Im letzten Jahrhundert war die Geographie eine in ihrer ganzen Geschichte nie völlig unumstrittene Fachdisziplin, die sich notwendigerweise auf der Suche nach einem neuen Standort befand. Die Geschichte der Geographie ist voller Veränderungen, denn ihr Forschungsfeld zieht von Tag zu Tag andere Grenzen. In den Schulen und Universitäten wird meistens nur eine Vorstellung vermittelt, was Geographie heute ist, sein kann und soll. Diese Disziplin gilt als Nischenfüller, denn es gibt kaum eine Fachrichtung, in der ein Teilbereich der Geographie nicht gefragt wird. Diese Entwicklung ist nicht ohne weiteres entstanden, denn von der anfänglichen Neugier über fremde Länder, exotische Landschaften und das allgemeine Bild der Erde bis zu so komplizierten Aussagen über das Mensch-Raum-System und zukunftorientierten Globalforschungen war es ein langer Weg. Ein wichtiger Punkt dieser Entwicklung war zu erkennen, dass die Geographie in ständiger Konkurrenz gegenüber unterschiedlichen Disziplinen stand, und nur die Entwicklung eines theoretischen Gerüsts für die Geographie diese Situation begradigen konnte. In Deutschland geschah dies in der klassischen Phase der Geographie, als man versuchte, sie als eigenständige Wissenschaftsdisziplin aufzubauen und zu entwickeln. In den Jahren 1945 bis 1970 entwickelten sich viele Nebenströmungen, die die klassische Geographie durch Sozialgeographie und Landschaftsökologie modernisiert haben. Maßgebend für die Entwicklung der Geographie und deren Ausdifferenzierung in mehrere Hauptperspektiven war in den 60er und 70er Jahren Dietrich Bartels. Er war an der Entwicklung des raumwissenschaftlichen Ansatzes um 1970 beteiligt und einer der Weichensteller in der Humangeographie, welche die Raumwissenschaft zur einflussreichsten Forschungsorientierung der 70er und 80er Jahre machten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist Humangeographie? Definitionsversuche
3. Die Einordnung der Humangeographie im System der Geographie im 20. Jahrhundert
4. Das Leben und Werk von Dietrichs Bartels
5. Bartels Zielsetzung, Perspektiven und thematische Präferenzen innerhalb der Humangeographie
6. Chorologie nach Dietrich Bartels: die choristisch – chorologische Methode der raumwissenschaftlichen Forschungsweise
7. Stufenmodel anwachsender Rationalität von Bartels
8. Wissenschaftliche Leistung von Dietrich Bartels - Kritik, Würdigung und Auswirkungen
9. Quellen und weiterführende Literatur:
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung von Dietrich Bartels und seine Rolle bei der Etablierung der Humangeographie als empirische Wissenschaft im 20. Jahrhundert. Dabei wird analysiert, wie Bartels durch die Einführung raumwissenschaftlicher Methoden den Übergang von der traditionellen, beschreibenden Länderkunde zu einer modernen, theoretisch fundierten Disziplin maßgeblich mitgestaltete.
- Wissenschaftsgeschichte der Humangeographie
- Methodik des raumwissenschaftlichen Ansatzes
- Biographische Einordnung von Dietrich Bartels
- Kritik und Würdigung der "Quantitativen Revolution"
- Theorieentwicklung und Raumkonzepte
Auszug aus dem Buch
5. Bartels Zielsetzung, Perspektiven und thematische Präferenzen innerhalb der Humangeographie
Dietrich Bartels war einer der ersten, die die quantitative Revolution im deutschen Raum vertreten haben. Die entscheidende Entwicklung in diesem neuen Forschungsfeld war, nicht mehr deskriptive, sondern systematische und intersubjektiv nachvollziehbare Beobachtungen zu machen und eine objektive Datenerhebung durchzuführen. Für dieses Vorhaben wurden computergestützte statistische Verfahren entwickelt, die Daten für die Forschung in und mit Raum ermöglichten.
Bartels nahm diese Herausforderung an und formulierte den methodologischen Ansatz der quantitativen Revolution in seiner Habilitationsschrift von 1968 aus: „ Die Aufgabe des Faches ist die Erfassung und Erklärung erdoberflächlicher Verbreitungs- und Verknüpfungsmuster im Bereich menschlicher Handlungen und ihrer Motivationskreise, wie sie im Rahmen von mehr oder weniger organisierten Institutionen, Gruppen, Verhaltensnormen und der anderen Kulturbestandteilen, nicht zuletzt des technischen Wissens und vorhandenen Ressourcen existieren.“
Die Zielsetzung seiner sozialgeographischen Forschung wird mit dieser Aussage mehr als deutlich: Die raumwissenschaftliche Methodik soll zur Aufdeckung von Raumgesetzten angewandt werden, um eine Erklärung der Zusammenhänge des erdräumlichen Gesamtmusters einer Gesellschaft abzugeben. Dabei sollen möglichst wirklichkeitsnahe Modelle der Raumwirtschaftstheorie entwickelt werden. Entscheidend für die Realisierung dieser Zielsetzung ist die Bedeutung der Begriffe, insbesondere des Raumbegriffs. So versucht Bartels mit einem wissenschaftstheoretisch begründeten Begriffsverständnis den Raum zu definieren, um darauf sein Forschungsprogramm auszurichten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt den historischen Wandel der Geographie von einer beschreibenden Fachrichtung hin zu einer modernen Wissenschaft, wobei die Rolle von Dietrich Bartels als Weichensteller hervorgehoben wird.
