Aspekte der Beschreibung von Funktionsverbgefügen


Seminararbeit, 2000

22 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungen

1. Einleitung

2. Funktionsverbgefüge als sprachliche Struktur
2.1 Eigenschaften von Funktionsverbgefügen
2.2 Morphologische Typen von Funktionsverbgefügen
2.3 Funktionsverbgefüge mit Präpositionalgruppe

3. Funktionsverbgefüge in der Satzstruktur

4. Subklassen der Funktionsverbgefüge

5. Kriterien zur Ermittlung von Funktionsverbgefügen
5.1 Einschränkungen der Kriterien

6. Semantische Leistungen der Funktionsverbgefüge

7. Zusammenfassung

8. Literaturangaben

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Es gibt im Deutschen bestimmte syntaktische Konstruktionen, die in anderen Sprachen oft keine direkte Entsprechung finden und die hinsichtlich ihrer Bedeutung unterschiedlich bewertet werden. Besonders interessant ist die Gruppe der Funktionsverbgefüge. Sprach- und Stilkritiker beurteilten sie bereits in der Vergangenheit häufig negativ, weil sie angeblich zu Verumständlichungen des Ausdrucks und zu einem unangemessenen Nominalstil führen.

Die Sprachwissenschaft beschäftigt sich erst seit den 1960er Jahren mit den Funktionsverbgefügen und schloss dabei die bis dahin vorherrschenden Werturteile aus. Der Begriff „Funktionsverb“ wurde von Peter von Polenz für Verben geprägt, die „nur noch für rein formale Funktionen des Satzbaus“ (Polenz 1963: 11) verwendet werden.

Wir haben uns im Seminar „Syntax“ anhand von Eisenbergs „Grundriß der deutschen Grammatik“ mit Funktionsverbgefügen beschäftigt, wobei mir bewusst wurde, dass über diese sprachliche Struktur sehr verschiedene Meinungen herrschen. Dies gilt insbesondere für ihre Integration in die Satzstruktur und für ihren semantischen Wert, d.h. die spezifische sprachliche Leistung von Funktionsverbgefügen. Ich möchte versuchen, unterschiedliche Positionen darzustellen und außerdem eine Reihe von relativ weit anerkannten Merkmalen dieser syntaktischen Konstruktion herauszustellen. Des Weiteren werde ich die verschiedenen Formen beschreiben, die mehr oder weniger häufig unter den Begriff „Funktionsverbgefüge“ gefasst werden.

Neben dem „Grundriß der deutschen Grammatik. Band 2: Der Satz“ von Peter Eisenberg beziehe ich in meine Arbeit vor allem Schriften von Gerhard Helbig und Peter von Polenz zu diesem Thema ein. Darüber hinaus werden die Duden- Grammatik, die „Grammatik der deutschen Sprache“ von Walter Jung und die „Deutsche Grammatik“ für den Ausländerunterricht von Helbig/ Buscha zugrunde gelegt.

2. Funktionsverbgefüge als sprachliche Struktur

Funktionsverbgefüge bestehen aus einem Verb mit lokaler oder direktionaler Grundbedeutung, das jedoch in einer abgeleiteten Bedeutung verwendet wird, und aus einem nominalen Teil. Der verbale Teil verliert in dieser Konstruktion seine ursprüngliche lexikalische Bedeutung und seinen Vollverb-Status. Er wird zum „Funktionsverb“. Der nominale Teil ist in der Regel ein Verbalabstraktum (oder Adjektivabstraktum), ein Nomen actionis.

(1) Er bringt Peter eine Tasse Tee.

(2) Er bringt die Maschine in Gang.

In Beispiel (1) tritt bringen als Vollverb auf, da es eine direktionale Bedeutung besitzt: Die Tasse Tee gelangt durch eine Ortsveränderung zu Peter. Im zweiten Beispiel ist diese Bedeutung verlorengegangen: Die Frage Wohin bringt er die Maschine? könnte mit in Gang nicht sinnvoll beantwortet werden. Hier besteht offensichtlich eine enge Bindung zwischen Funktionsverb und Präpositionalgruppe, d.h. sie stellen eine semantische Einheit dar und werden daher häufig als mehrteiliges Prädikat analysiert. Diese Aufgabe kann von bringen als Vollverb allein, nicht jedoch als Funktionsverb wahrgenommen werden.

2. 1 Eigenschaften von Funktionsverbgefügen

Es gibt eine Reihe von Eigenschaften, die Funktionsverbgefügen zugeschrieben werden. Die folgenden gelten als weithin anerkannt und wenig umstritten:

Das Funktionsverb und das Verbal- bzw. Adjektivabstraktum bilden eine semantische Einheit, d.h. beide können nicht getrennt voneinander in dieser Form vorkommen.

