Die gesundheitliche Lage von Kindern und Jugendlichen in Hamburg, Deutschland und Europa - sind übertragbare "Kinderkrankheiten" heute noch eine Gefahr für die Gesellschaft?


Diplomarbeit, 2005
74 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Hintergrund

2 Zur Bedeutung von Schutzimpfungen
2.1 Rechtliche Bestimmungen
2.2 Wirkung von Impfstoffen
2.2.1 Aktive Immunisierung
2.2.2 Passive Immunisierung
2.2.3 Simultanimpfung
2.3 Impfrisiken und Nebenwirkungen
2.4 Ökonomische Relevanz

3 Die heutige Rolle der „Kinderkrankheiten“
3.1 Krankheitsbild und Vorkommen in Kürze
3.1.1 Masern
3.1.2 Mumps (Ziegenpeter)
3.1.3 Röteln
3.1.4 Diphtherie
3.1.5 Tetanus (Wundstarrkrampf)
3.1.6 Poliomyelitis (Kinderlähmung)
3.1.7 Pertussis (Keuchhusten)
3.1.8 Hepatitis B (Leberentzündung)
3.1.9 Haemophilus influenzae Typ b

4 Die gesundheitliche Lage in Deutschland
4.1 Impf- und Erkrankungsraten in Deutschland
4.1.1 MMR-Impfraten
4.1.2 Impfraten gegen D, T, aP, IPV, Hib und Hep B
4.1.3 Erkrankungsraten der „Kinderkrankheiten“
4.1.4 Saisonale Unterschiede

5 Die gesundheitliche Lage in Hamburg
5.1 Durchimpfungsraten
5.2 Erkrankungsraten der „Kinderkrankheiten“

6 Die gesundheitliche Lage in Europa
6.1 Impf- und Erkrankungsraten in den ausgewählten Nationen
6.1.1 MMR-Impfraten
6.1.2 Impfraten gegen DTaP, Polio, Hib und Hep B
6.1.3 MMR-Erkrankungsraten
6.1.4 Erkrankungsraten der übrigen sechs „Kinderkrankheiten“

7 Diskussion und Empfehlungen

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

Anlage 1

Anlage 2

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: MMR-Durchimpfungsraten bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland, 1999 bzw. 2002

Abbildung 2: Durchimpfungsraten gegen D, T, aP, IPV, Hib und Hep B
bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland, 1999 bzw. 2002

Abbildung 3: Übermittelte Masern-Fälle pro 100.000 Einwohner nach
Bundesland, Deutschland, 2004

Abbildung 4: Meldemonat der Masern- und Hepatitis B-Fälle
in den Jahren 2001 bis 2004

Abbildung 5: Vollständiger Impfschutz bei 2-, 5-, und 14 bis 16-jährigen
Kindern und Jugendlichen in Hamburg, 1997 bzw. 2003

Abbildung 6: Altersgruppen der Masern- und Hepatitis B-Fälle in Hamburg
in den Jahren 2001 bis 2005

Abbildung 7: MMR-Durchimpfungsraten bei zweijährigen Kindern in den ausgewählten europäischen Nationen, 2003

Abbildung 8: DTaP-, Polio-, Hib-, Hep B-Durchimpfungsraten bei einjährigen
Kindern in den ausgewählten europäischen Nationen, 2003

Abbildung 9: Masern-, und Mumps-Inzidenzen in den ausgewählten sechs
Nationen in den Jahren 1991 bis 2003

Abbildung 10: Pertussis- und Hepatitis B-Inzidenzen in den ausgewählten sechs europäischen Nationen in den Jahren 1991 bis 2003

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 : Impfkalender für Säuglinge, Kinder und Jugendliche;
empfohlenes Impfalter und Mindestabstände zwischen den
Impfungen, Stand Juli 2004

Tabelle 2 : Vergleich der Komplikationsrisiken bei Infektion bzw.
bei Impfung

Tabelle 3 : Benötigte Mindestanzahl der erforderlichen Impfdosen bei

der Grundimmunisierung und für den kompletten Impfschutz.

