Die Liebesdichtung Pablo Nerudas

Konzeptionen der Leidenschaft und Ästhetik in Veinte Poemas de Amor, Los Versos del Capitán und Cien Sonetos de Amor


Masterarbeit, 2017
68 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Pablo Neruda (1904 -1973): Eine kurze Biografie
11.1. Das Nerudianische
11.11. Der nerudianische Kosmos: die verschiedenen Schaffensphasen

III. Leidenschaft und Einsamkeit in: Veinte Poemas de Amor y una Canción desesperada
111.1. Der Aufbau
111.11. Der Stil
III.Ill Zentrale Thematik
III.IV Analyse
[Poema I]
[Poema XX]
[La canción desesperada]
III. V Zusammenfassung

IV. Liebe und Politik in: Los Versos del Capitán
IV. I Aufbau und Struktur
IV. ll Darstellung der Thematik
IV.lll Analyse
[Elamor-Motionen und Emotionen der Liebesbeziehung]
[Los/ur/os - jähes Ende der Liebesidylle?]
[Die Politisierung Nerudas]
[La carta en el camino - despedida sin desesperación]
IV.IV Zusammenfassung

V. Rückkehr zu einer poesía pura: Cien Sonetos de Amor
v.l Arrangement und thematischer Schwerpunkt
v.ll Analyse
[Die Fusion von Natur und Geliebter]
[soledad y abandono]
[Die Liebe und der Tod]
v.lll Resümee

VI. Schlussbemerkung

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

״Neruda's career as a poet began with love poetry and ended with love poetry. "

(stackelberg 33)

Der einzigartige Pablo Neruda ist weltweit bekannt. Sein politisches Engagement und seine unzähligen Gedichtbände verschiedenster Thematiken machten ihn bereits in den 1920er Jahren zu einem großen Künstler, der später, am 21. Oktober 1971 (Wilson 229) den Literaturnobelpreis gewinnen sollte und mit seinen Veinte Poemas de Amor y una Canción desesperada, das bis dahin zwei Millionen Mal verkauft wurde, einer der meist gelesenen Autoren des 20. Jahrhunderts wurde.

Die wichtigsten Themen des nerudianischen Schaffens lassen sich schlichtweg auf drei Wörter herunter brechen: Natur, Liebe und Politik. Der Diskurs um Neruda, einer der weltbekanntesten Persönlichkeiten Lateinamerikas, deckt ein breites Spektrum ab. Es existieren unzählige Publikationen hinsichtlich seiner politischen Karriere, sowie seinem sozialen Engagement, die mit großen Werken, wie beispielsweise dem Canto general (1950) einhergingen. Auch die Liebeslyrik ist ein Feld, welches im Forschungsdiskurs Eintritt in die wissenschaftliche Debatte fand, aber meines Erachtens nach, verglichen mit der Recherche zur politischen Karriere, eher eine stiefmütterliche Rolle einnimmt.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll der menschliche Aspekt des großen Künstlers in den Vordergrund gerückt werden und Probleme, Flürden, sowie Fehlbarkeit des internationalen Helden werden uns vor Augen geführt. Im Verlauf der Arbeit wird es keineswegs um die Klärung der Frage gehen, ob Pablo Neruda ein Dichter der Liebe gewesen sei, denn: ״hablar del amor en Neruda suena casi como una redundancia" (Sánchez 51). Die vorliegende Arbeit stellt eine intratextuelle Analyse dreier Werke Nerudas dar, die vergleichend betrachtet werden sollen. Wir beginnen mit einem theoretischen Kapitel zu Nerudas Leben und dem ihm eigenen Schreibstil, der im Verlauf des nachfolgenden Kapitels als ״das Nerudianische" klassifiziert wird. Dem schließt sich das Kernstück der Arbeit an, welches aus drei Analysekapiteln besteht, die sich verschiedenen Werken Nerudas widmen: Den Veinte Poemas de Amor y una Canción desesperada, den Versos del Capitán und den Cien sonetos de amor. Alles Werke, die ganz klar der Liebe verschrieben sind, wobei sie sich an unterschiedliche Adressatinnen wenden, da sie aus verschiedenen Lebensabschnitten des Künstlers stammen. Die Arbeit endet mit einer zusammenfassenden Schlussbemerkung der erarbeiteten Analyseergebnisse und gibt einen Ausblick, sowie Hinweise für weitere Recherchen.

Ziel der Arbeit ist es den Facettenreichtum der Liebe aufzuzeigen. Seit Jahrtausenden von Jahren widmen sich Philosophen dieser Thematik und es gibt eine Vielzahl von Erklärungsansätzen. Ich möchte mich auf Denis de Rougemont und Roland Barthes beschränken, die sich in ihren unzähligen Schriften auch Theorien der Liebe zuwandten. Rougemont widmete sich der abendländischen Liebe, der ״Liebe, die zum Tode führt" (17) und Barthes fragte sich: ״Was ich über die Liebe denke? - Kurzgesagt nichts." (243), schrieb aber dennoch ein sehr nennenswertes Glossar, in dem er achtzig Stichworte aufgreift und diese mit Inhalt füllt. Erstmals erschien sein Werk ״Fragmente einer Sprache der Liebe" 1984 im Suhrkamp Verlag und wurde somit auch einem breiten Spektrum der deutschen Leserschaft zugänglich und fand Eingang in den discours amoureux.

Basierend auf den Theorien von De Rougemont und Barthes und inspiriert durch die Poesie der Verse Nerudas, gilt es im Verlauf der vorliegenden Arbeit die Konzeptionen von Leidenschaft und Ästhetik, die jedem einzelnen der drei Werke zugrunde liegt, greifbar zu machen und den transmittierten Gefühlen der analysierten Verse auf den Grund zu gehen um sie somit nachempfindbar zu machen.

