Homiletisches Exerzitium - Prüfungs-Predigt über Joh 6, 30-35


Ausarbeitung, 2005

22 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I) Persönliche Betrachtung
1. Einfälle zum Text
2. Dreifache Befragung der Verse (Am Beispiel von V.32)
3. Vor-Sätze zum Text

II) Exegetische Arbeit
1. Text
2. Form
3. Ort
4. Wort
5. Ziel

III) Homiletische Besinnung
1. Gemeinde
2. Systematisch-Theologische Reflexion
3. Predigtinvention

IV) Interpretierende Darlegung

V) Anhang (Literaturverzeichnis)

VI) Anhang (Ablauf)

I) Persönliche Betrachtung

1. Einfälle zum Text

Die Verse in Joh 6, 30-35 sprechen mich in vielfältiger Weise an und er­innern mich z. B. daran, dass Gottes Han­deln in mei­­nem Leben zumeist mehr­deutig ist (30)[1][2]: Mein Vertrauen auf Gott bleibt trotz­ Zeichen ge­fragt[3]. Betroffen macht mich das Zi­­­tat aus Psalm 78[4]. In aus­weg­losen Si­­tu­a­­­tio­nen, etwa bei meiner Stel­len­suche, zweif­le ich in ähn­licher Wei­se an Got­tes Füh­rung[5]. Auch die verschiedenen Arten des Hun­gers und die damit ver­bun­dene Ver­wechs­lungsgefahr bezüglich Jesu Ver­hei­ßun­gen sind mir bekannt. Der Ab­schnitt ermutigt mich, meine Aufmerk­sam­keit immer wie­der auf Gott statt auf Menschen aus­zu­richten (32), und im­mer wie­der Jesus als Leben spen­den­­des Brot aufzu­neh­men.

2. Dreifache Befragung der Verse (Am Beispiel von V.32)

Anhand von Vers 32, wo sich die Übertra­gung des Bildwortes vom Brot auf Jesus anzu­deu­­­ten beginnt, sei die Befra­gung der Verse dargestellt[6]:

a) Vorgang: Jesus gibt weiter, was er von Gott hört[7]. Er positioniert Gott vor Mose und das wahre Himmelsbrot vor bloßem Himmelsbrot. b) Heils­ge­sche­hen: Jesus rückt rettend[8] den Blick zurecht, weg vom Menschen hin zu Gott, von vergän­gli­cher Speise hin zum wahren Brot. c) Be­trof­fenheit: Jesus redet mit mir, schweigt hier nicht. Er will mei­­nen Blick für sich öffnen. Gott „gibt“ (Ge­gen­wart): Gott ist gegen­wär­tig!

3. Vor-Sätze zum Text

1. Vertrauen gefragt: Gottes Zeichen sind mehrdeutig. 2. In ausweg­lo­sen La­­gen Gott zu ver­trau­­en fällt schwer. 3. Jesus rückt mei­nen Blick zu­recht. 4. Er ermutigt, sich auf ihn bzw. auf Gott auszurichten. 5. Er, das wah­­re Brot des Lebens, sättigt den ei­gent­li­chen Lebenshunger. 6. Je­sus re­det hier – er schweigt nicht. 7. Gott gibt jetzt: Er ist in Je­sus ge­gen­wär­tig! 8. „Of­fe­nes Ende“: Jesu Aus­­sage (35) lädt ein, zu ihm zu kom­men.

II) Exegetische Arbeit

1. Text

Ins Gewicht fallende textkritische Überlegungen sind nicht vorhanden[9].

2. Form

Die vorliegende Perikope lässt sich wie folgt gliedern[10]:

V 30-31 Juden: Zeichenforderung und Nennung des Themas (Brot)

V 32-33 Jesus: entgegnende Richtigstellung und Horizonterweiterung

bezüglich des Begriffes „Brot“ (Übertragung Teil 1)

V 34 Juden: Bitte um diese Leben gebende Brot

V 35 Jesus: vollständige Deutung des „Brotes des Lebens“

auf Jesus selbst hin (Übertragung Teil 2)

Der zur Gattung der Streitgespräche zwischen Jesus und den Juden (41) gehörende Abschnitt[11] lässt sich vom unmittelbaren Kontext nur be­­­­dingt ab­grenzen[12]. Für die Abgrenzung spricht die Ein­­heit durch das Man­­na-Motiv und die Änderung der Blickrichtung hin auf das wahre Brot vom Himmel (30-35) sowie der Rückblick (36) und der den Vers 35 aus­führende Charakter der anschließenden Verse[13]. Ein ent­schei­den­der Grund, mit Vers 35 zu schließen, dürfte mit Blick auf die Pre­­digt­hö­rer das positiv-einladende, offene Ende sein[14].