Anzahl der Dosen laut Empfehlung der Ständigen
Impf­kommission, Stand Juli 2004

Tabelle 4 : Gemeldete absolute Erkrankungszahlen einiger
impfpräventabler Erkrankungen in Deutschland, 1980 bis 2000

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Hintergrund

„Kinderkrankheiten“ sind durch Viren oder Bakterien hervorgerufene, anste­ckende Infek­tions­krankheiten, die meist im Kindesalter auftreten. Infektions­krankheiten stellten in der Vergangen­heit die häufigste Todesursache dar. Beispielsweise verstarben um 1900 al­lein im Deutschen Reich jährlich 65.000 Kinder bei 58 Millionen Einwohnern an Keuchhusten, Diphtherie und Schar­lach. Die allgemeine Verbesserung der sozioökonomischen und hygienischen Bedingungen führte zu einem drasti­schen Rückgang zahlreicher Infektions­krankhei­ten in den so genannten entwickelten Ländern. Dazu trugen in einem ho­hen Maße Schutzimpfungen sowie die Verfügbarkeit von Antibiotika bei. Die bes­ten Bei­spiele für die Effektivität von Impfungen sind die Ausrottung der Pocken im Jahr 1980 und die weitgehende Eliminierung[1] der Poliomyelitis [1, 2].

Bis in die achtziger Jahre glaubte man, dass die Infektionskrankheiten in den In­dustrie­nationen weitestgehend besiegt seien. Aus diesem Grund ging viel Wissen über die Gefährlichkeit der Krankheiten und die Bedeutung von Schutzimpfungen in der Bevölkerung verloren. Doch auch heute spielt die Bekämpfung von Infektionskrankheiten eine große Rolle. Die „Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten sind eine globale Herausforderung. Die Erreger übertragbarer Krankheiten kennen keine geographischen Grenzen. Sie werden durch die zunehmende Mobilität und die klimatische Veränderung noch schneller und weiter verbreitet.“ [3]. Das Auftreten der großen Diphtherie-Epidemie in den Nachfolgestaaten der UdSSR mit insgesamt rund 50.000 Erkrankungsfällen im Jahr 1995 verdeutlicht, dass bei fehlendem Impfschutz längst besiegt geglaubte Krankheiten wiederkehren können. Außerdem verstärkt die Tatsache, dass ein tödlicher Verlauf einer Masernerkrankung in der Bundesrepublik Deutschland im Februar 2005, der nur durch Zufall diagnostiziert wurde, die Notwendigkeit für regelmäßigen Informationsbedarf auch in medizinischen Fachkreisen [4, 5, 6].

Impfpräventable Krankheiten sind eine Gruppe sehr verschiedener Infektionskrankheiten, deren gemeinsames Merkmal es ist, durch Impfungen die Erkrankungsraten zu senken und komplizierte Verläufe bzw. tödliche Ausgänge zu minimieren. Hierzu zählen auch die in dieser Arbeit relevanten neun übertragbaren, „Kinderkrankheiten“ Masern, Mumps, Röteln, Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Poliomyelitis, Haemophilus influenzae Typ B (Hib) und Hepatitis B.

Im Rahmen des Programms „Gesundheit für alle bis zum Jahr 2000“ setzte sich die Europäische WHO im Jahr 1984 das Ziel der Eliminierung einheimischer Erkrankungen an Poliomyelitis (Polio), Diphtherie, Masern, konnatalen Röteln[2] und neonatalen Tetanus[3] bis zum Jahr 2000. Lediglich die Eliminierung von Polio und Neugeborenen-Tetanus wurde realisiert [7]. Bei Masern wird jetzt eine Erhöhung der Durchimpfungsraten auf über 95% bis zum Jahr 2007 angestrebt, um diese bis zum Jahr 2010 eliminieren zu können. Außerdem sollen bis zum Jahr 2010 die Diphtherie-, Mumps-, und Pertussis-Inzidenzen[4], sowie invasive Erkrankungen durch Haemophilus influenzae Typ b auf unter 1 pro 100.000 Einwohner reduziert werden. Die Neuinfektionen der konnatalen Röteln sollten, ebenfalls bis zum Jahr 2010, bei weniger als 0,01 pro 1.000 Lebendgeburten liegen. Bei der Hepatitis B strebt die WHO eine Reduzierung der Neuinfektionen um mindestens 80%, durch die Einführung der Hepatitis B-Standardimpfung im Kindesalter, an [8].

