Trikontinentalismus. Eine Alternative zum Begriff "Postkolonialismus"?

Kolonialismus, globale Machtverteilung und postkoloniale Theorien in Anlehnung an Robert J.C. Young


Essay, 2015

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Kolonialismus

3. Imperialismus

4. Eurozentrismus

5. Postkolonialismus

6. Trikontinentalismus

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Postkolonialismus ist eine vergleichsweise junge intellektuelle Strömung seit dem Zusammenbruch des Imperialismus Mitte des 20. Jahrhunderts. Wichtige Vertreter des Postkolonialismus (die teilweise selbst eine postkoloniale Biographie aufweisen) sind unter anderem Homi K. Bhaba, Edward Said, Frantz Fanon, Gayatri Spivak und Robert J.C. Young, dessen Werk „Postcolonialism - An historical Introduction“ in dieser Arbeit im Fokus zur Deutung des Begriffs liegt.

Den Begriff kann man dabei aus zwei Gesichtspunkten betrachten: einerseits die zeithistorische Analyse des Kolonialismus/Imperialismus im Zusammenhang zur Gegenwart, wobei letzteres als postkolonial bezeichnet wird. Andererseits beschreibt Postkolonialismus aber auch die kritische Auseinandersetzung mit Machtstrukturen, Stereotypen bzw. Rollenbildern, deren Ursprünge im Kolonialismus liegen und bis heute bestehen.

Der Terminus „Postkolonialismus“ kann nicht vollständig in einem Satz erläutert werden. Schon Young betont, dass das Thema intensiv diskutiert werden muss und dass der Begriff an sich umstritten ist (YOUNG 2001: 57 f.). Stattdessen bevorzugt er den Begriff „Trikontinentalismus“. Diese Arbeit behandelt eben diese linguistische Problematik in Bezug auf die postkolonialen Theorien. Warum entscheidet sich Young gerade für diesen Begriff? Welche Vor- und Nachteile ergeben sich daraus?

Um den Einstieg in die Thematik zu erleichtern, werden zunächst die zeithistorischen Gegebenheiten des Kolonialismus (2) und Imperialismus (3) kompakt erläutert und beschrieben. In dieser Arbeit werden Kolonialismus und Imperialismus anhand ihrer Praktiken und der daraus resultierenden Unterschiede konkret erklärt und in Beziehung zur Gegenwart gesetzt. Es wird nicht detailliert in die einzelnen Kolonialmächte bzw. Imperien eingegangen.

Nachdem diese Termini nun vorgestellt wurden, wird im darauffolgenden Abschnitt der Eurozentrismus (4) definiert und anhand dieser der Postkolonialismus (5).

Der letzte Abschnitt geht schließlich der Frage nach der spezifischen Bedeutung des Begriffs Trikontinentalismus (6) nach, welches von Young vorgeschlagen wurde.

2. Kolonialismus

Das Ende des Kolonialismus lässt sich etwa Anfang der 60er Jahre datieren, als sich die meisten ehemaligen Kolonien von ihrem Mutterland losgelöst und unabhängig gemacht haben (CONRAD in APuZ 2012: 1). Unabhängig davon, welche Grausamkeiten aufgrund von Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen in den jeweiligen Kolonien entstanden sind, ist die koloniale Epoche ein wichtiger Bestandteil der Entwicklung der heutigen modernen Welt (vgl. ebd.). Bis heute noch hat der Kolonialismus Spuren hinterlassen wie beispielsweise auf dem afrikanischen Kontinent, wo viele Länder trotz Unabhängigkeit ihrer alten Kolonialmacht verbunden sind, aufgrund von wirtschaftlichen Beziehungen und der Wirtschaftsinfrastruktur die die ehemaligen Kolonialherren zurückgelassen haben (BACH 2010). Kapitalismus, Globalisierung, Imperialismus und Kolonialismus sind eng miteinander verflochten. Diese hohe Aktualität der Thematik spiegelt sich unter anderem im Postkolonialismus wieder, welches im späteren Abschnitt näher erläutert wird.

Doch wie entstand der Kolonialismus? Young erwähnt den Begriff „Empire“ welches sowohl im Kolonialismus als auch im Imperialismus verwendet werden kann (YOUNG 2001: 16). Im Kolonialismus haben sich Siedler von ihrem Heimatland losgelöst um sich meist in Übersee auf einem anderen Kontinent niederzulassen, wodurch Siedlungen, dann Kolonien und im Laufe der Zeit Imperien entstanden sind (ebd.).

