtigsten Aspekte zur Beantwortung der oben genannten Leitfrage zusammen.

2 Triuwe, êre, s ælde

Das mittelhochdeutsche Wörterbuch schlägt für den Begriff triuwe folgende Übersetzungen vor: „Treue, Zuverlässigkeit, Aufrichtigkeit, Wohlmeinenheit“.[2] Verfolgt man die Herkunft des Wortes weiter zurück, könnte seine althochdeutsche Bezeichnung triuwa aus dem indogermanischen Wort „Baum, Holz“[3] abgeleitet sein und somit die Grundbedeutung „fest wie Holz“[4] haben, was einen vertraglichen Charakter des Begriffs nahelegt. Die vermutlich erste Verwendung des Begriffs im Althochdeutschen diente zur „Bezeichnung eines rechtlich wirksamen Bindungsverhältnisses, in das sich jemand […] durch Schließung eines Treuevertrags [begibt].“[5] Zusammengefasst gesagt: Es bezeichnet ein Bündnis zwischen zwei Personen, welche sich verpflichten, ein dem Abkommen entsprechendes Verhalten zu befolgen und auf die Einhaltung dessen durch den jeweils anderen vertrauen. Auch im Mittelhochdeutschen blieb die vertragliche Bedeutung des Begriffs bestehen, wurde jedoch durch die christlichen Eigenschaften „Menschlichkeit, Menschenliebe [und] Nächstenliebe“[6] erweitert. Die triuwe galt als die höchste Tugend und bestimmte die mittelalterliche Identität eines jeden Menschen. Ein triuwe -Verhältnis verlangte vollkommene Verlässlichkeit und konnte sich auf jegliche Art von Beziehung beziehen, doch vor allem in Minnebeziehungen war sie von größter Bedeutung.[7]

Die Begriffe êre und tugent ergänzen sich, denn zu einem tugendhaften Verhalten gehörten vor allem milte (Freigiebigkeit) und êre, ferner Besitz, Tapferkeit und Verfügung über eine Gefolgschaft, aber auch christliche Tugenden wie Demut und Barmherzigkeit. Weltliche und geistige Vorzüge, seelische und materielle Werte befanden sich dabei in einem ausgeglichenen Verhältnis: schließlich galt die mâze als die oberste der Tugenden.[8]

Wer diese Voraussetzungen erfüllte, konnte sowohl als ehren- als auch als tugendhaft bezeichnet werden.

In Bezug auf die êre einer Person muss das Geschlecht beachtet werden, denn Frauen war es nicht möglich aktiv êre zu erwerben, während von Männern genau dies verlangt wurde. Höfische Damen waren von Geburt an mit êre ausgestattet und konnten diese nur wahren. Um dagegen als Mann ehrenhaft zu sein, musste der Ritter regelmäßig erfolgreich an Kämpfen teilnehmen, denn die Ehre war wichtiger als sein Leben. So verliert beispielsweise Erec seine êre als er sich mit seiner Frau Enite verligt und seine ritterlichen Verpflichtungen vernachlässigt. Männer waren nicht wie die Damen zur Passivität gezwungen, sondern ihre Ehre „war ohne arbeit, ohne Mut und Tapferkeit (manheit), ohne Einsatz des Lebens nicht denkbar.“[9] Des Weiteren steht die êre in einer starken Verbindung mit der sælde, da es nicht allein in menschlicher Hand lag êre zu haben, sondern es immer Gottes Hilfe bedurfte.[10]

Der Begriff sælde , zu übersetzen mit „Glück“, schließt zwei Perspektiven ein. Einerseits bezieht sich sælde auf eine weltliche Beschreibung von Glück, welche „von privaten und gesellschaftlichen, stets jedoch zeitbedingten Normsetzungen abhängig ist.“[11] Jedoch kann nicht nur der Besitz von weltlichen Gütern als Glück angesehen werden, sondern es muss auch immer der religiös-christliche Aspekt miteinbezogen werden, denn Gott kann sælde jederzeit sowohl vergeben wie auch versagen. Es handelt sich bei sælde somit um eine Mischung aus positiven, weltlichen Umständen und Gottes Gnade. Vor allem Personen, welche in einer funktionierenden Minnebeziehung stehen, sind als sælic zu bezeichnen.[12]