„Die Bundesrepublik Deutschland (BRD) unterstützt die WHO-Ziele, ist jedoch von ihrer Realisierung teilweise noch weit entfernt“ [9]. Im Europäischen Vergleich erreicht die Bundesrepublik nur unbefriedigende Durchimpfungsraten; vor allem bei Kleinkindern und Erwachsenen bestehen große Impflücken [10].

Übertragbare „Kinderkrankheiten“ können durch die Teilnahme an Schutzimpfungen größtenteils vermieden werden. Der Erfolg und die Akzeptanz von Impfmaßnahmen hängen von einer Reihe sehr unterschiedlicher Faktoren ab, wie z. B. von der Inzidenz der Erkrankung, der Schwere der Erkrankung, der Häufigkeit von Krankheitskomplikationen, der Effektivität und Nebenwirkungen des Impfstoffes, der Akzeptanz in der Bevölkerung, der Erreichbarkeit der Zielpopulation, der Kostenerstattung und der gesundheitspolitischen Unterstützung.

Im ersten Abschnitt der Arbeit werden die Bedeutung, rechtliche Bestimmungen, Wirkungsmechanismen und die ökonomische Relevanz von Schutzimpfungen beschrieben. Des Weiteren werden die neun übertragbaren „Kinderkrankheiten“ und deren Vorkommen in Kürze definiert. Im Hauptteil wird die gesundheitliche Lage von Kindern und Jugendlichen in Hamburg, Deutschland und Europa anhand der Durchimpfungs- und Erkrankungsraten in Kapitel vier bis sechs dargestellt. Ausgehend von der gesamten Situation in der Bundesrepublik Deutschland wird das Bundesland Hamburg einen regionalen Ausschnitt darstellen.

Aufgrund ihrer unterschiedlichen historischen, politischen, kulturellen und sozioökonomischen Gegebenheiten wurden für Europa die sechs Länder[5] Deutschland (DE), Finnland (FI), Großbritannien (GB), Italien (IT), Niederlande (NL), und Ungarn (HU) ausgewählt. Bei der Darstellung der Impf- und Erkrankungsraten der ausgewählten sechs Nationen wird auf die Zielvorgaben der WHO und auf die Besonderheiten der jeweiligen Impfsysteme eingegangen.

Zum Abschluss werden die zentralen Aspekte dieser Arbeit im siebten Kapitel noch einmal diskutiert und Empfehlungen ausgesprochen.

2 Zur Bedeutung von Schutzimpfungen

Schutzimpfungen zählen zu den effek­tivsten und kostengünstigsten Präven­tivmaßnahmen der modernen Medizin. Neben dem individuellen Krankheits­schutz ermöglichen viele Impfungen auch einen Kollektivschutz (Herdimmu­nität) der Bevölkerung, die das Auftre­ten von Epidemien bei ausreichend ho­hen Durchimpfungsraten verhindern. So werden insbesondere Personen ge­schützt, bei denen aus medizinischen Gründen keine Impfungen durchgeführt werden können [11]. Für die Gewähr­leistung eines sicheren Kollektivschutzes sind die Impfraten für jede Infektionskrank­heit unterschiedlich hoch. Für Masern und Pertussis wird eine Herdimmunität bei 92 bis 95%, für Mumps bei ca. 90%, sowie für Diphtherie und Polio bei 80 bis 85% er­reicht [12].

Aufgrund des erfolgreichen Zurückdrängens der impfpräventablen Krankheiten sinkt in Ländern mit erfolgreichen Impfprogrammen das Bewusstsein über die Gefährlich­keit dieser Krankheiten. Gleichzeitig steigt die Wahrnehmung und Bedeutung selte­ner Komplikationen, die durch Impfungen verursacht werden. Als Folge sinkt die Impfakzeptanz in diesen Ländern [13].