Zwischen FVG und entsprechendem Vollverb bzw. Adjektiv (und Kopulaverb) herrscht weitgehende Synonymie, d.h. sie können ohne wesentliche Bedeutungsänderung ausgetauscht werden.

(3) Sein Artikel kam zum Abdruck. ® Sein Artikel wurde abgedruckt.

(4) Susanne geriet in Aufregung. ® Susanne wurde aufgeregt.

Die Hauptbedeutung des Funktionsverbgefüges liegt im nominalen Teil und nicht im Funktionsverb.

Das FV kann in anderen Kontexten in der Regel auch als Vollverb auftreten. Als Funktionsverb hat es jedoch „seinen semantischen Gehalt weitgehend reduziert“ und „vor allem seinen begrifflichen Gehalt eingebüßt“ (Helbig 1979: 274). Siehe Beispiele (1) und (2).

Das Verbal- oder Adjektivabstraktum enthält den spezifischen semantischen Gehalt des Funktionsverbgefüges, der bei einer Substitution vom jeweiligen Basisverb bzw. -adjektiv ausgedrückt wird.

Auch Präpositionen im FVG sind weitgehend desemantisiert. Sie haben „eine kasusartige Funktion“ (Helbig 1979: 274).

Neben diesen Merkmalen gibt es noch weitere Eigenschaften, die Funktionsverbgefügen zugeschrieben werden, die jedoch nicht weitläufig anerkannt sind. Es wird verschieden bewertet, wie weit die Desemantisierung der Funktionsverben geht. Sie erfüllen morphologisch-syntaktische Aufgaben als Träger der verbalen Kategorien Person, Numerus, Tempus, Genus und Modus. Darüber hinaus besitzt das FV auch noch eine sehr allgemeine semantische Funktion, indem es die Merkmale durativ, inchoativ und kausativ ausdrückt.

(5) Er steht unter Beobachtung.

(6) Das Thema kommt zur Sprache.

(7) Susanne bringt das Thema zur Sprache.

Bei (5) wird durch stehen ein Zustand bzw. dessen Andauern beschrieben und somit eine durative Bedeutung ausgedrückt. In (6) wird durch kommen ein Zustandsbeginn angezeigt, daher liegt eine inchoative Bedeutung vor. Beispiel (7) führt einen Verursacher ein, der zusammen mit bringen eine kausative Bedeutung anzeigt. Anhand dieser Merkmale wird erkennbar, dass die Funktionsverbgefüge nicht immer mit den jeweiligen Vollverben oder Adjektiven ohne Bedeutungsverschiebung ausgetauscht werden können. Daher ist es unangemessen, sie nur unter stilistischen Gesichtspunkten zu betrachten und gegenüber den Vollverben abzuwerten.

Funktionsverbgefüge müssen von Phraseologismen (z.B. ins Gras beißen) abgegrenzt werden. Bei beiden handelt es sich um „lexikalische Elemente, die eine semantische Einheit bilden“ (Helbig 1979: 275). Im Gegensatz zu den Funktionsverbgefügen ist jedoch bei Phraseologismen die Bedeutung nur im Ganzen erfassbar, während die einzelnen Teile semantisch leer sind. Das Funktionsverb besitzt eine bestimmte, sehr allgemeine Bedeutung, die zur Reihenbildung führt.

(8) zum Ausdruck/ zur Anwendung/ zur Vernunft kommen

(9) Abstand/ Einblick/ Einfluss/ Rücksicht nehmen

2. 2 Morphologische Typen von Funktionsverbgefügen

Es gibt verschiedene syntaktische Konstruktionen, die unter den Begriff „Funktionsverbgefüge“ gefasst werden:

1. FV und Präpositionalgruppe

(10) Sie bringt die Akten in Ordnung.

2. FV und Substantiv im Akkusativ

(11) Susanne gibt ihr Einverständnis.

3. FV und Substantiv im Nominativ

(12) Zwischen den Texten besteht kein Zusammenhang.

4. FV und Substantiv im Dativ

(13) Er unterzieht den Schüler einer Prüfung.

5. FV und Substantiv im Genitiv

a) (14) Der Vorschlag bedarf einer vollständigen Untersuchung.

b) (15) Susanne ist der Meinung, dass er es schafft.

Bei 5b) können als Funktionsverben nur sein oder bleiben auftreten.

Allen diesen Typen ist gemeinsam, dass das FVG meist durch ein Vollverb oder ein Kopulaverb mit Adjektiv ersetzt werden kann, z.B.:

zu 1) Sie ordnet die Akten.

zu 2) Susanne ist einverstanden.

zu 3) Die Texte hängen nicht zusammen.

zu 4) Er prüft den Schüler.

zu 5) a) Der Vorschlag muss vollständig untersucht werden.

b) Susanne meint, dass er es schafft.