II. Pablo Neruda (1904 - 1973): Eine kurze Biografie

"Neruda kann man nicht verstehen, nicht erklären und nicht richtig einschätzen, ohne zu wissen, woher er kam, wie er gelebt und was sein Leben mit ihm gemacht hat. " (stackeiberg 18)

Ricardo Eliécer Neftalí Reyes Basoalto wurde am 12. Juli 1904 in Parral, im Süden Chiles geboren und starb am 23. September 1973 in Santiago de Chile. Nur sechs Wochen nach seiner Geburt verschied seine Mutter und sein Vater, Lokomotivführer, zog 1906 wegen eines Regierungsaufrufs mit dem kleinen Ricardo nach Temuco, wo er ihn gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau großzog.

Schon als Kind im Grundschulalter versucht sich, damals noch Ricardo, trotz großer Empörung seines Vaters an seinen ersten Versen. Aufgrund des maßlosen Unmuts väterlicherseits war es unumgänglich einige Jahre später das Pseudonym ״Pablo Neruda"1 zu etablieren, unter dem der noch sehr junge Ricardo Neftalí Reyes in die Weltliteraturgeschichte eingehen sollte.

In der Zeit zwischen 1918 und 1920 kommt es zu Veröffentlichungen erster Gedichte in verschiedenen Zeitschriften. Eine treibende Kraft hierfür war der Kontakt mit der späteren Literaturnobelpreisträgerin Gabriela Mistral, welche als Schuldirektorin in Temuco arbeitete, die Liebe zur Poesie im Herzen des jungen Ricardo schürte und somit die Weichen für den späteren Lebensweg stellte.

Mit dem Studienbeginn im Jahr 1921 findet auch Nerudas dichterische Karriere ihren Anfang: bereits in den Jahren 1919/20 und 1923 werden die ersten, noch im Zeichen des Modernismo stehenden Werke Cuadernos de Temuco und Crepusculario veröffentlicht. Schon 1924 folgten Veinte Poemas de Amor y una Canción desesperada, welchen im weiteren Verlauf dieser Arbeit ein gesamtes Kapitel gewidmet wird. In den Folgejahren seines Studiums durchlebt Pablo Neruda eine einsame Zeit. Mit ״Europa" als gewünschter Destination, bewarb er sich um eine stelle als Honorarkonsul, bereiste jedoch Asien; wohnte in Birma, Ceylon, Indonesien und Singapur und war dem damaligen Zentrum der Intellektuellen ferner als je zuvor. 1930 heiratete er in Batavia die von holländischen Eltern abstammende Maria Antonieta Hagenaar Vogelzanz, 1934 erblickte die gemeinsame Tochter Malva Marina das Licht der Welt.

Während seines mehrjährigen Asienaufenthalts durchlebte Neruda eine stetige Einsamkeit. Diese Orientierung nach innen, sein ensimismamiento, spiegelt sich in seinem Werk Residencia en la tierra (1933) wieder.

1933 erhielt Neruda die stelle des Konsuls in Buenos Aires und kehrte wieder nach Lateinamerika zurück. Kurze Zeit später folgte ein dreijähriger Spanienaufenthalt (1934 Konsul in Barcelona, 1935 in Madrid), währenddessen er engen Kontakt mit den Mitgliedern der generación del ’27 pflegte, unter ihnen Rafael Albert¡, Jorge Guillen, Federico García Lorca, Pedro Salinas, Luis Cernuda und viele Andere. Der Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges im Jahre 1936 stellte einen besonderen Wendepunkt im Leben Nerudas dar. Er wird aufgrund seiner politischen Einstellung als Konsul abgesetzt, trennt sich von seiner Ehefrau Maria Antonieta und führt seine Affäre mit Delia del Carril fort, welche er bereits seit 1934 kennt und 1943 in Mexiko heiratet. Der plötzliche Tod seines Kameraden und engen Freundes Federico García Lorca führt letztlich zur Politisierung der Poetik Nerudas, welche in España en el corazón (1937) ganz deutlich spürbar ist.

Nach seiner Rückkehr nach Chile (1937) engagiert Neruda sich aktiv für den Volksfrontkandidaten Pedro Aguirre Cerda, welcher die Wahl zum Präsidenten gewann. Danach ging Neruda nach Frankreich, wo er als Konsul für die spanische Emigration tätig war und mehreren tausend Menschen das Leben rettete, indem er ihnen half, das vom Krieg geplagte Spanien zu verlassen.

1940 verließ Neruda das von Diktatoren beherrschte Europa und hielt sich in den Folgejahren in Lateinamerika auf. Er bereiste unter Anderem Mexiko, Guatemala, Panama, Kolumbien und Peru und war angetan von der geografischen Vielfalt der Länder, der Freundlichkeit der Menschen, sowie auch den kulturellen Besonderheiten. Einige dieser Erlebnisse verarbeitete er in Gedichten, wie beispielsweise Alturas de Macchu Picchu.

Mit dem Eintritt in die kommunistische Partei begann eine weitere Ära der politischen Laufbahn Nerudas. Er engagierte sich für den Präsidentschaftskandidaten Gabriel Gonzalez Videla und begegnete einer Dame, die sein Leben, sowie seine Lyrik verändern würde: Matilde Urrutia. Enttäuscht vom politischen Kurswechsel des Präsidenten, hält Neruda 1948 eine Rede mit dem Titel Yo acuso, welche auch in der chilenischen Zeitschrift Principios veröffentlicht wurde. Die politischen Spannungen der beiden Supermächte USA und Sowjetunion hatten verheerende Auswirkungen: die kommunistische Partei Chiles wurde verboten und Flaftbefehl gegen Pablo Neruda erlassen, was zur Folge hatte, dass er lange Zeit im Untergrund leben musste. In den Jahren von 1940 - 1950 entstand der Canto general, eine Art Heldenepos, nicht nur an sein Land, sondern auf den gesamten Kontinent Lateinamerika bezogen. Der Canto general ist

das umfassendste Werk Nerudas. (...) In ihm werden die Kosmogenie und Genealogie Lateinamerikas besungen, die indianischen Hochkulturen und ihre großartige Vergangenheit, deren Zerstörung durch die blutige und grausame ,conquista' und die heldenhafte Gegenwehr der indianischen Völker. (Fischer 92)

In dieser Exilzeit entstanden auch Los Versos del Capitàri, die er seiner damaligen Liebe und späteren, dritten Ehefrau Matile Urrutia widmete und 1952 erstmals anonym veröffentlichte. Im vierten Kapitel der vorliegenden Arbeit soll genauer auf diese ״frische Form der Lyrik" (Farias 260) eingegangen werden, die zeigt, welch ein Katalysator die Liebe sein kann und, dass die Poesie Nerudas ״zu einem enormen expressiven, spirituellen und auch politischen Experiment" (ebd.) wurde.