2.1 Rechtliche Bestimmungen

Rechtliche Bestimmungen für die Durchführung von Schutzimpfungen in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) werden im Wesentlichen durch das am 01.01.2001 in Kraft getretene Infektionsschutzgesetz (IfSG) geregelt. Die nach dem IfSG meldepflichtigen Infektionskrankheiten werden an das Robert-Koch-Institut (RKI), der Bundesbehörde zur Überwachung von Infektionskrankheiten zur zentralen Erfassung und Analyse, übertragen. Durchgeführte Impfungen werden in Deutschland nicht zentral dokumentiert, und nur ein Teil der impfpräventablen Infektionskrankheiten ist meldepflichtig. Seit der Abschaffung der Pockenimpfpflicht im Jahr 1983 werden Impfungen nur noch auf freiwilliger Basis durchgeführt [14].

Empfehlungen zur routinemäßigen Durchführung von Schutzimpfungen für Kinder und Jugendliche erfolgen durch die Ständige Impfkommission (STIKO), einem Expertengremium am RKI. Die Übernahme der STIKO-Empfehlungen in die öffentlichen Impfempfehlungen obliegt dem Ermessen der obersten Landesbehörden der jeweiligen Bundesländer. Die empfohlenen Impfungen für Kinder und Jugendliche werden in der Regel zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen abgerechnet. Da Impfungen keine Pflichtleistungen der Krankenkassen sind, variieren die Abrechnungsmodalitäten und Vergütungen je nach Krankenkasse und Bundesland. Das heißt, dass „rein theoretisch eine Empfehlung der STIKO zu 16 verschiedenen Länderempfehlungen, 23 unterschiedlichen Regelungen im Bereich der kassenärztlichen Vereinigungen und ca. 370 individuellen Kassenregelungen führen kann.“ [15]

Die zentrale Rolle bei der Durchführung von Schutzimpfungen wird im § 22 des IfSG geregelt und kommt den niedergelassenen Ärzten zu. Vor der Impfung muss der impfende Arzt ein Aufklärungsgespräch führen und die Impfung anschließend im Impfausweis dokumentieren.

In der ehemaligen DDR mussten alle impfpräventablen Erkrankungen gemeldet werden. Schutzimpfungen im Kindes- und Jugendalter wurden zentral dokumentiert und unterlagen einer gesetzlichen Impfpflicht. Bis zur Wiedervereinigung waren die Durchimpfungsraten sehr hoch, sanken aber durch die Umgestaltung des Impfwesens teilweise deutlich ab [16].

Die Stärkung der Prävention durch Aufklärung der Allgemeinheit ist eine wichtige öffentliche Aufgabe (IfSG §3). Hierzu tragen die kostenlosen Vorsorgeuntersuchungen für das Kindes- und Jugendalter durch Früherkennung und Vorbeugung von Erkrankungen oder Gesundheitsschäden bei. Die Untersuchungen für Säuglinge und Kinder finden von der Erstuntersuchung direkt nach der Geburt (U1) in regelmäßigen Abständen, bis zur Vorschuluntersuchung (U9) im Alter von fünfeinhalb Jahren statt. Im Alter von 10 bis 15 Jahren folgt die Jugendgesundheitsuntersuchung (J1). Zur Erhöhung der Durchimpfungsraten orientiert sich der Impfkalender der STIKO an den Vorsorgeuntersuchungen (U1-U9 und J1) für Kinder und Jugendliche. In Tabelle 1 sind den empfohlenen Impfungen die Impftermine zugeordnet. Die angegebenen Impftermine berücksichtigen die für den Aufbau eines Impfschutzes notwendigen Zeitabstände zwischen den Impfungen. Die so genannten U-Untersuchungen für Säuglinge und Kinder, die Schuleingangsuntersuchung, sowie die Jugendgesundheitsuntersuchungen sollen nach den Empfehlungen der STIKO für die Impfprophylaxe genutzt werden. Unter der Beachtung der Mindestabstände wird eine möglichst frühzeitige Durchführung der Impfungen empfohlen. Um die Zahl der Injektionen möglichst gering zu halten, sollten vorzugsweise Kombinationsimpfstoffe (Antigenkombinationen) verwendet werden.

