„Ein 86- Millionen Volk, das man einst als Volk der Dichter und Denker rühmte, hat die schlimmste Katastrophe seiner jüngsten Geschichte mit Auslöschung seiner Städte und millionenfacher Vertreibung über sich ergehen lassen. Da fällt einem schwer zu glauben, dass diese Ereignisse nicht ein gewaltiges literarisches Echo gefunden haben.“ Als Ende 1997 der in England lebende deutsche Schriftsteller Winfried G. Sebald in seiner Züricher Poetikvorlesung beklagt, die Bombardierung deutscher Städte sei als literarisches Thema weitgehend tabuisiert und zu einer „Spukexistenz im kollektiven Unbewussten der Deutschen“ verdammt worden, ist Gert Ledigs Roman „Vergeltung“ noch verschollen.
1956 erscheint er zum ersten Mal, doch die Rezensionen sind fast durchgehend vernichtend. Es heißt, der Roman sei „peinlich“, „brutal“ und geschmacklos. Die FAZ empört sich über die „gewollt makabere Schreckensmalerei.“ Die Zeit sieht den „Rahmen des Glaubwürdigen und Zumutbaren“ verlassen. Der Rheinische Merkur glaubt „abscheuliche Perversität“ zu entdecken, ein „Gruselkabinett.“ So kommt es, dass der Roman schnell in Vergessenheit gerät und mit ihm sein „Schöpfer“ Gert Ledig. Erst als sich die Debatte um den literarischen Niederschlag des Bombenkriegs entfacht, rückt der Roman ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Doch die Neuauflage erlebt der Autor nicht mehr. Kurz vor dem Erscheinen 1999 stirbt Gert Ledig in einem Krankenhaus in Landsberg.
Ich möchte in meiner Arbeit untersuchen, wie Gert Ledig seine literarische Annäherung an das Thema Bombenkrieg akzentuiert. Was hat es mit dem Titel auf sich? Warum bedient er sich filmerischer Mittel? Welche Funktion hat die Religion in „Vergeltung“, welches Menschenbild enthüllt der Roman, und wie steht es um die im Roman vermittelten Werte? Ferner versuche ich eine Idee davon zu bekommen, warum sein Roman bei der Ersterscheinung im Vergleich zur Neuauflage so große Ablehnung erfährt.
Als Quellen ziehe ich vor allem die Zeitungsrezensionen und Aufsätze heran, die in den letzten Jahren infolge der Bombenkriegsdebatte nach Sebalds Vorlesung erschienen sind. Hier ist insbesondere Gabriele Hundrieser heraus zu heben, die sich mit Ästhetik von Gewalt und der Sinnlosigkeit des Krieges bei Ledig auseinander setzt. Desweiteren sind zu nennen Jan-Pieter Barbian, der die Bedeutung von Ledigs Werken für das 20. Jahrhundert skizziert und der Aufsatz von Karsmaker, die eine detaillierte Analyse des Romans vorlegt.
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
2) Der Titel: Vergeltung als Teufelskreis
3) Filmerische Mittel als Rhetorik der Unruhe
4) Und da ich schon wanderte im finsteren Tal…: Religion als Ausverkaufsware
5) „Es helfen keine Menschen, wo Maschinen sind“: Der Mensch als aussterbende Gattung
6) Ehre, Treue, Vaterlandsliebe, Heldentum: Radikale Absage an die Ideologie der Werte
7) Schluss
8) Literatur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Inszenierung des Bombenkrieges in Gert Ledigs Roman „Vergeltung“ und analysiert, warum das Werk bei seinem Erscheinen 1956 auf massive Ablehnung stieß, während es nach seiner Wiederentdeckung Ende der 1990er Jahre als bedeutende Kriegsanklage neu bewertet wurde.
- Die Funktion des Vergeltungsmotivs als destruktiver Teufelskreis.
- Der Einsatz filmischer Erzähltechniken und Parallelmontagen zur Darstellung des Kriegschaos.
- Die Dekonstruktion religiöser Bezugsgrößen und des traditionellen nationalen Wertekanons.
- Die Transformation des Menschen zum bloßen Objekt technisierter Kriegführung.
- Die Kontrastierung von Ledigs ungeschönter Darstellung mit den zeitgenössischen literarischen Konventionen der 1950er Jahre.
