Hat Shiatsu einen positiven Einfluss auf die Stressverarbeitung?

Eine Pilot-Studie mit Fokus auf der Berührung durch eine Shiatsu-Anwendung mittels der Messinstrumente Oxytocin und Fragebogenerhebung


Bachelorarbeit, 2018
127 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Hinweis

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hypothese
2.1 Hypothesenbildung im Bezug zum Messinstrument Oxytocin
2.2 Hypothesenbildung in Bezug auf das Messinstrument Burnout-Screening-Skala

3 Aspekte der Methodenwahl

4 Erläuterung von Shiatsu
4.1 Derzeitiger Forschungsstand zu Shiatsu im Kontext moderner Wissenschaft
4.2 Die geschichtliche Entwicklung und Definition von Shiatsu
4.3 Grundlegende Techniken einer Shiatsu–Anwendung nach Shizuto Masunaga
4.3.1 Ablauf einer Shiatsu-Anwendung
4.3.2 Die Berührung aus dem Blickwinkel einer Shiatsu-Anwendung

5 Erläuterung von Stress
5.1 Derzeitige Forschungen zu Stress
5.2 Die wissenschafts- und gesellschaftsgeschichtliche Entwicklung um das Thema Stress
5.3 Stressoren und ihre Wirkung
5.4 Hormonelle Stress-Reaktionsmuster
5.4.1 Aktivierende Stressachsen
5.4.2 Inhibitorische Wirkung von Oxytocin bei Stress

6 Erläuterung von Oxytocin
6.1 Derzeitige Forschungen zu Oxytocin
6.2 Das Oxytocin-System
6.2.1 Zusammensetzung, Bildungs- und Ausschüttungsmechanismen von Oxytocin
6.2.2 Oxytocinrezeptoren
6.2.3 Geschlechtsspezifischer Einfluss auf das Oxytocin-System
6.3 Messung des peripheren Oxytocins
6.3.1 Besonderheit bei der Messung von Oxytocin mit Immunoassay
6.3.2 Untersuchungsmaterial

7 Erläuterung Burnout-Screening-Skala BOSS II

8 Studiendesign
8.1 Umsetzung der Erhebung
8.1.1 Umsetzung der Erhebung in Bezug auf die Speichelgewinnung, Lagerung, Transport und Messmethode
8.1.2 Umsetzung der Erhebung in Bezug auf den Fragebogen BOSS II
8.1.3 Umsetzung der Erhebung in Bezug auf die Shiatsu–Anwendung
8.2 Ethische Aspekte

9 Ergebnisse der Datenanalyse
9.1 Datenanalyse von Geschlecht und Alter
9.2 Datenanalyse der Oxytocin-Werte
9.3 Datenanalyse der Fragebogenerhebung BOSS II

10 Analyse der Datenerhebung im Kontext wissenschaftlicher Standards

11 Fazit der Pilot-Studie
11.1 In Bezug auf die Geschlechter- und Altersverteilung der Pilot-Studie
11.2 In Bezug auf die Oxytocin-Erhebung der Pilot-Studie
11.3 In Bezug auf die Fragebogenerhebung mit BOSS II der Pilot-Studie
11.4 In Bezug auf die Fragestellung: „Hat Shiatsu einen positiven Einfluss auf die Stressverarbeitung?“

12 Ausblick
12.1 In Bezug auf Studien im Bereich Shiatsu
12.2 In Bezug auf die Nutzung der gewonnenen Erkenntnisse in der Shiatsu-Praxis

13 Finanzierung der Studie.

14 Interessenkonflikt

15 Literaturverzeichnis

16 Anlagenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Sympathikus-Nebennierenmark-Achse

Abbildung 2: Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinde-Achse

Abbildung 3: Einfluss von Oxytocin auf HPA

Abbildung 4: Einfluss von Oxytocin auf die SNA

Abbildung 5: Geschlechterverteilung Pilot-Studie (n = 24)

Abbildun 6: Geschlechterverteilung Wirksamkeitsstudie (n = 103)

Abbildung 7: Geschlechterverteilung Deutschland 2016 (n = 82.269)

Abbildung 8: Altersverteilung Deutschland 2015 versus Pilot–Studie

Abbildung 9: Altersverteilung Wirksamkeitsstudie versus Pilot-Studie

Abbildung 10: OT-Werte vor und nach einer Anwendung (n = 21)

Abbildung 11: Veränderung der T-Werte bei 5 Shiatsu-Anwendungen (BOSS II)

Abbildung 12: Veränderung der T-Werte bei 5 Shiatsu–Anwendungen (BOSS II)

Abbildung 13: Pretreatment stress levels prior to 20 min of Zen Shiatsu compared to post-treatment levels, using a five-point scale ranging from 1 (low stress) to 5 (meltdown).

Abbildung 14: Veränderung der T-Werte von BOSS II bei der vorliegenden Pilot-Studie

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Beispiele von wissenschaftlichen Arbeiten im Bereich Shiatsu

Tabelle 2: Teilnehmerzahl in dem jeweiligen Erhebungsort

Tabelle 3: Teilnehmerzahl bei dem jeweiligen Messinstrument OT und BOSS II

Tabelle 4: Mittelwerte der OT-Werte vor und nach der Anwendung sowie prozentuale Abweichung.

Tabelle 5: Niedrigste und höchste OT Werte vor und nach der Anwendung.

Tabelle 6: Irrtumswahrscheinlichkeit p bei Hypothese 1

Tabelle 7: Irrtumswahrscheinlichkeit p bei Hypothese 2, 3, 4 und 5

Tabelle 8: Gegenüberstellung der Pilot-Studie und der Studie von Morhenn, in Bezug auf die OT-Werte.

Tabelle 9: Gegenüberstellung der Pilot-Studie und der Studie „Stress Reduction in a Child with Autism Spectrum Disorder“

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hinweis

Um eine leichtere Lesbarkeit zu gewährleisten, wird auf das Aufführen beider Geschlechter verzichtet. Selbstverständlich sind immer beide Geschlechter gemeint, auch wenn nur eine Form des Geschlechts verwendet wird.

1 Einleitung

Stress gehört zum Leben. Er kann uns krankmachen oder helfen, schwierige Situationen zu meistern. Selye stellt die zwei Verlaufsformen von Stress folgendermaßen gegenüber: „Ein Schlag mit der Peitsche und ein leidenschaftlicher Kuß können den gleichen Stress erzeugen!“[1]

Ein wesentlicher Punkt bei Stress ist, ob er hilft, eine belastende Situation zu bewältigen. Der positive Stress, wie der leidenschaftliche Kuss, wird meist gut bewältigt. Beim negativen Stress, wie bei dem Schlag mit der Peitsche, ist diese Frage nicht so klar zu beantworten.

Verwendet man die Peitschenschläge von Selye als Synonym für die immer wieder auf den Menschen einwirkenden belastenden Situationen im körperlichen, kognitiven und emotionalen Bereich, kommt man dem heutigen Verständnis von negativem Stress nahe. Ob dieser Stress Krankheiten verursacht, ist davon abhängig, ob der Mensch die Situation positiv bewältigen kann.

In der Veröffentlichung „Die Fakten“ weist die World Health Organization, im Folgenden „WHO“ abgekürzt, darauf hin, dass chronischer Stress schädlich für die Gesundheit ist und zum vorzeitigen Tod führen kann. Sie fordert die Regierungen auf, die Ursachen für chronischen Stress zu bekämpfen und die Menschen darin zu unterstützen, die Heraus-forderungen ihres Lebens besser meistern zu können. Die WHO weist darauf hin, dass das Übel besser an den Wurzeln gepackt werden sollte, statt die stressbedingten biologischen Veränderungen wie Infektionen, Diabetes, Bluthochdruck oder Depressionen mit Arzneimitteln zu behandeln.[2]

Um chronischem Stress entgegenzuwirken ist es erforderlich, die Lebens- und Arbeitsverhältnisse so zu gestalten, dass belastende Situationen bewältigt werden können. Ressourcen, wie familien- und partnerschafts-gerechte Arbeitszeitgestaltung, Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung oder Förderung von sozialen Kontakten sind dafür erforderlich. Des Weiteren sind Angebote des Gesundheitswesens in Form von präventiven Maßnahmen sowie unterstützende Angebote in belastenden Lebens-situationen notwendig.