3. Ort

Im engeren Kontext der Perikope fallen die ebenfalls das The­ma „Brot“ be­han­delnde Speisung der 5000 (1-14) ins Auge, das Wort von der un­ver­gänglichen Speise (27) und die Über­tra­gung des Begriffes „Brot“ auf „Jesu Fleisch“[15]. Ziel[16] des laut Rein[17] nicht näher zu identifizierenden Verfas­sers ist es, Jesus Christus als Sohn Got­­tes (20,30) vor Augen zu ma­len, damit die Adressaten[18] ermutigt wer­­den, an Jesus zu glauben, so­­dass sie das ewi­ge Leben haben[19]. Die Peri­ko­pe steht im ersten Haupt­teil des Evangeliums, der Je­su Auseinan­der­set­zungen[20] mit den Ju­den be­schreibt. Der Streit zwischen Jesu Nachfolgern und Ju­dentum kann als Sitz im Le­ben gel­ten. Der Sko­pus liegt in der Ver­gewisserung der Chris­ten: Je­sus allein ist das Brot des Lebens, das wahre Leben.

4. Wort

Die Perikope steht im Zusammenhang der Frage nach der Identität Je­su. Das Volk (22) fordert von Jesus, sich mit einem shmeion auszu­wei­sen, damit es sehen und ihm glauben könne. Diese Forderung ist je­doch ein Widerspruch in sich[21]. Daher liegt die Vermutung nahe, dass sie – ent­ge­gen ihrer Behauptung - im Grunde gar nicht glauben wol­len[22]. Jesus öff­net den Blickwinkel seiner Zuhörer (32). Er gibt das wei­ter, was er zu­erst von Gott gehört hat[23] und lenkt den Blick weg vom ver­­gäng­­lichen Man­na, hin auf das wahre Lebensbrot sowie weg von Mo­­se[24], dem Über­mitt­ler, hin auf Gott, den Geber. Auffällig ist zudem der Zeit­wechsel (didwsin), mit dem Jesus die Gabe des wahren Le­bens­bro­tes in die Ge­gen­wart versetzt und andeutet: Gott ist – in Chris­tus - gegenwär­tig. Brot (artoV) ist neben Wasser das Lebens­mittel, das ein Mensch un­bedingt zum Leben benötigt[25]. Jesus küm­mert sich um die Be­dürf­nis­se des Leibes, wie die Speisung der 5000 zeigt. Zu­gleich be­nötigt der Mensch aber eine Speise, die seinen in­nersten Le­bens­­hun­ger nach unvergänglichem Leben stillt. Diese Spei­se kann nur von Gott selbst kommen (33). Die Zuhörer können die­ser erweiterten Di­­men­sion nicht folgen (34).[26]. Entscheidend ist, wie sich die Zuhörer an­ge­sichts der Selbstof­fen­ba­rung Jesu in Vers 35 entscheiden. Hier iden­ti­fiziert Jesus sich mit dem Gottesbrot, das das Leben ist. Er selbst ist das Leben[27]. In dem „egw eimi“ klingt Jesu göttlicher Anspruch mit. In Jesus ist Gott gegen­wär­tig. Wer zu ihm kommt, hat schon jetzt das ewige Le­ben.