3 Iweins Verlust

Indem Iwein den Burgherrn Askalon erschlug und seine Frau Laudine heiratete, übernahm er die Verantwortung für ebendiese, ihre Gefolgschaft und das erworbene Land. Er hatte von diesem Tag an die Pflichten eines Burgherren, eines Ritters und eines Ehemanns zu erfüllen.[13] Um zu verhindern, dass er sich nur noch seinen häuslichen Pflichten zuwendet, geht er für ein Jahr auf sämtliche Turniere, um seine rîterliche êre in Kämpfen zu beweisen und verspricht dann zu Laudine zurückzukehren. Als einen geziuc der rede (I 2946) schenkt Laudine ihm einen Ring. Dieser dient einerseits als erinnerndes Symbol für das gegebene Versprechen, andererseits hat er auch eine magische Eigenschaft, denn er ist sælec der in treit (I 2955). Durch den Ring als Symbol für den geleisteten Eid „[konstituiert sich] zwischen ihm und Laudine ein eindeutiges Vertragsverhältnis.“[14]

Als Iwein und Gawein über ein Jahr später am Hof des König Artus einen siegreichen Kampf feiern, erkennt Iwein schlagartig, dass er die zugesagte Frist versäumt hat. In diesem Augenblick erscheint auch schon Lunete als Botin seiner Frau und bezeichnet ihn vor der gesamten Gesellschaft als verrâtaere (I 3118), denn er konnte seinen drei Funktionen als rîter, herre und geselle nicht gerecht werden. Zwar erfüllte er seine ritterliche Pflicht in Kämpfen, doch er ließ seine Frau, seine Gefolgschaft und sein Land schutzlos zurück. Gawein bewahrte ihn somit zwar vor dem verligen, doch Iweins Motivation schlug ins Gegenteil um und er verritterte[15] sich.

Auch Lunete und Iwein verband ein triuwe -Verhältnis. Er hat sie einst als einziger Ritter des Artushofes gegrüßt, weswegen sie ihm das Leben rettete und Laudine von einer Heirat überzeugte.[16] Lunete hielt Iwein für einen triuwen Mann und dachte nie daz untriuwe ode ungemach / ieman von im geschæhe / dem er triuwen verjæhe (I 3122-3124). Sie erkennt, dass er nur von Treue redet, sie jedoch nicht einhält und spricht sie ihm deshalb ab: sîniu wort diu sint guot: / von den scheidet sich der muot (I 3125-3126). Iwein brach durch sein Handeln seine triuwe- Verhältnisse zu Laudine als auch zu Lunete. Er verliert seinen Platz innerhalb der Artusgesellschaft, denn „‘ triuwelôs ‘-sein […] heißt hier schlechthin ausgeschlossen sein aus einem Kreis, dessen Ethik auf den Begriffen ‚ triuwe ‘ und ‚ êre ‘ aufbaut“.[17]

Trotz des Verlusts von êre und triuwe blieb Iweins Position als Ehemann bisher unangetastet. Indem Lunete in Laudines Namen den Ring zurückfordert, verliert er auch diese Eigenschaft sowie die mit dem Ring verbundene sælde . Die Rücknahme des Eidsymbols bricht alle Verbindungen zu Laudine. „Mit der öffentlichen Anklage wurde Iwein ehrlos, mit dem Ring aber verliert er auch Laudines Liebe und die Voraussetzung, zu ihr zurückzukommen.“[18]

4 Der Löwe

4.1 Der Gewinn des Löwen

Nach dem Kampf für die Dame von Narison verließ Iwein ohne ein bestimmtes Ziel ihren Hof und wird kurz darauf Zeuge eines Kampfes zwischen einem Löwen und einem Drachen. Nach kurzem Zögern entschließt sich Iwein dem Löwen das Leben zu retten und den Drachen zu töten. Die Begründung für diese Entscheidung findet sich explizit im Text:

hern Îwein tete der zwîvel wê

wederm er helfen solde,

und bedâhte sich daz er wolde

helfen dem edelen tiere (I 3846-3849).

Iwein entscheidet sich für den Löwen, da er ihn als edel ansieht und rettet ihn, obwohl er befürchtet, dass dieser ihn danach selbst anfallen könnte. Mit der Rettung des Löwen zeigt sich der erste eindeutige Wandel in seinem Handeln: Vor Beginn seines Wahnsinns hatte er nur gekämpft, um sein eigenes Ansehen zu mehren. Hier handelt er uneigennützig, wie er es auch in der vorangehenden Episode für die Dame von Narison getan hatte. Doch seine Hilfeleistung erfährt in der Löwen-Aventiure eine Steigerung, denn die Dame von Narison hatte sich zuvor um Iwein gekümmert und verdient seine Dankbarkeit, während der Löwe zu diesem Zeitpunkt nichts für ihn getan hatte. Iwein ist in keiner Weise an den Löwen gebunden, sondern entscheidet sich aus freien Stücken dem unterlegenen Tier zu helfen.