Die vorliegende Pilot-Studie beschäftigt sich mit der Frage: „Hat Shiatsu einen positiven Einfluss auf die Stressverarbeitung?“ Mit Shiatsu wird eine komplementäre, manuelle Methode untersucht, die sowohl präventiv als auch in belastenden Lebenssituationen eingesetzt werden kann. Die Einsatzmöglichkeiten von Shiatsu entsprechen damit den Forderungen der WHO, chronischem Stress bereits im Vorfeld entgegenzuwirken und in belastenden Situationen zu unterstützen, wodurch die Gabe von Arzneimitteln reduziert werden kann.

Neue Gesundheitskonzepte bei der Stressverarbeitung aufzustellen, ist im Hinblick auf die wirtschaftlichen Folgekosten für den Arbeitsmarkt und die Belastung der Krankenkassen, die durch chronischen Stress entstehen, notwendig.[3] Die Auswirkungen auf das soziale Umfeld von chronisch Gestressten sowie die Nebenwirkungen von Arzneimitteln erfordern interdisziplinäre Gesundheitskonzepte, die einen ganzheitlichen Ansatz mit einbeziehen.

Auch im Hinblick auf eine immer älter werdende Gesellschaft ist es nötig, chronischem Stress entgegenzuwirken, da ein belastendes Leben sich negativ auf die Gesundheit im Alter auswirkt. Aus gesellschaftlicher Sicht ist es erstrebenswert, dass ältere Menschen am Familien- und Gemeinwesen aktiv teilnehmen und es mitgestalten können und nicht zu einem belastenden Faktor auf Grund von Krankheit werden. Die Belastung durch betreuungs- bzw. pflegebedürftige Angehörige löst wiederum Stress in der nachfolgenden Generation aus und kann zu einer Kettenreaktion führen, die sich durch eine gesamte Familie zieht.

In der vorliegenden Pilot-Studie wird auf der Grundlage neurowissenschaftlicher Erkenntnisse erforscht, ob Shiatsu einen Einfluss auf die Stressverarbeitung hat. Dazu wurde der Neurotransmitter Oxytocin gemessen. Bei Oxytocin handelt es sich um ein Hormon, das bei Berührung ausgeschüttet wird und eine stressmindernde Wirkung hat. Shiatsu ist eine komplexe Behandlungsform mit mehreren Wirkfaktoren, bei der ein wichtiger Bestandteil die Berührung ist. Der Fokus lag bei dieser Arbeit auf der Berührung. Als zweites Messinstrument wurde die Burnout-Screening-Skala verwendet, die Beschwerden im körperlichen, kognitiven und emotionalen Bereich erfasst.

2 Hypothese

Ziel der vorliegenden Pilot-Studie ist es, zu analysieren, ob Shiatsu einen positiven Einfluss auf die Stressverarbeitung hat.

Dies soll zum einen durch Messungen von Oxytocin, im Folgenden „OT“ abgekürzt, im Speichel vor und nach einer Shiatsu-Anwendung ermittelt werden. Zum anderen soll mithilfe der Burnout-Screening-Skala, im Folgenden „BOSS II“ abgekürzt, die Wirkung von Shiatsu auf das Stressempfinden im körperlichen, kognitiven und emotionalen Bereich ermittelt werden. Die Hypothesenbildung bezieht sich auf die beiden Messinstrumente OT und BOSS II.

2.1 Hypothesenbildung im Bezug zum Messinstrument Oxytocin

Die Ausschüttung von OT durch die Aktivierung sensorischer Nerven wurde in Tierversuchen bereits erforscht, z. B. an Ratten.[4] Des Weiteren gibt es wissenschaftliche Humanstudien, die den Zusammenhang von „moderate-pressure massage“ und OT-Ausschüttung nachweisen.[5] In der Veröffentlichung „Role of oxytocin and oxytocin-related effects in manual therapies“ von Uvnäs-Moberg verweist die Autorin darauf, dass OT bei angenehmen Berührungen freigesetzt wird und der Aktivität der Stressachsen entgegenwirkt (siehe Kapitel 5.4.2).[6] In diesem Artikel wird auf Tierversuche verwiesen, bei denen das Streicheln zur Verringerung von Stresssyptomen führte, insbesondere bei der Berührung am Abdomen.[7] Das Berühren des Abdomens ist in den meisten Shiatsu-Anwendungen ein Bestandteil der Behandlung und die Berührung an sich ein Schwerpunkt einer Shiatsu-Anwendung.

Aufgrund dieser Hintergründe wird folgende Hypothese aufgestellt:

Hypothese 1: „Durch eine 40-minütige Shiatsu-Anwendung steigt der Oxytocin-Wert.“

2.2 Hypothesenbildung in Bezug auf das Messinstrument Burnout-Screening-Skala

Die Wirkung von Berührung wurde in vielerlei Hinsicht untersucht, beispielsweise an Menschen,[8] an Primaten[9] als auch an Ratten.[10] [11] Stress in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen spielt bei diesen Studien oft eine Rolle.

In der oben erwähnten Veröffentlichung von Uvnäs-Moberg weist die Autorin darauf hin, dass eine achtsame Berührung Einfluss auf Wohlbefinden, Blutdruck und Angst haben kann.[12]

Uvnäs-Moberg schreibt: „This basic reaction pattern is probably from the evolutionary perspective very old, and forms an antithesis to the fight and flight response and other defensive reactions”.[13]

In der Einzelfallstudie „A Longitudinal Case Study Measuring Stress Reduction in a Child with Autism Spectrum Disorder“ konnte eine Verminderung von Stress nach Shiatsu-Anwendungen ermittelt werden. Der Proband war ein 7-jähriger Junge mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Der Zeitrahmen umfasste sechs Behandlungen im wöchentlichen Abstand, mit einer Behandlungszeit von jeweils 20 Minuten. Die Messung erfolgte mit der „Incredible 5-Point Scale“, die die Veränderung der emotionalen Befindlichkeit misst.[14] Vor diesem Hintergrund und dem Studiendesign der vorliegenden Pilot–Studie werden folgende Hypothesen aufgestellt:

Hypothese 2: „Nach einer Shiatsu-Anwendung verbessert sich das Stressempfinden im körperlichen, kognitiven, emotionalen bzw. globalen Bereich.“

Hypothese 3: „Nach vier Shiatsu-Anwendungen verbessert sich das Stressempfinden im körperlichen, kognitiven, emotionalen bzw. globalen Bereich.“

Hypothese 4: „Die Erhöhung des Behandlungsabstands auf 14 Tage nach einer engmaschigen Behandlungsserie verschlechtert das Stressempfinden im körperlichen, kognitiven, emotionalen bzw. globalen Bereich.“

Hypothese 5: „Bereits die Entscheidung, zu einer Shiatsu-Anwendung zu gehen, führt zu einer Verbesserung des Stress-empfindens im körperlichen, kognitiven, emotionalen bzw. globalen Bereich.“

Die Hypothese 5 beruht auf der subjektiven Empfindung der Studien-leitung, dass Klienten sich bereits besser fühlen, wenn sie sich zu einer Shiatsu-Anwendung entschließen.

3 Aspekte der Methodenwahl

Die Entscheidung, in dieser Pilot-Studie Shiatsu als zu testende Behandlungsform zu wählen, ergibt sich aus dem Studiengang „Bachelor of Science für Komplementäre Methoden“ in der Vertiefungsrichtung Shiatsu, in dessen Rahmen die Studie durchgeführt wird.

Da es sich bei OT um ein Neuropeptid handelt, das bei nicht-schädlicher Berührung ausgeschüttet wird und einen Anti-Stress-Effekt hat[15], wurde dieser klinische Parameter zur Überprüfung der Fragestellung: „Hat Shiatsu einen positiven Einfluss auf die Stressverarbei-tung?“ herangezogen. Mit der Bestimmung von OT vor und nach einer Shiatsu-Anwendung wird nicht direkt eine Stressminderung gemessen, sondern ein Hormon, das bei Berührung ausgeschüttet wird und eine Stress mindernde Wirkung hat (siehe Kapitel 5.4.2).

Die Messung von OT hat den Vorteil, dass eine zeitlich engmaschige Erfassung der Werte möglich ist. Der Nachteil der Verwendung von OT liegt in der niedrigen Halbwertszeit. Es besteht nur ein geringes Zeitfenster zwischen der Gewinnung des Probenmaterials und der Weiterverarbei-tung (siehe Kapitel 6.2.1).

Cortisol, das oft bei Studien zum Thema Stress bestimmt wird, hat eine wesentlich längere Halbwertszeit von 60–90 Minuten.[16] Die Verwendung von Cortisol als Indikator hätte den Vorteil, dass die Probenentnahme nicht unbedingt sehr zeitnah stattfinden muss und dass das Material nicht tiefgefroren werden muss.