2. Was ist Humangeographie? Definitionsversuche: Erläutert die Schwierigkeit einer einheitlichen Definition der Humangeographie und zeigt auf, wie sie sich als zweites Hauptgebiet der Geographie mit gesellschaftlichen Prozessen im Raum befasst.
3. Die Einordnung der Humangeographie im System der Geographie im 20. Jahrhundert: Analysiert den Übergang von der klassischen Landschaftsforschung zur empirisch orientierten Wissenschaft nach 1969.
4. Das Leben und Werk von Dietrichs Bartels: Dokumentiert die akademische Laufbahn und die zentralen Stationen im Leben von Dietrich Bartels.
5. Bartels Zielsetzung, Perspektiven und thematische Präferenzen innerhalb der Humangeographie: Erläutert Bartels' methodologischen Ansatz und seine Pionierrolle innerhalb der "Quantitativen Revolution" in Deutschland.
6. Chorologie nach Dietrich Bartels: die choristisch – chorologische Methode der raumwissenschaftlichen Forschungsweise: Erklärt Bartels' Verständnis der chorischen Logik als Grundlage für eine raumwissenschaftliche Analyse.
7. Stufenmodel anwachsender Rationalität von Bartels: Stellt ein Modell vor, das die Entwicklung der Geographie von einem "Wilden Denken" zu einer strukturierten Wissenschaft in vier Stufen unterteilt.
8. Wissenschaftliche Leistung von Dietrich Bartels - Kritik, Würdigung und Auswirkungen: Bietet eine kritische Reflexion über Bartels' Beitrag zur Fachwissenschaft und die Kontroversen um seinen Ansatz.
9. Quellen und weiterführende Literatur:: Listet die bibliographischen Verweise und weiterführende Literatur zur Arbeit auf.
Schlüsselwörter
Humangeographie, Dietrich Bartels, Raumwissenschaft, Quantitative Revolution, Sozialgeographie, Chorologie, Wissenschaftstheorie, Raumkonzepte, Empirische Forschung, Geographiegeschichte, Regionalforschung, Methodenlehre, Raumordnung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die wissenschaftliche Entwicklung der Humangeographie im 20. Jahrhundert, fokussiert auf das Leben, das Wirken und die theoretischen Konzepte von Dietrich Bartels.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Themen gehören die Methodologie der Raumwissenschaften, die Abkehr von der klassischen Landschaftsgeographie sowie die Einführung quantitativer und statistischer Verfahren in die deutsche Geographie.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, die Bedeutung von Dietrich Bartels als einen der entscheidenden Weichensteller für die Modernisierung der Geographie in den 60er und 70er Jahren darzustellen und sein theoretisches Vermächtnis kritisch zu würdigen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer wissenschaftsgeschichtlichen Literaturanalyse und der Auswertung zentraler publizistischer sowie biographischer Quellen zu Dietrich Bartels.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Verortung der Humangeographie, die methodologischen Konzepte von Bartels (wie die "Quantitativen Revolution" und die "chorologische Methode") sowie die Analyse seines Stufenmodells der Rationalität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem durch die Begriffe Humangeographie, Quantitative Revolution, Raumwissenschaft, Dietrich Bartels und Wissenschaftstheorie charakterisieren.
Warum wird Bartels als "Weichensteller" bezeichnet?
Weil seine Habilitationsschrift von 1968 maßgeblich dazu beitrug, den Fokus der Geographie von reiner Landschaftsbeschreibung hin zu einer erklärenden, empirischen Wissenschaft zu verschieben.
Was ist das "Stufenmodell anwachsender Rationalität"?
Es ist ein von Bartels entworfenes Modell, das den historischen Reifeprozess der Geographie von einer subjektiv geprägten Disziplin hin zu einer methodisch geplanten und theoretisch fundierten Wissenschaft beschreibt.
- Quote paper
- Arthur Benisch (Author), 2004, Forschungsleistungen von international bedeutenden Humangeographen: Der wissenschaftliche Beitrag von Dietrich Bartels, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43813