So wie das Lesen und Schreiben, zählt auch das Rechnen als eine Kulturtechnik. Das bedeutet, dass diese Fähigkeiten die Aneignung, Erhaltung und Verbreitung von Kultur ermöglichen. Der Umgang mit Zahlen ist nicht nur für die Mathematik, sondern auch für alltägliche Situationen relevant. Außerdem haben neben dem Lesen bzw. Schreiben, auch das Rechnen bzw. die Mathematik eine große Relevanz für das gesamte Bildungssystem, die Vorbereitung auf die Zukunft und die Logik. Dies lässt sich an folgendem Auszug aus dem Hessischen Kerncurriculum für die Primarstufe belegen: „Mathematik bildet eine Grundlage für die Bewältigung von Anforderungen aus der unmittelbaren Lebenswelt und zur Gestaltung der Zukunft durch die Lernenden […] und ist Voraussetzung für das lebenslange Lernen. In Verbindung mit der Ausbildung innermathematischer Strategien und deren flexibler Nutzung wird die Denkfähigkeit erweitert.“
Entsprechend sind gute Leistungen im Hauptfach Mathematik für einen erfolgreichen Bildungsabschluss unabdingbar. Bedauerlicherweise gibt es im Mathematikunterricht immer wieder Schülerinnen und Schüler, die Schwierigkeiten beim Rechnenlernen haben. Dieses Phänomen wird als „Dyskalkulie“ bezeichnet. Mit diesem Fachbegriff wird ausgedrückt, dass betroffene Schüler schwache Mathematikleistungen aufweisen. Ferner wird bei der Dyskalkulie von einer Entwicklungsstörung ausgegangen, weshalb auch oft die Rede von Rechenstörungen ist.
In Deutschland wird die Anzahl von den an der Dyskalkulie betroffenen Schüler auf etwa 6% beziffert. Trotz dieser Prävalenzrate ist die Dyskalkulie bei weitem nicht so gut erforscht wie die Legasthenie, wie auch viele Autoren, die sich mit der Dyskalkulie auseinandergesetzt haben, anmerken (z.B. Lorenz; Jacobs & Petermann; Landerl & Kaufmann). Aufgrund dessen gibt es wenig gesicherte Ergebnisse zu diesem Themenkomplex. Besonders den Folgeproblemen der Dyskalkulie wurde bisher in der Forschung wenig Aufmerksamkeit gewidmet, obwohl diese fatal sein können.
Inhaltsverzeichnis
Teil I: Dyskalkulie aus „objektiver“ Sicht
Einleitung
1. Zum Begriff der „Dyskalkulie“
1.1 Definition
1.2 Die Kritik an der Diskrepanz-Definition
2. Erscheinungsbild
2.1 Prävalenz
2.2 Symptome
3. Zu den Ursachen der Dyskalkulie
3.1 Ursachen auf der Ebene des Individuums
3.1.1 Neuropsychologischer Ansatz
3.1.2 Kognitionspsychologischer Ansatz
3.1.3 Entwicklungspsychologischer Ansatz
3.1.4 Defizite im Arbeitsgedächtnis
3.2 Ursachen auf der Ebene der Lehrperson
3.2.1 Fachliche und fachdidaktische Ursachen
3.2.2 Lehrer-Schüler-Beziehung
Teil II: Dyskalkulie aus „subjektiver“ Sicht
4. Probleme der Dyskalkulie
4.1 Komorbiditäten
4.1.1 Lese-Rechtschreibstörung
4.1.2. Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung
4.2 Psychische Folgeprobleme der Dyskalkulie
4.2.1 Emotionale Probleme
4.2.2 Prüfungsangst
4.2.3 Mathematikangst
4.3 Exkurs zur Benachteiligung
4.3.1 Schlechte Schulleistungen
4.3.2 Auswirkungen auf die Berufschancen
5. Fördermöglichkeiten
5.1 Innerschulische Förderung
5.1.1 Nachteilsausgleich für Dyskalkulie-Schüler
5.1.2 Didaktisch-methodische Überlegungen
5.1.3 Pädagogische Überlegungen
5.2 Außerschulische Förderung
5.2.1 Gesetzliche Regelung
5.2.2 Außerschulische Diagnose
5.2.3 Die Dyskalkulie-Therapie
Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Hausarbeit untersucht die Dyskalkulie (Rechenstörung) unter besonderer Berücksichtigung der aus dieser Störung resultierenden psychosozialen Folgeprobleme. Ziel ist es, das Phänomen Dyskalkulie nicht nur als fachdidaktische Herausforderung, sondern als ein Leiden der betroffenen Schüler darzustellen und aufzuzeigen, wie ein Perspektivenwechsel in der Problemwahrnehmung zu effektiveren Förderansätzen führen kann.