Da eine Shiatsu-Anwendung ca. 45–60 Minuten dauert, ist zu vermuten, dass der Cortisol-Wert sich aufgrund der Halbwertszeit auch ohne den Einfluss von Shiatsu verringern könnte. Weiterhin unterliegt der Cortisolspiegel einem zircadianen Einfluss, der eine Vergleichbarkeit der Werte innerhalb der Kohorte erschwert.

Die Erhebung mittels Fragebogen wurde als zweites Messinstrument herangezogen, um weitere Parameter der Stressverarbeitung in die Pilot-Studie einzubeziehen. Es wurde der kommerziell validierte Fragebogen BOSS II verwendet, um Ergebnisse mit anderen Studien vergleichen zu können. Die Auswahlkriterien umfassten die Bearbeitungsdauer, Möglichkeit einer Verlaufskontrolle, anfallende Kosten, interne Konsistenz, Objektivität und Validität.

Die Entscheidung fiel auf BOSS II, da er die stressrelevanten Parameter körperlicher, kognitiver und emotionaler Beschwerden erhebt. Des Weiteren lässt der Beurteilungszeitraum von sieben Tagen eine Verlaufskontrolle innerhalb von ca. fünf Minuten zu[17] (siehe Kapitel 7 und 10).

4 Erläuterung von Shiatsu

In diesem Kapitel wird Shiatsu aus dem Blickwinkel der modernen Wissenschaft erörtert. Des Weiteren wird die geschichtliche Entwicklung und Definition von Shiatsu dargestellt.

4.1 Derzeitiger Forschungsstand zu Shiatsu im Kontext moderner Wissenschaft

In Japan, dem Herkunftsland von Shiatsu, wurde es durch die politische und juristische Einflussnahme der USA nach 1945 notwendig, Shiatsu in einem wissenschaftlichen Kontext zu definieren. Einerseits sollte eine wissenschaftliche Sprache entwickelt werden, die die Wirkungsweise von Shiatsu verständlich machen sollte. Andererseits sollte mit etablierten wissenschaftlichen Methoden die Wirkungsweise von Shiatsu erforscht werden.

Damals stand man vor der Herausforderung, die Wirkung einer Behandlungsform, deren Theorie die östliche Philosophie beinhaltet, in einer etablierten wissenschaftlichen Methode nachzuweisen.[18] Die Veröffentlichungen der Forschungsergebnisse erfolgten meist in Japanisch, was den Zugang zu den Ergebnissen für Nicht-Japaner erschwert.

Shiatsu, eine komplexe Behandlungsform, die mehrere Wirkfaktoren und Wirkmechanismen beinhaltet, durch Studiendesigns der Evidenzbasierten Medizin (EBM) zu erforschen, stößt an Grenzen. Die Komplexität von Shiatsu erschwert eine Hypothesenformulierung nach den Maßstäben der EBM, die eine monokausal ausgerichtete Fragestellung beinhaltet. Um Kausalzusammenhänge in komplexen, nicht standardisierten Systemen zu erkennen, wurden zur EBM ergänzende Methoden zur Erkenntnis-gewinnung entwickelt.[19] Dazu zählt z. B. die „Cognition-based Medicine (CBM)“.[20]

Eine weitere Herausforderung ist es, eine placeboinduzierte Kontrolle zu realisieren. Da ein wichtiger Bestandteil von Shiatsu die Berührung ist, ist eine „Als-ob-Berührung“ folglich nicht als Placebo zu verwenden. Bei Shiatsu-Studien ist es daher erforderlich, andere Formen von Kontrollgruppen zu konstruieren wie z. B. in der Studie von Morhenn.[21] In dieser Studie saßen die Probanden der Kontrollgruppe in einem ruhigen Raum. Ihnen wurde nur mitgeteilt, dass es sich um eine Studie zum Thema Entspannung handelt.

Zu bedenken ist auch, dass die „Dosis“ von Shiatsu, vom Praktiker und seiner Erfahrung, sowie dem momentanen Zustand des Probanden abhängig ist. Eine genaue Dosierung wie in der Pharmazie, mit identischen Maßeinheiten, kann im Shiatsu nur annähernd umgesetzt werden.

Unter Berücksichtigung der oben erwähnten Gesichtspunkte gibt es Bestrebungen, valide Studien zu erstellen. Dabei handelt es sich um Einzelfallstudien, Studien, die sich mit Krankheitssymptomen befassen, kombinierte Studien und breit angelegte Studien bzw. Metaanalysen (siehe Tabelle 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[22] [23] [24] [25] [26]

Tabelle 1: Beispiele von wissenschaftlichen Arbeiten im Bereich Shiatsu

4.2 Die geschichtliche Entwicklung und Definition von Shiatsu

Das erste Mal literarisch erwähnt wurde der Begriff „Shiatsu“ von Tenpeki Tamai 1919.[27] Seit 1955 ist Shiatsu in Japan eine anerkannte Berufsqualifikation. 1964 wurde der Beruf mit dem Titel „Anma-Massage-Shiatsu-Meister“ in Japan gesetzlich anerkannt.[28] In den von der WHO 2007 veröffentlichten „International standard terminologies on traditional medicine in the Western Pacific Region“ wird Shiatsu als „a manipulation performed by pressing acupuncture points with the finger or thumb instead of needling, also known as shiatsu“[29] aufgeführt.

Shiatsu breitete sich von Japan über Amerika nach Europa aus. Die Shiatsu-Praktikerin Toshiko Phipps begann 1950 in Amerika zu unterrichten. Weitere Shiatsu-Praktiker wie z. B. Wataru Ohashi, Shizuto Masunaga oder Akinobu Kishi beeinflussten das amerikanische und das europäische Shiatsu.[30] Mittlerweile wird Shiatsu weltweit praktiziert. Es gibt mehr als 20 verschiedene Verbände und Organisationen, die Shiatsu in ihrem jeweiligen Kontext unterschiedlich definieren.[31]

Die Gesellschaft für Shiatsu in Deutschland (GSD) definiert Shiatsu als: „[...] ein eigenständiges System energetischer Körperarbeit und Lebenskunde.“[32] Die Shiatsu Therapy Association of Ontario (STAO) definiert Shiatsu als „[...] a unique, non-invasive therapy designed to stimulate the body's inherent ability to heal itself.“[33] Demgegenüber beschreibt die Shiatsu Therapy Association of Australia (STAA) Shiatsu folgendermaßen:

„Shiatsu is a holistic healing art developed in Japan and based on traditional 3500-year-old oriental medical wisdom while incorporating the principles of anatomy, physiology and pathology.“[34]

Neben den jeweiligen Verbänden existieren in den einzelnen Ländern verschiedene Schulen mit unterschiedlichen Ansätzen. In Deutschland gibt es z. B. das Europäische Shiatsu Institut, in dem Shiatsu in der Tradition von Shizuto Masunaga unterrichtet wird, oder die Shendo Shiatsu Schule, die sich in ihrer Ausbildung auf die Lehre von Tokujirō Namikoshi bezieht. Durch die stetige Weiterentwicklung der unterschiedlichen Ansätze weltweit sowie durch Schulen, Lehrer und durch Forschung gibt es eine Vielfalt an Shiatsu-Stilen.

Shiatsu wird heute in Praxen, Firmen oder Sozialeinrichtungen praktiziert. Je nach Ausstattung der Räume bzw. der körperlichen Situation der Klienten in seiner klassischen Form auf dem Futon, dem Behandlungsstuhl oder einer Liege durchgeführt.

4.3 Grundlegende Techniken einer Shiatsu–Anwendung nach Shizuto Masunaga

Aufgrund der unterschiedlichen Shiatsu-Stile ist eine generelle Beschreibung der Arbeitsweise beim Shiatsu nur bedingt möglich. Die nachfolgend beschriebene Arbeitsweise bezieht sich auf den Stil von Shizuto Masunaga[35], der von der Verfasserin der Pilot-Studie praktiziert wird. Trotz einer nicht möglichen Generalisierung ist zu vermerken, dass die beschriebene Arbeitsweise bei den verschiedenen Stilrichtungen in unterschiedlichen Ausprägungen angewandt wird.

Auf eine ausführliche Beschreibung von Shiatsu-Techniken, wie die Art der Rotationen und Dehnungen sowie die Liegeposition des Klienten wird verzichtet, da es sich bei der Pilot-Studie um die Fragestellung der Auswirkung von Berührung beim Shiatsu auf die Stressverarbeitung handelt. Ebenso wird auf die Erläuterung der Meridiane, auch Energiebahnen genannt, und auf den spirituellen Aspekt verzichtet.