Mit der Aufhebung des Flaftbefehls gegen Pablo Neruda (1952) und seiner Rückkehr in die chilenische Heimat, kam es nach der Veröffentlichung weiterer politischer Werke (Las uvas y el viento (1954) und Odas elementales (1954)) zur endgültigen Trennung von Neruda und Delia del Carril und die Beziehung zu Matilde Urrutia wurde offiziell. Die Lebensumstände und auch das Alter Nerudas führten zu einer Umorientierung seiner Lyrik, welche erstmals in Estravagario (1958) bemerkbar wird. Es folgen Cien Sonetos de amor (1959), deren genauerer Betrachtung das fünfte Kapitel der vorliegenden Arbeit gewidmet werden soll. Deutlich wird die Rückwendung zum Privaten und die damit einhergehende Abkehr Nerudas von der Politik.

In all den Jahren des aktiven politischen Engagements und auch während seiner Exilzeit erhielt Pablo Neruda mehrere Ehrungen, wie zum Beispiel den Lyrik-Preis Santiago de Chiles (1944), den Internationalen Friedenspreis (1950) und den Stalinpreis (1953). Höhepunkt und größte Ehrung seines literarischen Schaffens ist eindeutig 1971 zu manifestieren: Die Verleihung des Literaturnobelpreises. Auch wenn er schon wenige Jahre später unter wideren Umständen an einer schweren Krebserkrankung stirbt, so lebt er in seinen Gedichten weiter und wird für immer in die Literaturgeschichte eingehen. Seine Memoiren Confieso que he vivido wurden im Jahr nach seinem Tod veröffentlicht und dienen dem besseren Verständnis seines bewegten Lebens und seiner vielfältigen Lyrik.

II.I. Das Nerudianische

"In Nerudas Dichtung ist ganz Chile gegenwärtig, mit seinen Flüssen und Bergen, dem ewigen Schnee und den glutheißen Wüsten, über alle Dinge aber stellt er den Menschen, den Mann und die Frau.

Darum ist in seiner Dichtung die Liebe und der soziale Kampf" (Salvador Allende in Neruda, Gedichte Vorwort)

Poet, Senator, Kommunist, Vater, Liebhaber, Ehemann, Reisender. All diese Rollen bediente Pablo Neruda in den 69 Jahren seines turbulenten Lebens, welches von Schmerz, Hunger, Liebe und Kampf geprägt war. Um seine Lyrik und somit die Charakteristika seiner Werke besser verstehen zu können, soll innerhalb dieses Abschnitts der dichterische Stil Nerudas näher betrachtet werden.

Ein besonderes Merkmal der nerudianischen Dichtung ist: ״die Absage an eine Auffassung vom Gedicht als einer abgeschlossenen Werkeinheit und demgegenüber das Bemühen (...) um eine ununterbrochene, zyklische, stets im Prozeß [sic] der Erneuerung befindlichen Arbeit" (Rincón in Neruda Gedichte 1923-73 156). Somit kann sein Gesamtwerk, welches mit vorangegangenen Traditionen der Poetik bricht, als ״allein stehend" definiert werden. Das Nerudianische steht für sich, nähert sich verschiedenen Strömungen an, geht mit diesen aber nicht konform. Dieser neue, innovative und einzigartige Stil des chilenischen Poeten stellt eine ungemeine Bereicherung des Kanons der Ästhetik dar. Im Folgenden sollen die Facetten der nerudianischen Lyrik beschrieben und deren Besonderheiten aufgezeigt werden:

Während in den ersten veröffentlichten Werken2 des Dichters noch modernistische Züge zu finden waren, könnte man nach der Veröffentlichung der Veinte Poemas de Amor y una Canción desesperada (1924) annehmen, Neruda hätte sich der Liebesdichtung verschrieben. Mit nur zwanzig Jahren erreichte der bis dato unbekannte chilenische Schriftsteller Weltruhm und erschuf das Werk, welches das meist verbreitete Lyrikbuch Lateinamerikas werden sollte (Schmitt 10) und somit frühere Größen des lateinamerikanischen Kanons der Literatur in den Schatten stellen würde. Bereits hier, in einem seiner ersten Werke, wird deutlich, dass er eine starke Verbindung zur Landschaft und Natur seiner Heimat hat. Neruda selbst vermutet: ״Tal vez el amor y la naturaleza fueron desde muy temprano los yacimientos de mi poesía" (Neruda Memorias, Confieso gue he vivido 22). Klar wiedergespiegelt wird die emotionale Verbindung zu seiner Heimat bereits in den Cuadernos de Temuco. Auch in den Veinte Poemas sind die starke Heimatverbundenheit sowie die Liebe zur Natur lesbar: ״Der Liebende [beschwört] einen Zustand der Geliebten, in welcher Natur gleichsam zur Geliebten selbst wird in all ihrer Bewegung und Ausstrahlung; in der Identifikation mit ihrer Schönheit, stärke und Gewalt ist die

Natur selbst Verführung" (Schmitt 29). Folglich ist die Heimat Liebesort, locus amoenus, und geliebter Ort zugleich.

Im 1925 veröffentlichten Werk Tentativa del hombre infinito könnte man von einer Annäherung Nerudas an die Avantgardisten ausgehen. Freie Versform und Verzicht auf Interpunktion sind nur ein Beispiel, das an dieser stelle genannt werden soll. Bei genauerer Betrachtung fand Fischer jedoch heraus, dass Neruda, anders als die typischen Avantgardisten, seinen einfachen und natürlichen Schreibstil beibehält und nicht zwanghaft versucht, mit ״intellektueller Raffinesse (...) nach Originalität" zu streben (62-3). Somit bleibt es weiterhin schwierig, eine konkrete Einordnung der nerudianischen Lyrik vorzunehmen.

