Diese Arbeit beschäftigt sich mit Michel Foucaults Begriff der Biopolitik in der heutigen Zeit.
Die Griechen verstanden zu Aristoteles Zeiten «Leben» zum einen als Tatsache des Lebens von Mensch, Tier und Göttern und nannten das «zoe». Zum anderen beschrieben sie mit «bios» die Lebensweise, die einem Menschen oder einer Gruppe eigen ist. Diese Daseinsform findet auf mehreren Ebenen statt, zum Beispiel als soziales und politisches Leben («bios politikos»). Bezeichnenderweise kennt das Altgriechische kein Plural für «zoe»; Das biologische, reproduktive Leben existiert nun mal nicht auf verschiedenen Ebenen (Agamben, 2002). Das von Aristoteles beschriebene «lebende Tier, das auch zu einer politischen Existenz fähig ist» – das «politikon zoon» – kehrte Michel Foucault in sein Gegenteil. Der moderne (liberale) Staat vereinnahmt das Lebewesen («zoe») als Teil seiner Staatsmacht. «Bios» frisst «zoe» und verleibt sich seine Gene ein. Der heutige Mensch «ist ein Tier, in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht.» (Foucault, 1977). Es geht um Macht, Politik, Bevölkerung und Individuum. Das ist das Spielfeld von Michel Foucaults Biopolitik. Foucault entwickelte den Begriff der «Biopolitik» durch sorgfältige Analyse der Veränderung der Lebensweise der Menschen und der Launenhaftigkeit der Machtverhältnisse (Foucault, 1999). Um «Biopolitik» zu begreifen, muss man wissen, was Foucault unter Macht verstanden hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Das politische Tier
2. Was ist Macht?
2.1. Die Souveränitätsmacht – Sterben machen und Leben lassen
2.2. Die Disziplinarmacht und die Individualisierung
2.3. Die Gouvernementalität – Disziplinarmacht trifft auf Biomacht
3. Die Biopolitik – hin zur Normalisierung
3.1. Der Tod ist nicht mehr das, was er früher einmal war…
3.2. …und das Leben schon gar nicht – Leben machen und Sterben lassen
3.3. Biopolitik ist nicht unbedingt Biomacht
4. Biopolitik heute und in Zukunft
5. Michel Foucault – Eine Kurzbiografie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konzepte der Biopolitik und Macht nach Michel Foucault im Kontext der modernen, auf Sicherheit bedachten Gesellschaft. Sie analysiert, wie sich Machtformen von der klassischen Souveränitätsmacht über die Disziplinarmacht zur heutigen Gouvernementalität gewandelt haben und wie diese Prozesse den modernen Menschen und die Bevölkerung prägen.
- Wandlung der Machtbegriffe nach Michel Foucault
- Die historische Verschiebung von Souveränitätsmacht zu Biomacht
- Mechanismen der gesellschaftlichen Disziplinierung
- Die Rolle der Normalisierung und Selbstoptimierung
- Zukunftsperspektiven der Biopolitik durch moderne Gentechnologie
Auszug aus dem Buch
2.1. Die Souveränitätsmacht – Sterben machen und Leben lassen
Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts galt der menschliche Körper als Ziel der strafenden Repression. Das biblische «Du sollst nicht…» bestrafte der Souverän physisch: Es ging um die Zerstörung des Individuums.
Als letzte Episode der Bestrafungspraxis einer (juridischen) Souveränitätsmacht beschrieb Foucault die Hinrichtung von Robert-Francois Damiens in Paris im Jahr 1757 (Foucault, 1993). Damiens hatte versucht, König Ludwig XV. zu ermorden. Obwohl es beim Versuch blieb, bestrafte man Damiens wie einen Königsmörder, denn das französische Gesetz kannte da keinen Unterschied. Das Urteil sah zahlreiche Bestrafungen vor, welche die komplette physische Vernichtung von Damiens zum Ziel hatte.
Es war eine Zeit, in der der Souverän «Sterben machen und Leben lassen» konnte. Wobei lediglich das Sterben ein aktiver Vorgang darstellte. Das Leben konnte man nicht anordnen. Der Souverän erlangte nur durch das Töten die Macht über das Leben. Es war eine Machtform des Wegnehmens und Abschöpfens, die auf physischer Gewalt basierte: offensichtlich eine Macht-Asymmetrie (Kammler, Parr, & Schneider, 2017).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das politische Tier: Dieses Kapitel erläutert den Übergang vom aristotelischen «lebenden Tier» hin zum modernen Menschen, dessen Leben als Lebewesen zum zentralen Gegenstand politischer Macht geworden ist.