4.3.1 Ablauf einer Shiatsu-Anwendung

Vor einer Shiatsu-Anwendung findet eine Befragung zum momentanen Gesundheitszustand bzw. zur Befindlichkeit des Klienten statt. Dabei achtet der Shiatsu-Praktiker auf die Körperhaltung, Atmung, Stimme und Hautfarbe, um nur einige Aspekte zu nennen. Die Ergebnisse aus der Befragung und der Beobachtung werden in der Shiatsu-Anwendung berücksichtigt.

Die erste körperliche Kontaktaufnahme erfolgt durch Auflegen der Hand entweder am Bauch, in Japanisch „Hara“ genannt, oder am Rücken. Dann erfolgt das „Setsu-shin“, die Berührungsdiagnose am Hara oder Rücken. Bei dieser Technik wird unter den 12 Meridianen jeweils derjenige aufgespürt, welcher am energiereichsten und welcher am energieschwächsten ist.[36]

Der Shiatsu-Praktiker folgt dem Verlauf dieser beiden Meridiane, indem er sich an diese „anlehnt“. Dies kann mit der Hand, dem Daumen, dem Ellenbogen oder dem Knie erfolgen. Während der Anwendung werden die Gelenke durch Rotation bzw. Dehnung aktiviert.

4.3.2 Die Berührung aus dem Blickwinkel einer Shiatsu-Anwendung

Der Körperkontakt bei einer Shiatsu-Anwendung unterscheidet sich von anderen manuellen Therapien. Ein großer Teil der manuellen Therapien beruht auf der haptischen Stimulation im Sinne von Emil von Skramlik: „[…] die kombinierten Leistungen des Druck- und Kraftsinnes […]“[37] und dem Prinzip der Massage. Diese ist gekennzeichnet durch „[...] streichen, reiben, kneten usw.“[38]. Dies sind Techniken, die bei einer Shiatsu-Anwendung nicht ausgeübt werden.

Durch die Arbeitstechnik des entspannten Anlehnens, durch die Nutzung der Schwerkraft und des Körpergewichts des Shiatsu-Praktikers entsteht eine spezifische Art des Körperkontakts. Dies ist im Sinn von Berührung und ihrer Ableitung „in Bewegung bzw. in innere Bewegung versetzen“[39] zu definieren.

Die Berührung bzw. die Berührungswahrnehmung, wie der Tastsinn in der psychologischen Forschung genannt wird,[40] umfasst ein komplexes System von Reaktionen und Rückkopplungen auf körperlicher, mentaler und emotionaler Ebene. Das Thema Berührung in „Shiatsu“ im Kontext dieser Pilot-Studie „einfach“ erklären zu wollen, stößt schnell an Grenzen. Grunwald und Beyer beschreiben es folgendermaßen:

[…] dass eindimensionale Ansätze sowohl bei Forschern als auch Anwendern schnell zu Ernüchterung führen. Selbst relativ eng umgrenzte Problemstellungen zur haptischen Wahrnehmung berühren schon nach kurzem das gesamte Wahrnehmungs- und Verarbeitungssystem des Menschen.[41]

Aus körperlich-anatomischer Sicht wird Berührung durch Rezeptoren wahrgenommen. Diese befinden sich in der Haut und an den Organen bzw. in ihrer Umgebung. Die Rezeptoren bzw. freien Nervenendigungen reagieren auf unterschiedliche Reize wie Berührung, Druck, Vibration, Spannung, Dehnung, Temperatur und Schmerz. Die Informationen der Rezeptoren werden neuronal weitergeleitet und kortikal verarbeitet.

Dieser Prozess führt zur Wahrnehmung, in Bezug auf Shiatsu auf die Berührungswahrnehmung.[42] Durch die Technik des Lehnens beim Shiatsu wirkt die Anwendung nicht nur auf die Rezeptoren und freien Nervenendigungen der Haut, sondern auch auf die Rezeptoren der Organe. Aus diesem Blickwinkel betrachtet wirkt Shiatsu auf den „ganzen anatomischen Menschen“.

Betrachtet man die Berührung aus neurologischer Sicht, so handelt es sich um eine Weiterleitung von Informationen aus der Peripherie zum Gehirn. Erfolgt ein Reiz auf das periphere Ende einer sensiblen Nervenfaser, wird dieser in ein Rezeptorpotential umgewandelt. Dieser elektronische Impuls löst das Aktionspotential am Anfang des Axons aus.[43]

Dieser Impuls aktiviert das somatosensorische System, das neben den Rezeptoren in der Peripherie, aufsteigende Bahnen zu den verschiedenen Verarbeitungsstationen im Rückenmark, Hirnstamm, Thalamus und einer ganzen Kaskade von 3–6 hierarchisch organisierten Kortexarealen umfasst.[44]

Im Kortex werden die Informationen verarbeitet. Je nachdem, um welchen Reiz es sich handelt, erfolgt eine Reaktion. Bei der Aktivierung von Nozizeptoren (Schmerzrezeptoren), z. B. beim Berühren einer heißen Herdplatte, erfolgt die Reaktion des „Hand Wegziehens“. Am Beispiel der vorliegenden Pilot-Studie führt eine nicht toxische Berührung, wie sie im Shiatsu erfolgt, zu einer Ausschüttung von OT. Dies kann zur Dämpfung der Stressreaktion führen, Wohlbefinden fördern und Angst vermindern.

Eine langfristige Wirkung entsteht dadurch, dass OT das Wachstum von inhibitorischen Rezeptoren fördert, die ebenfalls die Stressreaktion herabsetzen (siehe Kapitel 5.4.2). Beschreibt man diese Reaktion mit Worten aus dem Volksmund, kommt man mit dem Ausspruch „es beruhigt den Geist“, der Wirkung der Berührung beim Shiatsu im Zusammenhang mit der OT-Ausschüttung, sehr nahe.

Die Beschäftigung mit dem Thema „Berührungswahrnehmung“ bzw. „Tastsinn“ hat eine lange Geschichte. Sie reicht von der philosophischen Auseinandersetzung mit dem Thema in der Antike über naturwissenschaftliche Erklärungsmuster im 18. und 19. Jahrhundert bis in unsere heutige Zeit.

Aristoteles erwähnt den Tastsinn in seinem Werk „Über die Seele“. John Locke, ein englischer Philosoph und Arzt im 17. Jahrhundert, benutzt ebenfalls das Wort „Seele“ im Zusammenhang mit der Sinneswahrnehmung.[45] Mit Untersuchungen zum Tastsinn durch Ernst Heinrich Weber 1833 begann man, sich vermehrt aus dem naturwissenschaftlichen Blickwinkel mit dem Thema zu beschäftigen.[46] Heute spielt die Neurophysiologie bei der naturwissenschaftlichen Erforschung des Tastsinns eine große Rolle.

Die Erforschung der Wahrnehmungsreaktionen in Bezug auf Berührung und emotionale Befindlichkeiten ist heute in der Psychologie bzw. Sozialforschung angesiedelt. Dass Menschen durch Körperkontakt emotional reagieren, spiegeln Aussprüche aus dem Volksmund wider wie z. B. „das berührt mich tief“ oder „das berührt mich ganz tief drinnen“. Die Wirkung von Shiatsu auf die emotionale Ebene machen Aussagen von Klienten deutlich.

„Es hat sich wirklich jedes Mal was getan, sowohl im Inneren als auch im Außen.“

„Wie unterschiedlich ich mich in meinem Körper fühle, vor und nach der Behandlung.“

„Ich habe einen tiefen Bezug zu meinem Körper bekommen.“[47]

5 Erläuterung von Stress

„Die einzige Art und Weise, Stress zu charakterisieren, besteht darin, ihn als eine nichtspezifische Reaktion des Körpers auf jede beliebige Art von Anforderung zu bezeichnen.“[48]

5.1 Derzeitige Forschungen zu Stress

Für den Menschen können Belastungen aus vielerlei unterschiedlichen Anlässen entstehen und er muss sich an die unterschiedlichsten Lebenssituationen anpassen. Daraus ergibt sich, dass sich eine Vielzahl unterschiedlichster wissenschaftlicher Disziplinen mit dem Thema Stress beschäftigen. Es gibt Forschungen im Bereich der Psychologie, Psychosomatik, Immunologie, Neurologie oder Soziologie. Mit dem Thema beschäftigen sich auf wissenschaftlicher Ebene aber auch Architekten, Städteplaner, Wirtschaftspsychologen oder Umweltforscher.