Young benennt hierbei zwei Gründe zur Entstehung der Imperien im Kolonialismus: einerseits entwickelten sich die Imperien durch anfängliche (Be-)Siedlungen einzelner „communities“ (z.B. Pilgerväter) weit abseits ihrer Heimatländer oder aus wirtschaftlichen Gründen der damaligen Handelsgesellschaften (ebd.). Somit kann wieder zwischen den Siedlern unterschieden werden die nach einem neuen Lebensraum suchen und den Ausbeutern, die sich die Reichtümer in den jeweiligen Ländern aneignen wollen. Beide teilen sich die Gemeinsamkeit, dass sie sich in ihrer neuen Heimat selbst verwalten können und wollen. Damit ist nach Young die Kolonisierung nicht mehr als eine Siedlungs- und Wirtschaftsentwicklung (vgl. ebd.).

Der Kolonialismus entstand im Vergleich zum Imperialismus willkürlich und aus pragmatischen Gründen (ebd.). Er geschah also ohne aktives Zutun der jeweiligen Regierung. Kolonisierung beinhaltet in seiner frühesten Form Menschen, deren eigentliches Ziel es ist zu einem anderen Ort zu siedeln, als über die anderen zu herrschen (YOUNG 2001: 20). Diese Praxis ist vergleichbar mit denen der Migranten heutzutage. Erst später, wo sich die Siedlungen gefestigt haben, kam die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung hinzu, zum Abbau der begehrten Ressourcen und zum Schaffen neuer Lebensräume.

Eine allgemeingültige Definition des Begriffs Kolonialismus ist schwierig. Conrad betont, dass der Prozess der Kolonisierung unterschiedliche Phasen durchlief und hochgradig vielschichtig und heterogen war (CONRAD in APuZ 2012: 1).

Conrad fasst drei herkömmliche Definitionen von Kolonialismus zusammen (CONRAD 2012: 1):

1. Ein territorial bestimmtes Herrschaftsverhältnis.

2. Eine Fremdherrschaft, wo kolonisierende und kolonisierte Gesellschaften unterschiedliche soziale Ordnungen aufweisen.

3. Die Vorstellung seitens der Kolonisatoren, dass beide Gesellschaften durch einen unterschiedlichen Entwicklungsstand voneinander getrennt sind.

Die kolonialen Beziehungen müssen sich an den konkreten Bedingungen orientieren, jedoch ist es auch wichtig den Begriff nicht zu sehr auszuweiten, da er sonst analytisch wertlos wird (CONRAD in APuZ 2012: 1).

Aus Youngs Arbeiten lässt sich ein Identifizierungswandel herauslesen, d.h. dass sich die Siedler aus den ehemaligen Kolonien (z.B. USA, Australien, Kanada etc.) in der Pionierphase selbst als Kolonisatoren sahen (YOUNG 2001: 19 f.). Heute sprechen ihre Nachfahren davon, dass sie diejenigen sind, die von ihrem Heimatland „kolonisiert“ worden sind (ebd.).

Für die Nachkommen der Siedler ist das Land in dem sie nun leben so selbstverständlich geworden, dass sie den eigentlichen historischen Hintergrund verdrängt haben. Die einheimische, indigene Bevölkerung kämpft teilweise bis heute noch mit Diskriminierungen und Vertreibungen aus ihrer Heimat. Es ist ein Widerspruch an sich, dass sich die ersten Siedler aufgrund politischer sowie religiöser Verfolgung und Vertreibung oder schlicht aus Armut in den fremden Ländern eine neue Existenz aufbauen, gleichzeitig aber ihre neuen, einheimischen Nachbarn unterdrücken und ausbeuten.

3. Imperialismus

Bereits im vorigen Abschnitt wurde der Begriff „Empire“ genannt. In Bezug auf den Imperialismus hat er jedoch eine andere Bedeutung. Imperien wurden historisch gesehen anfangs in einem bestimmten Kontinent bzw. kaum über den Ozean hinweg gegründet (z.B. Chinesisches Kaiserreich, Römisches Imperium etc.) (YOUNG 2001 f.). Seit der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus und dank dem technologischen Fortschritt im maritimen Bereich im 16. Jahrhundert begannen die Eroberungen nun auch kontinentalübergreifend (YOUNG 2001: 21). Nach Young begünstigte die Ausbeutung des Kolonialismus den Imperialismus, wo er sich zu einem hegemonialen weltpolitischen System ausgeweitet hat (YOUNG 2001: 25).

