1. Einleitung
Mit der Veröffentlichung ihrer Zeitung „Annales d’histoire économique et sociale“ läuteten Marc Bloch und Lucien Febvre eine völlig neue Epoche und Art der Geschichtsschreibung ein – die so genannte „Schule der Annales“. Auch wenn die spezielle Methode in der Geschichtsschreibung heute in dieser Form nicht mehr praktiziert wird, so hat diese Methode die Art der Geschichtsschreibung doch entscheidend beeinflusst und revolutioniert. Marc Blochs Bild von Geschichte wird an seinem Buch „Die wundertätigen Könige“ am deutlichsten. Bloch untersucht in diesem Werk, dass sich die englischen und französischen Könige fast 800 Jahre lang damit brüsteten, Skrofeln durch bloßes Handauflegen heilen zu können. Bloch fragt letztlich nicht, wie die Heilung möglich war, sondern vielmehr warum die Menschen so standhaft jahrhundertelang an das vermeintliche Wunder glauben konnten. Die Schule der Annales mit Marc Bloch als eine Art geistigem Vater entwirft ein spezielles Bild von Geschichte, auch wenn sich dieses Bild im Lauf der Jahre etwas geändert hat. Ziel dieser Arbeit ist es, das Geschichtsbild der „Gründerjahre“ um Bloch und Febvre herauszuarbeiten und aufzuzeigen, warum es sich grundlegend vom bis dato geltenden Bild von Geschichte unterschied. Zunächst werde ich die Grundzüge der Schule der Annales darstellen, inklusive deren Grenzen. Nach einer kurzen Zusammenfassung des Buches werde ich im nächsten Schritt Blochs Argumentation wiedergeben. Abschließend werde ich als Fazit anfügen, welches Bild von Geschichte Bloch in seinem Buch entwirft. Letztlich spiegelt dieses Bild die Ansicht der ersten Anhänger der Schule der Annales um die Gründungszeit wieder.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Schule der Annales
3. Die wundertätigen Könige
3.1 Was sind Skrofeln?
3.2 Zusammenfassung von „Die wundertätigen Könige“
3.3 Wie konnten die Menschen so lange an das Wunder glauben?
4. Fazit – Welches Bild von Geschichte entwirft Bloch?
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit hat zum Ziel, das Geschichtsbild der „Gründerjahre“ der Schule der Annales um Marc Bloch und Lucien Febvre zu analysieren und aufzuzeigen, wie es sich vom traditionellen Geschichtsverständnis unterschied. Dabei wird insbesondere untersucht, wie das Werk „Die wundertätigen Könige“ als methodisches Beispiel für diesen neuen, interdisziplinären Ansatz dient.
- Grundzüge und methodische Grenzen der Schule der Annales
- Analyse von Marc Blochs Werk „Die wundertätigen Könige“
- Vergleich zwischen historischer Politikgeschichte und Sozialgeschichte
- Interdisziplinarität und der Stellenwert des Mentalitätswandels
- Die Bedeutung von Kontinuität und der „longue durée“ in der Geschichtsforschung
Auszug aus dem Buch
Die wundertätigen Könige
Bis heute lässt sich nicht eindeutig klären, welcher König sowohl in Frankreich als auch in England erstmals durch Handauflegen Skrofelkranke heilen konnte. Jedoch reichen die Spuren in Frankreich auf König Robert II. zurück, welcher 987 n.Chr. den Thron betrat (Bloch 1998: 75). Robert II. hatte den Beinamen „der Fromme“, wodurch das Volk ihm entsprechende Heilkräfte zusprach. Wahrscheinlich lockte man am Hof des Königs Kranke herbei, so dass das Gerücht über die Heilkraft des Königs weiter verbreitet wurde.
