Funktionen des Fernsehens in der Lebenswelt Jugendlicher - Welchen Stellenwert hat Fernsehen in der Freizeit Jugendlicher?


Magisterarbeit, 2004
119 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Einleitung

1 Jugendkultur und Jugendmedienkultur - eine Übersicht
1.1 Studien zur Jugendkultur
1.1.1 Ursprünge der Forschung
1.1.2 Zur Erfassung von Freizeitverhalten und Freizeitmustern
1.1.3 Probleme jugendkultureller Typologien
1.2 Jugend und Fernsehen
1.2.1 Aktuelle Themen und Trends
1.2.2 Mediennutzungsmuster und -typologien
1.3 Zwischenfazit

2 Funktionen des Fernsehens für Jugendliche
2.1 Information und Sozialisation
2.1.1 Konstruktion der Außenwelt
2.1.2 Konstruktion der eigenen Lebenswelt
2.2 Soziale Funktionen
2.2.1 Parasoziale Interaktion
2.2.2 Sozialer Vergleich
2.3 Unterhaltung
2.3.1 Kommunikatives Vergnügen
2.3.2 Sensation-Seeking
2.3.3 Eskapismus
2.4 Situative Funktionen: Entspannung und Mood Management
2.5 Zwischenfazit

3 Determinanten jugendlicher Fernsehrezeption
3.1 Medienkompetenz
3.2 Involvement
3.3 Lebensweltliche Faktoren
3.4 Soziodemographische Daten
3.4.1 Alter
3.4.2 Geschlecht
3.4.3 Bildung
3.5 Zwischenfazit

4 Modellannahmen und Operationalisierung
4.1 Beschreibung des Modells
4.2 Hypothesen
4.2.1 Medienkompetenz und Funktionen des Fernsehens
4.2.2 Involvement und Funktionen des Fernsehens
4.2.3 Lebensweltliche Faktoren und Funktionen des Fernsehens
4.2.4 Demographie und Funktionen des Fernsehens
4.2.5 Funktionen des Fernsehens und Bedeutung des Fernsehens
4.3 Operationalisierung
4.3.1 Medienkompetenz
4.3.2 Involvement
4.3.3 Lebensweltliche Faktoren
4.3.4 Soziodemographische Daten
4.3.5 Funktionen des Fernsehens
4.3.6 Bedeutung des Fernsehens

5 Entwurf eines Untersuchungsdesigns
5.1 Vorstudie
5.1.1 Untersuchungsschritte
5.1.2 Ergebnisse
5.1.3 Entwurf einer Typologie
5.1.4 Zusammenfassung
5.2 Konstruktion des Fragebogens
5.3 Pretest
5.4 Abschließender Entwurf eines Untersuchungsdesigns
5.4.1 Beschreibung einer möglichen Stichprobe
5.4.2 Vorgehen bei der Auswertung - eine Empfehlung

6 Fazit

Literatur

Anhang

A Studienübersicht „Jugend und Medien“

B Fragebogen der Vorstudie

C Checkliste für den Interviewer (Vorstudie)

D Fragebogen „Fernseh- und Freizeitverhalten Jugendlicher“

E Checkliste für den Interviewer

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abb. 1: Modell "Bedeutung des Fernsehens"

Tab. 1: Jugendliche Orientierungstypen nach Silbereisen, Vaskovics und Zinnecker (1996)

Tab. 2: Jugendliche Medienhandlungstypen nach Paus-Haase et al. (1999)

Tab. 3: Index "Funktionalität des Fernsehens"

Tab. 4: Statements „Funktionen des Fernsehens“

Tab. 5: Statements "Determinanten der Fernsehnutzung" und "Stellenwert des Fernsehens"

Einleitung

In jugendlichen Lebenswelten spielen Medien eine zentrale Rolle. Sie geben Einblicke in Bereiche, zu denen die Jugendlichen noch keinen Zugang haben. Sie sind Orte der Interaktion und der sozialen Teilhabe. Darüber hinaus dienen sie der Entspannung, Information und Unterhaltung. In ihrem individuellen Prozess des Erwachsenwerdens integrieren Jugendliche deshalb verschiedene Medien in ihren Alltag. Im Mittelpunkt dieses Medienmenüs stand bisher und steht nach wie vor das Fernsehen. Durch das Fernsehen erfahren die Heranwachsenden zum einen etwas über verschiedenste gesellschaftliche Lebensräume, zum anderen lernen sie Regeln und Themen ihrer eigenen Lebenswelt kennen. Sie können an den für sie relevanten Subkulturen partizipieren und etwas über soziale Beziehungen lernen. Diese Funktionen machen das Fernsehen zu ihrem Leitmedium oder vielmehr zum „Begleitmedium“ durch ihre Adoleszenz hindurch.

Neuere Entwicklungen lassen jedoch an einer Vormachtstellung des Fernsehens zweifeln. Die heutigen Jugendlichen gehören einer Generation an, die in multime- dialen Verhältnissen aufwächst und daher einen kompetenten Umgang mit neuen Medien entwickelt hat. Maßgeblich deshalb bescheinigen ihnen viele Forscher einen Kompetenzvorsprung gegenüber der mittleren und älteren Generation. Zudem deutet sich in der jugendlichen Lebenswelt ein Funktionswandel der Medien an, dahingehend, dass das Internet gegenüber dem Fernsehen in Sachen Information und Unterhaltung deutlich aufholt. Als mögliche Ursache dafür kann - neben der zunehmenden Medienkompetenz - eine individualistische Orientierung der Jugend- lichen gesehen werden, der das Internet in höherem Maße gerecht werden kann. Aus diesem Grund ist zu befürchten, dass dem Fernsehen aufgrund zunehmender Funktionslosigkeit von seinen jugendlichen Nutzern immer weniger Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive besteht hier Anlass zur Skepsis, ob das Fernsehen als Massenmedium für Jugendliche mit einer so stark individualisierten Lebensausrichtung überhaupt noch interessant ist und ob es „neue“ Funktionen in der Lebenswelt Jugendlicher übernehmen kann.

Diese Arbeit versucht den Zusammenhang zwischen Funktionen des Fernsehens und der Bedeutung des Mediums für Jugendliche in ihrer konkreten Lebenssituation näher zu betrachten. Im Zentrum steht die Frage, welche Rolle Fernsehen in der Lebenswelt Jugendlicher spielt. Dabei geht es in erster Linie um qualitative Aspekte. Die Hauptfragestellung setzt sich aus folgenden Teilproblematiken zusammen:

1. Welche Funktionen erfüllt Fernsehen in der Lebenswelt Jugendlicher?

2. Wie wirken sich Determinanten der Mediennutzung wie Medienkompetenz, Involvement, lebensweltliche Faktoren und demographische Daten auf die Funk- tionalität des Fernsehens für Jugendliche aus?

3. Wie lässt sich aus den herausgearbeiteten Funktionen die Bedeutung des Fernsehens in der Lebenswelt Jugendlicher erklären?

Eine Analyse der Funktionen und Bedeutung des Fernsehens in der Lebenswelt Jugendlicher, wie sie in dieser Magisterarbeit angestrebt wird, darf sich nicht mit der Betrachtung und Bewertung aktueller Forschungsergebnisse begnügen. Sie muss darüber hinaus theoretische Erklärungsansätze herausarbeiten und reflektieren. In Konsequenz dieser Analyse besteht eine weitere Aufgabe in der Bestimmung und Untersuchung relevanter Einflussfaktoren, die Funktionen und Bedeutung des Fernsehens determinieren.

Der im ersten Schritt darzulegende Forschungsstand erfordert eine Betrachtung aus mehreren Blickwinkeln. Sowohl die Rezeptionsforschung als auch die medien- pädagogische Forschung sind darum bemüht, die Bedeutung des Fernsehens für Jugendliche zu hinterfragen. Viele Projekte der Jugendmedienforschung beschäftig- ten sich in jüngerer Vergangenheit mit der Wirkung von Daily Soaps, Daily Talks oder Reality TV. Sie untersuchten beispielsweise, welchen Einfluss solche Formate auf das gesellschaftliche Rollenverständnis der Jugendlichen haben. Dabei wird deutlich, dass die Beziehung der Jugendlichen zum Fernsehen über die Zeit vielen Veränderungen ausgesetzt ist. Zum einen drängen ständig neue, speziell auf Jugendliche zugeschnittene Fernsehformate auf den Markt, zum anderen verändert sich auch die Jugend selbst, d.h. sie passt sich gesellschaftlichen Entwicklungen an.