Während seiner Zeit als Honorarkonsul im Diplomatenkorps und dem damit verbundenen Aufenthalt in verschiedenen Ländern Asiens, arbeitete Neruda an Residencia en la tierra I und II (1933 und 1935), eine von Angst und Trauer durchflochtene Dichtung, welche im Literaturlexikon als Lyrik verdichteter Metaphorik mit: ״einer erdrückenden Atmosphäre von Düsternis, Ekel, Zersetzung und Tod" (Arnold 27) charakterisiert wird. Auch auf die ״Bildsprache von großer Originalität und suggestiver Kraft" wird hingewiesen (ebd.). Einsamkeit und Melancholie, welche den exilartigen Lebensumständen im asiatischen Ausland und der Trennung von Heimat und Freunden zuzuschreiben sind, gipfeln immer wieder in einzelnen Gedichten, wie zum Beispiel auch in Débil del alba. Schon der Titel gibt einen Vorgeschmack auf den Inhalt des Gedichts, welches folgende Verse beinhaltet:

Estoy solo entre materiales desvencijadas la lluvia cae sobre mí, y se me parece, se me parece con su desvarío, solitaria en el mundo muerto] rechazada al caer, y sin forma obstinada. [Residencia en la tierra 98]

Ganz deutlich ist hier die Einsamkeit des lyrischen Ichs hervorgehoben, die Kälte, welche vom zerstörerischen Regen ausgeht, der Zerfall und Tod mit sich bringt. Interessant ist auch die Form des Gedichts. Der zitierte Vers 4: ״mundo muerto" ist rechtsbündig, während alle weiteren Verse mittig abgedruckt sind. Es wird somit ein spezieller Fokus auf die tote Welt gelegt.

Diesem Zyklus der hermetischen Dichtung folgt mit Tercera residencia (1947) eine Öffnung nach außen und mit dem Kapitel España en el corazón ״beginnt die eigentliche politische Dichtung Nerudas" (Fischer 82). In den Jahren von 1935 bis 1945 arbeitete Neruda an diesem Werk, in dem er das Grauen des Spanischen Bürgerkriegs thematisiert. Während der Zeit des Schreibens befand er sich in Spanien, was er aber wenig später aufgrund der bedrohlichen politischen Umstände verlassen musste. Der Tod seines engen Freundes Federico García Lorca, beschleunigte die Politisierung der Poetik Nerudas und stellte einen Wendepunkt dieser dar: ״Unwiderrufliches ist geschehen: ,Die Welt hat sich verändert, und meine Dichtung hat sich verändert. Ein Blutstropfen ist auf diese Zeilen gefallen und wird immer in ihnen lebendig bleiben, unauslöschlich wie die Liebe" (Neruda Gedichte 1923-73 161-2). Inzwischen hatte Neruda sich für eine poesía sin pureza3 ohne vorgeschriebene Formen oder dogmatische Restriktionen entschieden. Schönheit und Ästhetik der Verse spielten keine übergeordnete Rolle mehr. Ein ehrlicher Inhalt ohne jegliche Euphemismen war vonnöten.

Charakteristisch für den Stil des Canto general, mit seinem Herzstück Alturas de Macchu Picchu, ist die Simplizität und die damit verbundene gute Lesbarkeit. Die Dunkelheit aus Residencia en la tierra ist nicht mehr zu erkennen. Es handelt sich hier vielmehr um eine Epik, die nicht das subjektive Empfinden in den Vordergrund rückt, sondern die Gesellschaft und das Kollektiv betont: ״hier sieht man sich an die griechische Dichtung erinnert, konkret an Homers Ilias, der sich auch der Epik bediente, um die mythische und kollektive Gebundenheit der damaligen Helden und eine Welt großer Ideale auszudrücken" (Fischer 119). Gonzalez Trejos Auffassung des Nerudianischen geht mit der Fischers d'accord: ״Neruda no es - no ha sido - nunca, un escritor solitario para solitarios. Su obra rebosa de multitudes, está escrita por y para multitudes" (Neruda Selección de poemas 1925-52 XXI).

Mit den 1952 publizierten Versos del Capitán, die Neruda seiner dritten und letzten Lebensgefährtin widmet, erschafft er eine Liebesoase, deren Verse in ihrer Leidenschaft und Erotik an den jungen Studenten Pablo zurückerinnern, der einst die Veinte Poemas schrieb. Somit beweist er seiner Leserschaft, dass der ״Dichter der Liebe und Erotik (...) noch nicht tot ist" (Fischer 121). Die Liebe wirkt vitalisierend und dem Leser präsentiert sich ein von stürmischer Leidenschaft gepackter Dichter, der aber im selben Moment Heimat und politische Verpflichtung nicht aus den Augen verliert. Wie bereits angeführt, wird das vierte Kapitel sich detailliert mit Aufbau, Struktur und Thematik, sowie Konzeption der Liebe dieses Werks der mittleren Liebesdichtung Nerudas beschäftigen. Mit den 1959 publizierten Cien sonetos de amor, welche Pablo Neruda auch seiner dritten und letzten Ehefrau Matilde Urrutia widmete, wendete sich der Poet wieder dem Subjektiven zu und kehrte sich allmählich von der politischen Dichtung ab. Sie sollen im fünften Kapitel der vorliegenden Arbeit genauer betrachtet und analysiert werden, um einen diachronen Vergleich mit den Veinte Poemas, sowie den Versos del Capitán zu ermöglichen und die Veränderungen der Poetik Pablo Nerudas herauszuarbeiten.

Ein letztes, durchaus erwähnenswertes Werk, Nerudas ist die fünfbändige Autobiographie namens Memorial de Isla Negra (1964). In ihr manifestiert sich der Beginn des Lebensabends des Poeten. Kindheit und Jugend, Studienzeit in Santiago, Erinnerungen an den Spanischen Bürgerkrieg, an die chilenische Heimat und ihre einprägsame Natur, die Zeit seines Mexikoaufenthalts, sowie ein Selbstporträt, indem er sich mit seinen politischen Überzeugungen und dem damit zusammenhängenden Handeln auseinandersetzt, sind Bestandteile des Werks.