So wird zum Beispiel die Auswirkung von Stress bei Lehrern untersucht[49] oder die Auswirkung der finanziellen Situation als Stressor auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit.[50] In der Neurologie wird z. B. die Auswirkung von Hormonen als Stress reduzierende Substanzen untersucht.[51]

5.2 Die wissenschafts- und gesellschaftsgeschichtliche Entwicklung um das Thema Stress

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Stress begann Anfang des 20. Jahrhunderts. Walter Bradford Cannon, ein US-amerikanischer Physiologe, benutzte den Begriff, um körpereigene Vorgänge der „fight or flight“-Reaktion zu beschreiben.[52]

1936 entdeckte der Biochemiker und Mediziner Hans Selye stereotyp physiologisch-hormonell ablaufende Mechanismen, die er als „Allgemeines Anpassungssyndrom“ bezeichnete.[53] Im Jahr 1946 benutzte Selye dann den Begriff „Stress“ für „[...] denjenigen Zustand eines Organismus, der sich durch eine dreistufige hormonelle Reaktion des Körpers auf jegliche Art von Herausforderung oder Schädigung manifestiert.“[54]

Seit den Anfängen der Stressforschung hat sich die Vorstellung von dem, was Stress ist, immer wieder gewandelt. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Wissenschaft rund um das Thema „Stress“ von einer rein medizinischen zu einer verhaltenspsychologischen Wissenschaft.[55]

Heute beschäftigen sich Gesundheitsorganisationen wie die WHO mit dem Phänomen. Diese fordert in der Veröffentlichung „Die Fakten“ die Regierungen auf, die Hauptursachen von chronischem Stress zu bekämpfen.[56] Mediziner können sich auf das Thema spezialisieren und sich z. B. beim Europäischen Dach-Verband für Stress-Medizin in „multimodaler Stress-Medizin“ ausbilden lassen.[57] Stress wird heute unter dem „ICD 10 Code Nummer F43.- “ als „Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen“ aufgeführt.[58]

Im umgangssprachlichen Gebrauch wird das Wort „Stress“ mittlerweile inflationär benutzt. In der Mehrzahl der Fälle wird es für die Beschreibung von negativen Lebenseinflüssen verwendet. Außer Acht gelassen wird dabei, dass Stress zum Leben gehört und uns befähigt, Anforderungen, die an uns gestellt werden, zu bewältigen.[59]

Stress kann einerseits als negativer Stress (Distress) definiert werden oder als positiver Stress (Eustress). Des Weiteren gibt es die Unterscheidungsmöglichkeit zwischen Hyper- und Hypostress.[60]

5.3 Stressoren und ihre Wirkung

Äußere Anforderungen, die an den Menschen gestellt werden, und Belastungen bezeichnet man als Stressoren. Diese können unterschiedlichster Art sein. Es gibt physikalische Stressoren wie Hitze, Kälte oder Lärm und körperliche Stressoren wie Schmerz, Juckreiz, Hunger oder Durst. Zu den Stressoren gehören auch mentale Stressoren, die durch Leistungsanforderungen entstehen, z. B. bei Prüfungen oder durch überforderndes Verantwortungsbewusstsein. Auch das soziale Umfeld kann zum Stressor werden. Zu dieser Kategorie zählen zwischenmenschliche Konflikte, Verlusterfahrungen oder Isolation.[61]

Ob ein Stressor eine Stressreaktion auslöst, sowie die Stärke der Reaktion, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Dies hängt von der jeweiligen subjektiven Einschätzung der Anforderung ab. Diese wiederum von den Vorerfahrungen der jeweiligen Person.[62]

„Stress entsteht [...], wenn eine Diskrepanz zwischen der Anforderung einerseits und unseren eigenen Bewältigungs-kompetenzen andererseits besteht.“[63]

Die Stressreaktion kann sich auf körperlicher Ebene in Form einer erhöhten Herzfrequenz, erhöhter Muskelspannung oder schnellerer Atmung zeigen. Des Weiteren kommt es zu einer Veränderung des Stoffwechsels, des Immunsystems, der Gerinnung und zur Verringerung des Schmerzempfindens.[64] Auf kognitiv-emotionaler Ebene kann es z. B. zu kreisenden Gedanken, Leere im Kopf oder Angst kommen.[65] Eine weitere Stressreaktion kann sich im „offenen“ Verhalten zeigen. Dies ist gekennzeichnet durch z. B. motorische Unruhe, hastiges und ungeduldiges Verhalten oder Konsum von Betäubungs- oder Aufputschmittel.[66]

Bei langanhaltendem Stress kann dieser chronisch werden und zu körperlichen und seelischen Krankheitssymptomen führen. Dies äußert sich z. B. durch Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen, einer verringerten Schmerztoleranz oder Depressionen. Infolgedessen kann es zu einem Burnout-Syndrom kommen.[67]

5.4 Hormonelle Stress-Reaktionsmuster

Stress aktiviert unterschiedliche Hormonachsen. Diese können aktivierend oder inhibitorisch wirken. Die Hormonachsen selbst verfügen über Rückkopplungsmechanismen, die ihrerseits aktivierende oder inhibitorische Wirkungen hervorrufen. Es handelt sich um ein komplex ineinander vernetztes System.[68]

Zum besseren Verständnis des Wirkungsmechanismus von OT auf Stress werden zunächst die zwei wichtigsten Stressachsen erörtert. Des Weiteren wird das Reaktionsmuster von OT in seiner inhibitorischen Wirkung in Bezug auf die Stressachsen dargestellt.

5.4.1 Aktivierende Stressachsen

Die Sympathikus-Nebennierenmark-Achse (SNA) und die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA) spielen bei der Stressreaktion wichtige Rollen. Die SNA ist die am schnellsten reagierende Achse von beiden und sorgt für Wachheit und Energie. Die HPA reagiert geringfügig verzögert und hat Einfluss auf den Stoffwechsel und das Immunsystem.[69]

5.4.1.1 Die Sympathikus-Nebennierenmark-Achse

Durch Stressoren und durch das dadurch aktivierte Corticotropin Realising Hormone (CRH) aus dem Hypothalamus wird der noradrenalinreiche Locus caeruleus (LC) aktiviert, der daraufhin den Sympathikus aktiviert. Der Sympathikus wirkt – durch den Neurotransmitter Noradrenalin – einerseits direkt an den Organen und regt andererseits das Nebennierenmark (NNM) zur Freisetzung von Adrenalin und Noradrenalin an, die über das Blut ebenfalls auf Organe Einfluss nehmen. Diese Reaktionskette spiegelt das wider, was Walter Cannon als „fight or flight response“ definierte.[70]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Sympathikus-Nebennierenmark-Achse

5.4.1.2 Die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse

Durch Stressoren, die denen, die auf die SNA Einfluss nehmen, ähnlich sind, wird im Hypothalamus das CRH freigesetzt. Dies bewirkt im Hypophysenvorderlappen (HVL) die Synthese und Freisetzung von dem Adrenocorticotropen Hormon (ACTH). Das ACTH seinerseits aktiviert die Nebennierenrinde (NNR), die daraufhin Cortisol freisetzt.[71] Ein Anstieg von Cortisol sowie von ACTH bewirkt eine negative Rückkopplung und wirkt hemmend auf die CRH-Produktion.[72]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinde-Achse

5.4.2 Inhibitorische Wirkung von Oxytocin bei Stress

OT wird aufgrund von angenehmen mentalen Erfahrungen oder als Reaktion auf positive taktile Informationen ausgeschüttet. Die Ausschüt-tung des Neuropeptids wirkt auf mehrfache Weise dämpfend auf die Stressreaktion.[73]

OT hemmt die Freisetzung von CRH und ACTH und die Sekretion von Cortisol aus der Nebennierenrinde. Dadurch drosselt OT die Aktivität der HPA.[74]

Des Weiteren ziehen oyxtocinergene Neuronen aus dem Nucleus paraventricularis (NPV) in zahlreiche Regionen des Gehirns wie z. B. in die Amygdala und den LC und nehmen somit Einfluss auf die Stressreaktion (siehe Kapitel 6.2.1).[75]

Oxytocinergene Neuronen geben OT in die Amygdala ab und dämpfen dadurch die Furcht und Stressreaktion. Dies führt dazu, dass die Aktivität der von der Amygdala zum LC projizierenden Neuronen heruntergefahren wird.[76]

Durch diese verringerte Aktivierung des LC nimmt OT Einfluss auf die SNA bzw. auf die Ausschüttung von Noradrenalin. Eine verringerte Freisetzung von Noradrenalin hat somit wiederum Einfluss auf die HPA, da Noradrenalin die Freisetzung von CRF bewirkt.[77]