Die Uses-and-Gratifications-Forschung liefert schließlich für die in dieser Magis- terarbeit zu bearbeitende Fragestellung relevante Motivkataloge, aus denen sich mögliche Funktionen des Fernsehens für die Jugendlichen ableiten lassen. Um sich den entwicklungspsychologisch bedingten Motiven jugendlichen Sehverhaltens zu nähern, bedarf es jedoch darüber hinaus der Bezugnahme auf Erklärungsmodelle der Jugendforschung, die sich neben Sozialisationstheorien auch auf das Lebens- weltkonzept von Schütz (1971) und die Theorie des symbolischen Interaktionismus (Mead 1973) beruft. Diese Theorien sollen in dieser Arbeit nicht noch einmal aufgerollt werden, sie konstituieren lediglich einen theoretischen Interpretationsrah- men zur Herleitung und Bestimmung der Funktionen des Fernsehens. In welcher Art und Weise und in welchem Ausmaß Fernsehen für Jugendliche bestimmte Funktionen erfüllt ist von einer Vielzahl von Faktoren abhängig. Der hier vertretene Ansatz beruht auf der Annahme eines aktiven Medienumgangs. Dement- sprechend spielen komplexe Begriffe wie Medienkompetenz und Involvement eine Rolle. Des Weiteren wird neben der Berücksichtigung soziodemographischer Merkmale auf eine Betonung der Relevanz lebensweltlicher Bedingungen wert gelegt.

Das theoretische Modell der vorliegenden Magisterarbeit beruht auf der Annah- me, dass sich der Stellenwert bzw. die Bedeutung des Fernsehens für die Jugendli- chen über die Funktionalität dieses Mediums in der Lebenswelt des Einzelnen erklären lässt. Hierzu werden im theoretischen Teil mögliche Funktionen des Fernsehens herausgearbeitet und diskutiert. Dabei ist auch zu klären, ob das Fernsehen den Anforderungen der jugendlichen Lebenswelten gerecht wird oder ob ein Funktionswandel dahingehend stattfindet, dass sich andere Medien, den Bedürfnissen entsprechend, besser in diese Welt einpassen. Eine Schlussfolgerung - im Sinne der Argumentationslogik dieser Arbeit - wäre die Behauptung, dass ein Funktionsverlust des Fernsehens auch gleichzeitig seinen Bedeutungsverlust nach sich zieht.

Der Vorteil einer solchen Herangehensweise liegt darin, dass sie die fortschrei- tende Differenzierung im Nutzungsverhalten der Rezipienten berücksichtigt und die Nutzung des Mediums Fernsehen nicht isoliert betrachtet, sondern in ihren lebens- weltlichen Zusammenhang stellt. Des Weiteren berücksichtigen klassische Kenn- zahlen der Fernsehnutzung wie Seh- und Verweildauer nur quantitative Aspekte, die Qualität der Nutzung wird dabei weitgehend vernachlässigt. Werden jedoch Funktion und Stellenwert des Fernsehens miteinbezogen, so können durchaus qualitative Aussagen getroffen werden. Die angebliche Tendenz, dass das Medium Fernsehen von seinen Nutzern mehr und mehr zum „Nebenbei-Medium“ degradiert wird, kann auf diese Art und Weise genau analysiert werden.

Eine deutliche Problematik des Ansatzes besteht jedoch in seiner Operationali- sierbarkeit. Methodisch betrachtet ist es zur Gewinnung repräsentativer Aussagen wesentlich praktikabler, Mediennutzungsdauer und -häufigkeit zu erheben und diese mit demographischen Daten in Beziehung zu setzen. Erheblich schwieriger lassen sich geeignete Indikatoren für die Funktionen des Fernsehens und Determinanten wie Medienkompetenz und Involvement bestimmen. Deshalb soll eine explorative Vorstudie klären, ob und in welcher Form sich in den Aussagen von Jugendlichen die theoretisch erarbeiteten Funktionen wieder finden lassen. Darauf aufbauend werden die gewonnenen empirischen Daten zu Indikatoren für Funktionen des Fernsehens verdichtet, um ein valides Erhebungsinstrument zur Bestimmung des Stellenwerts in der Lebenswelt Jugendlicher konstruieren zu können.

Wer unter diesen Bedingungen Merkmale jugendlicher Fernsehrezeption zeitgemäß beschreiben und interpretieren möchte, muss sowohl die Beschaffenheit jugendli- cher Lebenswelten als auch Erkenntnisse der aktuellen Rezeptionsforschung mit Blick auf künftige Fernsehformate berücksichtigen. Aus diesem Grund sollen im ersten Kapitel aus beiden Forschungsrichtungen relevante Ansätze zur Beantwor- tung der Forschungsfrage ermittelt werden. In der Schnittmenge der Forschungsbe- reiche können dann Funktionen identifiziert werden, die die Bedeutung des Fernse- hens in der Lebenswelt Jugendlicher strukturieren. Die theoretische Fundierung und Beschreibung dieser Funktionen erfolgt im zweiten Kapitel. Welche Einflussfaktoren die Bedeutung und Nutzung des Fernsehens bestimmen, wird in Kapitel drei erläutert. Im vierten Kapitel werden dann die charakterisierten Fernsehfunktionen (vgl. Kap. 2) zu den unabhängigen Faktoren (vgl. Kap. 3) in Form von Hypothesen in Beziehung gesetzt, des Weiteren werden für Funktionen, Determinanten und Bedeutung des Fernsehens Indikatoren definiert. Die Vorstellung des Untersu- chungsdesigns und die Auswertung des Pretests sowie der abschließende Entwurf eines Forschungsdesigns erfolgen im fünften Kapitel. Abschließend werden im Fazit theoretische Annahmen, vorläufige Ergebnisse und Perspektiven der Forschung rekapituliert.

1 Jugendkultur und Jugendmedienkultur - eine Übersicht

Zur Erfassung des aktuellen Forschungsstands zum Thema „Jugend und Fernse- hen“ bieten sich zwei Herangehensweisen an. Zum einen die kommunikationswis- senschaftliche und medienpädagogische Perspektive, die sich allein auf Jugendstu- dien mit Medienbezug bzw. auf Medienstudien über Jugendliche konzentriert. Jedoch würde eine Beschränkung der Betrachtung auf Studien aus diesen Berei- chen zu kurz greifen. Im Hinblick auf die Erforschung der lebensweltlichen Determi- nanten jugendlicher Fernsehnutzung ist die Betrachtung eines weiteren For- schungskomplexes nötig. So wurden beispielsweise im Rahmen der Shell-Studien kontinuierlich Freizeitmuster und Gruppenstile von Jugendlichen erforscht (vgl. Jugendwerk der Deutschen Shell 1981, 1985, 1987, 1992; Deutsche Shell 2002). Auf der anderen Seite bedürfen die Beiträge zur Jugendkultur in der Tradition der Cultural Studies einer genaueren Untersuchung (z.B. Willis 1981, 1990; Bucking- ham 1993). Deshalb soll im folgenden Abschnitt zunächst ein Blick auf die For- schung geworfen werden, die sich mit Jugendkultur und jugendlicher Freizeitgestal- tung beschäftigt. Im zweiten Abschnitt dieses Kapitels wird dann speziell auf die Jugendmedienforschung eingegangen.1

1.1 Studien zur Jugendkultur

Heutige Jugendkulturen können aufgrund ihrer weitgehenden Abkopplung von sozialen Herkunftsmilieus nicht mehr allein durch soziodemographische Daten erklärt werden (vgl. Silbereisen/Vaskovics/Zinnecker 1996: 58). Die soziale Lebens- lage galt lange Zeit als Disposition für oder gegen einen bestimmten Lebensstil, jedoch wird beispielsweise die Technoszene von Forschern als völlig milieuunspezi- fisch eingeschätzt (vgl. Vollbrecht 1997: 27). Nach Vollbrecht (ebd.: 24) lassen sich Lebensstile „als expressive Muster auffassen, die sicht- und messbarer Ausdruck der gewählten Lebensführung sind“. Abhängig seien diese Muster „von materiellen und kulturellen Ressourcen und den Werthaltungen“ (Müller 1992: 62).

1.1.1 Ursprünge der Forschung

Doch was macht einen Stil zu einem Stil der Jugendkultur bzw. Jugendsubkultur oder gar zur jugendlichen Gegenkultur? Der Begriff „Jugendsubkultur“ wurde geprägt von den Forschern des „Center of Contemporary Cultural Studies“ (CCCS) als eine Bezeichnung für kulturell produktive und widerständige Arbeiterjugendliche, während der Begriff „Jugendkultur“ für mehrheitsfähige Massenkultur unter Jugend- lichen und die Bezeichnung „jugendliche Gegenkultur“ für kulturelle Protestbewe- gungen bürgerlicher Jugend steht (vgl. Willis 1979, 1981; Clarke/Honneth 1979; Hebdige 1991).