Es ist jedoch ratsam, die Entstehung der „Empire“ und den „Imperialismus“ nicht gleichzusetzen. Die Entstehung der Imperien und des Imperialismus haben verschiedene historische Wurzeln und geschahen unter dem jeweiligen politischen Zeitgeist (YOUNG 2001: 25). Nach Herfried Münkler ist zudem von unterschiedlichen Typen des Imperialismus die Rede (MÜNKLER 2010). Neben der epochalen Einteilung ist die Form der Durchdringung und Einverleibung der peripheren Gebiete so verschieden, dass man beispielsweise von Kulturimperialismus, Wirtschaftsimperialismus, Kolonialimperialismus etc. spricht (ebd.).

Young unterscheidet zwischen zwei vorherrschenden Bedeutungen (YOUNG 2001: 26):

1. Ein Staatswesen, gekennzeichnet von Eroberungen und Besetzungen

2. Die wirtschaftliche Dominanz gegenüber einem anderen Land seit dem 20. Jahrhundert. Eine direkte politische Herrschaft ist möglich, aber nicht zwingend notwendig, da die Verbreitung der Ideologie im Vordergrund liegt.

Anzumerken ist hierbei, dass die erste Definition in ihren Anfängen kaum negative Konnotationen in der Öffentlichkeit hervorgerufen hat, während letzteres eine Angriffsfläche für Kritiker des 20. Jahrhunderts bot, besonders den Vertretern des Marxismus und Sozialismus (vgl. YOUNG 2001: 26).

Imperialismus ist also dadurch gekennzeichnet, dass es seine Macht durch direkte Eroberung oder neuerdings durch politischen und wirtschaftlichen Einfluss ausübt.

Beide beinhalten die Machtausübung durch unterstützende Institutionen und Ideologien (YOUNG 2001: 27).

Der Imperialismus wird von einer Ideologie und deren Theorien sowie aus finanziellen Gründen angetrieben. Zuvor wurde bereits erwähnt, dass Kolonien aus wirtschaftlichen und pragmatischen Notwendigkeiten heraus gegründet wurden. Sie unterstehen also den individuellen (willkürlichen) Interessen der Siedler, weshalb sie von der Regierung zeitweise schwer zu kontrollieren waren, nicht zuletzt wegen der geographischen Distanz. Der Imperialismus hingegen operiere vielmehr aus dem Zentrum als Staatspolitik und wird dementsprechend auch geplant von der Regierung durchgeführt (vgl. YOUNG 2001: 27).

Was Imperialismus und Kolonialismus nach Young nun unterscheidet ist die Tatsache, dass der Imperialismus aus finanziellen („financial reasons“) während der Kolonialismus aus wirtschaftlichen Gründen („commercial purposes“) geschieht (YOUNG 2001: 16). Interpretiert man diese kleinen sprachlichen Unterschiede richtig, so bedeutet dies, dass der Imperialismus vielmehr aus Geldnöten bzw. aus Rohstoffknappheit heraus agiert, ganz im Gegenteil zum Kolonialismus, wo bereits eine bestimmte Menge an Kapital vorhanden ist und die Siedler ihr Kapital wiederum möglichst profitabel vermehren wollen. Dies erkläre auch den Zusammenhang zwischen der Industrialisierung und dem Imperialismus.

Jens Flemming zufolge liegt der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Begriffen im Machtstreben. Nicht jeder Kolonialismus muss danach streben, ein Imperium zu gründen (FLEMMING 1994: 381 f.). Dieselbe Ansicht teilt Flemming auch mit Young, dass der Imperialismus nicht nur direkte Herrschaftsformen hat, sondern auch indirekte Abhängigkeitsverhältnisse von Staaten möglich sind (ebd.).

4. Eurozentrismus

Wie rechtfertigen und legitimieren die Europäer nun die Kolonisierung? Ein wesentlicher Grund ist die Überzeugung, dass die eigene Zivilisation sowie deren Vorstellung von Werten und Tugenden als die vernünftigste angesehen werden (DUCKS 2003: 33).

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Trikontinentalismus. Eine Alternative zum Begriff "Postkolonialismus"?
Untertitel
Kolonialismus, globale Machtverteilung und postkoloniale Theorien in Anlehnung an Robert J.C. Young
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Einführung in post- und dekoloniale Theorie
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V439037
ISBN (eBook)
9783668787940
ISBN (Buch)
9783668787957
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Postkolonialismus, Trikontinentalismus, Eurozentrismus, Imperialismus, Kolonialismus, Migration, Globaler Süden
Arbeit zitieren
Bachelor of Science Geographie Hoang Long Nguyen (Autor), 2015, Trikontinentalismus. Eine Alternative zum Begriff "Postkolonialismus"?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/439037

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