In der Regel hat das entsprechende Vollverb oder Adjektiv den gleichen Stamm wie das Verbal- oder Adjektivabstraktum im Funktionsverbgefüge. Bei 5a) ist eine Substitution durch das entsprechende Vollverb untersuchen nicht möglich, ohne die Bedeutung des Satzes zu verändern.

Es gibt aber auch auffällige Unterschiede zwischen den Typen. Die Varianten 4) und 5) treten nur in wenigen Fällen auf und bilden kaum Reihen. Des Weiteren sind sie schwer auf die allgemeinen Kriterien durativ, inchoativ und kausativ zurückzuführen. Auch andere charakteristische Merkmale von Funktionsverbgefügen werden von ihnen nicht erfüllt. Der modale Aspekt der Notwendigkeit in Beispiel 5a) tritt normalerweise nicht auf. Man müsste einer vollständigen Untersuchung wohl eher als Objekt auffassen, was aber der engen semantischen Bindung von Funktionsverb und nominalem Teil entgegen stände. Typ 3 zeigt eine Reihenbildung, die mit den für 1 und 2 charakteristischen Merkmalen beschreibbar ist:

(16) Es besteht/ herrscht (kein) Zusammenhang

(17) Zusammenhang entsteht/ kommt zustande/ ergibt sich

(18) XY schafft/ verursacht/ stellt Zusammenhang her

Beispiel (16) drückt durch die eingesetzten Verben das Andauern eines Zustandes aus und kann somit als „durativ“ bezeichnet werden. In (17) wird der Beginn eines Zustandes betont, es liegt daher eine inchoative Bedeutung vor. Bei (18) tritt eine Person als Verursacher eines Zustandes hinzu und gibt der Aussage ein kausatives Merkmal. Trotz dieser Eigenschaften gibt es bei dem Typ FV mit Substantiv im Nominativ wesentlich weniger einsetzbare Funktionsverben als bei den Varianten mit Präpositionalgruppe oder Substantiv im Akkusativ. Daher wird Typ 3 nicht ins Zentrum der Funktionsverbgefüge gestellt, wie das bei 1 und 2 der Fall ist. Diese bilden umfangreiche Reihen und können durch die allgemeinen Merkmale durativ, inchoativ und kausativ beschrieben werden. Des Weiteren besitzen sie die Eigenschaften von Funktionsverbgefügen, auch wenn gelegentlich Bildungen auftreten, die einige Abweichungen aufweisen.

2. 3 Funktionsverbgefüge mit Präpositionalgruppe

Die Funktionsverbgefüge mit Präpositionalgruppe bilden eine Sonderform, bei der die Bindung von Funktionsverb und nominalem Teil enger ist als bei der Konstruktion mit Akkusativobjekt. Sie werden daher von Peter von Polenz besonders herausgestellt und von Eisenberg als Kernbereich der Funktionsverbgefüge behandelt.

Von Polenz stellt fest, dass zwischen eine Entscheidung treffen und zur Entscheidung bringen auch ein wesentlicher semantischer Unterschied besteht. Bei eine Entscheidung treffen könnte als Verb auch machen oder tun eingesetzt werden, was bei zur Entscheidung bringen nicht möglich ist. Daher bleibt die Art der Tätigkeit „entscheiden“ bei eine Entscheidung treffen unverändert. Dagegen schließt zur Entscheidung bringen Bedeutungen wie einer Entscheidung zuführen, eine Entscheidung herbeiführen ein. Laut von Polenz wird „der momentane Vorgang des Entscheidens zeitlich zerdehnt.“ (Polenz 1963: 14).

Eisenberg vergleicht diese Art FVG mit präpositionalem Objekt und Adverbial. Er stellt dabei fest, dass die Präposition sich nicht an das Verb, sondern an das Nominal bindet. Die Bindung zwischen diesen „ist enger als bei den üblichen PrGr mit ihrer Rektionsbindung, sie kann bis zur Lexikalisierung führen.“ (Eisenberg 1999: 301). Durch die syntaktische und semantische Beziehung zwischen Präpositionalgruppe und Funktionsverb entsteht das Funktionsverbgefüge. Als Präpositionen treten meist zu oder in auf, als Funktionsverben findet man am häufigsten kommen und bringen. Die auftretenden Substantive sind schwerer formal abzugrenzen. Der Typ „Verbalabstraktum“ und das Verhalten innerhalb der Präpositionalgruppe sind charakteristisch.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Aspekte der Beschreibung von Funktionsverbgefügen
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Syntax (Proseminar)
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
22
Katalognummer
V43845
ISBN (eBook)
9783638415484
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aspekte, Beschreibung, Funktionsverbgefügen, Syntax
Arbeit zitieren
Yvonne Luther (Autor), 2000, Aspekte der Beschreibung von Funktionsverbgefügen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43845

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