Durch die Arbeiten in der Tradition der „Cultural Studies“ kam es zu einer Neu- einschätzung des Medienkonsums, des Weiteren betonen neuere Studien die Produktivität und Kreativität der Medienaneignung von Jugendlichen. Die Studie „Common Culture“ (vgl. Willis 1991), die 1987/88 im Auftrag der Gulbenkian-Stiftung durchgeführt wurde, wird in diesem Zusammenhang in der neueren Forschungslite- ratur häufig herangezogen (z.B. Baacke/Frank/Radde 1991; Barthelmes/Sander 2000; Kutschera 2001). Die vor allem qualitativen Arbeiten beziehen sich weniger auf die Forschungsergebnisse von Paul Willis, sondern vielmehr auf seine theoreti- schen Schlussfolgerungen. So spricht Willis vor allem der jugendlichen Subkultur, verkörpert durch Arbeiterjugendliche der mittelständischen englischen Kleinstadt Wolverhampten, eine symbolische Kreativität in ihrer Lebensgestaltung zu: „there is a vibrant symbolic life and symbolic creativity in everyday life, everyday activity and expression - even if it is sometimes invisible, locked down or spurned“ (1990: 1). Mit symbolischer Kreativität meint Willis den Umgang mit kulturellen Produkten und die Gestaltung der Lebens- und Alltagswelt.2 Diese Überlegungen sind für die Jugend- forschung deshalb so folgenreich, weil sie Jugendliche nicht mehr nur als Konsu- menten, sondern auch als Produzenten kultureller Objekte darstellen. Jedoch scheint nicht mehr trennbar, ob eine kulturelle Stilrichtung durch die Jugendlichen selbst generiert wird oder ob diese medial erzeugt wurde. Der subkulturelle Charak- ter jugendlicher Stilbildung wird deshalb mehr und mehr in Frage gestellt. Das Subkulturkonzept, wie es von den Anhängern der „Cultural Studies“ vertreten wird, gilt in der aktuellen Diskussion der Jugendforschung als überholt (z.B. Vollbrecht 1995; Baacke 1993; Ferchhoff 1990). Grundlage der Neuorientierung sind Debatten um eine durchgreifende Individualisierung der Gesellschaft (vgl. Beck 1986) und die zunehmende Dominanz von Lebensstil-Milieus anstelle von Schicht- und Klassenkulturen, die Jugendforscher auf das Konzept der Jugendkultur zurückgreifen lassen (vgl. Silbereisen/Vaskovics/Zinnecker 1996: 58).

1.1.2 Zur Erfassung von Freizeitverhalten und Freizeitmustern

Als Freizeit der Jugendlichen wird die Zeit definiert, „die ihnen jenseits von Schulzeit, Berufsausbildung, Erwerbszeit und der Zeit der Einbindung in die hauswirtschaftliche Mithilfe zur Verfolgung vor allem ihrer eigenen Interessen zur Verfügung steht“ (Lange 1991: 71).

Silbereisen, Vaskovics und Zinnecker (1996) betonen, dass auch innerhalb der Jugendphase die Freizeitgestaltung altersspezifisch stark variiert. Die Jugendlichen werden mit zunehmendem Alter z.B. häuslicher, besuchen weniger Kneipen und sind weniger sportlich aktiv. In diesem Zusammenhang untersuchen die Autoren, inwiefern das Freizeitverhalten vom jeweiligen Abschnitt der Jugendphase beein- flusst wird. Dabei beinhaltet Freizeitverhalten aber auch Tätigkeiten in der arbeits- freien Zeit, die ungeliebt oder gar unfreiwillig sind, was für Freizeitpräferenzen und Hobbys nicht zutreffen sollte. Darüber hinaus kann aufgrund der Angaben zur Häufigkeit einer bestimmten Tätigkeit nicht auf deren subjektive Bedeutung ge- schlossen werden. So können Freizeitaktivitäten, die relativ selten ausgeübt werden, durchaus von hoher subjektiver Bedeutung für den Jugendlichen sein und umgekehrt (ebd.: 262).

Musik hören wird neben fernsehen von den Jugendlichen als meist ausgeübte Freizeitaktivität genannt. Auffällig ist die große Bedeutung von Geselligkeit in der Freizeit, dazu zählen telefonieren, Freunde treffen und Partys. Zinnecker (1987) bezeichnet dies als den „Kult der Geselligkeit“ (S. 182).

Wenn Freizeitaktivitäten offen abgefragt werden, kommt es interessanterweise zu einer Umkehrung der Rangliste (vgl. Jugendwerk der Deutschen Shell 1991). Eine Erklärung für diese Umkehrung bietet die Unterscheidung in harte und weiche Aktivitätsformen, denn je intensiver ein ‚Hobby’ betrieben wird (z.B. Sport), umso ‚härter’ ist die Bewusstseinsverankerung. Umgekehrt setzen sich selbstverständli- che Tätigkeiten wie etwa telefonieren kaum im Bewußtsein fest (vgl. Blücher, zit. n. Krüger/Thole 1993).

In der speziellen Bedeutung von Freizeitaktivitäten manifestieren sich spezifische Anforderungen an das jeweilige Lebensalter bzw. das Durchlaufen verschiedener Lebensphasen (vgl. Silbereisen/Vaskovics/Zinnecker 1996: 267).3 Dies trifft auch auf die Mediennutzung zu. Insgesamt identifizieren die Autoren fünf verschiedene Freizeitmuster (ebd.: 271ff.):

1. Sozialkontakte und Vergnügen4
2. Produktion subjektiver Schreib- und Musikkultur
3. Kulturkonsum und Informationsaneignung
4. Technik, Sport und Comics
5. Familienzentrierte und häusliche Freizeit

Diese Freizeitmuster variieren altersspezifisch, was auf das Durchlaufen verschiedener Abschnitte der Jugendphase zurückzuführen ist. So sind bei Mädchen in der frühen Jugendphase Einzelaktivitäten mit eher introvertiertem, problemverarbeitendem Charakter dominierend. Die Hochphase der Jugend hingegen kennzeichnen gesellige Unternehmungen, geschlechtlicher Kontakt und partnerschaftliches Probieren. Danach vollzieht sich durch die Etablierung von Partnerschaftsverhältnissen eine weitgehende Synchronisierung der Lebensläufe und so auch der Freizeitaktivitäten von Jungen und Mädchen (ebd.).

1.1.3 Probleme jugendkultureller Typologien

Die zunehmende Vermischung jugendkultureller und massenmedial erzeugter Stile bringt auch für die Jugendforschung eine neue Herausforderung mit sich, denn die Differenzierungsfunktion von Jugendkulturen ist damit in Frage gestellt. Dies erschwert in zunehmendem Maße die Erstellung jugendkultureller Typologien. Ein weiteres Problem bildet die kaum überschaubare Pluralität von jugendlichen Verhaltensweisen, Orientierungen und Stilisierungen, einhergehend mit einer wachsenden Unschärfe der Trennlinien zwischen eigenständiger Jugendkultur und Gesamtkultur. Bei der Einbeziehung von medienöffentlichen Gruppenstilen in jugendkulturelle Typologien darf nicht außer Acht gelassen werden, daß öffentliche Gruppenstile auf der einen Seite Objekte der Identifikation, genauso gut aber Objekte der Distanzierung und symbolischen Distinktion sein können. Jugendliche betonen in Selbstzeugnissen gerade auch diesen Gesichtspunkt der Fremdheit und Gegnerschaft zwischen verschiedenen Stilen. (Silbereisen/Vaskovics/Zinnecker 1996: 60)

Jugendkulturen zeichnen sich nicht nur durch die Zugehörigkeit eines Jugendlichen zu einer bestimmten Gruppe aus, sondern auch durch ein spezifisches Verhalten und eine Lebensform. Schulze-Krüdener und Vogelsang (2001: 40) machen darauf aufmerksam, dass oft nicht einmal eine „faktisch-interaktive“ Gruppenmitgliedschaft notwendig ist, vielmehr genügt es „nominell-virtuell“ an den jeweiligen jugend- kulturellen Praktiken teilzuhaben. Silbereisen, Vaskovics und Zinnecker weisen in diesem Zusammenhang darauf hin,

daß eine hohe Identifikation mit jugendkulturellen Stilen und Szenen nicht bedeutet, daß die Befragten sich auch überdurchschnittlich in sozialen Inter- aktionsgruppen mit Gleichaltrigen betätigen. Kulturelle Identifizierung und soziale Netzwerke sind im Wesentlichen zwei unabhängige Faktoren in der Adoleszenz. (1996: 68)

Auch hier lässt sich die oben bereits erwähnte Techno-Szene als Beispiel anführen. Diese Kultur zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass expressive Elemente wie Mode und Musik für Verständnis sowie Erkennung untereinander sorgen. Dies ist nur durch die zunehmende Mediatisierung und Kommerzialisierung dieser Subkultur möglich, denn der Zugriff auf das Symbolrepertoire jugendlicher Stile erfolgt mehr und mehr über die Medien. Fernsehen, Radio und Printmedien greifen subkulturelle Elemente auf und machen sie so für die breite Masse zugänglich. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Jugendkultur wird somit immer weniger durch die soziale Herkunft der Jugendlichen determiniert. So ist es kaum verwunderlich, dass Jugendkulturen das mediale Ereignis zunehmend in den Mittelpunkt ihrer Zusam- mengehörigkeit stellen. In so genannten „Fankulturen“ erlangen mediale Inhalte durch gruppengebundene, soziale Zirkulation ihre Bedeutung (vgl. Winter 1997: 40). Beispiele dafür sind Horrorfans, Trekkies oder Cyberpunks (ebd.).