Trotzdem versucht wird das Kapitel zum Schreibstil Pablo Nerudas so kurz wie möglich zu halten und lange nicht alle seiner Werke benannt und beschrieben wurden, wird schnell deutlich, dass es kaum umsetzbar ist die Vielschichtigkeit der Arbeit des Poeten im Abriss darzustellen. Des weiteren ist es nicht möglich das Werk Nerudas einer bestimmten Strömung oder einem bestimmten Schreibstil einzugliedern. Die Liebe zur Heimat und ein hoher Grad an Sensibilität sind wohl die augenscheinlichsten Merkmale der nerudianischen Lyrik. Dem Dichter selbst war es wichtig, dass es zu keiner Etikettierung der Lyrik kommt: ״me place todo, hasta los lomos de los libros, pero no las etiquetas de las escuelas. Quiero libros sin escuelas y sin clasificar" (Neruda Confieso que he vivido 403). Demzufolge wurde die Überschrift des Kapitels an Schmitts Auffassung (7) angelehnt und sein Schreibstil als unvergleichlich in seiner Art, als nerudianisch, klassifiziert.

II.II. Der nerudianische Kosmos: die verschiedenen Schaffensphasen

"Quise ser, a mi manera, un poeta cíclico que pasara de la emoción O de la vision de un momento a

una unidad más amplia. " (Neruda in Vilanova 448)

Um den Umfang der Arbeit in angemessenem Rahmen zu halten, soll in deren Verlauf der Fokus auf den drei Werken: Veinte Poemas de Amory una Canción desesperada, Los Versos del Capitán und Cien sonetos de amor liegen. Diese müssen voneinander abgegrenzt werden, damit genauer auf ihre Charakteristika eingegangen werden kann. Im vorliegenden Kapitel soll nun eine Einteilung der verschiedenen Schaffensphasen des chilenischen Dichters vorgenommen werden.

In der Fachliteratur wird das Nerudianische in vier, beziehungsweise fünf Etappen literarischen Schaffens unterteilt. Um eine möglichst exakte Einordnung der zu analysierenden Werke vorzunehmen, soll sich an Fischer (29) und Gonzales Montes (22) orientiert werden, wobei letzterer sich an die Einteilung Arayas4 hält.

Der erste Zyklus des nerudianischen Schaffens beginnt ganz klar 1920 mit den Cuadernos de Temuco, schließt Crepusculario und die Veinte Poemas mit ein und endet 1926 mit La tentativa del hombre infinito. ״Zentrale Thematik ist die Liebe voll von Leidenschaft" (Fischer 29). Diese Anfangsepoche ist augenscheinlich als Früh- oder auch Jugendwerk Pablo Nerudas zu bezeichnen. Ein junger Poet, teils beeinflusst durch den Modernismus, packt all seine Gefühle, seinen Eifer und seinen Leichtsinn in die Verse seiner ersten Gedichte und erreicht durch seinen einfachen, sowie auch provokativen Schreibstil5 eine große Leserschaft, die sich dieser -noch- sehr subjektiven Dichtung annimmt.

Die zweite Phase beinhaltet die ״poesía residenciaría" (González Montes 22) Nerudas, also die Werke Residencia en la tierra I und II und ist zeitlich von 1925-1935 festzusetzen. Neruda erreicht mit dieser hermetischen Lyrik ״la cumbre lírica máxima (...) y a la vez constituye (...) su primer gran poema cíclico logrado" (ebd.).

Die dritte Phase (1936-1950) schließt sich mit España en el corazón (1937) an. Tercera residencia (1935­1945) folgt und der Canto general (1950), sein wohl bekanntestes Werk, welches den zweiten Höhepunkt seiner literarischen Laufbahn konstituiert, beendet diese dritte Phase der nerudianischen Literatur. Dieser Abschnitt der sehr politischen Dichtung ist durch die Erlebnisse Nerudas im Spanischen Bürgerkrieg geprägt und eine Veränderung seiner Poetik ist deutlich spürbar. Wie schon im vorangegangenen Kapitel erwähnt, bemerkt Neruda selbst: ״Die Welt hat sich verändert, und meine Dichtung hat sich verändert." (Neruda Gedichte 1923-73 161-2). Stilistisch, sowie auch thematisch betrachtet, wandelt sich die Poetik Nerudas von einer poesía sin pureza hin zu einer poesía comprometida, welche auf Seiten des Volkes steht und sich für eine Grundgerechtigkeit dessen einsetzt. Während Fischer Los Versos del Capitán dieser Schaffensphase zuschreibt und sie als ״Liebesoase und kurzzeitige Rückkehr zum Privaten" (8) deklariert, gehören sie für González Montes zur vierten (und seiner Auffassung nach letzten) Phase des nerudianischen Schaffens.

Von hier an unterscheiden sich die Einteilungen der verschiedenen Etappen. González Montes schließt mit der vierten Etappe des poeta profesional und schreibt dieser die letzten 23 Jahre seines Lebens zu. Das ist augenscheinlich sehr allgemein gehalten. Um die Versos del Capitan von den Cien sonetos abzugrenzen, soll sich an Fischers Definition der letzten beiden Phasen orientiert werden. Dieser sagt, dass in der vierten Phase die Abkehr von der epischen, eher düsteren Lyrik Nerudas deutlich spürbar wird und es mit den Odas elementales (1954) zu einer objektiveren Dichtung kam, in der sich ein erwachsenerer, reiferer Neruda wiederspiegelt (Fischer 29). Auch Farias betont den qualitativen Wandel der vierten Phase: ״der poetischen Werkgeschichte Nerudas, zu der (...) Die Verse des Kapitäns (1952) (...) gehören" (258 - 59). Dem entsprechend ist eine genauere Untergliederung von Nöten, da die vierte Phase ״vielleicht eine der dichtesten und reichsten der universellen Lyrik" (ebd.) Nerudas war und man diese folglich von der Nachfolgenden abgrenzen muss.