War dort [im Kampf für die Dame von Narison] die Entscheidung quasi von außen durch personale Bindungen und ständische Gepflogenheiten an den Helden herangetragen, so kommt sie hier [Löwen-Episode] ganz aus seinem Inneren, ist nicht nur vorgegebenen Regeln entsprechendes Verhalten, sondern gültige Aussage einer inneren Haltung.[19]

Iweins Sorge um sein eigenes Leben stellt sich als unnötig heraus, als der Löwe sich nach dem Kampf zu seinen Füßen niederlegt.[20] Mit der Rettung konstituiert sich eine helfe -Beziehung zwischen dem Löwen und Iwein, wie es auch bei Lunete der Fall war. Eine „ helfe -Beziehung beruht auf dem Mechanismus der gegenseitigen Hilfe aus Dankbarkeit, der sich für den jeweiligen Partner als ein ausgesprochen effektiver Kreislauf darstellt.“[21] Beide helfe -Beziehungen finden ihren Anfang in einem uneigennützigen Handeln Iweins. Lunete hilft ihm aus Dankbarkeit für seinen Gruß und auch der Löwe bleibt aus Dankbarkeit für seine Rettung bei Iwein. In beiden Fällen wurde Iweins Handeln nicht von außen motiviert, sondern sein innerer Charakter ermöglicht die helfe -Beziehung. Der Aufwand den Iwein zur Motivation der helfe -Beziehung aufbringen muss, wurde jedoch gesteigert: Während das einfache Grüßen Lunetes ihm nichts abverlangte, riskierte er für den Löwen sein Leben.[22]

[...]


[1] Vgl. Hartmann von Aue: Iwein. Text und Übersetzung. Berlin, New York 2001, V. 4957, 5079, 5263, 5502, 5510, 5685, 5727, 6109, 6257, 7753. Im Folgenden wird unter der Angabe der Verszahl nach der Sigle „I“ zitiert.

[2] Georg Friedrich Benecke, Wilhelm Müller u. Friedrich Zane>

[3] Otfrid Ehrismann: Ehre und Mut, Âventiure und Minne. Höfische Wortgeschichten aus dem Mittelalter. München 1995, S. 211.

[4] Ebd., S. 211.

[5] Karl-Friedrich O. Kraft: Iweins Triuwe. Zu Ethos und Form der Aventiurefolge in Hartmanns ‚Iwein‘. Eine Interpretation. Amsterdam 1979, S. 39-40.

[6] Ebd., S. 42.

[7] Vgl. Ehrismann: Ehre und Mut, Âventiure und Minne, S. 212-214.

[8] Ebd., S. 250.

[9] Ebd., S.66.

[10] Ebd., S. 65-70.

[11] Ebd., S. 181.

[12] Vgl. ebd., S. 181-184.

[13] Vgl. Klaus Speckenbach: Rîter – geselle – herre. Überlegungen zu Iweins Identität. Tübingen 1998.

[14] Kraft: Iweins Triuwe, S. 47. Das Verhältnis entspricht dem in Kapitel 1 vorgestellten triuwe -Verhältnis.

[15] Vgl.: Harold Bernard Willson: Love and Charity in Hartmann’s ‘Iwein’. Leeds 1962, S. 216. Willson nutzt den Begriff verrittern als Gegenteil zu Erecs Fehlverhalten sich zu verligen.

[16] von der râte und von der bete / daz von êrste was komen / daz sî in hâte genomen (I 3104-3106).

[17] Kraft: Iweins Triuwe, S. 55.

[18] Ebd., S. 58.

[19] Kraft: Iweins Triuwe, S. 75.

[20] sich bôt der lewe ûf sînen vuoz / und zeict im unsprechende gruoz (I 3869-3871).

[21] Elke Zinsmeister: Literarische Welten. Personenbeziehungen in den Artusromanen Hartmanns von Aue. Frankfurt am Main 2008, S. 170.

[22] Vgl. ebd., S. 166.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Iweins Reintegration in die Gesellschaft. Eine Analyse der Funktion des Löwen im Artusroman "Iwein" Hartmanns von Aue
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V437821
ISBN (eBook)
9783668778900
ISBN (Buch)
9783668778917
Sprache
Deutsch
Schlagworte
iweins, reintegration, gesellschaft, eine, analyse, funktion, löwen, artusroman, iwein, hartmanns
Arbeit zitieren
Caroline Harsch (Autor), 2013, Iweins Reintegration in die Gesellschaft. Eine Analyse der Funktion des Löwen im Artusroman "Iwein" Hartmanns von Aue, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437821

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