Insgesamt sind eine nachlassende Identifikation mit jugendkulturellen Stilen und eine stärkere Tendenz zur Gleichgültigkeit bei den Jugendlichen zu verzeichnen. Auf Basis ihrer Erhebung bilden Silbereisen, Vaskovics und Zinnecker (1996) neun Orientierungstypen (vgl. Tab. 1).5 Im Vergleich zu anderen Typologien (z.B. Hartmann/Neuwöhner 1999; Mayer et al. 1999; Deutsche Shell 2002: 160ff.) wird durch die Einbeziehung der expliziten Ablehnung bzw. Abgrenzung von Gruppensti- len eine feinere Clusterung und ebenso eine relativ gleichmäßigere Verteilung der

Stichprobe auf die Cluster erreicht.6 Silbereisen, Vaskovics und Zinnecker (1996) führen das Problem auf die fehlende Identifikation verschiedener globaler Orientie- rungsmuster zurück. Die dadurch entstehende ‚Restgröße’ wird je nachdem als jugendliche ‚Normalkultur’, als familienzentrierte Jugend oder als institutionelle (Verbands)Jugend deklariert. Die von den Autoren durchgeführte Clusteranalyse ermöglicht eine Differenzierung dieses Jugendsegments in eine unauffällige Durch- schnittsorientierung, in globale Identifikation mit und ebenso in globale Ver- achtung von jugendkultureller Stilbildung. Anhand der Ablehnungsmuster lassen sich die Kristallisationspole aktueller Stilbildungsprozesse ausma- chen. (ebd.: 79)

So finden Silbereisen, Vaskovics und Zinnecker (ebd.) spezifische Ablehnungsmus- ter bezüglich sozialer Protestgruppen und modischer Stilrichtungen. Diese beiden Stilbildungen seien in der Gegenwart so prominent, dass sich aus der Negation eine eigene stilistische Identität gewinnen lässt. Die Autoren interpretieren dies als Verweis „auf die binäre Codierung (für / gegen) jugendkultureller Stilbildung“, denn „[j]eder medien- und jugendöffentlich exponierte Stil“ bewirke „seine eigene Negati- on“ (ebd.: 79).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Jugendliche Orientierungstypen nach Silbereisen, Vaskovics und Zinnecker (1996)

1.2 Jugend und Fernsehen

Im Rahmen einer europäischen Studie untersuchen Livingstone et al. (1998) die veränderte Medienumwelt sechs bis 17-jähriger Kinder bzw. Jugendlicher und machen gleichzeitig auf die Dringlichkeit dieses Forschungsgebiets aufmerksam:

[M]edia research needs more work specifically on children and youth: most media research focuses on adults, the family or the household, as if the life world of young people may be either assumed from or simply tacked onto an existing knowledge of adult society. (ebd.: 439)

So werden, wenn es um die genauere Untersuchung des Medienverhaltens Jugendlicher geht, bevorzugt Sekundäranalysen großer, alle Altersgruppen umfassender Datensätze durchgeführt (z.B. Gerhards/Klingler 1998, 1999; Eime- ren/Maier-Lesch 1999; Eimeren 2003). Dies hat den Vorteil, dass die Stichproben relativ groß (etwa 1000 Jugendliche) und für Gesamtdeutschland repräsentativ sind, jedoch enthalten die Datensätze, etwa die der ARD / ZDF-Online-Studie (z.B. Eimeren 2003) oder der Langzeitstudie Massenkommunikation (z.B. Berg/Kiefer 1996), kaum jugendspezifische Fragestellungen. Die medienpädagogische For- schung beschäftigt sich hingegen seit Jahren gezielt mit dem sich verändernden Medienumfeld Jugendlicher (z.B. Baacke/Frank/Radde 1991; Barthelmes/Sander 2001).

1.2.1 Aktuelle Themen und Trends

Bisherige Befunde (vgl. Gerhards/Klingler 2001) legen zwar nahe, dass das Fernsehen nach wie vor das Leitmedium der Jugend ist, es konkurriere aber zunehmend mit Computer und Internet. Sander spricht bereits von einer Ablösung der „Fernsehgeneration“ durch die „Computergeneration“ (2001: 49). Laut der Studie „Jugend, Information, (Multi)Media“ (JIM) ist das Fernsehen nach wie vor das beliebteste Mittel gegen Langeweile (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2003: 61f.). Jedoch hat der Computer, was die Medienbindung betrifft, im Jahr 2002 das Fernsehen bei den männlichen Jugendlichen erstmals überholt (vgl. MPFS 2003: 69). Durch eine kontinuierliche Erhebung über einen Zeitraum von fünf Jahren konnten die Autoren der JIM-Studie belegen, dass Jugendliche Computer und Internet sowie mobile Kommunikationsmedien zunehmend in ihren Alltag integrieren. Es wird geschlussfolgert, dass die intensivere Nutzung von Computer und Internet in der Freizeit auch zu einer stärkeren emotionalen Bindung an diese Medien führt (ebd.: 71). Diese Interpretation wirft die Frage auf, ob ein solcher Prozess gleichzeitig eine emotionale Loslösung vom Medium Fernsehen mit sich bringt.

Auf den Zusammenhang zwischen Fernsehen und dem Empfinden von Lange- weile bei Jugendlichen macht Livingstone (2002: 99ff.) aufmerksam. Demnach beklagen sich Jugendliche oft über Langeweile, die in unstrukturierten Pausen zwischen den Aktivitäten aufkommt. Diese wird für sie als unangenehme Erfahrung erlebt. Medienaktivitäten dienen dazu, die Zeit der Langeweile und Einsamkeit auszufüllen. In diesem Sinne versprechen sie eine angenehme Beschäftigung. Müssen die Jugendlichen jedoch zwischen Freunden und Medien wählen, so die Autorin, ziehen sie es eindeutig vor, die Zeit mit ihren Freunden zu verbringen (ebd.: 100).

Seit der Einführung des Fernsehens haben sich zwei Nutzungsweisen etabliert, argumentiert Livingstone, „the valued activity of watching a favourite programme“ und „the ‚filling in‘ of otherwise unstructured time“ (ebd.: 100). Dies sei auch die Erklärung dafür, dass es zwar einen starken Zusammenhang zwischen Fernsehen und Langeweile gibt, aber auch ein großes Vergnügen bei der Rezeption der Lieblingsprogramme empfunden wird (ebd.: 101). Ferner werden Medien deshalb mit Langeweile in Verbindung gebracht, weil sie zu deren Vermeidung eingesetzt werden.

Barthelmes und Sander (2001) weisen daraufhin, dass die Wirkung der Medien auf die eigene Entwicklung von ihren Nutzern eher als gering eingestuft wird (S. 49). Im Auftrag des Deutschen Jugendinstituts (DJI) führten die Autoren eine qualitative Längsschnittuntersuchung über den Zeitraum 1992 bis 1998 durch.7 Ziel war die Verortung der Rolle der Medien im Prozess des Heranwachsens. In Leitfadeninter- views wurden die Jugendlichen zu ihrer Lebenssituation und Entwicklung, Medien- experten in ihrer Familie, Medienbesitz und -biographie, aktuellem Medienumgang in der Familie, Familienklima und Interaktion sowie individuellem Medienumgang und Vorlieben befragt. Die Befunde - wenn auch nicht oder nur vorsichtig verallge- meinerbar - deuten auf einen abnehmenden Einfluss der Medien hin:

In einem Alltag, in dem über Beruf, Schule und Medien eine Vielfalt und Menge an Kommunikation stattfindet, scheint der Wunsch nach ‚Abwesenheit der Kommunikation’ auch bei den Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen immer größer zu werden. (Barthelmes/Sander 2001: 124)

Die Autoren beobachten dementsprechend, dass die Bedeutung des Fernsehens im Verlauf der Adoleszenz abnimmt. Auch als Gesprächsthema verliert es mehr und mehr an Bedeutung: „Im Laufe der Adoleszenz entwickeln die Jugendlichen eine zunehmende Distanz zu den Medien und reflektieren kritisch den eigenen Umgang mit Medien.“ (ebd.: 126)

Eine andere Möglichkeit der Herangehensweise zur Erforschung der Bedeutung von Medien in der jugendlichen Alltagswelt ist die Konzentration auf Motive und Funktionen der Rezeption bestimmter Medieninhalte. So gibt es zahlreiche Untersu- chungen zu Formaten wie Daily Soaps (z.B. Götz 2002), Horrorfilmen (z.B. Bach- mair 1999), Informationssendungen (z.B. Gangloff 1999; Eggert 2001) und Daily Talks (z.B. Bente/Fromm 1997; Davis/Mares 1998; Paus-Haase 1999). Zwar lassen sich die Ergebnisse nicht auf die gesamte Fernsehrezeption verallgemeinern, jedoch können Wirkung und Funktion der Medieninhalte präziser ermittelt werden.

Die vergleichenden Studien im Rahmen der „New Himmelweit Study“ (vgl. Li- vingstone 1998) beschäftigen sich vor allem mit der Analyse der sich verändernden Mediennutzungsmuster im häuslichen Kontext durch die zunehmende Verbreitung der neuen Medien. Wie Pasquier et al. (1998) zeigen, vergrößern die neuen Medien die Kluft zwischen Geschlechtern und Generationen. Außerdem seien die Verände- rungen maßgeblich durch die Liberalisierung des Medienzugangs und der Medien- ausstattung bedingt.