2. Was ist Macht?: Es wird Foucaults Verständnis von Macht als allgegenwärtiges Kräfteverhältnis dargestellt, das nicht unterdrückt, sondern produktiv Wissen und soziale Kontrolle generiert.
2.1. Die Souveränitätsmacht – Sterben machen und Leben lassen: Untersuchung der historischen Machtform, die auf physischer Gewalt basierte und den Tod als Sanktionsmittel einsetzte.
2.2. Die Disziplinarmacht und die Individualisierung: Analyse der Techniken, die Körper in Institutionen wie Schulen oder Gefängnissen durch Beobachtung und Normierung formen und disziplinieren.
2.3. Die Gouvernementalität – Disziplinarmacht trifft auf Biomacht: Beschreibung des modernen Regierungssystems, das über Techniken der Selbstführung und staatliche Regulierung die Bevölkerung steuert.
3. Die Biopolitik – hin zur Normalisierung: Betrachtung der Verwaltung des Lebens durch demografische Daten und wissenschaftliche Berechnungen zur Optimierung der gesamten Bevölkerung.
3.1. Der Tod ist nicht mehr das, was er früher einmal war…: Diskussion über die Verschiebung des Todesbegriffs durch moderne medizinische Fortschritte und die Entstehung von Zwischenzuständen.
3.2. …und das Leben schon gar nicht – Leben machen und Sterben lassen: Darstellung der Umkehrung des Machtmodus hin zu medizinischen Techniken, die Leben produzieren oder gezielt beenden können.
3.3. Biopolitik ist nicht unbedingt Biomacht: Differenzierung zwischen der individuellen Selbstoptimierung und der übergeordneten makropolitischen Steuerung der Bevölkerung.
4. Biopolitik heute und in Zukunft: Analyse gegenwärtiger Tendenzen wie Biohacking und Gentechnologie, die neue ethische Fragen zur Menschenoptimierung aufwerfen.
5. Michel Foucault – Eine Kurzbiografie: Ein kurzer Überblick über das Leben und Wirken des französischen Philosophen und seine Bedeutung für die Sozialwissenschaften.
Schlüsselwörter
Biopolitik, Biomacht, Gouvernementalität, Machtverhältnisse, Disziplinierung, Souveränitätsmacht, Mikrophysik der Macht, Selbstoptimierung, Bevölkerung, Normalisierung, Wissensmacht, Gentechnik, Überwachung, Subjekt, Foucault
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Konzepte der Biopolitik und der Macht nach Michel Foucault und deren Bedeutung für die gesellschaftliche Disziplinierung in der heutigen Zeit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind der Wandel historischer Machtformen, das Verhältnis von Macht und Wissen, die Biopolitik sowie der Einfluss medizinischer und technologischer Entwicklungen auf das menschliche Leben.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit möchte aufzeigen, wie Foucaults Machtanalysen dabei helfen können, die heutige «Null-Risiko-Gesellschaft» und die damit einhergehenden Disziplinierungsstrategien besser zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine diskursanalytische Methode, basierend auf der Lektüre und Interpretation der Werke von Michel Foucault sowie ergänzender Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Machtformen, die Entwicklung der Biopolitik, die Veränderung der Wahrnehmung von Leben und Tod sowie die aktuelle Debatte um Gentechnik und Selbstoptimierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Biopolitik, Biomacht, Gouvernementalität, Macht, Disziplinierung und Normalisierung.
Inwiefern hat sich das Verständnis von Leben und Tod laut dem Autor verändert?
Durch den medizinischen Fortschritt wurde der Tod von einem punktuellen Ereignis zu einem dehnbaren Prozess, während das Leben durch Techniken wie die Gentechnik zunehmend manipulierbar und planbar geworden ist.
Welche Rolle spielt die Gentechnik in der zukünftigen Biopolitik?
Die Gentechnik ermöglicht eine Form der Menschenoptimierung, die neue ethische Fragen aufwirft und die Schere zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen durch den Zugriff auf biologische Modifikationen verschärfen könnte.
- Arbeit zitieren
- Dr. med. André Lauber (Autor:in), 2018, Biopolitik als Strategie gesellschaftlicher Disziplinierung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/438622