Separation als vorteilhafte Akkulturationsstrategie? Analyse an den Fallbeispielen der Vietnamesen in New Orleans und den Punjabis in Kalifornien


Seminararbeit, 2005

39 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

1 Inhaltsverzeichnis

2. Einleitung

3. Theorie und Forschung zur Akkulturation
3.1 Der Begriff Akkulturation
3.2 Modelle kultureller Anpassung
3.2.1 Bidimensionales Model nach Berry
3.2.2 das interaktive Akkulturationsmodell – ein multidimensionales Modell
3.2.3 Transaktionales Stressmodell
3.2.4 Segmentierte Assimilation

4. Fragestellungen

5. Erläuterung der Fallbeispiele
5.1 Vietnamesen in New Orleans
5.2 Punjabis im Valleyside von Kalifornien

6. Beantwortung und Diskussion der Fragen

7. Schlussfolgerung

8. Ausblick

9. Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Factors affecting acculturative stress and adaption (Berry 1997 zitiert in Berry 2001: 363)

Abb. 2: Acculturation strategies in ethnocultural groups and the larger society (Berry 2001: 354)

Abb. 3: Revisited bidimensional model of immigrantacculturation orientations (Bourhis et al 1997: 377)

Abb. 4: Bidimensional model of host community acculturation orientations (Bourhis et al. 1997: 380)

2. Einleitung

Über das Thema Akkulturation haben viele Wissenschaftler nachgedacht und zahlreiche Theorien dazu verfasst, welche anhand von Migrantengruppen und Gastlandkulturen aus diversen Regionen der Welt überprüft wurden. In diesem Forschungsprozess gelang es ihnen aufzuzeigen, wie eine erfolgreiche Anpassung der Migranten in die neue Kultur erfolgt und wie diese zu deren Vorteil ist. Im Gegensatz dazu wurde die Separation, d.h. die Strategie der Immigranten ihre eigene Kultur zu erhalten und wenig bis gar kein Kontakt zur Gastlandbevölkerung zu pflegen, als unerwünschtes Ergebnis ins Bild gerückt. Dies galt unabhängig davon, ob die Separation durch die Ausstossung durch die Bewohner des Gastlandes ausgelöst wurde oder aber von den Migranten so gewollt war. Die Wissenschaftler zeigten auf, dass eine Anpassung meistens die bevorzugte Wahl der Migranten ist und dies auch von der Mehrheit der Gastlandbewohner gewünscht wird. Wenig Aufmerksamkeit wurde aber den Nachteilen einer Anpassung bzw. den möglichen Vorteilen einer Separation gewidmet. Zhou und Portes (1994) zogen dies als eine der ersten Forscher in Betracht. Sie zeigten auf, dass es Migranten gibt, für welche eine Separation weniger negative als vielmehr positive Folgen mit sich bringt. Solche Migrantengruppen sollen in dieser Arbeit thematisiert und mit Einbezug des Kontextes unter kritischen Aspekten diskutiert werden. Dafür wurden als Fallbeispiele eine Gruppe von Vietnamesen in New Orleans (Zhou/Bankston 1994) und eine Gruppe von Punjabis im Valleyside in Kalifornien (Gibson 1988) ausgewählt. Anhand verschiedener Theorien werden diese Fallbeispiele aufgerollt und systematisch untersucht. Im gleichen Zug werden die Theorien auf ihre Tauglichkeit bei diesen speziellen Fällen überprüft. Schliesslich wird die Frage diskutiert, ob es Situationen gibt in welchen eine Separation von Vorteil ist oder ob es auch eine Möglichkeit der Anpassung gäbe ohne auf die positiven Aspekte verzichten zu müssen.

3. Theorie und Forschung zur Akkulturation

3.1 Der Begriff Akkulturation

Einleitung. Um herauszufinden, welche Gründe gewisse Migranten haben sich anzupassen oder eben nicht, bedarf es eines theoretischen Hintergrundes dessen Schlüsselwort kulturelle Anpassung bzw. Akkulturation lautet. Akkulturation gilt als Kernkonstrukt in der sozialen und verhaltensbezogenen Forschung, was auch Berry (2001: 345-346) bestätigt hat. Er führt aus, dass es eine Hauptaufgabe der kulturvergleichenden Psychologie sei, den Prozess und die Implikationen von Akkulturation zu verstehen. Ebenso haben sich zahlreiche andere Wissenschaftsdisziplinen mit diesem Begriff beschäftigt, darunter die Migrationsforschung, Anthropologie, Kommunikationswissenschaft, Sozial- und Organisationspsychologie. Jede Disziplin hat sich auf unterschiedliche Weise damit auseinandergesetzt, was die Fülle der unterschiedlichen «Ansätze, wie Anpassung an eine fremde Kultur theoretisch interpretiert, in empirischen Studien operationalisiert und gemessen wird» (Brüch 2001: 63), erklärt. In diesem Kapitel soll der Term Akkulturation genauer ausgeführt und seine Bedeutung, wie auch die Hintergründe beleuchtet werden.