Tabelle 1: Impfkalender für Säuglinge, Kinder und Jugendliche; empfohlenes Impfalter und Mindestabstände zwischen den Impfungen (Stand Juli 2004)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Empfehlungen der STIKO, Stand Juli 2004;S. 236 Epidemiologisches Bulletin Nr. 30/2004; verkürzt auf die Altergruppen der Kinder und Jugendlichen

Zum Aufbau eines möglichst frühen Immunschutzes sollen die öffentlich empfohlenen Impfungen gegen Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Polio, Haemophilus influenzae Typ b und Hepatitis B bereits im dritten Lebensmonat begonnen und spätestens bis zum vollendetem 15. Lebensmonat mit einer Grundimmunisierung[6] abgeschlossen werden. Für einen lang anhaltenden Impfschutz ist es von besonderer Bedeutung, dass bei der Grundimmunisierung der empfohlene Mindestzeitraum zwischen vorletzter und letzter Impfung nicht unterschritten wird.

Die erste Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln sollte im Alter von 11 bis 14 Monaten, vorzugsweise mit einem Kombinationsimpfstoff (MMR-Impfstoff), begonnen werden. Für den frühestmöglichen, kompletten Impfschutz sollte die zweite MMR-Impfung bis zum Ende des zweiten Lebensjahres abgeschlossen werden. Durch die Verwendung von Kombinationsimpfstoffen können Kinder im Alter von 24 Monaten mit nur sechs Injektionen (viermal den Sechsfachimpfstoff DTaP-IPV-Hib-HBV und zweimal den Dreifachimpfstoff MMR) effektiv gegen die neun Infektionskrankheiten geschützt werden.

Zur Erfüllung des Impfkalenders sollte der Impfstatus bei Kindern und Jugendlichen gegen bestimmte Erkrankungen regelmäßig kontrolliert und ggf. aufgefrischt werden. Gegen Diphtherie und Tetanus müssen lebenslang Auffrischimpfungen durchgeführt werden. Die erste dieser Auffrischimpfungen sollte fünf Jahre nach der Grundimmunisierung, also in der Regel wenn die Einschulung bevorsteht, durchgeführt werden. Die zweite Auffrischimpfung erfolgt in der Zeit zwischen dem vollendeten 9. und dem vollendeten 17. Lebensjahr. Danach muss das Abwehrsystem alle 10 Jahre durch eine Impfung zum Schutz gegen Diphtherie und Tetanus aufgefrischt werden.

Für den Schutz gegen Pertussis und Poliomyelitis wird in Deutschland nach der Grundimmunisierung nur noch einmal eine Auffrischimpfung empfohlen. Diese sollte ebenfalls zwischen dem vollendeten 9. und dem vollendeten 17. Lebensjahr erfolgen. Bei der Polio-Auffrischimpfung wird seit dem Jahr 1998 der inaktive Po­lioimpfstoff (IPV= inaktivierte Poliomyelitis Vakzine) in Deutschland empfohlen. Dieser enthält abgetötete Viren, im Gegensatz zu der vorherigen, oralen Schluckimpfung (OPV= orale Poliomyelitis Vakzine) bei der abge­schwächte, vermehrungsunfähige Erreger verwendet wurden. Auf die verschiede­nen Impfstoffe und deren Wirksamkeiten wird im nächsten Kapitel genauer einge­gangen. [17]

2.2 Wirkung von Impfstoffen

Schutzimpfungen haben ihren Ursprung in der Beobachtung, dass durchlebte In­fektionskrankheiten oftmals eine lebenslange Immunität hinterlassen: Bei einer Impfung setzt man Krankheitserreger oder Teile von ihnen ein, die als Antigen wirksam sind und eine Antikörperbildung bewirken. Die geimpfte Person ist nun vor der eigentlichen Erkrankung geschützt und kann niemanden mehr anstecken. Das bedeutet auch, dass ungeschützte Personen, wie z. B. immungeschwächte Menschen, indirekt vor der entsprechenden Krankheit geschützt sind, da die ge­impften Mitmenschen als Ansteckungsquelle ausfallen. Die Impfung bewirkt einen aktiven oder passiven Immunisierungsprozess [18, 19].