- Definition, Prävalenz und Symptomatik der Dyskalkulie
- Multikausale Ursachen auf Individuums- und Lehrerebene
- Komorbiditäten wie LRS und ADHS
- Psychische Folgeerscheinungen wie Mathematik- und Prüfungsangst
- Möglichkeiten der innerschulischen und außerschulischen Förderung
Auszug aus dem Buch
2.2 Symptome
Viele wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass bereits Neugeborene über gewisse basale Fähigkeiten in der Verarbeitung von Quantitäten verfügen. Somit hat man seit der Geburt einen „Sinn“ für den Umgang mit Mengen und dem Unterscheiden von Größen. Im Laufe des Heranwachsens werden die angeborenen numerischen Kernkompetenzen (Mengen- und Größenerfassung) verfeinert, welche die grundlegenden Voraussetzungen für den Erwerb mathematischen Wissens bilden. Erste empirische Befunde belegen, dass bereits in vorschulischen Entwicklungsphasen des mathematischen Verständnisses Auffälligkeiten festzustellen sein müssen. „Im Kindergarten können zwar noch nicht die Zahlen- und Rechenfertigkeiten direkt getestet werden, es kann jedoch die Entwicklung eines Mengenverständnisses, das Erlernen von Zählfertigkeiten sowie der Umgang mit kleineren Rechenoperationen im einstelligen Zahlenraum beobachtet werden.“, so Jacobs und Petermann.
Von Aster und seine Mitarbeiter (2007) konnten zeigen, dass Kinder, die in der zweiten Jahrgangsstufe als rechenschwach diagnostiziert wurden, schon im Kindergartenalter Defizite im Umgang mit Zahlen (Zählfunktionen, einfache Addition und Subtraktionen) aufwiesen. Lorenz vertritt die Ansicht, dass die Rechenschwäche in der Grundschule auftritt und ein plötzliches Auftreten in der Sekundarstufe I unwahrscheinlich ist.
Zur Dyskalkulie wurden vier wesentliche Symptome identifiziert, die die Einzelprobleme von rechenschwachen Kindern erklären. Die Symptome lassen sich der Häufigkeit nach wie folgt anordnen:
1. Verfestigtes zählendes Rechnen
2. Probleme bei der Links-Rechts-Unterscheidung
3. Einseitige Zahl- und Operationsvorstellung
4. Intermodalitätsprobleme
Nach Lorenz sind rechenschwache Kinder „zählende Rechner“, die jede Aufgabe als ein Zählproblem betrachten, welches sie durch Abzählen zu lösen versuchen. Diese Kinder lösen fast alle Aufgaben durch Zählen mit den Fingern oder mit Hilfe von Anschauungsmaterialien, wodurch es ihnen nicht gelingt, eine konsistente Vorstellung über den Aufbau des Zahlensystems zu entwickeln. Diese Strategien werden als „entwicklungspsychologisch unreif“ bezeichnet. Landerl und Kaufmann fügen hinzu: „Der genaue Zusammenhang zwischen Defiziten in den Zählfunktionen und dem Aufbau des arithmetischen Faktenwissens ist bisher nicht ausreichend geklärt. Offenkundig ist zählendes Rechnen die einzig verfügbare Strategie, solange kein ausreichendes Faktenwissen vorhanden ist.“
Zusammenfassung der Kapitel
Zum Begriff der „Dyskalkulie“: Die Arbeit beleuchtet die Schwierigkeiten einer einheitlichen Definition der Dyskalkulie und kritisiert das Diskrepanz-Kriterium der ICD-10 als problematisch für die Praxis.