Jugendliche Mediennutzung muss aber auch im Hinblick auf Gruppenprozesse betrachtet werden. In diesem Zusammenhang bieten Medien die Möglichkeit, sich mit Gruppen und deren Werten zu identifizieren. Suess et al. (1998: 526) bemerken dazu: „In the case of children and teenagers media and media contents have many social uses, especially in peer group situations.“ Nach Meinung der Autoren ist Mediennutzung eine symbolische Aktivität, die soziale Kontakte in Form parasozia- ler Interaktion bietet, wenn die präferierten realen sozialen Kontakte gerade nicht verfügbar sind (ebd.: 526). Der soziale Nutzen der Medien im Peergroup-Kontext entsteht jedoch nicht in der aktuellen Rezeptionssituation, sondern erst nach der Nutzung, indem Medien als Informationsquelle für Gespräche dienen. Auf der anderen Seite geben Medien die Möglichkeit der virtuellen Gruppenzugehörigkeit (Suess et al. 1998: 533).

Johnsson-Smaragdi et al. (1998) untersuchen die Art und Weise, wie ein neues Medium in eine Gesellschaft und in eine Kultur integriert wird, wie es in den Alltag der Menschen findet und welche Konsequenzen sich dadurch für die ‚alten’ Medien ergeben. Die vage Vermutung eines Verdrängungsprozesses der ‚alten’ durch die neuen Medien können die Autoren nicht bestätigen. Ihre Ergebnisse sprechen eher für eine additive als für eine exklusive Mediennutzung. Wie vielfältig und kombinie- rend die Jugendlichen mit den Medien umgehen, machen Johnsson-Smaragdi et al. (ebd.) in einer Clusteranalyse deutlich. So finden sie lediglich zwei Cluster, die keine neuen Medien nutzen und deren Medienkonsum sich jeweils überwiegend auf Bücher beziehungsweise Fernsehen beschränkt. Die drei übrigen gefundenen Cluster variieren in Bezug auf die Intensität der Computernutzung und je nachdem, ob diese eher gepaart ist mit der Nutzung von Print- oder audiovisuellen Medien.8

1.2.2 Mediennutzungsmuster und -typologien

Im Rahmen der oben bereits erwähnten JIM-Studie werden durch den medienpäda- gogischen Forschungsverbund Südwest (MPFS) im Jahresrhythmus Nutzungsmus- ter des jugendlichen Medienumgangs erhoben (vgl. Gerhards/Klingler 1998, 2000, 2001; Feierabend/Klingler 2002; MPFS 2003, 2004). Abgefragt werden in diesem Zusammenhang mediale und nicht-mediale Freizeitaktivitäten, Zukunftsvorstellun- gen, Vorbilder und Idole, Themeninteressen, Medienbesitz, TV-Lieblingssender und -sendungen sowie die Einstellung zu Computer und Internet als auch deren Nutzung. Berücksichtigt werden ferner die Rolle der Medien als Gegenstand von Kommunikation (z.B. als Gesprächsthema mit Freunden), die Bindung an Medien und der situative Kontext der Mediennutzung. Die JIM-Studie zeigt, welche Medien welche Funktionen im Alltag der Jugendlichen erfüllen. Dazu werden folgende Nutzungsmotive erhoben: Musik hören; Vermeidung von Langeweile; lokale Informationssuche; Zusammensein mit Freunden; als „Trostspender“ bei Traurigkeit; um Sorgen und Probleme des Alltags zu vergessen; schnelle Suche nach Informati- onen zu einem bestimmten Thema; Spaß und Unterhaltung (vgl. MPFS 2003: 61ff.). Die Autoren konstatieren, dass Medien ständiges Thema der Alltagskommunikation sind, wobei dies im Altersverlauf zunehmend nachlässt (ebd.: 66). Auch hier wird die Frage nach der Funktionalität des Mediums gestellt, der Tatsache Rechnung tragend, dass diese je nach Publikum unterschiedlich ausfallen kann. So wählen die Jugendlichen unter Fernsehen, Radio, Computer, Tonträgern, Büchern, Zeitungen und Telefon das Medium aus, welches sie in der vorgegebenen Situation am liebsten nutzen würden. Deshalb fallen je nach Situation die Nutzungsgewohnheiten bei den Geschlechtern unterschiedlich aus. Auch die Anwesenheit Dritter spielt bei der jugendlichen Mediennutzung eine wesentliche Rolle. So ist, wenn die Jugendlichen mit ihren Eltern zusammen sind, die Wahrscheinlichkeit am größten, dass ferngesehen wird. Eskapistische Funktionen, etwa um Sorgen und Probleme des Alltags zu vergessen, werden vorrangig den Tonträgern und dem Fernsehen zugeschrieben (vgl. MPFS 2003: 63).

Wesentlich umfangreicher, was die Untersuchung von Nutzungsmotiven und lebensweltlichen Einflüssen beim Fernsehen betrifft, ist die Studie von Paus-Haase et al. (1999) über die Talkshow-Nutzung Jugendlicher. Das Mehrmethodendesign beinhaltet eine Inhaltsanalyse, eine Sekundäranalyse der Daten der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), eine Gruppendiskussion, Einzelinterviews und eine Repräsentativbefragung. Gegenstand der Studie sind Realitätswahrnehmung, familiäres Umfeld, Freizeitaktivitäten und jugend-kulturelle Milieus, Selbstkonzept und Wertvorstellungen der Jugendlichen, allgemeine Mediennutzung sowie Häufigkeit und Kontext der Talkshow-Nutzung. Berücksichtigung finden dabei die unterschiedlichen Funktionen des Fernsehens und die Varianz der Rezeptionsmodi. So unterscheiden die Autoren vier Dimensionen der Rezeption (ebd.: 145): Zum einen wird untersucht, wie die Jugendlichen Medieninhalte beurteilen. Als Gegen- satzpaar wird hier ein naiver bzw. reflektierter Umgang vermutet. Ein weiteres Kriterium stellt die Stärke des Involvements dar. Außerdem unterscheiden die Autoren, ob die Heranwachsenden in den Medieninhalten Orientierung oder Unterhaltung suchen. Schließlich bildet die vierte Dimension die positive bzw. negative Bewertung des Gesehenen. Ergebnis ist eine Typologie9 (vgl. Tab. 2), die differenziert das Rezeptionserleben der Jugendlichen und seinen lebensweltlichen Bezug widerspiegelt. Auch hier - wie in der Studie von Silbereisen, Vaskovics und Zinnecker (1996) - werden Distanz und Ablehnung als „oppositionelle Lesarten“ (Hall 1999: 517) miteinbezogen. Im Gegensatz zu anderen Studien (z.B. Barthel- mes/Sander 2001; Mayer et al. 1999) kommt dem Alter der Probanden als differen- zierendes Merkmal eine untergeordnete Bedeutung zu, vielmehr sind Bildung und Geschlecht Erklärungsfaktoren für Rezeptionsunterschiede. Neben den soziodemo- graphischen Daten wird auch die Bedeutung lebensweltlicher Faktoren bei der Bildung der Medienhandlungstypen berücksichtigt. Die Autoren beobachten, dass der Umgang mit Medieninhalten besonders geprägt wird von den Faktoren Ge- schlecht und Bildungsstand, dass aber auch lebensweltliche Bedingungen die Mediennutzung bestimmen (Paus-Haase et al. 1999: 282). Hinzu kommt, dass Hintergrundwissen - unabhängig vom Bildungsstand - zu einer reflektierenden und distanzierenden Position führt (ebd.: 257f.). Durch die Medienrezeption werden auch typisch männliche bzw. weibliche Verhaltensweisen kompensiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 2: Jugendliche Medienhandlungstypen nach Paus-Haase et al. (1999)

Als eine allgemein charakteristische Haltung der Jugendlichen identifizieren die Autoren den Versuch der Abgrenzung vom „typischen Publikum“ (ebd.: 184). So ist das Prinzip der ironischen Distanzierung unter Jugendlichen sehr beliebt. Auch parasoziale Aspekte werden in die Analyse miteinbezogen, mit dem Ergebnis, dass Jugendliche Fernsehen als Ersatz für soziale Kontakte betrachten. Dies gilt allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt, da das Medium nur in Ausnahmefällen interaktiven Charakter besitzt und ein gewünschtes Feedback ausbleibt (ebd.: 421).

