In der vorliegenden Arbeit wird die Seesturmerzählung Lk 8,22-25 exegetisch untersucht. Der Übersetzung folgt eine textkritische Untersuchung, in der ausgewählte Stellen des Lukastextes auf ihre Ursprünglichkeit hin überprüft werden. Die Textanalyse geht synchron auf erste sprachliche und stilistische Besonderheiten der vorliegenden Fassung ein, um auf diesem Weg bereits erste Schlüsse bezüglich der Aussageabsicht des Autors ziehen zu können. Außerdem wird hier die Perikope hinsichtlich ihrer Stellung und Funktion im weiteren und engeren Kontext des Evangeliums beleuchtet. Die sich anschließende Literarkritik geht nun diachron vor und untersucht die Abhängigkeitsverhältnisse, die zwischen den entsprechenden Seesturmerzählungen bei Matthäus, Markus und Lukas bestehen. Ist eine solche Abhängigkeit innerhalb der Synoptiker für diese Perikope feststellbar, wird im ersten Schritt der Formgeschichte die ursprüngliche Fassung hinsichtlich der vorgenommenen Redaktion beleuchtet. Alle redaktionellen Eingriffe werden von der Erzählung abgetrennt. Die verbleibende Form der Erzählung wird als vorsynoptisch angenommen, wobei im folgenden versucht wird, sie einer Gattung zuzuordnen und sie bezüglich ihrer soziologischen Funktion zu analysieren. Da der religionsgeschichtliche Vergleich sich in einem zentralen Aspekt direkt auf Ergebnisse der formgeschichtlichen Untersuchung bezieht, wird dieser Abschnitt unmittelbar nach Abschnitt „Formgeschichte“ eingefügt. Er beschäftigt sich mit etwaigen Parallelen der Erzählung von der Sturmstillung in anderen Traditionen, wie der jüdischen oder paganen Antike. Im Abschnitt „Motivgeschichte“ wird ein zentrales Motiv aus der Erzählung herausgegriffen und in bezug auf seine veränderte Bedeutung in verschiedenen Traditionen und Zusammenhängen hin analysiert. Die Redaktionsgeschichte kehrt wieder zum Ausgangstext zurück und thematisiert auf Grundlage der diachronen Untersuchung und unter Zurhilfenahme der textanalytischen Erkenntnisse die redaktionellen Eingriffe des Lukas und geht auf spezielle inhaltliche und theologische Intentionen des Evangelisten ein.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Übersetzung
III. Textkritik
IV. Textanalyse
V. Literarkritik
VI. Formgeschichte
VII. Religionsgeschichtlicher Vergleich
VIII. Motivgeschichte
IX. Redaktionsgeschichte
X. Hermeneutische Überlegungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die Seesturmperikope (Lukas 8, 22-25) einer umfassenden exegetischen Untersuchung zu unterziehen, um deren ursprüngliche Fassung, redaktionelle Gestaltung durch den Evangelisten Lukas sowie deren theologische Bedeutung zu erschließen.
- Textkritische Analyse der lukanischen Fassung
- Synchronische Textanalyse und diachrone Literarkritik
- Formgeschichtliche Einordnung als Wundererzählung
- Religionsgeschichtlicher Vergleich mit antiken Traditionen
- Untersuchung der Motivgeschichte von Furcht und Glaube
- Redaktionsgeschichtliche Einordnung in den lukanischen Kontext
Auszug aus dem Buch
1.) Linguistische Analyse
Verweist man auf die Exposition seines Evangeliums (Lk 1, 1-4), so ist ersichtlich, daß Lukas in der vorliegenden Erzählung seinem Grundsatz treu geblieben ist, sich wie in einem Bericht auf das Wesentliche zu konzentrieren. Des weiteren gibt er an, seine Quellen sorgfältig geprüft und sich bevorzugt auf Augenzeugenberichte verlassen zu haben. Diese Arbeitsweise steht jedoch keineswegs im Widerspruch dazu, seine auf das Wesentliche beschränkten Erzählungen spannend und stilistisch hochwertig zu gestalten. Die linguistische Analyse ergibt zunächst, daß ein narrativer Text vorliegt und man eventuell anhand des Schreibstils auch von einem berichtartigen Text sprechen kann.
Die Erzählung umfaßt achtzig Wörter, von denen neunzehn konjugierte Verbformen und sechs Partizipien sind. Das entspricht zusammengenommen einem Anteil von 31% des Gesamttextes. Hinzu kommen ebenfalls neunzehn Konjunktionen, bei denen der Gebrauch der verbindenden Konjunktion kai, überwiegt und folglich die Erzählung größtenteils aus Parataxen besteht, was zu einem höheren Grad an Verständlichkeit beiträgt. Mehr als die Hälfte des Textes besteht jedenfalls aus Verben und verbindenden Konjunktionen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung umreißt das methodische Vorgehen der exegestischen Untersuchung, von der Textkritik über die synchrone und diachrone Analyse bis hin zur hermeneutischen Reflexion.