Erscheinungsbild: Dieses Kapitel beschreibt die Prävalenz der Störung und identifiziert typische Symptome, wobei das verfestigte zählende Rechnen als Hauptmerkmal hervorgehoben wird.
Zu den Ursachen der Dyskalkulie: Hier werden neuropsychologische, kognitionspsychologische und entwicklungspsychologische Ansätze sowie der Einfluss der Lehrperson und der Lehrer-Schüler-Beziehung auf die Entstehung der Störung analysiert.
Probleme der Dyskalkulie: Dieser Abschnitt thematisiert komorbide Störungen wie LRS und ADHS sowie psychische Folgeprobleme wie Mathematik- und Prüfungsangst und deren Auswirkungen auf die Schullaufbahn.
Fördermöglichkeiten: Das Kapitel diskutiert innerschulische Maßnahmen wie den Nachteilsausgleich sowie außerschulische Therapieformen, wobei die Bedeutung einer individualisierten, fachspezifischen Förderung betont wird.
Schlüsselwörter
Dyskalkulie, Rechenstörung, Rechenschwäche, Mathematikangst, Prüfungsangst, Nachteilsausgleich, Lernstörung, Arbeitsgedächtnis, Lehr-Lern-Prozesse, Inklusive Bildung, Komorbidität, Diagnoseverfahren, Förderung, Schulleistungen, Selbstwirksamkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Phänomen der Dyskalkulie mit einem Fokus auf die psychosozialen Auswirkungen für die betroffenen Kinder und die notwendigen pädagogischen Konsequenzen für den schulischen Alltag.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder umfassen die Definition und Ursachenforschung, die komorbiden Störungen, die psychischen Folgeerscheinungen wie Ängste sowie Ansätze zur schulischen und außerschulischen Förderung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, das Verständnis für Dyskalkulie als komplexes Leiden zu vertiefen und aufzuzeigen, wie wichtig eine ganzheitliche Betrachtung über rein fachdidaktische Aspekte hinaus ist.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse aktueller Fachliteratur, pädagogischer Studien und Modellen aus der Psychologie und Mathematikdidaktik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine objektive Sicht (Definition, Ursachen) und eine subjektive Sicht, die sich den individuellen Problemen, Ängsten und den therapeutischen Möglichkeiten widmet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Dyskalkulie, Rechenschwäche, Mathematikangst, Nachteilsausgleich, Arbeitsgedächtnis und psychosoziale Folgeprobleme.
Welche Rolle spielt die Lehrer-Schüler-Beziehung bei Dyskalkulie?
Die Beziehung wird als einflussreicher Faktor beschrieben, da ein Klima des Vertrauens und eine konstruktive Fehlerkultur essenziell sind, um die mit der Störung einhergehenden Ängste nicht weiter zu verschärfen.
Warum wird das Diskrepanz-Kriterium der ICD-10 kritisiert?
Es wird kritisiert, da es rechenschwache Kinder mit niedrigerer Intelligenz benachteiligt und den Fokus zu sehr auf das Rechnen statt auf das mathematische Verständnis legt.
Welchen Einfluss haben Mathematik-Schulbücher auf die Entwicklung der Störung?
Bestimmte Lehrbücher können laut Arbeit zum zählenden Rechnen ermutigen, wodurch sich falsche Lösungsstrategien verfestigen und die Entstehung einer Rechenschwäche begünstigt werden kann.
Warum ist eine frühzeitige Intervention so entscheidend?
Eine frühzeitige Erkennung und Therapie können sekundäre psychische Störungen wie Depressionen oder Schulangst verhindern und den Teufelskreis aus Misserfolg und Demotivation durchbrechen.
- Quote paper
- Daniel Stahl (Author), 2016, Die Problemwahrnehmung der Dyskalkulie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/438184