2.2.1 Aktive Immunisierung

Bei der aktiven Impfung erhält der Impfling abgeschwächte lebende oder abgetö­tete Krankheitserreger bzw. deren Teilstücke oder abgeschwächte Bakteriengifte. Diese Antigene veranlassen das Immunsystem, Antikörper und Abwehrzellen ge­gen den Erreger herzustellen. Die Immunität bleibt je nach Impfstoff entweder dauerhaft erhalten oder kann durch Auffrischimpfungen wieder aktiviert werden. Dabei unterscheidet man zwei Arten von Impfstoffen:

2.2.1.1 Totimpfstoffe

Totimpfstoffe enthalten abgetötete Krankheitserreger oder Teile davon, die eine ausreichend hohe Antikörperbildung anregen können. Einzelne Teile eines Impf­stoffes können aus Bruchstücken eines Erregers (azelluläre Impfstoffe), wie z. B. der azelluläre Pertussis-Impfstoff oder aus Stoffwechselprodukten, wie z. B. der entgifteten Form des Diphtherie- oder Tetanus-Toxins (Giftes), gewonnen werden. Totimpfstoffe sind meist risikoärmer als Lebendimpfstoffe, dafür aber oft auch we­niger wirksam. Damit über lange Zeit genügend Antikörper im Blut vorhanden sind, muss man die meisten Impfungen mit Totimpfstoffen mehrmals verabreichen und immer wieder auffrischen. Verbindungen mit Zusatzstoffen, wie z. B. Eiweißmole­küle können eine verstärkte Immunantwort auslösen. Ein Vorteil von Totimpfstof­fen ist, dass eine daraus folgende Erkrankung ausgeschlossen ist.

2.2.1.2 Lebendimpfstoffe

Lebendimpfstoffe enthalten vermehrungsfähige abgeschwächte Erreger. Diese Krankheitserreger vermehren sich nach der Impfung im Körper, sind jedoch meist nicht in der Lage, die Krankheit auszulösen. Es kann allerdings in einigen Fällen zu einer abgeschwächten „Impfkrankheit“ (siehe Punkt 2.3, Abs.1) kommen. Dafür bewirken sie eine fast genauso starke Abwehrreaktion wie die natürlichen Erreger der Krankheit, so dass Auffrischimpfungen meist nicht benötigt werden. Verschie­dene Lebendimpfstoffe können entweder gleichzeitig oder nacheinander im Ab­stand von mindestens vier Wochen verabreicht werden. Lebendimpfstoffe werden z. B. bei der Impfung gegen Masern, Mumps, und Röteln verwendet.

Bei Kombinationsimpfstoffen werden entweder nur Lebend- oder nur Totimpfstoffe zusammen verabreicht.

2.2.2 Passive Immunisierung

Bei der passiven Immunisierung werden dem Organismus Antikörper gegen be­stimmte Erreger oder deren Toxine verabreicht. Der Organismus bleibt passiv und es entsteht ein sofortiger Schutz. Die Antikörper werden aus Blut gewonnen und sollen eine bereits infizierte Person vor dem Ausbruch der Erkrankung schützen bzw. den Krankheitsverlauf mildern. Die Impfung muss so früh wie möglich nach der Ansteckung verabreicht werden. Passive Impfstoffe lösen häufige und meist stärkere Nebenwirkungen aus, als aktive Impfstoffe. Man nutzt diese Möglichkeit bei immungeschwächten Personen in bedrohlichen Krankheitssituationen oder auch zur Vorbeugung von Gifteinwirkungen, wie z. B. bei Tetanus.

2.2.3 Simultanimpfung

Bei einer Simultanimpfung werden nach einer möglichen Ansteckung die aktive und die passive Impfung gleichzeitig verabreicht. Mit der passiven Impfung wird ein vorübergehender, sofortiger Impfschutz erreicht. Mit der aktiven Impfung wird zusätzlich die noch nicht vorhandene Grundimmunisierung in die Wege geleitet.