Definition. Grundsätzlich werden unter Akkulturation Phänomene verstanden, welche der Wechsel in eine andere Kultur mit sich bringen. Redfield et al. (1936: 149) zählen zu den ersten Forschern, welche sich an eine Definition gewagt haben. Sie bezeichnen Akkulturation als

«a phenomena which results when groups of individuals having different cultures come into continuous first-hand contact with subsequent changes in the original culture patterns of either or both groups…under this definition acculturation is to be distinguished from culture change, of which it is but one aspect, and assimilation, which is at times a phase of acculturation.» (Redfield et al. 1936: 149).

Akkulturation wird in dieser Definition als «ein Aspekt» des weiteren Konzepts «kultureller Wechsel» gesehen. Ein grundlegendes Element ist ausserdem der Ausdruck «continous», welcher betont, dass für eine Akkulturation ein langzeitiger Kontakt zwischen Individuen verschiedener Kulturen vorhanden sein muss. Bewusst werden damit kurzzeitige Interaktionen die Menschen beim Reisen, Krieg, temporären Anstellungen im Ausland oder bei Handels- und Missionarstätigkeit erleben, ausgeschlossen. Weiter wird die Interaktion erwähnt. Es kommt also nicht zu einer einseitigen Assimilierung der Immigranten in die dominante Gastkultur. Vielmehr geht ein Wechsel aller Kulturen, welche involviert sind, von sich (Trimble 2002: 6). Das Social Science Research Council hat der Definition von Redfield et al. (1936: 149) neue Elemente beigefügt und sie wie folgt formuliert:

«Culture change that is initiated by the conjunction of two or more autonomous cultural systems. Acculturative change may be the consequence of direct cultural transmission; it may be derived from noncultural causes, such as ecological or demographic modification induced by an impining culture; it may be delayed, as with internal adjustments following upon the acceptance of alien traits or patterns; or it may be a reactive adaption of traditional modes of life.» (Social Science Research Council 1954: 974)

Neu in dieser Definition ist die Einbeziehung des indirekten Wechsels. Nebst kulturellen können also genauso ökologische und demographische Faktoren eine Rolle spielen. Betont wird ausserdem, dass der Wechsel verspätet und reaktiv sein kann.

Aus den vorangehenden Ausführungen wird deutlich, dass verschiedene Auffassungen bestehen wie kulturelle Anpassung umschrieben werden kann. Die Grundidee ist allerdings meist die gleiche. Es besteht jedoch noch viel Diskussionsraum. Dies einerseits um die Frage, ob bestimmte Variablen Prädikator oder Kriterium der Anpassung sind. Anderseits steht immer noch die Frage, ob Anpassung ein Zustand oder ein Prozess ist (Brüch 2001: 68).

Brüch (2001) versucht in seiner Definition all diese Aspekte mit zu berücksichtigen und eine Einheit der aufgeführten Aspekte zu finden. Er beschreibt kulturelle Anpassung folgendermassen: «Kulturelle Anpassung ist das Ergebnis kognitiver, emotionaler und verhaltensbezogener Veränderungen des Individuums durch interkulturelle Kontakte und durch das Leben in einer fremden Kultur. Sie bezeichnet den Zustand inwieweit das Individuum sich erfolgreich auf die fremde Kultur eingestellt hat [...]» (Brüch 2001: 68)

3.2 Modelle kultureller Anpassung

Im Folgenden werden verschieden Modelle rund um den Kernbegriff Akkulturation bzw. kulturelle Anpassung, welche sich für die Analyse der Fallbeispiele als hilfreich erweisen könnten, vorgestellt und erläutert.

3.2.1 Bidimensionales Model nach Berry

John W. Berry gilt als einer der wichtigsten Forscher rund um das Thema Akkulturation. Seine Theorien haben die Akkulturationsforschung nachhaltig geprägt und werden in allen bedeutenden Studien miteinbezogen. Seine Modelle zeigen übersichtlich den Verlauf einer Akkulturation und deren Ergebnisse auf. Deshalb dürfen seine wichtigsten Erkenntnisse in hier nicht fehlen.