5. Ziel

a) Intention: Den Lesern soll neu bewusst gemacht werden, das Jesus selbst das Brot des Lebens ist, um sie zum Bleiben bei bzw. Kommen zu ihm zu ermutigen, damit sie das Leben haben. b) Kerygma: Jesus erklärt seine Identität als Brot des Lebens. Zeichen können darauf hin­wei­sen – bleiben aber mehrdeutig. Das Volk wen­det sich gegen Jesu Mes­si­a­nität und gegen Gott selbst, macht sich zum Richter über Jesus und offenbart den eigenen Unglauben. Jesus öff­net den Blick der Zu­hö­­rer: hin zu Gott, hin zum Lebensbrot, das zum Le­ben not­wendig ist. Gott ist ge­gen­wärtig. Jesus lädt zu sich, zum ewi­gen Leben, ein.

c) Idion: Besonders ist die Deutung Speisung der 5000 und zugleich die qualitative Stei­ge­rung des ver­wen­deten Begriffes „Brot“ als das das e­wi­­ge Leben ge­ben­de, als Jesus selbst. Formal ist die Perikope ein wich­­­tiger Über­gang vom Zeichen des Brotes zum Ge­dan­ken an Je­su Selbst­opfe­rung und das an Abendmahl.

[...]


[1] In Klammern: Versangaben aus Joh 6 bzw. Vers und Kapitel aus Johannes.

[2] Hinweis Gottes oder aber „zu­fäl­li­ges“ Geschehen ohne Beweiskraft.

[3] Oft verges­se ich Gottes Taten auch wie­der oder über­sehe den eigentli­chen Geber (32). Wie bei der Speisung der 5000 (6, 1-14), die der Zeichenforderung ge­nügt hätte.

[4] Die Väter hoff­­ten trotz al­ler bis­herigen Erfahrungen nicht auf Gottes Hilfe.

[5] Verläuft alles glatt, lässt sich leicht glauben. In einer Wüs­te sieht das anders aus.

[6] Brotrede sowie Kontext antworten auf die Frage „Wer ist Jesus?“. Vgl. Maier 264.

[7] Amen, Amen: Bekräftigung dessen, was Jesus von Gott hört. Kettling.

[8] Bemerkenswert ist, dass Jesu Name („Jahwe ist Hilfe/Heil“ vgl. die Artikel „Joschua“ und „Jesus Christus“, Calwer Bib.) mit seinem Auftrag und Handeln in Einklang steht.

[9] Ein Teil der Lebensbrotrede Jesu in Joh 6,22-71.Vgl. etwa Schnelle 121 Fußnote 31.

[10] Neben inhaltlichen und personenbezogenen Aspekten legt besonders das anaphori­sche eipon/ eipen (oun) (30;32;34;35) diese Gliederung nahe.

[11] So weiter gefasst mit Nörenberg 84. Eine engere Begrenzung auf das Stichwort „Brot“ an sich (30-51), wie Schnelle angibt, ist genauso gut möglich.

[12] Denn Orts-, Zeit- und Personenwechsel als typische Kriterien liegen nicht vor.

[13] Formal bindet das bereits erwähnte eipon/ eipen (oun) die Verse 30-35 aneinander.

[14] Mit Vers 36 würde den Hörern diese Einladung quasi wie­der abgesprochen wer­den.

[15] Anspielung auf Jesu Sühnetod und das Abendmahl. Die Verbindung zwischen Brot und Jesu Leib bzw. Abendmahl sehen nicht alle Aus­leger so. Dennoch über­trägt Je­sus selbst den Begriff „Brot“ auf sein „Fleisch“. Auch Wil­ckens („eucharistische Spei­se“, 100) und Voigt („Le­bens­brot im Sakrament“, 327) sehen die­sen Zu­sam­menhang.

[16] Vgl. Maier 264: „Wer ist Jesus?“.

[17] Im Folgenden Rein 152 – 155. Der Verfasser des Joh-Ev. ist vermutlich Judenchrist.

[18] Juden- und Hei­den­­­christen um 90-100 n. Chr

[19] Schon im Prolog: Das „Leben“, das Jesus ist, als Charak­te­ris­­ti­kum Christi. Rein 146.

[20] Sowie Jesu öffentliches Wirken „vor aller Welt“. Rein 144.

[21] 1. Gottes Zeichen sind meist mehr­deutig. Sie gestatten dem Men­schen, diese Hin­­wei­se zu übersehen (Vgl. u. a. de Boor 197 „zwei­schnei­dig“.) 2. Die Juden sahen erst am Tag zuvor ein Zeichen - sie müssten Jesus glauben. (Schnelle 123 vermutet ei­nen Wider­spruch. Die Zeitangaben (22;26) zei­gen jedoch einen Gesamt­zusammen­hang auf. Das Vergessen gött­li­cher Taten ist geradezu ein Kennzeichen der Is­ra­e­liten (Ps. 78,42) und der Men­schen überhaupt. Vgl. Maier 271.) 3. Die Juden wollen Jesus prü­­fen, machen sich also zum „Richter“ über ihn. (De Boor 197. Vgl. im Folgenden auch De Boor 198 und Maier 271f.)