Mayer et al. (1999) beschreiben die von ihnen erstellten Typen anhand von drei Merkmalskomplexen: Freizeitverhalten, Lebenseinstellungsmerkmale und Wertvor- stellungen (S. 154). Zur Feinclusterung dienen soziodemographische Merkmale wie Alter, Geschlecht und Bildung. Auf diese Weise identifizieren die Autoren sechs

Typen: Indifferente (27 Prozent), Stammtischbrüder (20 Prozent), häusliche Mädchen (17 Prozent), Unkritisch-Soziale (16 Prozent), Aktive Egoisten (12 Prozent) und Nein-Sager (9 Prozent) (vgl. Mayer et al. 1999: 153). Auffällig an dieser Clusterung ist, dass die Indifferenten mit 27 Prozent die größte Gruppe bilden. Das bedeutet, ein relativ großer Teil der Stichprobe zeichnet sich durch völlig unspezifisches Verhalten aus, dementsprechend können kaum Aussagen über Besonderheiten dieser Gruppe getroffen werden. Aufgrund der Dominanz des Einflusses soziodemographischer Merkmale schließen Mayer et al. (ebd.: 163) eine direkte Beziehung zwischen Freizeitaktivitäten und Einstellungen einerseits und der Mediennutzung andererseits aus. Jedoch weisen sie auf Zusammenhänge zwischen Lebenswelten und den Häufigkeiten der Mediennutzung hin (ebd.: 164).

1.3 Zwischenfazit

Für den empirischen Teil der Arbeit ergeben sich aus diesem Forschungsüberblick sowohl inhaltliche als auch methodische Konsequenzen. Fernsehen ist nicht isoliert zu betrachten, sondern es stellt für die Jugendlichen nur eine Option der Freizeit- gestaltung von vielen dar. Des Weiteren muss beachtet werden, dass das Fernse- hen längst nicht mehr alle Funktionen optimal erfüllt, weil beispielsweise Spannung und Action eher mit der Computernutzung assoziiert werden. Dies gilt insbesondere für Jungen, wie die JIM-Studie zeigt (vgl. MPFS 2003; 2004). Soweit es die Alters- gruppe der Jugendlichen betrifft, so scheint das Fernsehen nach und nach seine Kompetenzen im Bereich Unterhaltung und Information an die neuen Medien abzugeben.

Darüber hinaus lassen sich neue Trends jugendspezifischer Freizeitgestaltung in standardisierten Fragebögen schwer erfassen, die zur Erstellung einer Typologie brauchbar wären. Ebenso wenig ist auf diese Art und Weise ein möglicher Wandel in der Funktionalität des Fernsehens nachvollziehbar, ohne dabei methodische Artefakte zu erzeugen. So zeigt sich, dass vor allem Studien mit aufwendigem Mehrmethodendesign Profil und Pluralität von Jugendkulturen sowie deren Medien- nutzungsmuster angemessen abbilden. Welche Untersuchungsmethode zur Bearbeitung der Forschungsfrage auch angewendet wird, es muss den Probanden in jedem Fall die Möglichkeit der Ablehnung und Distanzierung zugestanden werden. Denn Jugendliche lassen sich ungern in Kategorien pressen, was ein vollstandardisierter Fragebogen aber zweifelsohne versucht. Die Problematik des Antwortens im Sinne sozialer Erwünschtheit ist in dieser Altergruppe besonders groß.

Suess et al. (1998: 534) geben zu bedenken, dass in der von ihnen durchgeführ- ten Untersuchung die befragten Jugendlichen Medien eher ablehnten, wenn sie den Eindruck hatten, ihre Mediennutzung spiegele die Teilnahme an einer mediengene- rierten, kommerziellen Jugendkultur wider. Generell äußerten sich ältere Jugendli- che kritischer gegenüber massenmedialen Produkten (ebd.: 533). Für sie dienen Medienangebote lediglich als Materialquelle zur Konstruktion eigener, individueller jugendkultureller Muster. So wird die Art der Mediennutzung wichtiger als der rezipierte Medieninhalt.

Die vorliegende Arbeit bemüht sich, Konsequenzen aus diesen Ergebnissen zu ziehen, indem sie sich nicht allein auf Mediennutzungsmuster von Jugendlichen bezieht, sondern auch das lebensweltliche Umfeld der medialen Aktivitäten betrach- tet.

2 Funktionen des Fernsehens für Jugendliche

Im folgenden Kapitel sollen anhand theoretischer Ansätze mögliche Funktionen des Fernsehens für Jugendliche herausgearbeitet und diskutiert werden. Zunächst finden sich dazu in der Literatur einschlägige Übersichten, die Funktionen des Fernsehens im Sinne des Uses-and-Gratifications-Ansatzes beinhalten (vgl. Meyen 2001; Schenk 2002). Nach McQuail (1983) fungiert das Fernsehen zur Befriedigung folgender Bedürfnisse: Information, Integration und soziale Bedürfnisse, das Bedürfnis nach persönlicher Identität sowie Unterhaltung (S. 82f.). Auch jugendspe- zifische Funktionen finden sich in der Literatur wieder. Schorb (1995: 100f.) nennt als Alltagsfunktionen der jugendlichen Mediennutzung „Accessoire“, „Hintergrund“

und „Regulation“. Schell (1993: 113f.) unterscheidet hingegen „Informations- Funktion“, „Unterhaltungs- und Entspannungsfunktion“, „Integrations- und Mei- nungsbildungsfunktion“, „Qualifikationsfunktion“, „Funktion, soziales Prestige herzustellen oder zu festigen“, „Funktion, interpersonale Kommunikation zu ersetzen“ und „Rezeption als Selbstzweck“. Van der Voort et al. (1998: 461) fragen in ihrer Studie vier mögliche Funktionen der Medien für die Jugendlichen ab: das Erleben von Spannung, Entspannung, Vermeidung von Langeweile sowie Lernen und Information.

Exkurs: Vom Motiv zur Funktion

Im Bemühen um klare Begrifflichkeiten stößt man in Rückgriff auf den Uses-and- Gratifications-Ansatz sehr bald auf Grenzen. Durch die empirische Motivforschung (z.B. Greenberg 1974; Rubin 1981) wurden nicht nur „echte“ Motive im psychologi- schen Sinne, sondern auch gewohnheitsbedingtes Mediennutzungsverhalten erhoben. In der Psychologie wird Motiv definiert als „Bewertungsdisposition“ oder „Beweggrund“ (Schneider/Schmalt 2000: 15). Jedoch kann man beispielsweise bei Fernsehrezeption aus Gewohnheit oder Zeitvertreib nicht von einer Motivation im psychologischen Sinn sprechen. Hinzu kommt, dass Befragte schlecht zwischen motiviertem und gewohnheitsmäßigem Handeln unterscheiden können. Schorr und Schorr-Neustadt (2000: 340) bemerken dazu:

Dass es [die Gewohnheit] in allen faktoranalytischen Studien zu Fernsehmotiven enthalten ist, hängt damit zusammen, dass die Mediennutzungsmotive ausschließlich auf dem Befragungsweg ermittelt wurden und das Alltagsverständnis der Befragten wiedergeben.

Auch Scherer und Schlütz (2004) weisen auf eine für den Uses-and-Gratifications- Ansatz typische Schwäche hin. So werden hier Gratifikationen als „relativ konstante Verhaltensdispositionen“ (ebd.: 14) verstanden. Jedoch handelt es sich nach Meinung der Autoren bei Gratifikationen im Sinne des Erwartungs-Bewertungs- Ansatzes von Palmgreen und Rayburn (1985) um generalisierte Erwartungen bezüglich der Leistung der Medien. Demnach erscheint plausibel, Gratifikationen und Gratifikationserwartungen von einander zu unterscheiden (vgl. Scherer/Schlütz 2004).

Die Diskrepanz zwischen gesuchten und erhaltenen Gratifikationen wurde in der Uses-and-Gratifications-Forschung dementsprechend thematisiert (vgl. Schenk 2002: 637). Die damit verbundene Unschärfe des Konzepts bringt vor allem Probleme der Operationalisierung mit sich: Wie lassen sich gesuchte und erhaltene Gratifikationen angemessen unterscheiden? So werden in vielen empirischen Untersuchungen medienbezogene Bedürfnisse und funktionsorientierte Mediennut- zung nicht getrennt voneinander erhoben (vgl. Bonfadelli 2001: 167). Im Rahmen dieser Arbeit soll es deshalb weniger um Motive und Gratifikationen als um die Bestimmung von Funktionen gehen. Der Begriff Funktion meint die „Leistung, vor allem die der Erfüllung einer bestimmten Aufgabe zweckdienliche Leistung“ (Häcker/Stapf 2004: 334) und zielt damit auf die tatsächliche Zweckmäßigkeit des Mediums Fernsehen für die Jugendlichen ab.

Ein Ziel dieser Arbeit ist die Bestimmung der tatsächlichen Funktionalität des Fernsehens in der Lebenswelt Jugendlicher, daher wird im Folgenden stets von Funktionen des Fernsehens die Rede sein, auch wenn die Begriffe Motiv, Bedürfnis und Gratifikation in der verwendeten Literatur überwiegen.

2.1 Information und Sozialisation

Nach Noelle-Neumann, Schulz und Wilke bedeutet Information die „Beseitigung von Unsicherheit“ (1994: 149). In diesem Sinne wollen Jugendliche Gewissheit über die aktuellen Lebensbedingungen erlangen, aber auch Information zum Aufbau einer eigenen sozialen Identität gewinnen. Sie begegnen den medialen Informationsan- geboten mit Fragen nach ihrem Standpunkt in Gesellschaft und Lebenswelt. In dieser Arbeit sollen zwei Dimensionen dieser Informationsfunktion differenziert betrachtet werden, nämlich die Information über die „objektive Außenwelt“ (Habermas 1981: 75) und die über die soziale Welt (Lebenswelt).