Wenn Berry (2001: 350-351) von Akkulturation spricht, hat er zwei Ebenen vor Augen: einerseits die kulturelle anderseits die psychische. Diese hat er versucht in einem Rahmenmodell zu verbinden, so wie es in der nachfolgenden Grafik aufgezeigt ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Factors affecting acculturative stress and adaption (Berry 1997 zitiert aus Berry 2001: 363)

Die Unterscheidung zwischen der kulturellen und psychischen Ebene zu treffen sei wichtig, da es sich um unterschiedliche Phänomene handle. Beim kulturellen Akkulturationsprozess spielen Faktoren wie Bevölkerungsebene, Wechsel in den sozialen Strukturen, politische Organisationen und Wirtschaft eine zentrale Rolle, der individuelle Akkulturationsprozess wird beeinflusst durch die Identität, Werte und Ansichten. Zwischen den zwei Ebenen muss ausserdem unterschieden werden, da nicht alle Individuen gleichermassen im kollektiven Wechsel partizipieren. (Berry 2001: 350-352).

Veränderungen können auf beiden Ebenen beobachtet werden. Berry (1990: 232-253) formuliert diejenigen auf dem Gruppenniveau folgendermassen: Physische (z.B. neuer Lebensraum, andere Populationsdichte etc.), biologische (z.B. andere Ernährung, neue Krankheiten etc.), politische (z.B. Meinungs- und Religionsfreiheit, andere politische Bedingungen etc.), ökonomische (z.B. neue Berufstätigkeit, Veränderungen im finanziellen oder materiellen Status etc.) und kulturelle Veränderungen (z.B. Sprache, Religion, Erziehungssystem etc.), sowie Veränderungen in den sozialen Beziehungen (z.B. Beziehungen zwischen kulturellen Gruppen). Einfluss auf diesen Veränderungsprozess haben diverse Variablen: Auf dem Gruppenniveau ist dies einerseits die Ausgangskultur (ethnographische Merkmale, politische Situation, wirtschaftliche Bedingungen, demographische Faktoren), anderseits die Zielkultur (Einwanderungsgeschichte, -politik, Einstellung gegenüber Einwanderung, Einstellung gegenüber bestimmten Gruppen, soziale Unterstützung).

Die Veränderungen auf dem Niveau des Individuums sind nach Berry und Sam (1996) und Ward (1997) folgende drei, welche sich in der Stärke der Ausprägung unterscheiden (zit. nach Brüch 2001: 65):

1. Die einfache Verhaltensveränderung ist eine relativ leicht zu erreichende, psychologische Veränderung. Sie entsteht durch das Erlernen eines neuen Verhaltensrepertoires der anderen Kultur. Unter anderem können die Konzepte «Behavioral shifts» von Berry (1990), das «Kulturlernen» von Brislin et al. (1983) und «social skills acquisiton» nach Furnham und Bochner (1986) in dieser Sparte angesiedelt werden.
2. Entstehen durch den Kulturkontakt intrapsychische und interpersonale Konflikte, wird von konfliktbedingten Veränderungen gesprochen. Hier sind die Terminologien Kulturschock bzw. Akkulturationsstress (Berry 2001: 361-369) einzuordnen.
3. Psychopathologische Veränderungen haben mit einer Überforderung des Individuums zu tun, welche zum Beispiel durch das Ausmass oder durch die Geschwindigkeit der Veränderung eintreten kann. Häufige Anzeichen sind Depressionen, Alkoholismus oder Angststörungen.

Einfluss auf diese Veränderungen auf der Ebene des Individuums haben nicht nur die Variablen während, sondern auch vor dem Akkulturationsprozess. Für letzteres sind die Aspekte Demographie, kultureller Hintergrund, persönliche Faktoren wie zum Beispiel Gesundheitszustand, Motivation zur Immigration und die gesetzten Erwartungen von Bedeutung. Während dem Akkulturationsprozess haben schliesslich folgende Faktoren für das Individuum einen entscheidenden Einfluss: Wahl der Akkulturationsstrategie, wie sie nachfolgend beschrieben werden (Abb. 2), Aufenthaltsdauer, Kontakte in der neuen Kultur, Aufrechterhaltung der eigenen Kultur, soziale Unterstützung, Coping-Strategien, Ressourcen und Vorurteile.