II. Übersetzung: Dieses Kapitel präsentiert die Übersetzung des griechischen Urtextes von Lukas 8, 22-25 in die deutsche Sprache.
III. Textkritik: Es erfolgt eine detaillierte Prüfung verschiedener Lesarten anhand äußerer handschriftlicher Befunde und innerer Kriterien, um die ursprüngliche Fassung zu bestimmen.
IV. Textanalyse: Die linguistische Untersuchung beleuchtet den narrativen Stil, die grammatikalische Struktur und die bewusste Verwendung von Tempuswechseln zur Dramatisierung der Erzählung.
V. Literarkritik: Durch den Vergleich mit den synoptischen Parallelen wird die Abhängigkeit der Evangelisten untersucht und die Hypothese einer gemeinsamen Quelle sowie redaktioneller Glättungen geprüft.
VI. Formgeschichte: Die Perikope wird gattungskritisch als Rettungswunder bzw. Novelle klassifiziert und ihr Sitz im Leben bestimmt.
VII. Religionsgeschichtlicher Vergleich: Der Abschnitt vergleicht die Seesturmerzählung mit alttestamentlichen, jüdischen und antiken Traditionen zur Beherrschung der Naturgewalten.
VIII. Motivgeschichte: Das zentrale Motiv der Furcht (fobe,w/fo,boj) wird etymologisch und in seiner theologischen Funktion als stereotype Reaktion auf Epiphanien untersucht.
IX. Redaktionsgeschichte: Hier wird analysiert, wie Lukas den Stoff theologisch bearbeitet, um Jesus ins Zentrum zu rücken und die christologische Identitätsfrage zu schärfen.
X. Hermeneutische Überlegungen: Abschließend wird die Bedeutung der Erzählung für den zeitgenössischen Glauben und die Lebenspraxis reflektiert.
Schlüsselwörter
Seesturmperikope, Lukas 8, 22-25, Exegese, Historisch-kritische Methode, Wundererzählung, Epiphanie, Textkritik, Literarkritik, Motivgeschichte, Furcht, Glaube, Redaktionsgeschichte, Jesus Christus, Synoptiker, Hermeneutik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit bietet eine exegetische Untersuchung der Seesturmperikope nach Lukas (8, 22-25) unter Anwendung historisch-kritischer Methoden.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Untersuchung ab?
Die Arbeit umfasst textkritische, linguistische, formgeschichtliche und redaktionsgeschichtliche Analysen sowie einen religionsgeschichtlichen Vergleich.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Erschließung der ursprünglichen Fassung und der spezifisch lukanischen theologischen Intention hinter der Erzählung der Sturmstillung.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird die historisch-kritische Exegese angewendet, inklusive Textkritik, literarkritischem Synopsenvergleich und formgeschichtlicher Gattungsanalyse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Text linguistisch, untersucht die literarische Abhängigkeit zu Markus und Matthäus, vergleicht das Motiv des Sturms mit antiken Traditionen und arbeitet die theologische Aussageabsicht des Lukas heraus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Seesturmperikope, Exegese, Epiphanie, Redaktionsgeschichte, Christologie und der Sitz im Leben.
Welche Rolle spielt die Unterscheidung zwischen dem "Meister" und dem "Herrn" bei Lukas?
Lukas nuanciert in der Anrede Jesu stark zwischen Titeln wie Didaskalos (Lehrer), Epistates (Meister) und Kyrios (Herr), um die wachsende Offenbarung der göttlichen Identität Jesu darzustellen.
Warum spielt das Motiv der Furcht eine so zentrale Rolle?
Die Furcht wird als stereotype Reaktion auf die Epiphanie göttlicher Macht gedeutet, wobei Lukas eine deutliche Entwicklung von der panischen Angst der Jünger hin zur Ehrfurcht vor der göttlichen Autorität Jesu vollzieht.
Wie bewertet der Autor die "Minor Agreements" zwischen Matthäus und Lukas?
Der Autor argumentiert, dass die gemeinsamen Abweichungen der beiden Evangelisten vom Markustext meist auf einen Zwischenredaktor oder bewusste stilistische Glättungen zurückzuführen sind und die Zwei-Quellen-Theorie nicht entkräften.
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- Jörg Röder (Author), 2004, Die Seesturmperikope (Lukas 8, 22-25), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43855