2.3 Impfrisiken und Nebenwirkungen

Keine Schutzimpfung ist frei von Nebenwirkungen, allerdings sind gesundheitlich bedeutsame Impfkomplikationen sehr selten. Die Nebenwirkungen der meisten Impfungen sind weitaus geringer als die Gefahren der Krankheiten, gegen die sie schützen. Grundsätzlich wird nach dem Schweregrad der Nebenwirkungen zwi­schen einer über das übliche Ausmaß nicht hinausgehenden allgemeinen Impfreaktion, einer Impfkrankheit, einer Impfkomplikation und einem bleibenden Impfschaden unter­schieden. Vorübergehende Lokal- und Allgemeinreaktionen sind als Ausdruck der immunologischen Auseinandersetzung des Organismus mit dem Impfstoff anzu­sehen, die das übliche Ausmaß der Impfreaktion nicht überschreiten. Hierzu zäh­len z. B. die für Dauer von 1 bis 3 Tagen anhaltende Rötung, Schwellung oder Schmerzhaftigkeit an der Injektionsstelle, Fieber unter 39,5 °C, Kopf- und Glieder­schmerzen, Mattigkeit, Unwohlsein, Übelkeit, Unruhe und Schwellung der regio­nalen Lymphknoten. Außerdem gehören die Symptome der so genannten Impf­krankheit, wie z. B. ein masernähnliches Exanthem (Hautausschlag), in diese Ka­tegorie [20].

Der Verdacht einer über das übliche Ausmaß hinausgehenden Impfreaktion ist nach IfSG §6 Abs. 1 Nr.3 meldepflichtig. Ernsthafte Nebenwirkungen nach Imp­fungen sind äußerst selten, das heißt weniger als einmal auf 100.000 Impfungen. Dabei handelt es sich entweder um Impfkomplikationen oder gar um Impfschäden.Impfkomplikationen bedürfen zwar einer ärztlichen Beobachtung und Behandlung, aber sie heilen wieder aus. Impfschäden verursachen eine bleibende Beeinträchti­gung, treten aber noch seltener auf. In Tabelle 2 werden die Komplikationsrisiken der Erkrankungen dem Impfrisiko gegenübergestellt.

Bei allen Erkrankungen ist das Risiko einer Komplikation bzw. eines tödlichen Verlaufes (Letalität) mit vorhandener Schutzimpfung um ein Vielfaches geringer, als ohne Impfung. „Ernsthafte Nebenwirkungen nach Impfungen sind äu­ßerst selten, das heißt, weniger als einmal auf 100.000 Impfungen. Dabei handelt es sich entweder um Impfkomplikationen oder um Impfschäden.“ [21] Zum Beispiel tritt bei einer von mehreren 100.000 Impfungen eine schwere al­lergische Sofortreaktion auf, die zu einem Kreislaufschock führt und eine ernste Komplikation darstellt.

Tabelle 2: Vergleich der Komplikationsrisiken bei Infektion bzw. bei Impfung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Heininger U: Handbuch Kinderimpfung, S. 76, verkürzte Darstellung

[...]


[1] Eliminierung von Krankheiten: durch gezielte Bemühungen die Verringerung der Inzidenz einer näher bezeichneten Krankheit in einem genau angegebenen geographischen Gebiet bis auf Null

[2] konnatale Röteln: während der Schwangerschaft oder der Geburt erworbene Röteln

[3] neonataler Tetanus: „Neugeborenen Tetanus“, infolge einer Nabelinfektion

[4] Inzidenz: Maßzahl der Neuerkrankungen in einem bestimmten Zeitraum und einer definierten Population

[5] Länderkürzel nach ISO 3166

[6] Grundimmunisierung: Serie von kurz aufeinander folgenden Impfungen (zwei oder drei Dosen), die zur Ausbildung eines Basisimpfschutzes führt.

Ende der Leseprobe aus 74 Seiten

Details

Titel
Die gesundheitliche Lage von Kindern und Jugendlichen in Hamburg, Deutschland und Europa - sind übertragbare "Kinderkrankheiten" heute noch eine Gefahr für die Gesellschaft?
Hochschule
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
74
Katalognummer
V43807
ISBN (eBook)
9783638415309
Dateigröße
932 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lage, Kindern, Jugendlichen, Hamburg, Deutschland, Europa, Kinderkrankheiten, Gefahr, Gesellschaft
Arbeit zitieren
Carola David (Autor), 2005, Die gesundheitliche Lage von Kindern und Jugendlichen in Hamburg, Deutschland und Europa - sind übertragbare "Kinderkrankheiten" heute noch eine Gefahr für die Gesellschaft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43807

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