Eine weitere und langfristige Wirkung von OT besteht in der wachstums-fördernden Wirkung auf die Alpha-2-Adrenozeptoren. Diese inhibitor-ischen Rezeptoren befinden sich häufig an den präsynaptischen noradrenagenen Neuronen. Da ein Anstieg der Rezeptoren das noradrenagene System hemmt, kommt es zu einer Abflachung der Stresssituation.[78]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Einfluss von Oxytocin auf HPA

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Einfluss von Oxytocin auf die SNA

6 Erläuterung von Oxytocin

Anfang des letzten Jahrhunderts entdeckte Sir Henry Dale OT in der Hypophyse.[79] 1953 gelang es Vincent du Vigneaud OT zu isolieren und seine chemische Zusammensetzung zu bestimmen. Es war das erste Peptid-Hormon, dessen Aminosäuren aufgeschlüsselt wurden und Vigneaud gelang es, OT künstlich herzustellen.[80]

Nach der Entdeckung von OT wurde es hauptsächlich in Zusammenhang mit dem Geburtsvorgang und der Milchsekretion gebracht. Bis heute wird das Hormon zur Einleitung von Wehen eingesetzt.

6.1 Derzeitige Forschungen zu Oxytocin

Mittlerweile wird OT nicht nur mit dem Geburtsvorgang und dem Stillen in Verbindung gebracht. Untersucht wird auch der Einfluss des Hormons auf die Paarbindung und das Sozialverhalten sowie die Ausschüttung des OT bei Körperkontakt.

Ein weiteres Forschungsfeld befasst sich mit den OT-Rezeptoren und ihrem Aufbau[81] sowie mit den neuronalen Zusammenhängen der OT-Produktion und -Ausschüttung.[82]

Das Neuropeptid ist aus Sicht der klinischen Anwendbarkeit als therapeutisches Mittel – z. B. bei Autismus und Schizophrenie – interessant. Untersucht wird das Verhalten bei Gabe von intranasalem OT.[83] Die Faktoren Genetik und Epigenetik und auch Umweltfaktoren werden bei der neurobiologischen Erforschung von OT heute mitberücksichtigt.[84]

Eine weitere Forschungsrichtung befasst sich mit der körpereigenen Ausschüttung von OT und dessen Wirkmechanismen.[85] In diesem Zusammenhang ergab eine Studie, dass eine 15-minütige Massage zu einem Anstieg von OT führte und zu einer Reduzierung von ACTH, Stickstoffmonoxid (NO) und Beta-Endorphin (BE).[86]

Ebenso werden die Wirkung und das Reaktionsmuster von OT bei Stress erforscht[87], wie in Kapitel 5.4.2 bereits beschrieben. Des Weiteren wird OT in Bezug auf „[…] the role of hormones in complex human social interactions that involve trust and trustworthiness” untersucht.[88]

6.2 Das Oxytocin-System

Das Oxytocin-System besteht aus Produktionsstätten im Zentralen Nervensystem (ZNS), afferenten und efferenten Bahnen im ZNS sowie den Oxytocin-Rezeptoren (OTR). Beeinflusst wird das System unter anderem von Steroidhormonen.

6.2.1 Zusammensetzung, Bildungs- und Ausschüttungsmechanismen von Oxytocin

OT ist ein Neuropeptid.[89] Andere Definitionen für OT sind Hormon, Peptidhormon, Neurotransmitter oder Nanopeptid, je nachdem in welchem Zusammenhang OT beschrieben wird. Es hat große Ähnlichkeit mit dem Neuropeptid Vasopressin (VP), das wie das OT aus neun Aminosäureketten besteht.[90]

Die Halbwertszeit von OT ist niedrig. In der wissenschaftlichen Literatur werden allerdings unterschiedliche Werte diesbezüglich angegeben. Nach einer Studie von Ryden und Sjoholm beträgt sie ca. 3 Minuten und ist abhängig vom Geschlecht[91], dem Status des Zyklus, der Einnahme von Verhütungsmitteln oder dem Status einer Schwangerschaft.[92] In anderen Studien geht man von einer Halbwertszeit von 10–12 Minuten[93] oder von 15 Minuten[94] aus.

OT und VP werden in dem Nucleus supraopticus (NSO) und dem NPV im Hypothalamus produziert und über einen axonalen Transport in die Hypophyse befördert. Dort werden sie im Hypophysenhinterlappen (HHL) gespeichert.[95] Die Ausschüttung von OT wird über efferente Signale aus dem Hypothalamus zur Hypophyse gesteuert.[96]

Zusätzlich gibt es mehrere efferente oxytocinergene Nervenfasern, die vom NPV in die unterschiedlichen Gebiete des Gehirns ziehen. Zum Beispiel in die Amygdala, Hippocampus, Nucleus accumbens, Nuclei raphes, LC oder in das Rückenmark.[97]

Afferente Bahnen aus dem Nucleus tractus solitarii, LC, von anderen Bereichen des Hypothalamus und vom dorsalen Horn des Rückenmarks ziehen in den NPV. Dies lässt vermuten, dass die Freisetzung von OT von vielen verschiedenen Gebieten im ZNS kontrolliert wird.[98]

6.2.2 Oxytocinrezeptoren

Über die OTR wird das Effekthormon OT wirksam. Diese sind im Gehirn weit verbreitet und befinden sich auch in großer Zahl im Uterus und der Mamma, ebenso in der Niere, im Pankreas, im Magen, im Thymus, in den Fettzellen, im Herzen und in den Blutgefäßen.[99]

Bei den OTR handelt es sich um G-Protein-gekoppelte Rezeptoren.[100] Diese öffnen ihre Ionenkanäle erst über eine intrazelluläre Signalkette. Am Anfang der Kette befindet sich ein G-Protein, das ihnen den Namen gibt. Man bezeichnet sie auch als metabotrope Rezeptoren.[101]

6.2.3 Geschlechtsspezifischer Einfluss auf das Oxytocin-System

Das Verteilungsmuster von oxytocinergenen afferenten und efferenten Bahnen und die Verteilung der OTR sind bei Frauen und Männern ähnlich. Die Effekte von OT sind bei Männern und Frauen – bedingt durch die Sexualhormone – allerdings unterschiedlich.[102] So können Östrogene eine gesteigerte Bildung von OT im Hypothalamus bewirken und haben Einfluss auf die Freisetzung von OT aus dem HHL.[103]

6.3 Messung des peripheren Oxytocins

Durch die Entdeckung, dass OT Einfluss auf die menschliche Wahrnehmung und das Sozialverhalten hat, wurde es aus wissenschaftlicher Sicht notwendig, dass eine zuverlässige und vergleichbare Messmethode für peripheres OT zur Verfügung steht. Außerdem ist eine routinemäßige Messmethode erforderlich, wenn Störungen durch Gabe von OT oder durch soziale Interaktionen, die die OT-Ausschüttung beeinflussen, behandelt werden sollen.[104] Das zu untersuchende Material sollte, besonders vor dem Hintergrund einer Verlaufskontrolle, einfach zu gewinnen sein.

Seit den 1980ern beschäftigte man sich mit verschiedenen Testmethoden, um dem Anspruch von vergleichbarer, zuverlässiger und routinemäßiger Anwendbarkeit von OT-Bestimmungen gerecht zu werden.[105] Als eine routinemäßig umsetzbare Methode zur Bestimmung von OT wird zurzeit das Prinzip der Immunoassay diskutiert.[106] Dabei handelt es sich um ein Testverfahren, mit dem man Substanzen in Mengen bis zu 1 Pikogramm (pg) quantitativ bestimmen kann. Ein pg entspricht 10−12 Gramm.[107] Es wurde 1956 von Berson und Yalow eingeführt.[108] Zur Bestimmung von peripherem OT wurden Radioimmunassays (RIA)[109] und Enzymimmuno-assays (EIA)[110] entwickelt.