[22] Eindrück­lich: die Berufung auf die Väter. Das Volk offenbart, wes Geis­tes Kind es ist. Es zitiert Ps. 78, 24, über­sieht je­doch, dass dort Brot und Wach­teln fast in einem Atem­zug genannt wer­den. Die Forderung nach Wachteln entpuppte sich bereits früher als nicht gottgefällig (Ps. 87, 29-31). Der Psalm zeigt, dass die Israeliten trotz Gottes Zu­wendung ihm im­mer wieder „trotz­ten“(40), „sündigten“ (32) und ihn „kränk­ten“ (41). Wenn sich Jesu Gegenüber auf ihre Väter berufen, geben sie da­mit zu, voller Unglau­be zu sein. Das Volk stellt nicht „nur“ Je­su Mes­sianität infrage. Die Brot­for­derung rich­tet sich gegen Gott selbst (Ps. 87, 18-20!). Hier geht Jesu Selbstof­fen­barung eine „Selbstoffen­ba­rung“, ein „Offenbarungseid“ des Vol­kes voraus.

Die Brisanz von Ps. 78 hat auch Mai­er 271f. entdeckt. Diese Entdeckung geht aber da­rüber hinaus. Hier steigert Ps. 78 die Brisanz ins Un­ermessliche. Die Israeliten „ver­suchten“ (Ps. 78,18) Gott, indem sie ihn heraus­for­der­ten: „Kann Gott wohl einen Tisch bereiten […]?“ (19) Noch deutlicher: „kann Gott aber auch Brot geben“? (20) Somit rich­tet sich der Angriff nicht nur gegen den dem Volk bisher „unbekannten“ Sohn Got­tes. Der Angriff des Unglaubens richtet sich gegen den bisher bekannten Gott selbst – und wird damit vollends zum unglaublichen Angriff.

[23] amhn, amhn, nach Kettling, Unterricht. Vgl. auch Wilckens 101.

[24] Seltsam scheint, dass Jesus Mose erwähnt, obwohl weder in Ps. 87,24 noch in Ex. 16,4, worauf die Juden mit ihrer Forderung anspielen, von Mose die Rede ist. Der Geber des Brotes vom Himmel ist eindeutig Gott. Möglich ist, dass diese eigentlich klare Aussage der Schrift in der Gedankenwelt der Juden mit Auslegungen des Midrasch vermengt waren, wonach Mose als „der erste Erlöser“ galt, der das Manna habe herabkommen lassen. Gegen diese Überhöhung Moses könnte sich Jesus hier wenden. Vgl. Voigt 326.

[25] Vgl. Lichtenberger 203.

[26] Sie missverstehen Gottes Brot als Brot für die irdischen Bedürfnisse. Dieses Miss­ver­ständnis ist je­doch an sich nicht negativ, da Jesu Deutung es zu­recht­­bringt. Auch die Samariterin (4,15) missversteht das Wort vom lebendigen Was­ser. Hier wechselt Jesus das Thema, um ihr die Augen zu öffnen. Vgl. auch Schulz 105, de Boor 199. Aus psy­chologischer Sicht könnte ein gewolltes Missverständnis sei­­tens Jesu als Stil­mit­tel eingesetzt sein, um die Nachhaltigkeit der Deutung zu ver­stär­­­ken.

[27] Das Leben an sich zu sein ist eigentlich eine Eigenschaft Got­tes.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Homiletisches Exerzitium - Prüfungs-Predigt über Joh 6, 30-35
Note
gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V43789
ISBN (eBook)
9783638415132
Dateigröße
740 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Exegetische Arbeit, homiletische Besinnung und vollständige Prüfungspredigt zu Joh 6, 30-35 (Ich bin das Brot des Lebens.)
Schlagworte
Homiletisches, Exerzitium, Prüfungs-Predigt
Arbeit zitieren
Karsten Spilling (Autor), 2005, Homiletisches Exerzitium - Prüfungs-Predigt über Joh 6, 30-35, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43789

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