Schon seit Jahrzehnten zieht Deutschland Migrantinnen und Migranten aus der ganzen Welt an. Die Einwanderung hat die deutsche Gesellschaft bereichert, verändert, aber auch irritiert. Eine deutsche Gesellschaft ohne Interkulturalität ist daher kaum vorstellbar.
Doch was genau bedeutet Interkulturalität? Wie verändert sich die Gesellschaft? Um diese Fragen zu beantworten, setzt Etka Akova sich in dieser Publikation vor allem mit Jugendlichen mit einer Migrationsgeschichte auseinander.
Sie zeichnet nach, welche Phasen der Einwanderung Deutschland in der Vergangenheit durchlaufen hat und welche Migrationsgeschichten Jugendliche in Deutschland mitbringen. Darauf aufbauend erklärt Akova, wie die Identitätsbildung durch einen mehrkulturellen Hintergrund geprägt wird. Sie erarbeitet so Methoden der interkulturellen Jugendhilfe und praktische Übungen zum Erwerb interkultureller Kompetenzen.
Aus dem Inhalt:
- Interkulturalität;
- Migration;
- Integration;
- Jugendliche;
- Soziale Arbeit
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Historische Bezüge
2.2 Sozialwissenschaftliche Reflexion zur Migration
2.3 Die Lage der Integration und Inklusion in Deutschland
2.4 Schlüsselbegriffe
2.4.1 Multikulturalität
2.4.2 Transkulturalität
2.4.3 Interkulturalität
2.4.4 Kritik an dem kulturalistischen Denkansatz
2.5 Interkulturelle Soziale Arbeit
2.5.1 nterkulturelle Orientierung und Öffnung sozialer Dienste
2.5.2 Ziele interkultureller Sozialer Arbeit
2.5.3 Managing Diversity : Ein Diversity - Konzept der Sozialen Arbeit
2.6 Interkulturelle Kompetenz
2.6.1 Der Gebrauch der Begrifflichkeit „Kompetenz“ im interkulturellen Zusammenhang
2.6.2 Definition der Interkulturellen Kompetenz
2.6.3 Lernspirale „interkulturelle Kompetenz“ nach Dr. Deardorff
2.6.4 Kritik an interkultureller Kompetenz
3 Mehrkulturelle Identitätsbildung im Jugendalter
3.1 Spannungsfelder während der Identitätsentwicklung von Jugendlichen mit Migrationsgeschichte
3.1.1 Gesellschaftliche Stigmatisierung des „Migrationshintergrundes“
3.1.2 Mehrsprachigkeit als Risikofaktor?
3.1.3 Bildungsbenachteiligung an Schulen
3.1.4 Fluchterfahrungen
3.1.5 Familie als vermeintliches Konfliktfeld
3.1.6 Integrationsdebatten
3.1.7 Radikalisierung junger Muslime
3.2 Perspektiven für die Jugendhilfe
4 Jugendhilfe im interkulturellen Kontext
4.1 Die Bereiche der Jugendhilfe
4.1.1 Jugendarbeit
4.1.2 Jugendsozialarbeit
4.1.3 Erzieherischer Kinder- und Jugendschutz
4.2 Interkulturelle Jugendarbeit
4.2.1 Medienarbeit in der interkulturellen Jugendarbeit
4.2.2 Internationale Jugendarbeit
4.2.2.1 Konzeption und Zielsetzung
4.2.2.2 Globale Dimension der internationalen Jugendarbeit
4.2.2.3 Interkulturelle Kompetenzen in der internationalen Jugendarbeit
4.2.2.4 Beteiligungsmöglichkeiten an den Angeboten
4.3 Interkulturelle Jugendsozialarbeit
4.3.1 Inklusive Interkulturalität an Schulen
4.3.2 Schulsozialarbeit: Kooperation der Jugendhilfe mit der Schule im interkulturellen Kontext
4.4 Praktische Übungen zum Erwerb interkultureller Kompetenzen
4.4.1 Übung zur Sensibilisierung bezüglich eigener und fremder kultureller Identität
4.4.2 Übung bezüglich interkulturellen Lernens in internationalen Begegnungen
4.4.3 Übung zur Bearbeitung interkultureller Konflikte
4.4.4 Übung zur Förderung des Engagements gegen Diskriminierung
4.4.5 Übung zur Auswertung von interkulturellen Lernprozessen
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Bedeutung interkultureller Kompetenz innerhalb der deutschen Jugendhilfe, analysiert die identitätsbildenden Herausforderungen von Jugendlichen mit Migrationsgeschichte und leitet daraus notwendige Handlungsstrategien für Fachkräfte ab.
- Grundlagen der Interkulturalität, Migration und Integration in Deutschland
- Mehrkulturelle Identitätsbildung und deren Spannungsfelder im Jugendalter
- Stigmatisierungsprozesse und institutionelle Diskriminierung
- Methoden interkultureller Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit
- Praktische Trainingsmodelle für interkulturelle Kompetenzentwicklung
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Gesellschaftliche Stigmatisierung des „Migrationshintergrundes“
Prof. Dr. Frank Hamburger (2009b, 30f) beschäftigt sich in seinem Artikel in dem Fachmagazin „Migration“ mit der Problematik und seine gesellschaftlichen Auswirkungen der Begrifflichkeit des Migrationshintergrundes. Er bezeichnet den Migrationshintergrund als ein Etikett, das zum Stigma wird, mit dem Personen und Familien als nicht dazugehörend gebrandmarkt werden. Die Kinder und Jugendliche werden auch in der Schule anders wahrgenommen und als Angehörige einer fremden Kategorie behandelt. Der Migrationshintergrund dient als Formel, um die „informellen Grenzposten“ wie Aussehen, Name und Sprache in einem vermeintlichen logischen Zusammenhang zu bringen, sodass der Blick auf die Identifizierung des Fremden gelenkt wird (ebd.). Insofern reproduziert die Bezeichnung mit Migrationshintergrund eine Festschreibung und Trennung der Mehrheit von den Minderheiten, von wir, und den Anderen.