Der fünften und letzten Phase sind neben Estravagario (1958) auch die Cien sonetos de amor (1959) einzuordnen. Wir erleben erneut eine subjektive Dichtung, wie es auch schon in der ersten Schaffensphase der Fall war. Unterschied hier ist nun aber, dass der Poet erwachsener und reifer ist, was sich beispielsweise in der Schreibart niederschlägt. Für das Liebesgeständnis an seine Frau Matilde Urrutia wählte er die klassische Form des Sonetts und nicht, wie in vorangegangenen Werken, die freie Versform.

Erkennbar ist deutlich, dass alle drei - für die Arbeit relevanten Werke - verschiedenen Schaffensphasen des Nerudianischen angehören:

- Veinte Poemas de Amor y una Canción desesperada: Früh- bzw. Jugendwerk ๐ Los Versos del Capitan: politische Dichtung (poesía comprometida) und ״kurze Rückkehr zum Privaten" (Fischer 8)
- Cien sonetos de amor: reifere, subjektive Dichtung

Nach der kurzen Biographie, sowie der Erläuterung und Einteilung des Nerudianischen, werden die folgenden drei Kapitel sich mit jeweils einem der eben aufgeführten Werke Pablo Nerudas beschäftigen.6

III. Leidenschaft und Einsamkeit in: Veinte Poemas de Amory una Canción desesperada

"Deforma diversa los Veinte poemas, en su completa aceptación de la realidad amorosa con su carga de felicidad y dolor, y con una profunda conciencia delfinai al gue todo está condenado, proponen

una poesía profundamente renovada, de alcance universal." (Morelli 22)

Der junge Neruda schrieb in seinen ersten Studienjahren das Werk Veinte Poemas de Amor y una Canción desesperada. Durch die Veröffentlichung des schmalen Buchs teilt er seine ersten Liebeserfahrungen mit der Welt und begeistert nicht nur ein intellektuelles Publikum, sondern Millionen geliebte, liebende, verlassene und verlassende Menschen.

Das vorliegende Kapitel erklärt kurz Aufbau, Stil, sowie zentrale Thematik des Werks und widmet sich dann einer ausgedehnten Analyse dreier Gedichte, an denen mit Hilfe der Theoretiker Roland Barthes und Denis de Rougemont die Konzeption der Leidenschaft und Ästhetik dargestellt werden soll.

III.I. Der Aufbau

Das überschaubare Buch besteht, wie schon der Titel vermuten lässt, aus 21 Gedichten, welche sich in mehrere Teile gliedern lassen. Dass es sich bei den Adressatinnen um verschiedene Frauen handelt, ist nicht von der Hand zu weisen. Nerudas Biographen haben ganze Arbeit geleistet und fanden heraus, dass die Mehrzahl der Gedichte sind an zwei Frauen richtet. Neruda selbst erklärt in seinen Memoiren Folgendes:

Man hat mich immer gefragt, wer die Frau der zwanzig Gedichte ist, eine schwer zu beantwortende Frage. Die zwei oder drei, die in dieser schwermütig brennenden Poesie verschmelzen, entsprechen, sagen wir Marisol und Marisombra. Marisol ist die Idylle der verzauberten Provinz mit riesigen nächtlichen Sternen und Augen, dunkel wie der feuchte Himmel von Temuco. Sie erscheint in ihrer Fröhlichkeit und lebendigen Schönheit auf fast allen Seiten (...). Marisombra ist die Studentin der Hauptstadt. Graue Mütze, sanfteste Augen, steter Geißblattduft wandernder Studentenliebe, das körperliche Ausruhen von leidenschaftlichen Begegnungen in den Verstecken der Großstädte. (Memoiren 69)

Abgeschlossen wird das Buch mit der Canción desesperada, welche mit 58 Versen das längste Gedicht darstellt. Alle übrigen bestehen aus lediglich 14 - 36 Versen. Im abschließenden Gedicht wird dem Leser der schmerzhafte Abschied der Geliebten präsentiert und die Verzweiflung des Titels schwingt im gesamten Gedicht mit.

III.II. Der Stil

Die Veinte Poemas sind mit ihren millionenfachen Veröffentlichungen nicht umsonst eines der meistgelesenen Bücher Lateinamerikas und somit wohl erfolgreicher als García Marquez' Cien años de soledad (stackeiberg 33). Nerudas Abkehr vom Modernismus ist deutlich spürbar, da dieser jede erotische Direktheit schamhaft verborgen hätte (Schmitt 27). Es gibt keine mystischen Metaphern, rhythmischen Reimschemata und makellosen Bilder der Natur- und Tierwelt mehr, so wie man es noch aus der Lyrik der generación del '98 und der Dichtung Rubén Daríos kannte: ״sondern Gedichte in einer einfachen Sprache (...) ohne mythologische Anspielungen auf Bildungsreminiszenzen" (stackeiberg 34). Folglich wurde Pablo Neruda zum ״Dichter des Volkes" erkoren, da die Simplizität seiner Gedichte schnell Anklang - vor allem bei der einfachen Bevölkerung - fand. Die beschriebenen Probleme mit der Liebe und die Flucht in die vertraute Natur der Heimat sowie deren Bilder, schaffen die Möglichkeit einer Identifikation des Lesers mit der Lyrik. Montes beschreibt das Jugendwerk Nerudas treffend als: ״Poesía subjetiva, fina a la vez que fuerte, delicada pero sensual, ciertamente representativa del sentir de la juventud latinoamericana de la época" (9).