Auszug aus dem Buch
Der Titel: Vergeltung als Teufelskreis
Der Titel von Ledigs Roman zieht sich als Leitmotiv durch den gesamten Roman. Er fungiert als Handlungsmotiv für viele Charaktere auf personaler Ebene, zwischen Gruppen und sogar zwischen Nationen. Bereits auf der ersten Seite des Romans zeigt sich der „Beginn“ der Vergeltung. Die erste amerikanische Bombe fällt auf die toten Körper deutscher Kinder und schleudert sie gegen die Friedhofsmauer, noch ehe man ihre Leichen identifizieren kann. „Sie waren vorgestern in einem Keller erstickt. (...) So sah die Vergeltung aus.“ (9) Der Grund für dieses Ziel wird einige Seiten später genannt: Sergeant Strenehen, der sich in dem entsprechenden Bomber befindet „hatte dieses Ziel gewählt, in der Hoffnung, dort träfe es nur Tote.“ (11) Doch ungewollt tritt er damit den nächsten Stein los. „Dass sie deswegen sechzig Minuten später einen der Ihren mit Schaufeln erschlagen würden, wusste er nicht.“ (11)
Strenehens Bomber gerät kurz darauf unter feindlichen Fliegerbeschuss. Dabei stirbt der Turmschützte durch ein Explosivgeschoss. Der Tod des Kameraden scheint Strenehen nicht zu berühren. Mechanisch tut er seinen Job weiter. Doch als er selbst im Turm sitzt packt ihn die Gier nach Rache: „Wenn jetzt der Deutsche käme: Er würde alles vergelten.“ (29) Die Erfüllung seines Wunsches lässt nicht lange auf sich warten. Die feindlichen Maschinen rasen aufeinander zu. „Jetzt, dachte Strenehen. (...) Der Deutsche war im Fadenkreuz. Die drei Maschinengewehre arbeiteten präzis. Er hielt auf den Piloten. Kein Schuss ging daneben. Die Leuchtfäden zischten alle ins Ziel. (...) (Strenehen; nach P.M.) war glücklich. Eine Sekunde lang grenzenlos glücklich. Bis er das Blut (seines Kameraden; nach P. M.) an den Händen sah, da wurde ihm schlecht.” (30)
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Diese Einleitung skizziert die Vernachlässigung des Bombenkrieges in der Literatur und erläutert die Forschungsfragen zur filmischen Ästhetik, Religion und Wertekritik in Ledigs Roman.
2) Der Titel: Vergeltung als Teufelskreis: Das Kapitel analysiert, wie das Motiv der Vergeltung alle Charaktere und Nationen in einem sinnlosen, eskalierenden Kreislauf der Gewalt gefangen hält.
3) Filmerische Mittel als Rhetorik der Unruhe: Hier wird die Struktur des Romans als schnelle Parallelmontage untersucht, die den Krieg als chaotische, von Technik dominierte Zerstörung erfahrbar macht.
4) Und da ich schon wanderte im finsteren Tal…: Religion als Ausverkaufsware: Dieses Kapitel zeigt den Verlust jeglicher sinnstiftender Religion auf und zieht Parallelen zwischen dem Protagonisten Strenehen und der Passionsgeschichte.
5) „Es helfen keine Menschen, wo Maschinen sind“: Der Mensch als aussterbende Gattung: Die Analyse verdeutlicht, wie der Mensch im Roman funktionalisiert, mechanisiert und letztlich durch die Technik entmenschlicht wird.
6) Ehre, Treue, Vaterlandsliebe, Heldentum: Radikale Absage an die Ideologie der Werte: Das Kapitel belegt, wie Ledig nationale Mythen als leere, instrumentalisierte Phrasen entlarvt, die lediglich zur Befehlsgewalt dienen.
7) Schluss: Der Schluss fasst zusammen, warum die Ablehnung des Romans in den 1950er Jahren im Kontext der Verdrängungsgesellschaft und der abweichenden literarischen Erwartungen zu verstehen ist.
8) Literatur: Verzeichnis der Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Bombenkrieg, Gert Ledig, Vergeltung, Kriegsliteratur, Literaturwissenschaft, Nationalsozialismus, Parallelmontage, Technik, Religion, Entmenschlichung, Wertekritik, Nachkriegsliteratur, Ästhetik der Gewalt, Kriegsanklage, Erinnerungskultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert den Roman „Vergeltung“ von Gert Ledig und untersucht, wie der Autor den Bombenkrieg literarisch darstellt und die damaligen gesellschaftlichen Ideologien kritisch hinterfragt.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die zerstörerische Dynamik von Rache, der Einsatz filmischer Erzählstrukturen, die Entmystifizierung von Werten sowie die Rolle von Religion und Technik im Krieg.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, Ledigs literarische Annäherung an den Bombenkrieg aufzuarbeiten und zu erklären, warum das Werk bei seinem Erscheinen auf massive Ablehnung stieß.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Publikation verwendet?
Die Autorin verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext eng mit Sekundärquellen, Rezensionen und dem historischen Diskurs der 1950er sowie der späten 1990er Jahre verknüpft.
Was wird im inhaltlichen Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Aspekte: von der Bedeutung des Titels und der Montage-Technik über die Demontage von Religion und Werten bis hin zur Rolle der Maschine als Akteur im Krieg.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Bombenkrieg, Vergeltung, Literaturwissenschaft, Entmenschlichung und Kriegsliteratur.
Inwiefern setzt Ledig die Passionsgeschichte intertextuell ein?
Die Arbeit zeigt, dass Ledig den Leidensweg des Piloten Strenehen ironisch mit der Passionsgeschichte Christi verknüpft, um die Sinnlosigkeit des Sterbens in einer militarisierten Welt hervorzuheben.
Warum wurde der Roman bei seiner Erstveröffentlichung 1956 so negativ aufgenommen?
Die Ablehnung resultierte aus der Unvereinbarkeit der brutalen, ungeschönten Darstellung Ledigs mit dem damaligen Wunsch der Nachkriegsgesellschaft, den Krieg zu verdrängen und in eine optimistische Zukunft zu blicken.
Welche Rolle spielt die Technik für die handelnden Figuren?
Die Technik wird zur übergeordneten Macht, die den Menschen zum bloßen Objekt degradiert; individuelles Handeln wird durch mechanische Abläufe und den Euphemismus des Fortschritts ersetzt.
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- Petra Maier (Author), 2005, "Es helfen nur Menschen, wo Menschen sind": Die Darstellung des Bombenkriegs in Gert Ledigs "Vergeltung", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43897