In England gilt König Heinrich I. als der erste Herrscher mit Heilkräften, er bestieg 1100 n.Chr. den Thron, so dass man heute davon ausgehen kann, dass der englische König dem französischen König die vermeintliche Heilkraft regelrecht „abgeschaut“ hatte (Bloch 1998: 117). Heinrich I. hatte sehr viele französische Vorfahren, welche Robert II. kannten und für welche es ein Leichtes war, Heinrich I. von der Heilkraft zu berichten (Boch 1998: 82). Weiterhin glaubte das Volk in England fest an den göttlichen Charakter des Königtums, die Heilkraft konnte letztlich nichts anderes sein als eine von Gott gegebene Gabe (Bloch 1998: 118).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung der „Schule der Annales“ ein und erläutert die Relevanz von Marc Blochs Werk „Die wundertätigen Könige“ für das neue Geschichtsverständnis.
2. Die Schule der Annales: Das Kapitel beschreibt den Ursprung und die methodischen Ziele der Bewegung um Bloch und Febvre, die eine interdisziplinäre Sozialgeschichte gegen den klassischen Historismus etablierten.
3. Die wundertätigen Könige: Dieses Kapitel untersucht die historische Praxis des königlichen Handauflegens als Heilungsritus, die Skrofeln als Krankheit und die psychologischen Gründe für den langanhaltenden Glauben an dieses Wunder.
4. Fazit – Welches Bild von Geschichte entwirft Bloch?: Hier wird resümiert, wie Blochs Werk die neue methodische Ausrichtung der Annales vorwegnahm und wie er Geschichte als eine stets aktuelle Wissenschaft mit Gegenwartsbezug definierte.
Schlüsselwörter
Marc Bloch, Schule der Annales, Sozialgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Die wundertätigen Könige, Skrofeln, Historismus, Interdisziplinarität, longue durée, Handauflegen, historische Soziologie, kollektive Illusion, Placebo-Effekt, Geschichtsbild, Regressive Methode
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert das Geschichtsverständnis der „Schule der Annales“ anhand des Werkes „Die wundertätigen Könige“ von Marc Bloch.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Entstehung der Annales, die Bedeutung der Sozialgeschichte, der heilkundliche Ritus der englischen und französischen Könige sowie die Frage nach der Konstruktion kollektiver Glaubensvorstellungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Herausarbeitung des spezifischen Geschichtsbildes der „Gründerjahre“ der Annales und dessen Abgrenzung zum bis dahin vorherrschenden Historismus.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin verwendet eine methodenkritische Analyse der historischen Literatur sowie eine Fallstudie zu Marc Blochs Werk, um die interdisziplinäre Vorgehensweise der Annales-Schule aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Darstellung der Schule der Annales und die inhaltliche Untersuchung von Blochs Werk zur Skrofelheilung durch Könige.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Sozialgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Interdisziplinarität, longue durée und die von Bloch betonte Notwendigkeit eines Gegenwartsbezuges in der Geschichtsschreibung.
Wie erklärt Bloch den langanhaltenden Glauben an das Wunder?
Bloch interpretiert den Glauben als „kollektive Illusion“ oder „kollektiven Irrtum“, der dem Placebo-Effekt ähnelt; die Menschen glaubten an das Wunder, weil die Krankheit ohnehin einen natürlichen Heilungsverlauf aufwies.
Welchen Einfluss hatte der Historismus auf die Gründung der Annales?
Die Annales-Schule entstand als explizite Gegenbewegung zum Historismus des 18. Jahrhunderts, der Ereignisse isoliert betrachtete und eine interdisziplinäre Herangehensweise ausschloss.
Warum spielt das „Handauflegen“ eine so zentrale Rolle?
Der Ritus dient Bloch als Paradebeispiel, um zu zeigen, dass Geschichte nicht nur aus politischen Taten besteht, sondern die Analyse von Mentalitäten und sozialen Praktiken über Jahrhunderte hinweg erfordert.
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- Katrin Zielina (Author), 2005, Die wundertätigen Könige - Das Geschichtsbild von Marc Bloch und der Schule der "Annales", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43885