Das Prinzip der RIA hat den Vorteil, dass die Radioaktivität direkt gemessen werden kann. Dies ergibt genauere Messergebnisse. Das Verfahren mit EIA erfordert ein weiteres Analyseverfahren, bei dem die Enzyme bestimmt werden.[111]

6.3.1 Besonderheit bei der Messung von Oxytocin mit Immunoassay

Bei der Messung von OT mit RIA ist eine Extraktion notwendig, um einerseits störende Substanzen zu eliminieren und andererseits die niedrige Menge von OT zu konzentrieren. Bei dieser Art der Messung wurde bei gesunden Männern ein Wert von < 10 pg/ml im Plasma gemessen.[112]

Bei der Entwicklung von EIA sollte neben der umständlichen Arbeit mit Radioaktivität bei RIA auch eine Vereinfachung in Bezug auf die aufwendige Extraktion entstehen. Die OT-Werte bei EIA ohne Extraktion liegen allerdings wesentlich höher als die Ergebnisse, die mit RIA und Extraktion gemessen werden. So ergaben Bestimmungen bei EIA ohne Extraktion bei Männern und nicht schwangeren, nicht stillenden Frauen Werte im Plasma von 200–300 pg/ml.[113] Die Messung von OT aus einer Probe mit EIA in unextrahiertem Material ergab einen 100-fach höheren Wert als die Messung mit extrahierten Material.[114]

Keine der Untersuchungsmethoden, ob RIA extrahiert oder EIA un- bzw. extrahiert, ist aufgrund der unterschiedlichen Ergebnisse vergleichbar oder in Beziehung zu setzen. Wodurch die unterschiedlichen Werte zwischen den Untersuchungsverfahren entstehen, ist zurzeit nicht bekannt. Es kann sich um metabolistische Abbauprodukte von OT oder um unspezifische Reaktionen handeln.[115]

6.3.2 Untersuchungsmaterial

Um peripheres OT zu messen, stehen verschiedene Untersuchungs-materialien wie Plasma, Urin oder Speichel zur Verfügung. Messungen von peripheren OT im Plasma und deren Ergebnisse sind in vielfältigen Studien beschrieben worden.[116]

Um Urin als Untersuchungsmaterial zur Bestimmung von peripheren OT zu nutzen, bedarf es weiterer Studien. Die gewonnenen Werte sind sehr unterschiedlich und stehen in keinem Zusammenhang mit Werten, die im Blut oder Speichel gemessen werden.[117]

Messungen von OT im Speichel wurden in Studien mit OT-Werten im Plasma verglichen. Bei einer Studie zu depressiver Symptomatik und Stress wurde eine Erhöhung im Plasma und im Speichel festgestellt.[118] Die Messung wurde mit EIA und Extraktion durchgeführt.[119]

Bei der Regensburg Oxytocin Challenge (ROC) wurde OT im Speichel bei Reizen, die dafür bekannt sind, den OT-Plasmaspiegel zu erhöhen, gemessen.[120] Die Messung erfolgte mittels RIA.[121] Bei dieser Studie konnte eine Erhöhung von OT im Speichel bei körperlicher Ertüchtigung, sexueller Befriedigung und Stress nachgewiesen werden.[122]

7 Erläuterung Burnout-Screening-Skala BOSS II

Für die vorliegende Pilot-Studie wurde der BOSS II Selbstbeurteilungs-Fragebogen (siehe Anlage 1) und Auswertungsbogen (siehe Anlage 2) in der „paper and pencil“-Form verwendet.

Der Einsatzbereich umfasst eine Altersspanne von 18 bis 65 Jahren und ist für den Gebrauch in der Praxis und der wissenschaftlichen Gesundheitsforschung geeignet. Die allgemein gehaltenen Fragen lassen eine Befragung beider Geschlechter zu. BOSS II ist für alle Berufsgruppen und Lebenssituationen geeignet. Es sind lediglich Deutschkenntnisse erforderlich. Die Bearbeitungsdauer wird mit fünf Minuten angegeben. Der Beurteilungszeitraum umfasst sieben Tage – dies lässt eine Verlaufskontrolle zu.

Der Selbstbeurteilungs-Fragebogen erfasst körperliche, kognitive und emotionale Beschwerden. Im körperlichen Bereich werden Einschränkungen, Schmerzen und somatische Erkrankungen abgefragt. Der Fokus liegt auf Beschwerden im Herz-Kreislauf-System. Im kognitiven Bereich werden Einschränkungen im mentalen Leistungssektor sowie Einstellungen und Bewertungen der eigenen Person erfasst. Im emotionalen Bereich liegen die Schwerpunkte auf Ängstlichkeit und depressiven Zuständen sowie auf Schamgefühlen, aggressiven Regungen und Misstrauen.[123] Des Weiteren kann ein Globalwert ermittelt werden, der sich auf den gesamten Fragebogen bezieht.[124]

Der voll standardisierte Fragebogen erfasst in jedem Bereich jeweils zehn Items und fragt subjektive Beschwerden ab. Die sechsstufigen Skalen umfassen die Spanne von „trifft nicht zu“ bis „trifft stark zu“. Zu jeder Itembatterie kann zusätzlich ein Gesamt-, Intensitäts- und Breitenwert ermittelt werden. Für jeden Bereich werden Test-Werte (T-Werte) im Bereich zwischen 20 und 80 ermittelt. Die T-Werte können in eine neunstufige Skala übertragen werden und spiegeln das T-Wert-Profil, zwischen „stark unterdurchschnittlich“ bis „stark überdurchschnittlich“ wieder.

Zur statistischen Berechnung von BOSS II wurden die T-Werte verwendet. Dadurch konnten die Veränderungen der Stressempfindung in den Bereichen körperliche, kognitive und emotionale Beschwerden erfasst werden. Sie stellen im Gegensatz zur neunstufigen Skala eine größere Interpretationsbreite zur Verfügung. Der BOSS II wurde als „ein Instrument zur Erfassung der klinischen Burnout-Symptomatik entwickelt“[125], was sich in der neunstufigen Skala widerspiegelt. Da der Fokus dieser Pilot-Studie nicht auf der Erfassung einer Burnout-Symptomatik liegt, wurde diese Skala nicht zur Berechnung herangezogen.

Das Konstruktionsprinzip von BOSS II entspricht dem der klassischen Testtheorie. Die interne Konsistenz von BOSS II wird zwischen α = .75 und α = .91 angegeben.[126]

8 Studiendesign

Studienleitung und Erhebung werden von derselben Person durchgeführt, die auch die Verfasserin der Thesis ist. Im Weiteren wird von der Verfasserin gesprochen.

Um im Vorfeld einen Überblick über eventuell auftretende Probleme bei der Erhebung zu bekommen, wurde ein Vorlauf mit zwei Probanden durchgeführt. Beide wurden drei Mal behandelt. Es handelte sich um eine Laborantin und eine Shiatsu-Praktikerin. Beide sollten mit konstruktiver Kritik aus dem Blickwinkel ihres Fachs mögliche Fehlerquellen aufdecken und den Ablauf der Pilot-Studie beurteilen. Ein wesentlicher Aspekt bei diesem Vorlauf war, einen klar konstruierten und reibungslosen Ablauf zu entwickeln. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse flossen in die Durchführung der Pilot-Studie ein. Die erhobenen Daten wurden nicht in die Datenanalyse aufgenommen.

An der Pilot-Studie konnten Männer und Frauen zwischen 18 und 65 Jahren, die keine Psychopharmaka einnahmen, teilnehmen. Außerdem sollten die Probanden seit einem Jahr keine Shiatsu-Anwendung erhalten haben. Dadurch sollten shiatsubedingte Einflussfaktoren reduziert werden.[127] Frauen sollten keine Hormone zur Verhütung einnehmen und nicht schwanger sein (siehe Kapitel 6.2.3). Um einer Bias durch „Gefälligkeits-Probanden“ vorzubeugen, wurde eine Schutzgebühr von EUR 120 für die fünf Behandlungen innerhalb der Pilot-Studie erhoben (siehe Kapitel 8.2 und Kapitel 10).

Bei der Kohorte handelt es sich um eine Stichprobe, die nach dem Eingang der Anmeldungen ausgewählt wurde. Auf eine Kontrollgruppe bzw. Randomisierung wurde verzichtet, da es sich um eine Pilot-Studie handelt und ferner den Rahmen der vorliegenden Arbeit übersteigen würde. Das Einbeziehen einer Kontrollgruppe sowie eine Randomisierung einer Shiatsu-Studie bedarf einer vorgeschalteten Machbarkeitsstudie (siehe Kapitel 4.1 und Kapitel 10). Die Akquirierung der Probanden erfolgte durch das Verteilen von Flyern (siehe Anlage 3), das Anschreiben von Klienten aus dem Kundenstamm, die Aktivierung von „Botschaftern“ – zufriedene Klienten, die für die Praxis Reklame machen – und einer Ausschreibung im Intranet der Deutschen Flugsicherung GmbH Langen (DFS). Gestaltung und Inhalt der jeweiligen Anschreiben entsprach dem Flyer.