Mit der Aufnahme von Informationen durch die Jugendlichen vollzieht sich ein die Kind- und Jugendphase dominierender Prozess der Sozialisation. Die Heranwach- senden werden im Wesentlichen durch ihre Eltern und die Schule mit Informationen gespeist. Aufgrund ihrer Omnipräsenz können die Medien als dritte Instanz hinzuge- rechnet werden. Diese drei Instanzen fungieren als Sozialisationsagenten, d.h. sie bestimmen maßgeblich die soziale Identität des Jugendlichen. Hurrelmann (1990: 14) versteht unter Sozialisation den

Prozeß der Entstehung und Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit in Abhängigkeit von und in Auseinandersetzung mit den sozialen und den dinglich-materiellen Lebensbedingungen [...], die zu einem bestimmten Zeitpunkt der historischen Entwicklung einer Gesellschaft existieren.

Wichtig an dieser Definition ist einerseits die Betonung des Einflusses sozialer und ökonomischer Determinanten auf die menschliche Entwicklung. Als theoretisches Konzept greift auch hier der Begriff der Lebenswelt (vgl. Schütz 1971). Demnach wird der Sozialisationsprozess weitgehend vom näheren Umfeld des Individuums bestimmt. Die andere wesentliche Komponente in Hurrelmanns Definition ist die zeitliche Spezifikation: „zu einem bestimmten Zeitpunkt der historischen Entwicklung“. Hier wird Sozialisation als ein Vorgang herausgestellt, der seinerseits von gesellschaftlichen Gegebenheiten abhängig ist.

Seitdem die Medien in unserer Lebenswelt eine tragende Rolle einnehmen, stellt Mediensozialisation einen Teilprozess der Sozialisation dar. Für die Jugendphase von besonderer Bedeutung sind vor allem zwei Dimensionen der Identitätsbildung: Die Konstruktion sowohl objektiver, als auch subjektiver Wirklichkeit. Diese beiden Konzepte sollen im Folgenden diskutiert werden. Dabei ist von Hurrelmanns erster Maxime im Sozialisationsprozess auszugehen, die lautet: „Menschen im Jugendal- ter sind als produktiv realitätsverarbeitende Subjekte und als schöpferische Kon- strukteure ihrer eigenen Lebenswelt zu verstehen“ (1994: 72), d.h. die Jugendlichen nutzen Informationen aus ihrer Umwelt, um ihre Lebenswelt zu gestalten. Auch Paus-Haase et al. (1999: 17) stellen heraus,

daß junge Menschen auf der Basis ihres Identitätsthemas Medien nutzen, um ihre Entwicklungsaufgaben und Alltagserfahrungen angemessen bearbeiten zu können.

Wenn Fernsehen einen Teil der jugendlichen Sozialisation bestreitet, dann ge- schieht dies nicht nur über Nachrichten und Informationssendungen. Vielmehr sind es die im Fernsehen präsentierten Rollenangebote in Form von Vorbildern und Idolen, von denen die Jugendlichen lernen. Wichtig ist dabei der Bezug zur eigenen Lebenswelt. Werden die medial angebotenen Rollenmuster als schablonenhaft und künstlich entlarvt, so verlieren sie ihre Vorbildfunktion und dienen bestenfalls zur Distanzierung.

2.1.1 Konstruktion der Außenwelt

Habermas (1981: 75) bezeichnet die Außenwelt auch als „objektive Welt“ und fasst darunter Natur und Kultur. Man könnte diese Außenwelt auch als etwas begreifen, das nicht durch die Handlungen der Jugendlichen beeinflussbar ist und von ihnen als gegeben akzeptiert werden muss. Die Jugendphase dient demnach dazu, in diese Außenwelt hineinzuwachsen. Deshalb benötigen gerade Jugendliche Informationen über diese „objektive Welt“, da sie erst begrenzt Zugang zu allen gesellschaftlichen Bereichen haben und trotzdem ein Bild dieser Außenwelt konstruieren müssen.

Im Sinne von Berger und Luckmann (1970) erlangen die Menschen im Prozess ihrer Vergesellschaftung nach und nach ein Bewusstsein über die Existenz einer Vielfalt von Wirklichkeiten. Dabei sei die Alltagswelt die oberste Wirklichkeit, d.h. alle anderen Wirklichkeiten werden ihr untergeordnet. Der Zugang zur oben beschriebe- nen Außenwelt ist erst möglich, wenn in der Alltagswelt eine stabile Identitätskon- struktion gegeben ist. In diesem Zusammenhang verweisen die Autoren auf Mead (1973: 111) und seine Ausführungen zur Erfahrung der „signifikanten Anderen“, welche die Übermittlung der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung gewährleisten und damit den Zugang zur Außenwelt ermöglichen. Mit den „signifikanten Anderen“ sind in erster Linie die Eltern gemeint, da sie das Kind von Geburt an begleiten.

Das Fernsehen kann die Rolle der „signifikanten Anderen“ zwar nicht vollständig ersetzen, jedoch vermittelt es Wissen über die gesellschaftliche und kulturelle Ordnung. Wie andere Institutionen (Schule etc.) gibt es dem Jugendlichen Informa- tionen weiter, die ihm helfen können, ein gesellschaftliches Wesen zu werden. Gleichzeitig erzeugt diese Form der medialen, indirekten Wissensvermittlung aber auch eine Art lähmende Distanz, Forscher sprechen in diesem Zusammenhang von „erlernter Hilflosigkeit“ (vgl. Luger 1989: 234). Die Wissensgewinnung durch die so genannten neuen Medien kehrt diesen lähmenden Prozess um, denn hier wird aktiv nach Informationen gesucht. Es gibt keinen „Empfänger“ der Nachrichten mehr, sondern einen Nutzer.

Dennoch soll an dieser Stelle festgehalten werden, dass Fernsehen zur Kon- struktion objektiver Wirklichkeit beiträgt, Ungewissheit beseitigt und Komplexität reduziert. Denn trotz der Tatsache, dass die Informationsfunktion dem Fernsehen immer mehr abgesprochen wird, da es, so Meyen (2001: 138), nur einen Überblick vermitteln kann, dient es den Heranwachsenden maßgeblich zur Konstruktion ihrer Außenwelt. Auch Charlton und Neumann (1986) heben die Sozialisationsfunktion der Medien hervor. Nach Meinung der Autoren erfolgt die Sozialisation durch die Medien in dreierlei Hinsicht. Erstens ermöglichen die Medien das Kennenlernen sozialer Spielregeln, zweitens können neue Handlungsmöglichkeiten entdeckt werden, und drittens können die Rezipienten an Handlungen teilhaben, zu denen sie in ihrer Lebenswelt keinen bzw. noch keinen Zugang haben (ebd.: 21).

2.1.2 Konstruktion der eigenen Lebenswelt

Über das Fernsehen können auch Informationen zur sozialen Interaktion gewonnen werden. Im Gegensatz zur parasozialen Interaktion (vgl. Abschnitt 2.2.1) wird hier erst nach der Fernsehrezeption, dann aber mit realen Personen interagiert, was wiederum der Identitätsbildung dient (vgl. Kreutle 1999: 43). Fernsehen dient vor diesem Hintergrund lediglich zur Informationsbeschaffung und ist nur indirekt am Identitätsbildungsprozess beteiligt.

Beispielweise interpretieren Bilandzic und Trapp die Rezeption von Musikpro- grammen auch als Rückgriff auf kulturelle Angebote, um „über vielfache Aspekte an einer symbolisch über Musik repräsentierten Szene teilzuhaben und -zunehmen“ (2000: 204f.). Das Fernsehprogramm wird dazu nach Symbolen der eigenen Jugendkultur durchsucht.

Die Wirklichkeit der jugendlichen Alltagswelt - wie auch anderer Alltagswelten - ist des Weiteren eine intersubjektive, denn sie wird mit anderen Gleichaltrigen geteilt. Deshalb bedarf ihre Existenz auch keiner zusätzlichen Bestätigung, sie wird als selbstverständlich und gegeben betrachtet (sensu Berger/Luckmann 1970: 25ff.). Wie oben ausgeführt werden der Wirklichkeit der Alltagswelt alle anderen Realitäten untergeordnet, diese anderen Wirklichkeiten wiederum bilden „Enklaven in der obersten Wirklichkeit“, deren Grenzen durch Bedeutungs- und Erfahrungs- strukturen klar umrissen sind (ebd.: 28). „Enklaven“ sind in ihrer Sinnstruktur von der Alltagswirklichkeit abgekoppelt, sie funktionieren nach eigenen Gesetzen und erfordern so eine radikale Neueinstellung. Allein die Sprache schafft eine Verbin- dung zur Alltagswelt. Gemäß dieser Definition können zum Beispiel Spielfilme und

Romane als „Enklaven“ klassifiziert werden. Ihre durch Fiktionalität bedingte Geschlossenheit der Sinnstruktur macht sie zu isolierten Bereichen, die nach ihren eigenen Regeln Bedeutungen generieren (Berger/Luckmann 1970: 28). Dabei stellt sich die Frage, ob das Fernsehen auch als Bereich geschlossener Sinnstruktur zu sehen ist, oder ob durch dieses Medium lediglich alltagsweltlicher Sinn rekonstruiert wird. Phänomene wie das „Flow“-Erleben (Schlütz 2002: 69ff.) oder auch die Eskapismusthese (vgl. Abschnitt 2.3.3) sprechen für eine Abgeschlossenheit der Sinngebiete. Dies hängt aber auch davon ab, ob fiktive oder nicht-fiktive Medienan- gebote rezipiert werden, wobei hier bisweilen die Grenzen fließend sind (z.B. bei neueren Formaten wie „Doku-Soaps“).