Im Rahmenmodell wird auch Berrys (2001: 353-360) Konzept der interkulturellen Strategien berücksichtigt. Die Theorie beruht auf der Annahme, dass kulturelle und psychologische Übereinstimmung nicht das einzige Ergebnis eines interkulturellen Kontakts sein muss (2001: 353). Der Grund liegt darin, dass nicht alle Menschen die gleiche Ansicht darüber haben wie sie Kontakte pflegen wollen; sie verwenden also unterschiedliche Akkulturationsstrategien. Berry (2001: 353-355) unterscheidet zwischen den vier Strategien Assimilation, Integration, Separation und Marginalisierung. Diese Strategien sind auf zwei Achsen (siehe Abb. 2, links) platziert, die mit je einer Frage umschrieben werden können: 1. Baut die Person Kontakte zur fremdkulturellen Gruppe auf? 2. Bewahrt die Person die eigene Identität und Kultur?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Acculturation strategies in ethnocultural groups and the larger society (Berry 2001: 354)

Die Strategie der Integration wird gewählt, wenn man einerseits Aspekte der eigenen Kultur beibehalten will und gleichzeitig den Kontakt zu den Einheimischen sucht. Beide Fragen werden also mit ja beantwortet. Bei der Assimilation hingegen besteht keine Ambition die eigene Kultur zu bewahren, Beziehungen zur Gastbevölkerung werden jedoch aktiv gesucht. Assimilation ist die umfassendste Art der Anpassung, da das Individuum auf ganzer Linie bezweckt wie die Einheimischen zu werden und sich nicht von ihnen unterscheiden will. Versuchen Immigranten die eigene kulturelle Identität zu wahren und zum anderen so gut wie möglich jeden Kontakt mit anderen Gruppen zu vermeiden, verfolgen sie die Separationsstrategie. Werden beide Fragen verneint, spricht man von Marginalisierung. Diese Strategie wird verfolgt, wenn entweder das Interesse oder die Möglichkeit nicht besteht, die eigene Kultur zu erhalten. Ursache dafür ist mehrheitlich Zwang. Oft besteht kein Kontakt zu anderen Gruppen, was mehrheitlich auf Gründe des Ausgeschlossenseins oder gar der Diskriminierung zurückzuführen ist. Gruppen, welche der Strategie der Marginalisierung nachgehen wollen oder müssen, sind oft orientierungslos und leiden unter einer fehlenden Identität.

Was bisher noch nicht erwähnt wurde, ist dass die Akkulturationsstrategien nicht immer frei gewählt werden können, sondern es viele Voraussetzungen und Beschränkungen gibt. Dementsprechend kann Integration nur frei gewählt werden, falls die dominante Gruppe offen und zugänglich für kulturelle Diversität ist. Im Weiteren sind Integration und Separation nur möglich, wenn genügend aus der eigenen ethnokulturellen Gruppe die kulturelle Identität erhalten wollen. Berry (2001: 355-356) hat konstatiert, die Sichtweise und die Einstellung der dominanten Gruppe gegenüber den Immigranten würde stark beeinflussen, welche Strategie im Akkulturationsprozess gewählt werde oder sogar gewählt werden müsse (vgl. Abb. 2, rechts). Erwartet die dominante Gruppe eine Assimilation, wird der Term «melting pot» verwendet, bei Separation der Term Segregation, für Marginalisierung wäre es Ausschluss (exclusion) und bei der Integration wäre der entsprechende Term Multikultur.

Die psychologische und soziokulturelle Adaption, welche Berry (2001: 351) als Ergebnis des Akkulturationsprozess aufführt, ist ein Konstrukt von Ward und Searle (1990). Sie unterscheiden zwischen psychologischer und soziokultureller Anpassung. Erstere bezeichnet das psychische Wohlbefinden und die Zufriedenheit in einer Kultur, während Zweiteres die Fähigkeit «den kulturellen Bedingungen angemessene Interaktion zu leisten» (Brüch 2001: 67) beschreibt. Soziokulturelle Anpassung ist vor allem abhängig von Variabeln wie Zeitdauer der Niederlassung in der neuen Kultur, Sprachfähigkeit, kulturelle Distanz und die Quantität des Kontakts mit der Gastkultur. Unterschiedlich bei den zwei Dimensionen ist ausserdem der Verlauf der Anpassungsschwierigkeiten. Sie sind bei beiden am Anfang am höchsten, wobei sie bei der soziokulturellen Anpassung dann langsam abschwächen. Psychologischer Stress hingegen ist über die Zeit hinweg variabel (Ward/Rana-Deuba 1999: 424-425).