Es konnten 15 Probanden für die Pilot-Studie in der Praxis gewonnen werden. Eine Probandin sagte vor Beginn der Erhebung wegen Zeitproblemen ab. Eine weitere Probandin wurde aus der Kohorte genommen, da die letzte Shiatsu-Anwendung nicht länger als ein Jahr zurücklag. Außerdem konnte aufgrund einer traumatischen familiären Situation eine Probandin nicht in den standardisierten Ablauf der Erhebung einbezogen werden. Für die Pilot-Studie in der Praxis blieben somit 12 Probanden.

Aufgrund der Ausschreibung meldete sich die Internationale Spedition H. & C. Fermont GmbH & Co. KG, im Folgenden Fermont genannt, die für sechs Frauen die Kosten für die Teilnahme an der Pilot-Studie übernahm. Zwei der Frauen nahmen Verhütungsmittel, daher wurden bei ihnen keine OT-Werte gemessen. Daraus ergibt sich, dass sechs Probanden an der Fragebogenerhebung und davon vier Frauen an der OT-Erhebung teilnahmen. Den Probanden wurde garantiert, dass keine aus der Studie gewonnenen Informationen an die Firma Fermont weitergegeben werden, auch wenn diese die Schutzgebühr übernimmt.

In der DFS konnten sechs Probanden für die Pilot-Studie gewonnen werden. Alle nahmen an der Fragebogenerhebung teil. Eine Probandin konnte aus zeitlich-organisatorischen Gründen nicht an der OT-Erhebung teilnehmen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Teilnehmerzahl in dem jeweiligen Erhebungsort

[...]


[1] Selye 1981, S. 126.

[2] Wilkinson 2004, S. 13–14.

[3] Vgl. Lohmann-Haislah und Schütte 2013.

[4] Stock und Uvnäs-Moberg 1988.

[5] Morhenn et al. 2012, S. 11.

[6] Uvnäs-Moberg und Petersson 2011, S. 153–154.

[7] Ebd., S. 149.

[8] Hertenstein op. 2007, S. 11–18.

[9] Ebd., S. 41–47.

[10] Ebd., S. 60–67.

[11] Caldji et al. 2000, S. 1164.

[12] Uvnäs-Moberg und Petersson 2011, S. 147.

[13] Ebd., S. 147.

[14] Burke 2014, S. 23.

[15] Uvnäs-Moberg 2015, S. 109–112.

[16] Siegenthaler und Amann-Vesti 2006, S. 329.

[17] Geuenich und Hagemann 2014, S. 30.

[18] Kishi und Whieldon 2015, S. 33–39.

[19] Koers 2016, S. 147–171.

[20] Vgl. Kien.

[21] Morhenn et al. 2012, S. 12–13.

[22] Burke 2014.

[23] Koers 2016.

[24] Yuan et al. 2013.

[25] Long 2007.

[26] Kleinau 2016.

[27] Kleinau 2016, S. 12 & Tamai 2008.

[28] Kobayashi 2011.

[29] WHO 2007, S. 232

[30] Kleinau 2016, S. 58–59.

[31] Ebd., S. 51.

[32] Gesellschaft für Shiatsu Deutschland.

[33] Shiatsu Therapy Association of Ontario (STAO).

[34] Shiatsu Therapy Association of Australia.

[35] Masunaga und Ohashi 1989.

[36] Masunaga und Ohashi 1989, S. 27–29.

[37] Skramlik 1937, S. 27.

[38] Das Herkunftswörterbuch 2015, S. 547.

[39] Das Herkunftswörterbuch 2015, S. 708.

[40] Grunwald 2001, S. 3.

[41] Grunwald und Beyer 2001, Vorwort.

[42] Grunwald 2001, S. 2–5.

[43] Beyer und Weiss 2001, S. 26.

[44] Weiss 2001, S. 39.

[45] John 2001, S. 16–17.

[46] Ebd., S. 18.

[47] Koers 2017, S. 14–15.

[48] Selye 1981, S. 126.

[49] Hinz et al. 2016, S. 224.

[50] Sinclair und Cheung 2016, S. 181.

[51] Petersson et al. 1998, S. 115.

[52] Kury 2012, S. 12

[53] Ebd.

[54] Kury 2012, S. 12.

[55] Ebd., S. 12–13.

[56] Wilkinson 2004, S. 13–14.

[57] Europäischer Dach-Verband für Stress-Medizin.

[58] Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) 2016, S. F43,-.

[59] Selye 1981, S. 126.

[60] Ebd., S. 127.

[61] Kaluza 2007, S. 7.

[62] Kaluza 2007, S. 8.

[63] Ebd.

[64] Ebd., S. 17–19.

[65] Ebd., S. 10.

[66] Ebd.

[67] Ebd., S. 34–35.

[68] del Monte 2010, S. 2.

[69] del Monte 2010, S. 10.

[70] Ebd., S. 10–12

[71] del Monte 2010, S. 12–13.

[72] Hennig und Netter 2005, S. 303.

[73] Uvnäs-Moberg 2015, S. 114–117.

[74] Ebd., S. 115.

[75] Ebd., S. 108.

[76] Ebd., S. 116.

[77] Ebd., S. 114.

[78] Ebd., S. 113.

[79] The Official Web Site of Nobel Prize und Henry Dale.

[80] The Official Web Site of Nobel Prize und Vincent du Vigneaud.

[81] Chen et al. 2015, S. 1.

[82] Kanat et al. 2014, S. 160.

[83] McCullough et al. 2013, S. 1486.

[84] Neumann und Landgraf 2012, S. 649.

[85] Uvnäs-Moberg und Petersson 2011, S. 148.

[86] Morhenn et al. 2012, S. 11.

[87] Engert et al. 2016, S. 111.

[88] Zak et al. 2005, S. 526.

[89] Schandry 2011, S. 100.

[90] Ebd., S. 136

[91] Ryden und Sjoholm 1969, S. 430

[92] Ebd., S. 427–428

[93] Arias 2000, S. 459

[94] Gonser 1995, S. 63

[95] Schandry 2011, S. 133

[96] Ebd.

[97] Uvnäs-Moberg und Petersson 2011, S. 149–150.

[98] Ebd., S. 150.

[99] Ebd.

[100] Gimpl und Fahrenholz 2001, S. 629.

[101] Birbaumer und Schmidt 2010, S. 60.

[102] Uvnäs-Moberg und Petersson 2011, S. 150.

[103] Schumacher et al. 1993, S. 115.

[104] McCullough et al. 2013, S. 1485–1486.

[105] Ebd., S. 1485.

[106] Ebd., S. 1486–1488.

[107] Kraft und Dürr 2005, S. 7.

[108] Strobach 1994, S. 1.

[109] CHARD et al. 1970, S. Abstrakt.

[110] Prakash et al. 1998, S. 185.

[111] Strobach 1994, S. 1.

[112] McCullough et al. 2013, S. 1486.

[113] McCullough et al. 2013, S. 1486–1487.

[114] Ebd., S. 1488.

[115] Ebd., S. 1489–1490.

[116] Jong et al. 2015, S. 382.

[117] McCullough et al. 2013, S. 1489.

[118] Holt-Lunstad et al. 2011, S. 1249.

[119] Ebd., S. 1251.

[120] Jong et al. 2015, S. 382.

[121] Ebd., S. 383.

[122] Ebd., S. 381.

[123] Geuenich und Hagemann 2014, S. 13.

[124] Ebd., S. 34..

[125] Ebd., S. 9

[126] Geuenich und Hagemann 2014, S. 11–14.

[127] Koers 2016, S. 100–107.

Ende der Leseprobe aus 127 Seiten

Details

Titel
Hat Shiatsu einen positiven Einfluss auf die Stressverarbeitung?
Untertitel
Eine Pilot-Studie mit Fokus auf der Berührung durch eine Shiatsu-Anwendung mittels der Messinstrumente Oxytocin und Fragebogenerhebung
Hochschule
Steinbeis-Hochschule Berlin  (Institut für Komplementäre Methoden)
Note
1
Autor
Jahr
2018
Seiten
127
Katalognummer
V438264
ISBN (eBook)
9783668784895
ISBN (Buch)
9783668784901
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine Zusammenfassung der Arbeit ist unter der Katalognummer v437913 zu finden.
Schlagworte
Stress, Shiatsu, Oxytocin, Pilotstudie
Arbeit zitieren
Claudia Leyh-Dexheimer (Autor), 2018, Hat Shiatsu einen positiven Einfluss auf die Stressverarbeitung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/438264

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