Die Mehrheit legt laut Hamburger zudem fest, wie ein Migrationshintergrund zu charakterisieren sei. Er bezieht sich dabei auf eine Late-Night-Sendung von dem Kabarettisten Harald Schmidt im Mai 2007, bei dem er eine Stellwand mit vermeintlich ethnischen Symboliken wie Fladenbrot, farbigen Stofftüchern oder einer Chiantiflasche auf die Bühne schob und seinem Publikum seinen auf diese Weise erlangten Migrationshintergrund ankündigte. Diese sarkastische Darstellung des Begriffs beinhaltet laut Hamburger Wahrheiten über dessen Ambivalenz und auch dessen Gefahren (ebd.). Nicht die Betroffenen selbst, sondern Dritte hinterlegen eine symbolische Collage dieser zweifelhaften Zuschreibung, ohne dass die Person mit Migrationshintergrund Mitspracherecht bekommt. Die Mehrheit erwartet, dass diese Person sich in Beziehung zu diesen Requisiten setzt und verunmöglicht es damit, subjektive Sichtweisen und individuelle Biografieverläufe anzuerkennen. Eine Sensibilisierung und bewusste Reflexion der Begriffe scheint daher vonnöten, solange ein „Mehrheits-Wir“ die Wirklichkeit der „anderen“ beschreiben muss, weil eine gemeinsame Definition von Zugehörigkeit und gleichen Rechten leider nicht existiert (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung umreißt die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Einwanderungsgesellschaft Deutschland und formuliert die Forschungsfrage zur Bedeutung interkultureller Kompetenz in der Sozialen Arbeit.
2 Theoretischer Hintergrund: Dieses Kapitel erläutert historische Bezüge, sozialwissenschaftliche Konzepte zur Migration sowie Definitionen von Interkulturalität und interkultureller Kompetenz, insbesondere nach dem Modell von Dr. Darla Deardorff.
3 Mehrkulturelle Identitätsbildung im Jugendalter: Der Hauptteil beleuchtet die komplexen Spannungsfelder, denen Jugendliche mit Migrationshintergrund bei ihrer Identitätsentwicklung begegnen, und problematisiert Themen wie institutionelle Diskriminierung und Radikalisierung.
4 Jugendhilfe im interkulturellen Kontext: Dieses Kapitel untersucht konkrete Bereiche der Jugendhilfe wie Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit und stellt praktische Übungen und Methoden zur Förderung interkultureller Kompetenzen vor.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Notwendigkeit einer ressourcenorientierten interkulturellen Pädagogik zusammen und betont die Bedeutung lebensweltorientierter, flexibler Handlungsansätze für Sozialarbeiter.
Schlüsselwörter
Interkulturelle Kompetenz, Jugendhilfe, Migration, Identitätsbildung, Soziale Arbeit, Integration, Inklusion, Transkulturalität, Diskriminierung, Migrationshintergrund, Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit, Biografiearbeit, Diversity, Mehrsprachigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Herausforderungen und Konzepten interkultureller Arbeit in der Jugendhilfe, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der Förderung interkultureller Kompetenzen liegt.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Publikation?
Zentrale Themen sind die Identitätsbildung von Jugendlichen mit Migrationsgeschichte, der Umgang mit struktureller Diskriminierung und Stigmatisierung sowie die praktische Umsetzung interkultureller Methoden in der Jugendarbeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Relevanz interkultureller Kompetenz für die Sozialarbeit zu unterstreichen und zu untersuchen, wie pädagogische Fachkräfte Jugendliche in ihrer Identitätsfindung unterstützen können, ohne sie durch kulturelle Zuschreibungen zu begrenzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine theoretische Literaturanalyse aktueller sozialwissenschaftlicher Schriften sowie auf die kritische Auseinandersetzung mit erprobten Handlungskonzepten und Trainingsmethoden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Spannungsfelder der Identitätsbildung wie Fluchterfahrungen, institutionelle Diskriminierung im Schulsystem und Radikalisierungstendenzen und überträgt diese auf die Interventionsmöglichkeiten in der Jugendhilfe.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Migrationsgesellschaft, transkulturelle Perspektive, Reflexionsfähigkeit, institutionelle Diskriminierung und ressourcenorientierte Sozialarbeit charakterisiert.
Warum wird die „Lernspirale“ nach Dr. Deardorff eingeführt?
Sie dient als bildliches Modell, um die vier notwendigen Dimensionen interkultureller Kompetenz (Motivation, Handlungskompetenz, Reflexion und Interaktion) und deren dynamische Entwicklung zu veranschaulichen.
Welche Rolle spielt die „Biografiearbeit“ in der Jugendhilfe?
Die Biografiearbeit ist eine zentrale Methode, um individuelle Stärken der Jugendlichen zu identifizieren und sie nicht auf eine "fremde" Kategorie zu reduzieren, sondern ihre persönliche Geschichte anzuerkennen.
- Arbeit zitieren
- Etka Akova (Autor:in), 2018, Interkulturelle Kompetenzen in der Jugendhilfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437836