Forschungsstand. Berry hat seine Akkulturationsstrategien anhand einer eigens entwickelten Skala an Portugesen, Ungaren und Koreaner in Kanada (Berry et al. 1989) und Indern in den USA (Berry/Krishnan 1992) getestet. Die Resultate zeigen, dass Integration die bevorzugte Wahl ist, gefolgt entweder von Assimilation oder Separation. Die Strategie der Marginalisierung hingegen wird nur selten gewählt. Zagefka und Brown (2002: 184-186) können diese Resultate grösstenteils bestätigen. Ihre Untersuchung umfasst ein Sample von 193 Personen aus Deutschland, der Gastkultur, und 128 Immigranten. Erstaunlich dabei ist, dass 19% der Deutschen eine Marginalisierung bevorzugt hätten, jene Strategie, welche von den Immigranten am wenigsten gewünscht wird. Zagefka und Brown (2002: 185) betonen ausserdem, dass die zwei Dimensionen «Erhaltung der eigenen Kultur» und «Kontakt zur Gastbevölkerung» korrelieren. Sie seien sehr wichtig und die grosse Stärke des bidimensionalen Modelles von Berry.

Die psychologische und soziokulturelle Anpassung wurde in eine Forschung von Ward und Kenney (1994) untersucht. Sie befragten Staatsangestellte von Neuseeland, welche im Ausland arbeiten. Sie fanden heraus, dass eine starke co-nationale Identifikation weniger psychologischen Stress zur Folge hat. Anderseits führt die Identifizierung mit der Gastlandkultur zu weniger soziokulturellen Schwierigkeiten.

In einer Untersuchung rund um den akkulturativen Stress (1987) fanden Berry et al. heraus, dass dieser bei der Integration am tiefsten ist, ganz im Gegensatz zur Marginalisierung.

Kritik. Die Theorien von Berry haben die Akkulturationsforschung nachhaltig geprägt und werden in allen wichtigen Studien aufgeführt, sowie als Basis für diverse Forschungen verwendet. Allerdings hat sein Akkulturationsmodell genauso viel Kritik ausgelöst.

Auf Problematiken sind Ward und Rana-Deuba (1999: 425-428) beim Modell der Akkulturationsstrategien gestossen. Sie bemängeln die Benutzerfreundlichkeit und die kulturvergleichende Vielseitigkeit. Weil das Instrument kulturspezifisch sei, brauche es für jede Untersuchung noch viel zusätzlichen Aufwand, um das Modell anzupassen. Im Weiteren betonen sie (1999: 426), dass die meisten Studien von Berry «have not included the assessment of the independent contributions of own and other cultural identification to this acculturative outcome» (Ward/Rana-Deuba 1999: 426). Berry und Kim (1998) haben daraufhin reagiert und Integration als additive und Marginalisierung als subtraktive Akkulturation spezifiziert.

Die Dimensionen des Modells werden auch von Sayegh und Lasry (1993: 98-109) kritisiert. Sie führen an, dass die erste Dimension «Identifikation mit der Immigrantenkultur» Haltungen messe, d.h. sie befasst sich mit den Werten der kulturellen Identität der In-Gruppe. Die zweite «Wunsch zum Kontakt mit der Gastkultur» hingegen berücksichtige Verhaltensabsichten, beschäftigt sich also mit dem kulturvergleichenden Kontakt. Um diese Unreinheiten zu beseitigen, haben Bourhis et al. (1997: 378) das Modell entsprechend verändert und ergänzt, woraus das interaktive Akkulturationsmodell resultierte. Die vorgenommenen Veränderungen sind im Kapitel 3.2.2 festgehalten.

Ein grosser Kritiker an Berrys Akkulturationsmodell ist Rudmin (2003). Auch er (2002: 5-6) sieht die Dimensionen als problematisch an. Er führt an, Studien würden belegen, dass mit den vier Skalen zur Messung der verschiedenen Akkulturationstypen nur eine Dimension erhoben werde: also Integration auf der einen, Assimilation, Separation und Marginalisation auf der anderen Seite. Auf einen solchen Schluss lässt auch das ipsativen Design der vier Konstrukte schliessen: Um einen Akkulturationstyp zu messen, werden Fragen konstruiert. Um einen anderen Akkulturationstyp zu messen, werden schliesslich die gleichen Fragen negativ verwendet.