Stilistisch auffällig ist Wasser-, Meeres- sowie Schiffsmetaphorik, durch die Neruda plastische Bilder kreiert und Gefühle, sowie auch Charakteristika der beschriebenen Frauen immer wieder mit greifbaren Konzepten verbindet: ״En ti los ríos cantan" (III, v 6), ״Y las hojas caían en el agua de tu alma" (VI, V 4), ״tus ojos oceánicos" (VII, V 2), ״(...) tus ojos ausentes/que olean como el mar a la orilla de un faro" (vil, vv 5-6). Im Poema IX entsteht eine Metapher, indem die Bewegung vom Schiff auf dem Meer und die Bewegung der zwei Liebenden bildhaft verglichen werden:

voy, duro de pasiones, montado en mi ola única, lunar, solar, ardiente y frío, repentino, dormida en la garganta de las afortunadas islas blancas y dulces como caderas frescas, (vv 9-12).

In der folgenden Strophe wird der Schiffskörper zum Körper der Geliebten:

aguas arriba, en medio de las olas externas, tu paralelo cuerpo se sujeta en mis brazos como un pez infinitamente pegado a mí alma rápido y lento en la energía subceleste, (vv 17-20)

Nicht nur die maritime Metaphorik in der Versgestaltung ist auffällig, sondern auch die fortwährende Einbeziehung der Elemente. Die Natur ist in den Gedichten Nerudas immer von großer Bedeutung! Auch das Spiel mit der Naturmetaphorik: ״mi corazón se cierra como una flor nocturna" (XIII, v 23) und die damit einhergehenden Personifizierungen der Elemente sind ein besonderes Merkmal des Nerudianischen und bereits in seinem Jugendwerk zu finden: ״(...)sobre los campos he visto/ doblarse las espigas en la boca del viento" (III, VV 15-6), ״el viento las sacude con sus viajeros manos" (IV, V 4), ״Abeja blanca zumbas -ebria de miel- en mi alma/ y te tuerces en lentas espirales de humo" (VIII, vv 1, 2). Speziell im Poema VIII wird die Natur selbst zum Objekt der Begierde (Schmitt 29), sie ist die ״Verführung, in der Geliebter und Geliebte verzaubert sind" (ebd).

Die soeben genannten Beispiele sollen nur einen kleinen Einblick in die Vielfalt der genutzten Metaphern geben, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch ziehen und schließlich in der Canción desesperada ihren Flöhepunkt finden: ״El río anuda al mar su lamento" (v 2), ״Todo te lo tragaste, como la lejanía./ Como el mar, como el tiempo./Todo en ti fue naufragio!" (vv 9-11). Das Scheitern der Liebesbeziehung und der damit einhergehende Verlust der Geliebten werden hier mit dem Schiffbruch, also dem totalen Untergang, gleichgesetzt und dem Leser werden somit die Dramatik der Situation und die Verzweiflung des lyrischen Ichs präsentiert. Neben der auffälligen Verwendung der Wassermetaphorik, gibt es keine speziell hervorzuhebenden stilistischen Mittel. Die eigentliche

Neuerung, die Neruda mit seinem Werk schuf, war die offenkundige Behandlung der Erotik (Fischer 62): die unverblümten Beschreibungen der Frauenkörper, sowie die Darstellung von Liebe, Lust und Verlangen bereits vom ersten Gedicht an: ״Cuerpo de mujer, blancas colinas, muslos blancos" (I, VV 1­2), ״Para sobrevivirme te forje como una arma,/ como una flecha en mi arco,/ como una piedra en mi honda." (I, vv 8-10).

ШЛИ Zentrale Thematik

״Neruda's twenty-one poems both celebrate carnal, erotic love and lament its absence, leaving the poet lonely, in despair at his separation and even abandonment by ,her'" (Wilson 48)

Primäre Themen der Veinte Poemas sind der Lobgesang an die Geliebte, die Angst des lyrischen Ichs vor Einsamkeit und die Sehnsucht nach Dauer der Liebe (Schmitt 24f.). Manchmal euphorisch, oft aber traurig und melancholisch, sogar verzweifelt, äußern sich Sinnlichkeit, Liebe und Erotik in den Versen des jungen Pablo Nerudas. Die ״spezifische lateinamerikanische Weise [der] 'Verzweiflung an der Liebe in der Liebe'" (Schmitt 24) wird deutlich und das Scheitern der Liebesbeziehung, sowie die schmerzhafte Trennung von der Geliebten gipfeln schlussendlich in der Canción desesperada. Der junge Neruda begreift, dass eine Jugendliebe nicht von Dauer ist, sondern der Besitz der Geliebten durch eine Trennung ein abruptes Ende finden kann, dem schmerzhafte Einsamkeit und Liebeskummer folgen:

Con Neruda el amor, la melancolía y el dolor son indisolubles, forman parte de una sola emoción, que se materializa en el arquetipo de una mujer incorpórea, cargada de un misticismo erótico, fruto del instinto y ensoñación adolescente, cargado de texturas, sabores, olores que se combinan para expresar un sentimiento primitivo, que nace de las entrañas y se multiplica en los versos de cada poema. (Quinteros 4)

Um die expérience sentimentale des lyrischen Ichs besser nachempfinden zu können und einen tieferen Einblick in den nerudianischen Kosmos zu erhalten, sollen im Folgenden drei Gedichte analysiert werden, die hier stellvertretend für das Gesamtwerk Stehen. Bei der getroffenen Auswahl handelt es sich um das erste Gedicht, welches das Werk einleitet, das letzte Gedicht, Nummer XX, sowie die Canción desesperada. Die Auswahl wurde getroffen, weil: ״El Poema XX es, sin duda alguna, la mayor expresión poética, simbolista, y emocional de toda la obra, logrando opacar incluso a la canción desesperada que le sigue" (Quinteros 6). Zusätzlich bilden das Poema / mit seinen einleitenden Worten ״Cuerpo de mujer" (V1) und die Canción desesperada, die mit ״Oh abandonado !" (v 58) endet, den Rahmen für das gesamte Werk (Quintana Tejera Lo lírico como reflejo 124).

Demzufolge ist davon auszugehen, dass die eben benannten Gedichte repräsentativ für das Gesamtwerk betrachtet werden können.

III.IV Analyse

Das erste Gedicht des Werks besteht aus 16 Versen, die in vier Strophen unterteilt sind. Es handelt sich um Alexandriner, die, geteilt durch Interpunktion, oftmals eine Zäsur in der Versmitte aufweisen, so beispielsweise in den Versen 5, 8,11,12,13,14 und 16. Zusätzliche Assonanzen bestimmen die Lesart: ״blancas colinas, muslos blancos" (v 1), ״Fui solo como un túnel" (v 5).