Die Informationsfunktion des Fernsehens im Hinblick auf die eigene Alltagswelt wird von den Heranwachsenden zur Konstruktion dieser genutzt. Jedoch hat das Fernsehen hier nur eine unterstützende und zum Teil auch kompensierende Funktion, wenn eine Konstruktion der Alltagswelt durch „signifikante Andere“ (vgl. Abschnitt 2.1.1) nicht ausreichend möglich ist. Alternativ zu den Erziehungsinstan- zen finden die Jugendlichen in den Fernsehinhalten eigene Probleme oder sogar Lösungsvorschläge wieder, die sich auf ihre Alltagswelt beziehen (vgl. Paus-Haase 1999: 16ff.).

2.2 Soziale Funktionen

Bezogen auf das Fernsehen sollen an dieser Stelle zwei theoretische Konzepte diskutiert werden, die sich auf den sozialen Nutzen dieses Mediums beziehen: Parasoziale Interaktion und Sozialer Vergleich. In der Literatur werden diese beiden Konzepte oft vermischt bzw. jeweils einander zugeordnet (z.B. Schenk 2002; Bente/Fromm 1997). Eine getrennte Darstellung und theoretische Verortung gibt jedoch Aufschluss über maßgebliche Differenzen zwischen den Ansätzen, die spätestens bei einer Operationalisierung dieser theoretischen Konstrukte relevant werden.

2.2.1 Parasoziale Interaktion

Auf der Suche nach der eigenen Rolle in der Gesellschaft werden nicht nur Eltern und Freunde als Vorbilder herangezogen, sondern auch auf Rollenangebote der Medien zurückgegriffen (vgl. Barthelmes/Sander 2001). Als Teil des Alltagshandelns im lebensweltlichen Kontext ist Fernsehen „in den Prozeß der Entwicklung und Stabilisierung der Identität eingebunden“ (Mikos 1996: 105). Die Rollenangebote der Medien ermöglichen den Jugendlichen indirekt Erfahrungen, die ihnen im realen Leben noch nicht möglich sind. An diese Möglichkeit der medialen Erfahrung knüpft das Konzept der parasozialen Interaktion an.

Bereits 1956 machen Horton und Wohl auf die Rolle der Massenmedien im Hin- blick auf soziale Interaktion aufmerksam: „[Mass media] give the illusion of face-to- face relationship with the performer“ (ebd.: 215). Vergleichbar mit den „signifikanten Anderen“ bei Mead (1973: 111) nimmt die Medienfigur die Funktion der „Primär- gruppe“ (primary group) ein. Horton und Wohl sprechen von einem neuen Typus von Medienfigur, die sie als „persona“ (lat.: „Maske“) bezeichnen (ebd.: 216ff.). Diese „personae“ - meist in Gestalt von Moderatoren und Talkmastern - sind mit ihren spezifischen Eigenschaften eigens von den Medien geschaffen worden und existieren nur für ihr Publikum. So werden verschiedene Strategien verfolgt, um die Illusion einer Intimität zwischen Zuschauer und „persona“ herzustellen.10 Die Autoren betonen jedoch, dass auch der Zuschauer seine Rolle annehmen und sich empathisch involvieren müsse, damit eine parasoziale Interaktion zustande kommt. Somit ist die „Antwort“-Rolle des Rezipienten freiwillig und unabhängig sowie eine Rollenverweigerung durch Distanz und zynisches Amüsement möglich. Deshalb müssen für die Annahme der parasozialen Rolle durch das Publikum bestimmte Bedingungen erfüllt sein. Zum einen ist die Akzeptanz der expliziten und impliziten Merkmale der Situation als auch der Handlung des Medienangebots erforderlich, das bedeutet außerdem, dass dargebotene Begriffe und Symbole vom Publikum verstanden werden müssen. Begreift der Zuschauer diese Begrifflichkeiten und Symbole nicht, so sind die Rollenpräsentationen der Figuren bedeutungslos für ihn. Die Wahrscheinlichkeit der Verweigerung des Zuschauers ist umso größer, je weniger der Zuschauer in die Rollenbeschreibung passt (ebd.). So erklärt sich zum Beispiel die ambivalente Wirkung von Talkshows, die für einige Jugendliche Identifikationspotential bieten, aber von anderen lediglich zur Belustigung rezipiert werden (vgl. Paus-Haase 1999: 200ff.). In diesem Zusammenhang sprechen Horton und Wohl (1956: 222) den Medien auch eine Sozialisationsfunktion zu:

[...]


1 In den hier vorgestellten Studien wird Jugend in Bezug auf die Altersspanne sehr unterschiedlich definiert. Am häufigsten werden Personen im Alter von zwölf bis 19 Jahren als Jugendliche definiert (vgl. Anhang: A1ff.). Diese Definition soll zunächst auch für die vorliegende Magisterarbeit gelten. Allerdings wird in den Kapiteln vier und fünf zu überprüfen sein, ob eine solche Altersspanne im Hinblick auf die Entwicklung des Forschungsdesigns sinnvoll ist.

2 Buckingham (1993) äußert sich kritisch zur Herangehensweise von Paul Willis und anderer Vertreter der Cultural Studies. Diese Arbeiten seien zu sehr auf Medientexte bezogen, so Buckingham. Er plädiert daher für ethnographische Methoden, die sich auf die Rezeptionssituation beziehen.

3 Beispielsweise nehmen mit etwa 16 bis 17 Jahren die Außer-Haus-Aktivitäten der Jugendlichen zu, da sie besonders in dieser Phase versuchen, sich vom Elternhaus zu lösen.

4 Dieses Muster beinhaltet Aktivitäten wie ausgehen, auf Feste bzw. Partys gehen, flirten, Mäd- chen/Jungen kennen lernen; tanzen oder telefonieren mit Freunden, Schaufensterbummel machen und Musik hören.

5 Die Ermittlung der Orientierungstypen erfolgte in der Studie getrennt nach Ost und West, um noch bestehende Differenzen in Erziehung und gesellschaftlichem Umfeld zu berücksichtigen (ausführli- cher dazu Silbereisen/Vaskovics/Zinnecker 1996: 74ff.).

6 In der Typologie der Wertorientierungen der Shell Jugendstudie (2002) bilden beispielsweise die „Unauffälligen“ eine Gruppe von 25 Prozent der Stichprobe. Dazu werden Personen gerechnet, die bevorzugt die Kategorie „weiß nicht“ angeben, die Aussage verweigern oder bei einer Skala mit sechs Ausprägungen vornehmlich die Skalenwerte drei oder vier wählen (vgl. Deutsche Shell 2002: 168).

7 Die Studie lief über drei Befragungswellen: 1992, 1994 und 1998. Befragt wurden 22 Jugendliche im Alter von 13 bis 20 Jahren, 21 Mütter und sechs Väter.

8 Die Datenbasis bilden Befragungen in Flandern, Deutschland und Schweden, wobei sich die Cluster national etwas unterscheiden. An dieser Stelle werden jedoch nur die aus der deutschen Stichprobe gebildeten Cluster berücksichtigt.

9 Datenbasis: Gruppendiskussionen und Einzelinterviews mit 28 Probanden (vgl. Paus-Haase et al 1999: 257ff).

10 Beispielsweise versucht der Moderator die Grenze zwischen Bühne und Publikum zu verwischen, indem er seine Crew wie intime Freunde behandelt und diese mit dem Vornamen anspricht. Aber auch mit technischen Mitteln, etwa dem Einsatz subjektiver Kamerapositionen, soll eine private Atmosphäre erzeugt werden (vgl. Horton/Wohl 1956: 216ff.).

Ende der Leseprobe aus 119 Seiten

Details

Titel
Funktionen des Fernsehens in der Lebenswelt Jugendlicher - Welchen Stellenwert hat Fernsehen in der Freizeit Jugendlicher?
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
119
Katalognummer
V43823
ISBN (eBook)
9783638415422
Dateigröße
801 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Funktionen, Fernsehens, Lebenswelt, Jugendlicher, Welchen, Stellenwert, Fernsehen, Freizeit
Arbeit zitieren
Claudia Wilhelm (Autor), 2004, Funktionen des Fernsehens in der Lebenswelt Jugendlicher - Welchen Stellenwert hat Fernsehen in der Freizeit Jugendlicher?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43823

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