Rudmin (2003: 5) bemängelt weiter die Validität der Konstrukte, was er auf eine Studie von Kim (1988) zurückführt. Sie befragte in einer Studie drei Gruppen, Koreaner in Kanada, Koreaner, die beabsichtigen nach Kanada zu emigrieren und Koreaner ohne Absicht zu emigrieren und analysierte sie aufgrund von Berrys Methodik. Das ernüchternde Resultat zeigt, dass keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen bestehen. Es ist also demnach fraglich, ob Berrys Skalen überhaupt Akkulturationsstrategien messen.

Trotz vielseitiger Kritik soll Berrys Akkulturationsmodell hier verwendet werden, da es deutlich Strukturen und Zusammenhänge aufdeckt. Zweifelsohne zählt es, obwohl viel Verbesserungsbedarf besteht, noch zu den zentralen Akkulturationsmodellen in der heutigen Forschung und wird in vielen Studien als Basis genommen. Zumal werden sich Messprobleme im Folgenden nicht stellen, da es sich um eine theoretische Arbeit handelt. Trotzdem müssen die Kritikpunkte bei der Interpretation immer mit berücksichtig werden.

3.2.2 das interaktive Akkulturationsmodell – ein multidimensionales Modell

Als Reaktion auf das bidimensionale Modell von Berry (2001) haben Bourhis et al. (1997: 376-380) das interaktive Akkulturationsmodell entwickelt. Es verfolgt das Ziel die Akkulturation von den Immigranten und den Einwohnern der Gastkultur dynamisch darzustellen. Bourhis et al. (1997: 377) haben die Fragen von Berrys Modell der Akkulturationsstrategien wie folgt angepasst: 1. «Is it considered to be of value to adopt the culture of the host community»? 2. «Is it considered to be of value to maintain the immigrant culture?». Eine weitere Verfeinerung führen sie (Bourhis et al. 376-379) bei der Orientierung Marginalisierung an, welche sie in Anomie und Individualismus aufteilen. Erstgenannte wird vor allem von solchen Menschen gelebt, welche sowohl ihre Ursprungs- als auch ihre Gastkultur ablehnen. Sie haben Probleme mit der ethnokulturellen Identifikation und mit dem akkulturativen Stress. Die Anomie greift ihr Selbstbewusstsein an und verhindert möglicherweise die Anpassung der Immigranten in der Gastkultur. Andere Immigranten hingegen, welche sich von der Ursprungs- und der Gastkultur lossagen, tun dies nicht, weil sie sich marginalisiert fühlen. Vielmehr wollen sie sich selber als Individuen und nicht als Mitglied der Immigrantengruppe oder Gastkulturmehrheit identifizieren. Solche Menschen lehnen das Gruppendenken komplett ab. Bourhis et al. (1997: 378-379) gehen davon aus, dass Individualisten vor allem von individualistischen und seltener von kollektivistischen Kulturen stammen.

Die Verfeinerungen, welche sie an Berrys Modell vorgenommen haben, sind in der untenstehenden Grafik (Abb. 3) noch einmal übersichtlich dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Viel Wert legen Bourhis et al. (1997: 380-381) auf das zweite Element, nämlich die Strategie, welche die Mitglieder der Gastkultur bevorzugen (siehe Abb. 4). Dies findet man bereits bei Berry (2001: 354-356) vor, Bourhis et al. (1997: 380-381) haben jedoch eine leicht abgeänderte Herangehensweise gewählt. Zum einen haben sie (Bourhis et al. 1997: 380-381) auch diese Fragestellung von Berry (2001: 354-356) abgeändert in: „Do you find it accteptable that immigrants maintain their cultural identity? 2. Do you accept that immigrants adopt the cultural identity of the host community?» (vgl. Abb. 4).

[...]

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Separation als vorteilhafte Akkulturationsstrategie? Analyse an den Fallbeispielen der Vietnamesen in New Orleans und den Punjabis in Kalifornien
Hochschule
Universität Zürich  (ESZ Zürich)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
39
Katalognummer
V43793
ISBN (eBook)
9783638415170
ISBN (Buch)
9783638597005
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Separation, Akkulturationsstrategie, Analyse, Fallbeispielen, Vietnamesen, Orleans, Punjabis, Kalifornien
Arbeit zitieren
Carmen Koch (Autor), 2005, Separation als vorteilhafte Akkulturationsstrategie? Analyse an den Fallbeispielen der Vietnamesen in New Orleans und den Punjabis in Kalifornien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43793

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