Im Poema I betont Neruda die weibliche Schönheit, indem er die weichen Formen des Frauenkörpers beschreibt und diese mit der Welt vergleicht:

[Poema I]

Cuerpo de mujer, blancas colinas, muslos blancos, te pareces al mundo en tu actitud de entrega.

Mi cuerpo de labriego salvaje te socava y hace saltar el hijo del fondo de la tierra.

Fui solo como un túnel. De mí huían los pájaros y en mí la noche entraba su invasión poderosa.

Para sobrevivirme te forjé como un arma, como una flecha en mi arco, como una piedra en mi honda.

Pero cae la hora de la venganza, y te amo.

Cuerpo de piel, de musgo, de leche ávida y firme.

Ah los vasos del pecho! Ah los ojos de ausencia!

Ah las rosas del pubis! Ah tu voz lenta y triste!

Cuerpo de mujer mía, persistiré en tu gracia.

Mi sed, mi ansia sin límite, mi camino indeciso!

Oscuros cauces donde la sed eterna sigue, y la fatiga sigue, y el dolor infinito.

Auffällig ist hier die Beschreibung vom Allgemeinen hin zum Detail (Vgl. vv 1, 2 mit vv 11, 12), die Benennung des Körpers (V 10) hin zum Besitz des Körpers (V 13). Einer plastischen Darstellung des begehrten Objekts unter Verwendung eines Chiasmus in den Versen 1 und 2 folgt die Fokussierung auf genauere Partien des weiblichen Körpers (vv 11, 12). Die Verse lassen durch ihre detaillierten Beschreibungen den Blick des Lesers, der hier durch die Schilderung der Situation zum erotischen Augenblick wird, am Körper der Frau auf und ab gleiten und konzipieren somit ein Bild vor dessen inneren Auge. Der Leser wird zum Betrachter der zwei Protagonisten des Gedichts: dem liebenden Subjekt und dem geliebten Objekt.

In Strophe eins werden beide vorgestellt: Die Verse 1 und 2 dienen der schmeichelnden Beschreibung der Geliebten, deren Einzigartigkeit bereits in Vers 2 kulminiert: ״te pareces al mundo"; Verse 3 und 4 sind eine Gegenüberstellung und der poeta salvaje mit seinem ״cuerpo de labriego" (V 3) wird dem verletzlich-ästhetischen Frauenkörper gegenübergestellt. Die Formulierungen der Verse 3 und 4 entsprechen mit ihrer Wortwahl: ״labriego salvaje te socava", ״fondo de la tierra" und den dahinter

[...]


1 In Anlehnung an den tschechischen Dichter Jan Neruda (1834-1891) legte sich Ricardo Neftalí Reyes auf sein, von nun an permanentes Pseudonym Pablo Neruda fest (Fischer 17), unter dem er Weltruhm auf politischer, sowie auch literarischer Ebene erlangen sollte.

2 Cuadernos de Temuco (1919/20) und Crepusculario (1923) gingen den Veinte poemas (1924) voran und enthielten eindeutig modernistische Züge, was bereits in der Wortneuschöpfung des Titels Crepusculario (von Crepúsculo abgeleitet) immanent ist. Diese Schreibart kann auf den Einfluss des nicaraguanischen Dichters Rubén Darío zurückgeführt werden kann. Dieser verstarb jedoch 1916 und mit ihm ebbte auch der modernismo ab.

3 Neruda selbst erklärt in seinem Manifiesto por una poesía sin pureza, welches in der Zeitschrift ״Caballo Verde para la Poesía" (1935-36) veröffentlicht wurde: ״Así sea la poesía que buscamos (...) Una poesía impura сото traje, como un cuerpo, con manchas de nutrición, y actitudes vergonzosas, con arrugas, observaciones, sueños, vigilia, profecías, declaraciones de amor y de odio, bestias, sacudidas, idilios, creencias políticas, negaciones, dudas, afirmaciones, impuestos" (Palmeral, poesiapalmeriana.de)

4 Guillermo Araya veröffentlichte 1978 in der Revista de Crítica Literaria Latinoamericana einen Artikel zu ״El canto general de Neruda: poema épico-lírico", in diesem nahm er eine Einteilung der Schaffensphasen Nerudas vor, die als Vorlage für González Montes diente, dessen Aufsatz im Rahmen der vorliegenden Arbeit verwendet wird.

5 Hiermit ist vor allem die erotische Thematik der Veinte poemas gemeint, welche in dem konservativen Chile der 1920er Jahren durchaus als provokativ galten und mit denen der junge Neruda erste Tabus brach.

6 Im Rahmen dieses Kapitels wurde das von Montes kommentierte Werk Nerudas benutzt, welches 1989 in Madrid im Castalia Verlag erschien und im Literaturverzeichnis der vorliegenden Arbeit aufgeführt ist. Aufgrund dessen wird beim Zitieren auf die wiederholte Nennung des Namens verzichtet und es sind lediglich die Nummer des jeweiligen Poema, sowie die Versnummer vermerkt. Sofern aus anderen Werken Nerudas zitiert wurde, ist das im Fließtext vermerkt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 68 Seiten

Details

Titel
Die Liebesdichtung Pablo Nerudas
Untertitel
Konzeptionen der Leidenschaft und Ästhetik in Veinte Poemas de Amor, Los Versos del Capitán und Cien Sonetos de Amor
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,8
Autor
Jahr
2017
Seiten
68
Katalognummer
V438872
ISBN (eBook)
9783668788909
ISBN (Buch)
9783668788916
Sprache
Deutsch
Schlagworte
liebesdichtung, pablo, nerudas, konzeptionen, leidenschaft, ästhetik, veinte, poemas, amor, versos, capitán, cien, sonetos
Arbeit zitieren
Monique Peldschus (Autor), 2017, Die Liebesdichtung Pablo Nerudas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/438872

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